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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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35.

Er starrte auf Hippolyta herab, die so weiß auf dem dunklen Bärenfell ruhte, und dachte in seinem Innern, daß in seiner Liebe zu ihr doch viel Mitleid wäre. Und er dachte an Deianeira und ward sich dessen bewußt, daß er auch sie liebhabe, allein auf so andere Art – die Schwester seines Freundes Meleagros, seine Gattin, die Mutter seines Sohnes, die Hüterin seiner Besitzungen, seine Gemahlin, sie liebte er voll Bewunderung, voll Dankbarkeit, voll Achtung, mit der Zärtlichkeit eines Gatten. Und er dachte an Admete und wußte, daß er sie liebte und allzeit geliebt hatte wie einen unerreichbaren Glanz, wie die nie erreichbare, nie zu fassende Liebe selber. Und während er auf Hippolyta herabstarrte, schwoll ihm die Seele von frommer, stolzer Freude, weil Eros selber mit Anteros ihm zugeflüstert hatte, daß auch Admete ihn liebe, ihn, Herakles, den Sklaven ihres Vaters Eurystheus. Und er war sich dessen gewiß, daß er den Stolz darauf, die selige Freude darüber wie ein Leuchten in seinem Herzen empfunden hatte: so während der ganzen Fahrt von Trachin nach Skythien, wie beim Kampfe mit den streitbaren Frauen und in allen Umarmungen der nicht mehr streitbar gebliebenen, so zärtlich gewordenen Hippolyta.

Admete, Admete liebte ihn! Admete wartete auf ihn, der ihr den Gürtel bringen sollte! Oh, wie lange schon wartete sie! Sicherlich, Genesung würde er ihr mit dem Gürtel bringen, und dann würde sie, wie es der von Aphrodite gesandte Traum gekündet, einen liebenden Gatten finden, einen, der Herakles selber glich, stark war wie er, taten- und ruhmreich und göttlichen Ursprungs. Doch ach, er glaubte nimmer, daß er selber dieser Gemahl sein könnte, den Aphrodite ihr verheißen – und doch wußte er, daß Admete die Liebe sei, die Liebe, nach der er allzeit geschmachtet hatte. Admete allein bedeutete ihm Liebe, unbesitzbare, unerreichbare; doch Liebe und Gegenliebe würde sie auf den ihm gleichenden Gemahl übertragen. Deianeira war seine Gattin, für Hippolyta empfand er vornehmlich Mitleid, doch Admete allein war ihm die Liebe, ihr allein galt seine Liebe, über der Eros und Anteros selber wachten.

Und der Stolz und das reine, nichts mehr ersehnende Glück mischten sich mit dem Mitleid, während Herakles noch immer auf Hippolyta herabschaute. Er hatte den Gürtel in die Hände genommen; er mußte sie jetzt für alle Zeit verlassen. Er ging, Admete den Gürtel zu bringen; er wollte sich beeilen, eilen, eilen über den weißen, langen Weg. Er wollte nun Jolaos und die Gefährten bescheiden. Und mit einem letzten Blick, einem Blick voller Mitleiden auf die noch ruhig Schlafende, schlich er behutsam zur Pforte, dieweil er das Kleinod in den Falten des skythischen Mantels barg.

*

In dem nämlichen Augenblick eilte eine Amazone durch die verlassenen Straßen von Themiskyra und klopfte mit dem Knauf ihres Schwertes an die Pforten der geschlossenen Häuser. Hoch ragte ihre Gestalt in der Nacht, gleich einer Göttin, und an Pforte nach Pforte wiederholte sie ihr warnendes Klopfen, und wenn sich die Türen öffneten, rief sie mit gewichtiger Stimme, obzwar flüsternd: »So erhebet euch doch, ihr Amazonen; was verweilet ihr alle in tiefem Schlaf in euren geschlossenen Häusern, sorglos nach der Stunde des Liebesgetändels, nicht anders, als wäret ihr Priesterinnen der Aphrodite, die Skythen und fremde Krieger, um geringes Entgelt feil, auf ihren Lagern empfingen! Auf und vernehmet meinen Befehl: Auf, und eilet eurer nicht mehr wehrhaften Fürstin zu Hilfe, die Herakles nach Hellas entführen will. Auf, ihr Amazonen, auf!«

So eilte die einer Göttin gleichende Amazone an allen Türen entlang und wiederholte überall ihr Klopfen, und die aufgeweckten Gefährtinnen wunderten sich und erkannten nicht Hera, die große Göttin, die Herakles haßte und jetzt, der Wut des Zeus trotzend, selber verhindern wollte, daß seinem Bastardsohn sein neuntes Werk gelänge. Nur Herakles erkannte, während er seine Gefährten zu stillem Abzug aufrufen wollte, die im Tagesgrauen noch immer an die Türen klopfende Amazone, die groß war, wie eine Göttin, und der Held erschrak heftig. Er, der Furchtlose, fürchtete sie, die ihn so sehr haßte. Und er rief Jolaos und den thrazischen Gefährten zu: »Auf, ihr Thrazier, auf, Jolaos; verweilet nicht länger sorglos in tiefem Schlaf nach der Stunde des Liebestaumels, sondern schart euch um mich, denn Hera selber eilt durch Themiskyra, groß wie eine Göttin, und weckt die streitbaren Frauen. Auf, ihr Thrazier, auf!«

Über dem Tanais erwachte fahl der Morgen, über dem weiten Wasser wölbte sich die breite Brücke, und der Weg führte südwärts zu der Opferwiese und zum Wald. Und schon waren die thrazischen Helden, um Herakles und Jolaos geschart, auf ihren wilden Rossen auf die Brücke gestürmt, als sie mit schrillem Kriegsgeschrei hinter sich die wilde Horde der Amazonen dahertraben hörten, ihre jetzt wieder streitlustigen Geliebten, die Hera geweckt hatte. Nicht wollten die Männer vor den Frauen entfliehen, und so wandten sie ihre Rosse, und auf der gewölbten Brücke entstand alsbald ein wildes Gedränge. Die wiehernden Pferde bäumten sich, wie sie aneinander gerieten, und schlugen mit den Hufen aus, und die Pfeile surrten von den skythischen Bogen, und die langen hellenischen Speere trafen. Herakles aber schwang nicht die Keule, dieweil er Hera in der hochragenden Gestalt der Amazone erkannte, die ihre wütenden Gefährtinnen anspornte. Die Frauen glaubten, daß die Helden, die sie geliebt hatten, daß Herakles jetzt ihre Fürstin Hippolyta mit sich nach Hellas entführen würde, und sie wollten die Gebieterin befreien, die sie inmitten ihrer Feinde, die ihre Geliebten gewesen, verborgen glaubten. Doch wenn auch der Held nicht die todbringende Keule schwang, die er nur gegen Riesen und Ungeheuer zu heben pflegte, so kämpfte er doch hoch zu Roß mit den Frauen und stieß sie aus dem Sattel und hob sie in seinen Armen empor und warf sie über die sich wölbende Brücke in die hochaufspritzenden Wasser. Ihre weißen Glieder in den kurzen Waffenröcken, ihre eng umpanzerten Körper sausten hoch im Bogen über das wütende Gedränge der Kämpfenden, und sie stürzten in den Tanais, in den aufschäumenden Strom, und ertranken. Verzweifelt rief Hera ihren Sohn Ares zu Hilfe, doch der blieb fern, in Rosenketten gefesselt. Jolaos und die Thrazier kämpften Roß an Roß mit den Frauen. Ihr Blut ergoß sich purpurn über die aneinanderklirrenden Panzer und spritzte aus den weißen Brüsten hoch empor. Und nun, da die wenigen noch wehrbaren Frauen in hoffnungslosem Rückzüge zur Stadt zurückdrängten, nun, da die wütende Hera selbst mit geballten Fäusten im weißen, dichten Nebel verschwand, der sich über Stadt und Wasser breitete, hielt Herakles den günstigen Augenblick für gekommen, nach dem südlichen Walde zurückzugehen und nicht länger die weherufende besiegte Schar zu verfolgen.

Allein einer der jugendlichen thrazischen Gefährten, Krotos genannt, hatte in dem Kampf die junge Amazone Melampe gesehen, die ihm ihre Liebe gegönnt hatte, und als ihre Augen einander getroffen hatten, war es beiden unmöglich gewesen, zu kämpfen. Und während Krotos Melampe scheinbar im Kampfe umschlang, flüsterte er ihr zu, wie sie in schmerzvoller Liebe an seiner Brust keuchte: »Stürze, o Melampe, dein Roß in die Flut, so wie ich nach dir das meine hineinstürzen werde, und laß uns zusammen entfliehen, denn Krotos ist es unmöglich, die zu lassen, der er in Liebe zugetan ist.«

Und er löste die Klammern seiner Arme, und Melampe ließ ihr Roß hoch aufsteigen und stürzte über die Brücke in den Strom hinab. Krotos sprang hinter ihr her. Sie ließen ihre Rosse und schwammen nach Themiskyra zurück. Sie strebten der Stadt entgegen. Melampe löste des Krotos Rüstung und hüllte ihn in ihren eigenen kurzen Rock, der dem Jüngling das Ansehen einer Amazone verlieh. Sie selber blieb nackt, behielt nur Helm und Schild und Speer, und so eilten die Verliebten, angstvoll auf ihrer Hut, immer weiter der Stadt entgegen, wo Melampe Krotos verbergen wollte, bis sie zu günstigerer Stunde entfliehen könnten. Nun näherten sie sich dem Palast der Hippolyta. Sie erschraken, denn sie gewahrten die Fürstin selber. Sie stand auf ihrer höchsten Zinne und rief: »Herakles! Herakles! Wehe, er ging, mein Held, so wie Ares ging, und Hera, die ihn haßt, entfesselte den Kampf! Wehe, wer auch siegen möge, meine streitbaren Frauen oder die Helden, die sie liebten: für Hippolyta ist nach der Stunde, in der ihr des Herakles Herz geweiht war, alles Glück, alle Liebe, alles Leben vorüber. So lebe denn wohl, o dunkles Skythien, lebe wohl, du finstere Stadt, der die Liebe, ach, nur allzu kurze Zeit ihren Glanz verlieh. Lebet wohl, meine in Liebe und im Kampf zwiefach besiegten Amazonen. Lebe wohl, du, der du mir den Gürtel gabest, und du, dem ich den Gürtel schenkte, den unseligen Gürtel, der – dies ist dem nun erleuchteten Geist der Hippolyta gewiß – des Helden Beute für die ferne Frau sein soll, der er in Hellas seine Liebe weihte, und für die er hier das Kleinod holte, das sie begehrte. Allein ein Kleinod, das sie niemals tragen wird, wenn anders Hera den Fluch der Hippolyta erhört. Denn wer immer sie auch sein möge, die herzlose Frau, die um den Preis von Hippolytas Liebe und Hippolytas Glück, um den Preis ihrer Stadt und ihres Volkes den Gürtel heischte: sterbend flucht Hippolyta ihr, und sterben möge sie in dieser gleichen Stunde!«

Drunten am Strom sahen die jungen Liebenden. Krotos und Melampe, die einander entsetzt in die Arme schlossen, wie sich die unselige Frau, die besiegte Amazonenfürstin, von dem Turm herabstürzte. Ihrer beider Schrei wie auch die Gebärde ihrer verzweiflungsvoll gehobenen Arme versuchte sie zurückzuhalten. Allein der schäumende Strom Tanais riß bereits vor ihren entsetzten Augen die Besiegte über die Felsen mit fort ...

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