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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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36.

Schnee hatte die Gipfel des Oita und seine abschüssigen Hänge bedeckt. Das junge Vieh war geboren, und das frische grüne Gras der Wiesen war entsprossen, und in den Hainen wimmelte es jetzt von gesprenkelten rosigen Blüten. Und der Lenz kam von neuem auf Trachins Triften. Doch nicht lauschte der Held lächelnd dem Wechselgesang der Hirten, die ihre hüpfenden Lämmer und die sich tummelnden Geißlein an der Seite der zufriedenen Mütter über die Abhänge der grasigen Hügel geleiteten. Einsam irrte er am Saume der Haine einher oder wanderte durch den dichten Wald und nährte seinen Schmerz mit traurigen Gedanken. Und er legte sich unter den dunklen Eichen nieder und durchlebte seine Tage in Traurigkeit. Und er murrte und grollte den Göttern und mied die Menschen, er mied selbst die Gattin und das zarte Kind und den treuen Freund.

Wie lange schon war es her, daß der Held nach Hellas und nach Mykenä zurückgekehrt war! Wie lange schon? War es gestern, war es vor Monaten gewesen? Herakles wußte es nicht. Er zählte nicht die Tage, nicht die Monde. Allzeit sah er vor sich das nämliche Bild, als hätte er es erst gestern erblickt: seine Rückkehr mit Jolaos auf dem dahinrollenden Wagen durch die Pforten der Stadt Mykenä, wohin er Admete den Gürtel brachte, Admete, die er von ferne anbetend liebte, Admete, die ihn insgeheim liebte, Admete, der er Genesung bringen wollte mit dem ihr im Traume von Aphrodite verheißenen Glück. Doch gleich ward er in der Stadt durch die schaudererweckende Stille der Straßen betroffen gemacht, in denen alle Häuser geschlossen waren. Nicht schauten jubelnde Mykener nach Herakles aus, nicht hatten sie den Lorbeer um die Säulen gewunden, nicht purpurnes Tuch zum Willkommen herausgehängt, nicht traten Jünglinge und Jungfrauen mit Harfen und hoch erhobenen Myrtenzweigen vor ihn hin. Durch die weiße Stille lenkte der verwunderte Jolaos die fest im Zaum gehaltenen zwei wilden weißen Rosse und näherte sich dem Palast des Eurystheus, und noch kam niemand jubelnd zum Vorschein ... bis in demselben Augenblick, da Herakles sich näherte, die Palastpforten aufgingen und eine klagende Musik ertönte von weinenden Stimmen und wehmütig erzitternden Saiten, deren Trauergetön von dumpfen Beckenschlägen unterbrochen wurde. Und als der Held gefragt hatte, wessen Heimgang man betraure, hatte man ihm voller Schmerz und voller Furcht nicht zu antworten gewagt, bis aus der Pforte die weiße Bahre getragen wurde, umringt von allen den Dienern des Eurystheus und von allen Dienerinnen ... Und nachdem der Held erfahren, wer aus dem irdischen Leben dahingeschieden, war er in klagender Verzweiflung vor der Bahre niedergestürzt, hatte mit beiden Händen ihr, die dort ruhte, den goldenen Gürtel entgegengehoben, den Talisman für ihre Genesung, für ihr Glück, für ihre Liebe, das Kleinod, um dessen Erwerbung willen ein ganzes Volk streitbarer Frauen ausgerottet, eine Stadt vernichtet worden war und eine Fürstin sich von des Turmes Spitze herabgestürzt hatte ...

Und zwecklos und fruchtlos hatte der Held das jetzt unnütze Kleinod in den beiden zitternden Händen emporgehoben, gleich als wolle er die kleine Tote wieder zum Leben erwecken. Sie aber war still geblieben, reglos, weiß in das sie eng umschlichende weiße Leichengewand gehüllt. Nicht hatte ihre Hand ihm zugewinkt, kein Blick aus ihren geschlossenen Augenlidern hatte ihn getroffen; an ihm vorüber hatten die Träger die leichte weiße Bahre getragen, und des Herakles schmerzlichen Schrei hatte das schluchzende Klagen der Frauen und das fromme Stöhnen der Klageweiber übertönt, bis Eurystheus selber inmitten von Mykenäs Priestern und Großen in der Pforte erschienen war. Und er hatte, in Tränen gebadet, dem Herakles, als einem schlechten Sklaven und treulosen Diener, laut geflucht, weil er zu spät zurückgekehrt war, als daß er Admete mit dem Kleinod des Ares hätte Heilung bringen können von ihrem zehrenden Schmachten, als daß neues Leben ihr gegeben hätte, was ihr Aphrodite verheißen, wenn jemals die Jungfrau sich den Gürtel des Ares unter den Busen schnürte: Glück und Liebe und göttlichen Gemahl und ruhmreiche Nachkommenschaft.

Herakles sah vor sich, während er in immerwährendem Schmerz unter den dunklen Eichen von Trachin ruhte, wieder und wieder die kleine Bahre, das nutzlos emporgehobene Kleinod, hörte den Fluch des Eurystheus, den Fluch, dem er, der Spötter Herakles, der sonst höhnend den Fürsten mit Löwen, Hydra und Eber geschreckt hatte, der um der Hirschkuh willen erzürnt gewesen, der um der Ställe willen sogar in Raserei geraten war, kein Wort entgegengestellt hatte: den Kopf hatte er in Demut und in Schmerz gebeugt, nun die Liebe, nach der er allzeit geschmachtet, die Liebe, die Eros ihm offenbart hatte, die unausgesprochene reine Liebe, die Liebe ohne Hoffnung und Erwartung, seine einzige, wahre Liebe, dort an ihm vorübergetragen ward: klein, von dem weißen Leichengewand umhüllt, gleich einem Kinde, das man tot zu der reinen Flamme des Scheiterhaufens trug.

Und als nun das Kleinod den Händen des Herakles entglitten war, da war der Verfluchte von dannen geschlichen, wie von Erinnyen gejagt, und er war umhergeirrt gleich einem Wahnsinnigen, bis er nach Trachin gekommen war; und den Göttern grollend, allen Göttern, selbst den ihm günstigen, auch der golden-lockigen Aphrodite grollend, irrte er nun durch den dichten Wald und am Saume der Triften entlang und blieb unter den dunklen Eichen von nicht nachlassender Traurigkeit umfangen, all seine Tage lang ... Und der Lenz tat ihm weh.

An einem sonnengoldenen wehmutvollen Morgen sah er an den Felsen und Hügeln entlang Deianeira auf sich zukommen, und in ihrem Arm trug sie ihren kleinen Sohn, und das Knäblein jauchzte und streckte die Händchen dem Vater entgegen, der dort im dunklen Schatten ruhte, und Herakles lächelte und duldete es, daß das Kind ihm die Ärmchen um den Nacken schlang und ihm mit den süßen Lippen den bärtigen Mund küßte und dann spielend die weißen Blümchen am Wiesensaume pflückte.

Und Deianeira, die sich ihm zur Seite gesetzt hatte, sprach: »O Herakles, an diesem Morgen brachten wir der Aphrodite im Heiligtum des Rosenhaines Opfer dar. Und wir legten den Gürtel, den Jolaos aus Mykenä mit zurückgebracht, dem Götterbilde um die Hüften.«

Herakles holte tief Atem, gleich als müsse er unter dem heimlichen und schwerlastenden Schmerz ersticken, und seine blauen Augen, die von einem leichten Grau umschattet waren, folgten dem Spiele seines arglosen Kindes. »Es ist gut«, sprach er dumpf.

»O mein Herakles,« fuhr Deianeira fort, während sie die Hände faltete, »sage mir, leidest du, mein Held?«

»Welcher Mensch, o Deianeira, leidet nicht!« antwortete der Held, »leidest du auch, Deianeira?«

»Warum Gegenfrage auf Frage. Herakles? Muß Deianeira nicht glücklich sein über Sohn und Gatten, über Hof und Haus, über die Gunst der gütigen Götter?«

Herakles lachte bitter und verächtlich. »Die gütigen Götter – sie spielen mit uns Menschen.«

»Du bist selber der Sohn eines Gottes, mein Gemahl.«

»Ich bin der Sohn einer irdischen Frau, einer irdischen Frau, die meine Hand erschlug. Sage mir. o Deianeira, hast du dich jemals nach Liebe gesehnt?«

»Als Deianeira nach dem Tode des Meleagros allein in Kalydon weilte und die Freier sie umdrängten, und als an den Grenzen des Landes Feinde erschienen, da sehnte sie sich nach Liebe. Herakles kam, und Herakles bedeutete für Deianeira die Liebe. Allein Deianeira ist für Herakles nicht die Liebe.«

»Deianeira ist die Gattin des Herakles, die Verwalterin seiner Besitzungen, die Mutter seines Sohnes, die Heilerin seiner Wunden, die Trösterin seines Schmerzes.«

»Wehe, nicht die Trösterin!«

»Deianeira, o sage mir, fürchtest du dich nicht vor dem Mann, der Megara erwürgte?«

»Viel eher, o mein Gemahl, mein Held, meine Liebe, würde Deianeira fürchten, daß sie Herakles den Tod brächte, als daß sie jemals glaubte, Herakles könne sie töten. Und wenn Herakles in dunklem Wahn Deianeira tötete, würde sie unter seiner Hand glücklich sterben, weil ihr der Tod von ihm käme. Nein, der Tod wird nicht zwischen uns sein ...«

»Wer weiß um den Willen des Schicksals, wer vermag Heras endlosen Haß zu durchschauen? Viel eher wäre es Herakles möglich, o mein Weib, zu glauben, daß er den Tod aus der Deianeira Hand empfinge, als daß jemals der Hera Haß zu versöhnen wäre.«

»O schweige, schweige von unmöglicher Möglichkeit, mein Gemahl; doch sage mir, leidest du, mein Held?«

Er lächelte sein wehmütiges Lächeln, und seine Augen blitzten trübe. Langsam erhob sich seine Riesengestalt, und er reichte ihr die Hand, auf daß auch sie sich erhebe. »Gehen wir in den Rosenhain.« sprach er leise, »gehen wir zu Aphrodites Tempel. Ich will den Gürtel wiedersehen, und dann, o Deianeira, werde ich dir sagen, ob ich leide.«

Sie gingen am Wiesensaume vorüber, und das Kind eilte spielend vor ihnen her.

»Wisse,« sprach er, »meine Kinderjahre waren lachend und sorglos. Meine Jünglingsjahre gingen vorüber und waren der Jagd und den Männerspielen geweiht. Hera wartete, ihr Haß blieb rege. Als ich Gatte und Vater geworden war und meine Kinder um mich sah, verwirrte sie mir den Sinn. Ich jagte Alkmene das Schwert in die Brust, ich erwürgte Megara, ich erwürgte und erschlug meine Kinder. O das Blut, das viele Blut! Das Orakel wies mich auf Buße, und Hera verwirrte mir aufs neue die Sinne; der Pythia entwand ich den Dreifuß. Wisse, damals erschien ich vor Eurystheus wie ein Sklave ... Ich sah sie zwischen den Säulen der Höfe ... inmitten der Rosen, der Gärten ... ehrfurchtsvoll blieb ich stehen und starrte sie von ferne an: Admete! Sie lächelte mir zu. Sie war wie eine Lilie an meinem rauhen Wege. Sie war wie ein goldener Strahl, der mein finsteres Leben erhellte. Sie war die Tochter des Eurystheus. Wenn sie zu mir sprach, ward alles in mir ruhig und sanft wie Meeresstille. Wenn ihre Hand die meine ergriff, fühlte ich, wie mir seltsam leicht zumute ward, gleich als schwebte ich. Wenn meine Keule herabfiel, und wenn sie gemeinsam mit mir sie wieder hochhob, war es mir, als flößte sie spielend mir Mut ein. Sie war noch ein Kind, doch mich dünkte sie schöner als Aphrodite, mich, der ich die Göttin selber schauen durfte. Sie war ein Kind, und mich dünkte sie weiser als Athena, mich, der ich der Schützling der Göttin selber bin. Als sie mich den Gürtel holen hieß, auf daß sie glücklich würde, bin ich zum erstenmal in meinem Leben restlos glücklich gewesen, als hätte sie mir die größte Gunst erwiesen. O Deianeira, ich liebte sie, doch ich liebte sie ohne Begehren. Sie war für mich der Glanz, der sich nicht umarmen läßt; das war mir mehr noch, als daß sie die Tochter des Eurystheus war. Gedachte ich ihrer in der Nacht, so wurde es licht um mich her. Und als mir in Thrazien bei des Abderos Tode und aus Abscheu vor den fürchterlichen Göttern all meine Sinne wieder verwirrt waren, da fühlte ich, wie aus meinem geschlagenen, müden Hirn die Erinnerung an das schwand, worum Admete mich gebeten. Hier an dieser nämlichen Stelle hat mich Eros selber an das erinnert, was Admete erbat. Ich ging, ohne auch nur von Hyllos und Deianeira Abschied zu nehmen. Ich ging und gewann den Gürtel, und die streitbaren Amazonen, die Hera weckte, wurden vertilgt, ihre Stadt wurde vernichtet, Hippolyta selber stürzte sich von der höchsten Zinne ihres Hauses in den Tanais herab. Das alles, o mein liebes Weib, tat ich, auf daß ich am Ende zu spät den Gürtel ... nicht zu der Jungfrau, sondern nur noch zu ihrem Leichnam emporheben konnte ...«

Sie waren, während das Kind noch immer spielend vor ihnen umherhüpfte, an dem Wiesensaum entlang und durch den Eichenwald und durch den Birkenwald geschritten und betraten jetzt den Rosenhain. Hoch wuchsen die Sträucher und Hecken gleich blühenden Bäumen; bis über ihrer beiden Häupter waren in dem schwülen Lenz Tausende von Rosen erblüht, rosenfarbene und rote. Und inmitten des Rosenhaines erhob sich der runde Marmortempel, in dem das steinerne Bild der Göttin sichtbar ward. Noch dampfte der Weihrauch in den Schalen, und der Gürtel umschloß gleich einem goldenen Bande die Hüften der Göttin, und die Sonnenglut spiegelte sich wie ein greller, goldener Stern darinnen. Herakles wies auf das Bildnis.

»Alles, o meine sanfte Frau, alles das geschah ... und Hippolyta und Admete sind darum schmerzvoll untergegangen ... auf daß um das Bildnis der Eifersüchtigen, der Geliebten des Ares, das goldene Band erglänze. Deianeira, Deianeira! Und du fragst mich, ob ich leide, ob ich leide, der ich allzeit tödliches Schicksal über alle heraufbeschwöre, die um mich sind, über alle, die mich lieben, über alle, die ich liebe, o Deianeira! Und du fragst Herakles, ob er leidet, und du zitterst nicht um Hyllos, noch um Herakles, noch um dich selber? Deianeira, o Deianeira, du richtest an mich deine Frage. Ich will an dich eine andere stellen, und die reine Wahrheit sollst du mir sagen: Deianeira, bist du eifersüchtig?«

Die Frau erbleichte; sie legte dem fragenden Helden die Hände auf die Schultern und blickte Herakles fest in die Augen. Während eines einzigen Augenblicks dachte Deianeira daran, ihm die Wahrheit zu sagen, allein sie schaute sich nach dem Bildnis der lieblich lachenden Goldenumgürteten um, und fromm empfand Deianeira, daß Aphrodite wünsche, sie möge nicht die Wahrheit sprechen. Und Deianeira sagte: »Nein, mein Held ...«

Er blickte traurig und schmerzlich lächelnd auf sie herab. Er schloß die Arme mitleidig um sie, und sie weinte an seiner Brust. Auf der Tempelpforte aber saß artig das Kind und versuchte, rote und weiße Rosen, die es gepflückt hatte, zusammenzubinden.

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