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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091119
projectid08f314c4
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4.

In dem blassen zitternden Morgenlicht erstieg das entsetzliche Untier den gekerbten Fels. Eine ungeheure, riesengroße Löwengestalt war es, mit beinahe menschlichen Zügen unter der steil aufragenden Mähne, und mit langen, rauhen, roten Haarflocken an dem Körper, von dem es wie Schwefeldampf ausging. Der üble Dunst dieses Dampfes durchdrang die Luft, und das Tier peitschte wie rasend mit seinem Schweif den vom fahlen Glanz des Morgengrauens aufgehellten Nebel. Indes es brüllte, spie es Flammen aus seinem Maule wie aus einem Krater aus, und seine Feuerzunge selber verblaßte in dem roten Rauch. Sein rotes, flammenlockiges Fell schien, von innerem Brande durchglüht, keine Feuchtigkeit, sondern nur sengende Hitze auszuschwitzen.

In der Ebene stand, mit Sinnlosigkeit geschlagen, der Held und wähnte aus einem wilden Traum zu erwachen. Allein das Tier brüllte auf dem gestuften Fels, daß es wie Grollen des Donners klang, und sprang gen Himmel, raste unter der steilen Mähne und stürzte dann in wilder, taumelnder Wut die Felsen hinab...

Es war, als ob ein roter Blitz aufleuchtete und als Feuerstreifen seine brennende Spur hinterließ.

Der Held in der Ebene vergaß seiner Furcht. Er bereute es jetzt, daß er seinen starken Bogen und die stählernen Pfeile abgelegt und sich statt ihrer die schwere, knorrige Keule gewählt hatte. Doch all sein Sorgen und all seine trübe Hoffnungslosigkeit schwand wie dumpfer Nebel, nun er sah, wie das rasende Tier die Felsen hinunter auf ihn zujagte und in seinem Daherstürmen die steinerne Ebene mit grell-feurigen Blitzen erhellte. Der Held lachte sein frohes Lachen, weil das große Tier sich gleich einer wie toll daherspringenden, vor Bosheit trunkenen Katze gebärdete und auf ihn loszuspringen drohte. Er hatte sich breit auf seine beiden Füße hingepflanzt. Die Sohlen waren wie in den Boden gewachsen, das vordere Bein hatte er gebogen, seine Schenkel strafften sich, das Knie schien wie ein großes Viereck, und die Waden spannten sich. Die Keule hatte er mit beiden Fäusten hoch emporgehoben, und so schwang er sie nun, gleich einem schweren Baum. Und wieder lachte sein froher, junger, bärtiger Mund; sein Lachen ließ die Adern an seinem Nacken schwellen: seine Schultern zuckten, seine Brust bebte, und seine Rippen hoben und senkten sich, dieweil sein ganzer Rumpf sich jetzt zugleich mit der geschwungenen Keule nach rückwärts neigte.

Er wartete ab. Rings um das im Zickzack anschleichende Ungeheuer, dessen roten Rücken er sah, und rings um die riesenstarke heldenfrohe furchtlose Erwartung des Helden woben und wogten graue Nebel, umhüllten die Felsenlandschaft, und die letzten Bäume des Eichenwaldes schauten still, angstvoll, reglos zu. Da schien das heranschleichende Untier auf seinen breiten Klauen rückwärts zu gleiten, als bereite es sich zum Sprunge vor, und dann hob es sich zu einem hohen Satze gegen den Helden. Die aus den Höhlen tretenden feurigen Augen schossen grelle Blitze, das einem Krater gleiche Maul spie flammenden Schwefeldampf und lohende Flammen aus. Der Löwe atmete aus allen Poren beißenden Qualm aus und wollte sich auf den Helden stürzen: da beschrieb die hochgeschwungene Keule einen raschen Halbkreis und sauste auf den steinharten Schädel nieder. Brüllend taumelte das Ungeheuer durch die Luft, als es getroffen war, rollte über die Felsen, während die viereckigen Pfoten wie rasend zitterten, warf sich dann auf die Seite, sprang auf, brüllte und sprang wieder hoch. Wiederum beschrieb die schwere Keule den raschen Bogen, und wiederum sauste sie auf den steinharten Schädel herab, und rasend vor Wut und vor Schmerz brüllte das Tier und taumelte und warf sich empor und wiederholte rascher seinen Sprung – doch rascher noch sauste auch jetzt die Keule auf seinen Kopf herab. Und aus des Tieres aufgesperrtem Maul kam ein Brüllen und Heulen, während es sich hinter dem Felsblock versteckte. Da eilte der Held lachend und leichtfüßig, an eigenen Tod, an eigene Vernichtung nicht mehr denkend, um den Felsen herum und ließ seine Keule wiederum auf den Schädel herabsausen, und das Tier wich feuerschnaubend und blutroten giftigen Geifer speiend auf seinen mit furchtbaren Klauen bewehrten Pfoten zurück und wandte sich und floh. Gleich einer ungeheuer großen Katze, die erschreckt, worden war, wich das Tier durch die östliche Pforte seines Schlupfwinkels zurück und verschwand im Dunkel der Höhle. Golden schimmerte der Morgen über den grauen Felsen, über den glatten, weißen Köpfen und Gebeinen, die den Boden übersäten, über den plötzlich wieder raschelnden Baumgipfeln.

Und Herakles stand riesengroß und verwegen da und schwang immer noch die Keule. Nachdem er das Untier vertrieben hatte, blieb der Held ganz verdutzt im Sonnenschein stehen, der jetzt heller leuchtete, nachdem die Dämpfe und Nebel geschwunden waren, bis er plötzlich in seinem erwachenden Gedächtnis von ferne einen lauten, schwellenden, jubelnden Klang vernahm, der also tönte:

»Schließet ihn im Osten in seiner Höhle ein, mästet ihn im Westen mit Eures Vaters Wald, den er verwüstet hat, bis er übersättigt und matt zu Euren Füßen liegt.«

Die großen, graublauen Augen des Helden blickten heiterer drein und leuchteten freudig auf, nun er begriff, nun er Athenas Geist in sich erwachen fühlte, nun er wußte, daß Zeus selber sich in dem alten Führer Molorchos verborgen hatte. Und sein junger, froher, bärtiger Mund lachte. Er warf seine Keule weg und bückte sich und riß mit seinen Armen einen Felsblock aus. Mit dem Felsen eilte er, gleich als trüge er spielend ein Kind auf den Armen, an die östliche Pforte der Höhle und warf den Block vor das dunkle Loch, daß es donnerte. Und er bückte sich und riß einen zweiten Felsblock hoch und warf auch ihn donnernd vor das Loch, und er bückte sich wieder und wieder, riß Felsen empor und stapelte sie vor der gähnenden Öffnung hoch auf. Darauf eilte er mit großen Schritten zu des Zeus Eichenstämmen, die das Ungeheuer am äußersten Rande des Waldes durcheinandergewühlt hatte, und bückte sich und riß die Bäume hoch. Auf seiner Schulter trug er zwei, drei Stämme, eine leichte Last, und rannte mit ihnen den Felsberg hinauf. Blauer Schatten fiel gleich einem kühlen Bade auf ihn herab, und die westliche Pforte der Höhle des Untieres öffnete sich wie dessen eigener entsetzlicher Rachen, denn sie spie das gewaltige Brüllen des geflüchteten Löwen aus, das donnernd die Erde erzittern ließ. Allein der Held lachte, froh ob des Zeus und der Athena Hilfe, die er beide mächtig in sich, in seinem Kopf und in seinem Herzen fühlte und in seinem engen Hirn, in seiner weiten Brust, in seinem kleinen Schädel, in seinen beseelten Riesenkräften. Und Stein an Stein schlagend ließ er die Flammen in die dürren entwurzelten Bäume sprühen. Eine helle Lohe schlug empor, und des Zeus Eichen wurden zu Herakles' Fackeln. Drei brennende Stämme lud er auf die Schulter und eilte in die Höhle hinein. Seine Fackeln gaben ihm Licht und schufen wider das in der tiefen Höhle versteckte Untier einen unerträglichen, gottgewollten, heiligen Qualm. Es prallte zurück und dampfte seinen eigenen Dunst aus. Es spie Flammen, und es war, als ob Feuer gegen Feuer kämpfe. Die wild brennenden Eichenstämme verbreiteten ihre Glut und erstickten den Feuerbrodem des Untiers und das Untier selber. Stöhnend öffnete es weit das Maul, das einem flackernden Abgrund glich, und prallte gegen die aufgestapelten Felsen im Osten zurück, wo es keinen Ausweg mehr fand. Da packten es die riesigen Hände des Helden an dem rothaarigen Nacken und warfen es nieder, dieweil die brennenden Eichen sein Werk beleuchteten. Und des Herakles steinharte viereckige Kniee preßten sich auf den keuchenden Leib des Ungeheuers, das nach Luft rang, und seine viereckigen Fäuste preßten sich fester um seinen Nacken, und die raschelnden Eichenblätter der flammenden Bäume regneten jubelnd wie ein Schauer goldenen Laubes in die furchtbare Höhle hinab ...

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