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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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37.

Und nun sprach Herakles, und er hatte den Fuß schon wieder auf dem Wagentritt:

»Deianeira, grausam war die Göttin, grausam sind selbst die uns günstigen Götter den sterblichen Menschen. Doch besser, als sich gegen die göttlichen Mächte aufzulehnen, dünkt es mich, daß man sich demütig ihrem Willen füge. Und darum, o Deianeira, mache ich mich zum letzten Male auf nach Mykenä, daß Eurystheus mir das zehnte Werk nenne, das endliche Ziel meiner Buße. O Deianeira, kann es denn wirklich dahin kommen, daß meine Buße endet, daß ich hier in Trachin bei Weib und Kind, inmitten meiner Hirten, meiner Viehhüter, meiner Landbauern, in friedlichem Reichtum und frohem Glück ruhig lebe? Kaum scheint mir dieser Traum Wahrheit werden zu können! Und dennoch – und dennoch schaut der müde Umhergehetzte nach so süßer Zukunft hier aus! Endlich wird er dann tief aufatmend auf der eichenen Bank vor seinem Hause niedersitzen, indes die Wechselgesänge der Hirten und Hüter den Reigen der Spinner und Weberinnen folgen; endlich wird er dann die Hüterin seiner Besitzungen, sein getreues Weib, umarmen dürfen wie ein rechtlicher Mann und nicht mehr als der Missetäter, der nur zwischen den schweren, ihm zur Strafe auferlegten Werken einmal heimwärts schleicht. Dann wird er Hyllos lehren, die Sehne des kleinen Bogens zu spannen oder den leichten Wurfspieß zu schwingen. Dann wird er endlich glücklich sein, froh und geruhsam glücklich, wie ein reicher Mann, wie ein von den Göttern gesegneter Vater und Gatte, ohne länger über verlorene Göttersohnesrechte oder Unbill des Schicksals zu trauern. Und darum, o Deianeira: nun Herakles zum, letztenmal demütig und gefügig sich aufmacht nach Mykenä, flehe du die uns günstigen Götter an, daß sie ihm beistehen, daß er das letzte Werk, was immer es auch sein möge, dem Eurystheus zu Willen vollbringen möge.«

Zum letzten Male umarmte der Held Deianeira und den kleinen Hyllos, der aufjauchzte, und bestieg den Wagen, der zwischen der dichten Schar der Diener davonrasselte, Jolaos lenkte die zwei wilden weißen Rosse. Während der langen Fahrt nach Mykenä war es dem Herakles traurig zu Sinne. Jetzt sehnte er sich nicht mehr nach Liebe, wie er es früher so häufig getan, wenn er sich nach Mykenä aufmachte. Jetzt war aus dem Hause des Abscheus, das für so kurze Weile zu einem Hause des Heils geworden, die Charis entschwunden. Wehe, Admete war nicht mehr, und Herakles ward sich in all seiner Traurigkeit dessen bewußt, daß er alt, sehr alt geworden war, daß er nur noch Sehnsucht nach dem Ende seiner Buße empfand, um dann geruhsam glücklich in Trachin bei Weib und Kind leben zu können, inmitten seiner getreuen Diener, seiner unzähligen Herden, die er dann hegen wollte.

Es war stockfinstere Nacht, als der Held in Mykenä anlangte und die doppelten Tore geschlossen fand. Er wartete die ganze Nacht auf dem Wege, bis der Tag erwachen und bis man die Pforten öffnen würde. Allein der Turmwächter, der bei Tagesgrauen von der höchsten Zinne herabschaute, ließ, anstatt Herakles einzulassen, sobald er des Helden gewahr ward, seine helle Drommete erklingen, um Krieger und Wachen mit ihrem schmetternden, hellen Klange herbeizurufen. Und sie drängten sich auf den Mauern, und ihre Speere und Helme schossen grelle Funken, und es schien, als erwarteten sie einen Feind und nicht einen Helden, den sie als Wohltäter ihres Landes liebten. Ernst standen sie da aufgereiht, und Herakles und Jolaos verwunderten sich des.

»Ihr Krieger von Mykenä,« rief Herakles, »so ihr einen Feind erwartet, lasset Alkeios geschwinde in die Stadt ein, auf daß er sich in eure Mitte stelle!«

Allein aus der Mitte der Männer mit funkelnden Helmen und Speeren trat ihr Anführer vor und kündete dem Aufhorchenden: »O Herakles, Held der Helden, grolle Mykenä und den Mykenern nicht, daß die doppelten Tore der Stadt dir verschlossen bleiben. Eurystheus befahl uns, dir zu melden, daß sein Herrengebot, nachdem du zu spät für Admeten der Amazonenfürstin Gürtel brachtest, dich aus der Stadt verbannt, bis das zehnte Werk vollbracht ist.«

»Mykenä ist meine Vaterstadt,« antwortete traurig der Held, »und mich schmerzt des Fürsten Befehl. Aber es ist weder an mir noch an euch, o ihr Helden Mykenäs, ihm zu trotzen, und Alkeios fügt sich willig und demütig dem königlichen Geheiß. Wer aber wird diesmal den zehnten Befehl des Herrschers dem Verdammten künden, der vor den Pforten steht? Wer, nach Poseidons Priestern, nach Mykenäs Greisen, wer, o wer nach der Jungfrau Admete wird dem Alkeios melden, welches das letzte der Werke seiner Buße ist?«

»Nachdem der Held in Mykenä geehrt ward, o Held, und der König ihm, dem Drang der Priester und der Weisen nachgebend, den dreifach ehrenvollen Auftrag gegeben, wird dieses Mal gewißlich das neue Gebot nicht schmählich scheinen, wenn es auch nur aus meinem niederen Munde dir entgegenklingt. So höre mich denn, o Held Herakles, den wir lieben: Fern auf fernen Triften, am westlichen Ende der Welt, weidet der ungeheure Riese Geryones die Riesenherde der rotbraunen Rinder, und Eurystheus wünscht, daß du, o Held, ihm die kostbare Beute raubst.«

Drunten an der Seite des Wagens stieß der Held einen Schrei der Wut und Raserei aus. Allein Iolaos, der mit ihm abgestiegen war, schloß ihn in seine Arme und flehte ihn an: »Herakles, Herakles, wüte nicht, sondern bleibe bei Sinnen! Dies ist das letzte Werk, und du wirst auch Geryones besiegen, denn dich behüten günstige Götter.«

»Günstige Götter?« Herakles lachte höhnisch auf. »Günstige Götter? Weiß Eurystheus nicht, daß sie nicht am westlichen Ende der Welt herrschen; weiß Eurystheus nicht, daß dorthin, wo das Weltmeer die Insel Eurythia umspült, noch nimmermehr eines Menschen Fuß gelangte; daß dort die wirbelnden Strudel zu des Hades Dunkel hinabziehen, die ungeheuren Trichter voll siedenden Gischtes, gleich denen des grundlosen Meeres, die entsetzensvoll die Erdscheibe umwogen? Mykener, Mykener, dieser Auftrag bedeutet das Ende des Herakles! Jetzt weiß er, daß ihn das Schicksal, allzeit dem endlichen Untergang entgegentrieb. Jetzt weiß er, daß er nimmermehr Mykenä wiedersehen, nimmermehr den Boden betreten wird, der ihm teuer war als sein Vaterland, daß er nimmermehr mit dem getreuen Jolaos zu Weib und Kind nach Trachin zurückkehren wird. O du fernes Weib, o du Freund, weite Fahrt dünkte es schon, als Herakles nach Thrazien zog; angstvoll fern erschien euch das Skythenland, in dem die streitbaren Frauen wohnten; und nicht ahnen konntet ihr damalen, welch weite, weite Ferne euch jetzt von dem trennen wird, den ihr liebt. Eine Ferne, aus der nimmer, o nimmermehr Herakles zurückkehren wird. Nein, Jolaos, am westlichen Weltende herrschen nicht mehr die günstigen Götter; dort sind die verfluchten Seen und das verfluchte Eurythia, wo Geryones die goldroten Rinder hütet, die nicht nutzbare Herden sind, wie der Landmann sie liebt, sondern unbezwingbare Zaubertiere, die sich in Luft auflösen, nachdem sie erst den Unvorsichtigen in das wütend stürmende Weltmeer gelockt haben!«

Entsetzt standen die traurigen Mykener, die Herakles liebten, auf der Zinne der Stadt. Entsetzt stand ihr Anführer, der dem Helden den Auftrag gekündet. Entsetzt stürzte sich Jolaos wehklagend an des Herakles Brust, doch der Held, der die erste Verzweiflung überwunden hatte, sprach nur finster: »Weine nicht, Jolaos; niemals ward es einem Sterblichen vergönnt, göttlichem Willen und Schicksal zu widerstreben, und nicht läßt Herakles sich von unmännlicher Mutlosigkeit beherrschen, wenngleich er von hier zu der Welt Ende und zu seinem eigenen Ende fort muß. Laß uns aufbrechen, Gefährte, führe mich dorthin, wo der Mond am westlichen Rande des Meeres aufgeht, das ich einsam durchqueren werde, ich allein mit meiner starken Keule, die mir wohlwill wie ein junger Freund. Und du, Gefährte, kehre nach Trachin zurück und künde Deianeira, daß Herakles, wehe, keine Hoffnung mehr hegt, sie und Hyllos jemals wieder inmitten seiner Herden, in seinem Heime zu umarmen.«

Und Jolaos stieg, trotz seines heftigen Schmerzes, gehorsam auf, und Herakles stieg auf, und der Lenker wandte die zwei wilden weißen Rosse, und der Held winkte wehmütig mit der Hand den traurigen Mykenern zu, die ihn liebhatten und die ihm, dem Verbannten, vor den geschlossenen Toren der Stadt den letzten Auftrag hatten künden müssen, den entsetzlichen Auftrag, das Werk am letzten Ende seiner Buße...

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