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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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39.

Freudlos ... Warum? Warum denn stand der Held freudlos, beinahe finster auf dem Wagen, der durch Mykenäs Pforten rollte, indes Iolaos die zwei wilden weißen Rosse quer durch die Tausende jubelnder Mykener lenkte, die den Helden liebten und nun glaubten, seine Knechtschaft sei zu Ende, da die roten Rinder inmitten der zahllosen Herden des reichen Eurystheus auf den Hügeln ringsum weideten? Warum freudlos ungeachtet der purpurnen Tücher, die aus den Fenstern wehten, ungeachtet des Lorbeers, der um die Säulen gewunden war, ungeachtet des Zymbelschlages und des Triumphgesanges von Jünglingschören und Jungfrauenstimmen? Kaum daß ein trübes Lächeln des Herakles gütigen Mund umspielte, kaum daß seine blaugrauen Augen in dankbarer Liebe etwas freudiger aufleuchteten. Nicht war für ihn seine Einfahrt einem Triumphzuge gleich, und gebeugten Hauptes stieg er vor den Palastpforten des Eurystheus vom Wagen herab. Wo war sein übermütiges Spotten von einst geblieben? Wo sein Übermut, mit dem er spottend seinem Herrn und Henker sich widersetzt hatte? Die straffen Züge waren erschlafft, die schmale Stirne, über welcher der Löwenkopf grinste, war gerunzelt, der breite Nacken tiefer geneigt, die schwere Masse der sich wölbenden Schultern ließ er matt unter dem lockigen Fell des nemeischen Löwen herabhängen. Älter schien Herakles allen, die ihn liebten, wenngleich er zu reifer Kraft erblüht war: er deuchte sie jetzt nicht anders denn einer, der sich nach endlicher Ruhe sehnt, nach der häuslichen Ruhe bei Weib und Kind und getreuen Dienern, nach der ländlichen Ruhe in Trachin, wo er sein üppig gedeihendes Vieh zählen möchte, nach der frommen Ruhe in den Tempeln vor den Altären der ihm günstigen Götter, nach der Ruhe, bei der er in Frömmigkeit und Reichtum und heimlichem Glück nach schwerer Arbeit, nach schwerem Leide und nach der am allerschwersten zu tragenden Ungerechtigkeit des Schicksals seine alten Tage verbringen, sein Leben beschließen könnte.

In den tausendsäuligen Saal des Eurystheus drängten sich mit Herakles die Tausende von Mykenern, bereit, ihrem Herakles, dem unvergleichlichen Helden, zu huldigen, sobald der Fürst, umringt von den Priestern und Weisen des Landes, erklärt haben würde, daß dem Willen des Orakels Genüge geschehen sei, und daß der Büßer die zehn Werke, wie schwer sie auch gewesen waren, zu gutem Ende vollbracht habe. Inmitten des Saales stand, umdrängt von allen, der Held, und müde lehnte er sich auf seine Keule, die ihn stützte, wie ein starker Freund es getan haben würde. Er stand vor dem noch leeren Thron des Eurystheus. Und während rings um ihn die Tausende von Stimmen gedämpft summten, dachte der Held an Admete.

Dort drüben, wo die jetzt leeren Frauengemächer sich hinter den roten Vorhängen reihten, dort drüben hatte sie geweilt, die liebliche Jungfrau, dort drüben hatte sie so häufig den Vorhang zurückgezogen, um vor ihm zu erscheinen, lieblicher denn Aphrodite, weißer denn Athena, und ihr Lächeln hatte ihm entgegengeleuchtet wie ein Glanz, wärmer als der der Sonne. Hier an dieser nämlichen Stelle, zwischen diesen tausend Säulen, hier war sie wie eine Lilie an diesem unwirtlichen Hofe der Schmerzen erblüht. Hier hatte sie ihm mit ihren zarten Händchen geholfen, die Keule emporzuheben: hier hatte ihre silberne Stimme ihn getröstet und ihm so zärtlich und so beruhigend geraten.

Sie war nicht mehr. Zu spät hatte er den Gürtel heimgebracht, der ihr das Leben erhalten und Liebe schenken sollte, wie Aphrodite es ihr im Traum vorausgesagt hatte. Voll stillen Schmerzes dachte der Held an Admete, und schwer und finster lehnte er sich auf die Keule, darauf er sich mit der Achselhöhle stützte. Müde sank sein schwerer Arm, sank seine breite offene Hand herab, gleich als würde die Arbeit ihm künftig nicht mehr zur Freude sein, wenngleich er nun bald von der Knechtschaft erlöst werden würde, um mit dem getreuen Jolaos nach Trachin zurückzukehren, der jetzt an seiner Seite stand, heim zu Deianeira und Hyllos, um sein Vieh zu zählen, um den Göttern zu danken, um wehmütig sein Leben zu Ende zu leben, seine alten Tage in endlicher Ruhe zu verbringen.

Kopreus und die anderen Herolde traten aus dem Säulengange hervor, und ihre ehernen Stimmen kündeten wie aus einem einzigen Munde das Nahen des Eurystheus. Und der Fürst erschien, die zu weite Krone lose auf dem Scheitel, den goldenen Königsmantel lächerlich-prächtig um die dürftigen mißgestalteten Glieder, und rings um ihn schritten die Priester und Weisen des Landes. Doch inmitten der ersteren, zwischen den Dienern des Zeus, des Poseidon, des Apollo, der Athena, der Artemis, der Aphrodite und des Hermes, des Dionysos und des Eros, aller Götter, die dem Helden günstig waren, schritten auch die Priester des Hera-Tempels in Argos – und während alle die ersteren finster die Häupter beugten und die Brauen runzelten, zogen die Priester der Hera stolz um den Fürsten selber einher, nahmen den Vorrang ein, der ihnen in Argos und in Mykenä zustand. Und den Priestern folgten all die Weisen des Landes, die würdigen Greise, die gleichfalls finster die Häupter neigten; und Priester wie Weise scharten sich zu beiden Seiten des Thrones, auf dem der Fürst Platz nahm: hinter ihm stand die Schar seiner Höflinge. Und einen Augenblick blieb es still inmitten der Tausende von Säulen und der Tausende von Mykenern, bis Eurystheus die zitternde Stimme erhob und also sprach:

»Alkeios, Sohn der Alkmene, der du das Schwert in die Brust getrieben: Gemahl der Megara, die du erwürgtest; Vater von Söhnen und Töchtern, die du in blinder Wut erschlugest: höre, was wir unter dem Beistand unseres Rates beschlossen, den die Priester der Götter und die Weisen Mykenäs bilden: zehn Werke der Buße trug das Orakel von Delphi dir durch unseren fürstlichen Mund auf. Zehn Werke der Buße hast du vollbracht ...«

Zwischen den Säulen und den Mykenern störte kaum ein Atemzug die Stille; erwartungsvoll standen alle und warteten auf das Wort der Erlösung, um dann in jubelnde Freude auszubrechen.

»Zehn Werke der Buße hast du vollbracht,« hub Eurystheus langsam wieder an, »doch nicht alle zehn Werke hast du ohne Beistand vollbracht.«

Die erwartungsvolle Stille brach wie der Spiegel einer ruhigen See, die aufspringt ...

»Alkeios,« fuhr Eurystheus fort, »nicht hast du Lernas Hydra allein getötet. Dein getreuer Jolaos stand dir bei!«

Rauschende Stimmen erhoben sich aus der Stille des Meeres, und stürmische Drohung brauste empor.

»Alkeios,« fuhr Eurystheus fort, »zehn Werke der Buße hast du vollbracht, doch nicht alle zehn hast du nur als Bußtaten vollbracht. Zum Lohn für die Reinigung der Ställe des Königs Augias von Elis hast du dir nicht weniger denn dreitausend Rinder ausbedungen, die du jetzt unter deinen Herden weiden läßt.«

Durch den ganzen Saal brausten jetzt, ungeachtet der Blicke der Hera-Priester, die Stimmen empor. »Alkeios,« fuhr Eurystheus fort, »wir und unser Rat erklären das zweite und das sechste Werk für ungültig.«

In dem bereits losrasenden Sturm rauschender und brausender Stimmen schloß der Perseide endlich: »Und wir können dich, wollen wir nicht den Zorn der Götter auf uns laden, nicht aus der Fessel der Knechtschaft befreien, bevor du nicht zwei neue Werke vollbrachtest, die unser Scharfsinn dir bestimmen wird.«

Wie tosender Sturm brauste es durch den Saal: es gab ein Gedränge von Tausenden zwischen den Säulen. Die Stimmen schrien durcheinander, die Arme leckten sich drohend empor, die Fäuste ballten sich, zur Rache bereit. Entgeistert stand der Held da, und ihn schwindelte, gleich als ströme seine ganze Kraft aus seinen Muskeln. Die grausame Überraschung, die seine Knechtschaft noch länger währen ließ, traf ihn stärker als ein Keulenschlag es vermocht hätte. Rings um ihn rasten die Mykener und stürzten sich gleich einer stürmenden See auf ihren Fürsten und seinen Rat. Und sie riefen:

»Frei wollen wir Herakles von aller Knechtschaft! Zehn Werke vollbrachte er als Buße! Hellas befreite er von vielen Ungeheuern! Herakles wollen wir frei! Herakles wollen wir frei!«

Da plötzlich tönte die Stimme des Jolaos hell und hoch und spöttisch über alle anderen Stimmen hinweg:

»O strahlender Perseide Eurystheus! O ihr heiligen Priester und würdigen Weisen, habe ich wohl wirklich dem Herakles geholfen, die Halswunden der immer wieder auflebenden Hydra mit brennender Fackel zu schließen – ich, der ich schon vor Angst erzittere, wenn ich nur von fern einen Eber schreien oder einen Löwen brüllen höre, und der ich nur meine Rosse, meine zwei wilden weißen Tiere, durch das ferne Entsetzen zu lenken vermochte? Hat nicht vielmehr Zeus selber, der mich beseelte, durch meine unwürdige Hand dem Helden beigestanden?«

Allein Herakles hatte sich wiedergefunden; er sprach, während er seinen alten Spott und seinen übermütigen Hohn wiederfand: »Glaubt mir, o ihr weisen Mykener, o ihr heiligen Priester, o du herrlicher Held und trefflicher Perseide Eurystheus, glaubet mir, wenn ich selber euch versichere, daß keines der von mir vollbrachten Werke« – und er lachte dröhnend, daß es an den Säulen entlang donnerte, gleich als käme seine hallende Rede aus Tausenden von Saiten –, »daß keines der von mir vollbrachten Werke gültig ist, weil ich bei jedem dieser Werke Beistand fand und für jedes meiner Werke Lohn empfing. Half mir nicht mein Vater Zeus mit seinem Rat und seiner Führung, den nemeischen Löwen zu erschlagen? Half mir nicht der schlaue Jolaos, die Hydra zu töten? Rettete er mich nicht aus ihrer schlimmen Umarmung? Und halfen mir nicht Apollo und Dionysos, den entsetzlichen Eber zu erlegen? Half mir nicht Artemis, ihre Hirschkuh einzufangen? O Eurystheus, ihr Weisen und ihr Priester, wer bin ich, was vermag ich? Wollt ihr denn wahrlich nicht einsehen, daß ich auch die Stymphalischen Vögel nur mit Hilfe der Jägerin Artemis ausrottete, und daß ich den Stall des Augias nur mit dem Beistand von zwei Stromgöttern reinigte, ganz von Poseidon selber zu schweigen, der mir seine weite, tiefe See als Becken für so viel Unrat lieh? Poseidon: half er mir nicht auch, den Stier zu töten? Aphrodite, die liebliche: half sie mir nicht, die Rosse zu vertilgen, und – wehe, ach wehe, zu spät! – Hippolytas Gürtel zu holen? Und wollet ihr nicht wissen, o ihr Weisen und ihr Priester, o du strahlender Eurystheus, daß mein Vater Zeus selber mir am allermächtigsten beistand, als ich mit Hera, hört ihr es wohl, mit Hera, mit Hera selber um die roten Rinder kämpfte? Was vermag ich? Wer bin ich? Lohn habe ich allzeit zwar nicht ausbedungen, so doch empfangen, ihr wisset es! Dankbare Boten Nemeas, Lernas, Arkadiens, der Länder um den Stymphalischen See, Boten aus Elis, Kreta, Thrazien zogen herbei und brachten mir vielerlei Geschenke dar, die ich klüglich in Trachin unter der Obhut des Königs Ceyx zurückhalte und dir, Vetter, nicht überließ. Nein, wahrlich, Eurystheus, meine zehn Werke sind alle ungültig, und ich rate dir, o Herrscher, erkläre Ceyx den Krieg und entreiße ihm, was er am Fuße des Oita für mich verwahrt und was dir zugehört. Ich rate es dir, o Fürst! Lege dem Alkeios mindestens zehn neue Werke auf. Gebiete ihm, daß er dem Atlas die Himmelskugel raube und sie durch die Welt wälze, die es jenseits der Säulen des Herakles noch gibt! Gebiete ihm, den Höllenhund Zerberus aus der Unterwelt heraufzuholen, auf daß er dir ein Loblied aus seinen drei Mäulern entgegenhallen lasse! Oder gebiete ihm lieber gleich, daß er dir den Thron des olympischen Zeus erobere! Befiehl ihm lieber, daß er dir zum Zeichen seiner Ehrfurcht vor deiner Spitzfindigkeit den Fuß küsse, was sage ich: aus Ehrfurcht vor deinem Scharfsinn; vielleicht würde dieses allerletzte wohl auch das allerschwerste Werk sein, das dem Alkeios auferlegt werden könnte, denn, Herr, er versichert dich dessen feierlich, seine Verachtung für dich würde ihn daran hindern, es zu vollbringen, und sollte es ihm auch sein Vater Zeus selber befehlen.«

Und hoch und breit reckte sich der Held empor, furchterregend stand er da in seiner reifen Manneskraft, und Verachtung klang durch sein dröhnendes Lachen, und seine grauen Augen schossen Blitze kaum zu bezähmender Wut. Und um Eurystheus scharten sich die Herapriester und die erzgehelmten Wachen. Allein die anderen Priester und Weisen Mykenäs verließen mit gerunzelten Brauen und unzufrieden geneigten Häuptern die beiden Seiten des Thrones, bahnten sich langsam einen Weg zwischen den Säulen durch den Saal und umringten den Helden in all ihrer Liebe, die es nicht vermocht hatte, ihn von der noch immer weiter währenden Knechtschaft freizusprechen. Und der älteste der Weisen erhob seine würdige Greisenstimme und sprach:

»Held, den wir lieben und dem wir Mykener gern als einem nun endlich Freien zugejubelt hätten, überwinde deine Enttäuschung, wie wir die unsere bezwingen; Mykener, o ihr Tausende alle, überwindet, bezwingt eure Enttäuschung! Nicht geziemt es dem Volk noch den Dienern der Mächtigen, hohem Gebot zu widerstreben, das die Götter gaben. Und neiget alle euer Haupt, ihr Mykener, und du, o Held, gleich wie die Priester und Weisen ihr Haupt neigen!«

Da verstummte rings um Herakles das brausende Stimmengewoge, und durch die hundert Tore des Palastes und durch den tausendsäuligen Thronsaal entfernte sich langsam, langsam, Schritt für Schritt die innerlich entrüstete Menge, entfernte sich mit dem Helden, so daß alle dem König den Rücken zuwandten, der auf seinem Thron inmitten der ihn umringenden Herapriester und seiner erzbehelmten Wachen zurückblieb. Und keiner wandte sich ehrfurchtsvoll zum Abschied nach dem Fürsten um, keine Hand winkte ihm grüßend zu. Wie ein Meer wogten die Rücken der anderen rings um den hohen, vom Löwenfell bedeckten Rücken des Helden in das hellere Licht dort draußen hinaus. Jetzt war ihre Entrüstung völlig verstummt: und eine unermeßliche Leere dehnte sich zwischen dem Thron am Ende des Saales und den geöffneten Säulentoren aus.

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