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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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31.

Vor ihren Blicken breiteten sich nun, da sie aus dem Walde heraustraten, Trachiens weite Ländereien, vom Abendlicht zart umspielt. Nichts in dieser Stille verriet, daß das Schicksal lauerte ... Das Oitagebirge reckte seine leichtbeschneiten Gipfel zum amethystfarbenen Himmel auf, und die höchste Kuppe war noch vom letzten Schein der Sonne umstrahlt. Wo das sterbende Licht noch zauderte, strahlte es purpurviolett auf Millionen wimmelnder Stäubchen, und wo es bereits erloschen war, schien die violettene Dämmerung tiefer, wurden die violetten Schatten dunkler und voller, und immer undurchsichtiger ward die Dunkelheit. Der Saum des Waldes hob sich in dem noch leuchtenden Äther schwarz von dem malvenfarbenen, wolkenlosen Himmel ab, und der Strom Euenos floß mit violett-purpurfarbenem schuppengleichen Wellengekräusel dahin und verschwand lautlos hinter Schilf und Iris. Lautlos sank die Nacht herab. – Herakles und Deianeira traten an den Strom. Hier verbreiterte sich, dort verengte sich sein Bett, weiterhin wurden die Wasser wieder tiefer. Und Herakles sprach:

»Ich sehe die Spuren von Huf und Wagenrad: Iolaos hat sich, bevor er den Euenos durchwatete, erst vergewissert, wo das Wasser seicht ist, und wir, o Deianeira, werden, wenn wir den Fluß durchkreuzen, des Iolaos Spur folgen. Auf meinen Armen, o mein Weib, werde ich dich durch die Flut tragen.« Und Herakles streckte dort, wo das Strombett sich verbreiterte, die Arme nach Deianeira aus und hob sie an seine Brust, um so das Wasser zu durchwaten. Schon stand er mit ihr inmitten von Schilf und Iris, als Pferdegetrappel sich durch die violettene öde Stille näherte. Erstaunt richtete der Held den Kopf auf, und Deianeira umschlang fester den Nacken des Herakles. Wie ein schwarzer, schwerer Schatten näherte sich rasch auf hastig trabenden Hufen ein Pferd, und dieses Tier war nicht nur Pferd, sondern Pferd und Mensch zugleich: riesengroß blickte eines Zentauren Manneskopf durch die tiefer sich herabsenkende Dämmerung, und den Arm streckte das Doppelwesen gebieterisch aus und rief mit tiefer Stimme:

»Wer ihr auch sein möget, ihr Reisenden, die ihr aus dem nächtlichen Walde von Trachin hervortretet, vernehmet, was des Zentauren Nessos Recht ist, da ihr es nicht zu wissen scheint. Geleit zu geben auf der Fahrt über den Euenos, wurde von König Ceyx dem Zentauren gestattet, der euch für einen Wegepfennig auf seinem Pferderücken hinüberführt, ohne daß euer Fuß feucht wird; keinem aber ist es vergönnt, mit eigenem Fuße diese heiligen Wasser zu durchwaten.«

Laut und hochmütig lachte Herakles auf und sprach, während Deianeira sich fester an ihn klammerte: »Fürwahr, o Zentaur, wenn die heiligen Wasser dem Stromgotte geweiht sind, mag es wohl keinem Menschen vergönnt sein, auf seinen eigenen Füßen diesen heiligen Strom zu durchwaten. Allein Herakles ist der Sohn des Zeus, und wenngleich er nicht unsterblich ist, so ist er doch mehr als Mensch und zum mindesten dem Gotte des Euenos ebenbürtig, und so nimmt er für sich das Recht in Anspruch, den breiten Strom zu durchwaten und Deianeira hinüberzuführen. Denn wenngleich er Pholos, dem Zentauren, der ihn auf seinem Rücken aus dem rauhen eurymanthischen Winter rettete, ewig dankbar bleiben wird, so ist es doch Herakles wahrlich nicht gewöhnt, sich von einem anderen tragen zu lassen, und er fürchtet nicht, daß sein Fuß feucht werden könnte.«

Und laut lachend watete Herakles schon weiter durch Schilf und Iris, als der Zentaur Nessos rief: »So willst du also ohne Wegepfennig, des göttlichen und menschlichen Gesetzes nicht achtend und dem königlichen Herrscher Ceyx, dem Stromgotte Euenos trotzend, mit eigenem Fuße das heilige Wasserbett entweihen und die Frau in den Armen hindurchtragen, willst dergestalt doppelt das heilige Recht verletzen?«

Deianeira erschrak bei des Nessos Worten und flüsterte ihrem Gemahl zu: »O Herakles, sei vorsichtig, fordere nicht nutzlos unseren Wohltäter, den königlichen Herrscher Ceyx, heraus; beleidige nicht nutzlos den Stromgott, der unsere Lande bewässert und sie fruchtbar macht. O Herakles, sei vorsichtig! Wenn du als des Zeus Sohn dir das Recht zuerkennst, das heilige Wasser zu durchwaten, so dulde zum mindesten, daß Nessos Deianeira über den Euenos trage, und mißgönne nicht den Wegezoll dem, der ein Anrecht darauf hat, o mein Gemahl.«

Herakles überdachte sinnend dies kluge Wort und sprach:

»Wahrlich, o Nessos, nicht wünscht Herakles seinen Wohltäter Ceyx, den königlichen Herrscher, noch den wohltätigen Stromgott Euenos achtlos zu kränken, und sicherlich soll Deianeira, wenn der Durchzug einen Wegezoll kostet, ihn dir willig zahlen, zwiefach, für sich und für mich selber, doch dulde dann auch, Zentaur, daß des Zeus Sohn die heiligen Wasser durchwate, indes du auf breitem Rücken seine teure Gattin hinüberführst.«

Und Herakles selber setzte die ob so vieler Vorsicht still erstaunte Frau auf des Zentauren Rücken, nahm Bogen, Köcher und Pfeile und durchwatete die Wasser. Er schaute sich um und gewahrte, daß Nessos behutsam seine kostbare Last trug und, mit den Vorderhufen tastend, durch das Wasser watete, auf dem der purpurne Schein des allerletzten Tagesglanzes noch schimmerte, und watete dann weiter.

Allein Nessos flüsterte der Deianeira zu: »O Frau, gesegnet sei das Wort, mit dem du Herakles überredet hast zu dulden, daß ich dich auf meinem Rücken trage. Du, o Deianeira, bist schön, und Nessos liebt dich in dieser heiligen Nacht. Deianeira, rings um uns dunkelt die Nacht. Schon ist Herakles fern, und voller Vertrauen schaut er sich nicht um. O Deianeira, schlinge deine Arme um meinen Männerleib und lasse meine Pferdehufe dich fort von hier führen zu meiner fernen Grotte, Deianeira, o Deianeira.«

»Zentaur, eile rascher dem Herakles nach. Was zauderst du, was zögerst du? Bin ich nicht des Herakles Gattin? Sollte ich ihm untreu werden, den ich bis in Thrazien suchte? Ist er nicht des Hyllos Vater? Daß du mich auf deinem Rücken trägst, geschieht um des Götter- und Menschengesetzes, um unschändbarer Rechte und um des dir zustehenden Wegepfennigs willen. Dir aber, o Ferge, gebietet Deianeira, daß du sie schneller hinüberführst, bevor Herakles sich verwundert und zornig wird. O fürchte, Nessos, seine gewaltige Wut und wünsche nicht, daß Deianeira einem, den sie nicht Gatten nennt, zu Willen sei.«

»Deianeira, o Deianeira. Glut rinnt mir durch die Adern, und selbst dies nächtliche Wasser vermag den lohenden Brand meines Blutes nicht zu löschen. Deianeira, o Deianeira, niemals bis nun sah Nessos Nymphe noch Frau, die ihm so die Sinne verwirrte. Deianeira, Herakles ist fern. Sieh, schon verschwindet er im Schatten des jenseitigen Ufers. Wir sind allein, Deianeira; jetzt halte ich dich fest, fest in meinen Männerarmen, zwiefach fest an meiner Mannes- und Pferdebrust. Und wer würde wohl des Herakles Wut fürchten, so er Deianeira machtlos seinem wilden, leidenschaftlichen Willen hingegeben sähe, wenn er weiß, daß diese Wasser schweigen, daß die Dunkelheit alles bedeckt, daß die Nacht Nessos gnädig sein wird, so nur Deianeira gefügig ist?«

Die Frau stieß einen schrillen Schrei aus, der in der wilden Umarmung erstickt ward. Allein dennoch drang der Ruf über das nächtliche Wasser: »Herakles!«

Am anderen Ufer des Stromes war der Held bereits dem Wasser entstiegen und wartete verwundert. »Herakles!« hörte er rufen. Er hörte es deutlich durch die Nacht. Er sah sein Weib, sie war noch nicht in der Mitte des Wassers. Sie wand sich widerstrebend an der zottigen Brust des Zentauren, der wie ein erhitzter Hengst sich hoch aufbäumte. Unbezähmbare Wut stieg in Herakles auf. Schon schwang er die Keule, den Fuß hatte er bereits wieder im Wasser. Plötzlich, o Fügung des Schicksals, besann er sich. Vielleicht fürchtete er, daß er auch Deianeira mit dem Keulenschlage treffen könnte. Aber er hatte ja die Pfeile, die Pfeile, die er nicht liebte, seine allerentsetzlichsten Waffen, deren Spitzen, in der Hydra Blut getaucht, unheilbare Wunden schlugen! Er spannte den Bogen, selbst in der dunklen Nacht vermochte er zu erkennen, wo Nessos unfehlbar zu treffen sei: an seinen Pferdeflanken, indes an seiner Männerbrust Deianeira sich wand.

»Herakles!« Der Schrei schrillte; in der nächtlichen Dämmerung surrte der Pfeil über das Wasser und bohrte sich tief in den Pferdeleib. Wild spritzte das Blut hervor wie schäumenden Purpurs aufspringender Quell.

»O Deianeira!« rief der Zentaur, »welch unselige Gottheit beseelte mich und entflammte mein Blut! Sieh, jetzt strömt der Purpur wie ein aufspringender Quell. Oh, ich sterbe, ich sterbe, denn diese Wunde ist tief. Oh, so sättigt Nessos seines Blutes unseligen Liebesdrang! So endet ein Augenblick des Wünschens und der Weigerung! Welch entsetzliche Fügung des Schicksals!«

»Herakles!« rief Deianeira, »hilf mir, ich ertrinke!«

»Nein!« rief der Zentaur, »nicht sollst du, o Deianeira, ertrinken. Nessos behielt noch die Kraft, dich aus dem Wasser herauszuheben, dich zu deinem Rächer zu tragen, und aus meinen Armen wird er dich empfangen, so wie ich dich aus den seinen empfing. Nimm nur, o Deianeira, mein nun nicht mehr zu stillendes Blut. Dieses jetzt schon geronnene Blut, dieser Ausfluß meiner Liebesglut ist ein unwiderstehlicher Liebesbalsam, ist eine geheimnisvolle Zaubersalbe, die dir, o Deianeira, allzeit die Liebe des Herakles sichern wird, die Liebe und den Liebsten, der dir sonst entfliehen würde, fernhin, o Deianeira, zu fernen Frauen, zu Nymphen, zu Göttinnen. – Herakles, nimm Deianeira hin. Nicht einmal die Spitze ihrer Zehen berührte entweihend die heiligen Wasser. Doch was sie entweihte, war mein Blut.«

Der Zentaur hob Deianeira den ausgebreiteten Armen des Herakles entgegen; er wankte im Wasser auf den zitternden Hufen und stürzte zusammen und trieb davon, und sterbend stammelte er: »Sie wollte ich retten, auf daß mein Blut an ihm gerochen werde; was er vergiftete, das wird ihn vergiften; wem er ein Leids antat, der wird nun ihm ein Leids antun; was jetzt mich tötet, wird einst ihn töten. O heiliger Strom, führe mich erbarmungsvoll weiter, weiter zum ewigen Meere hin, doch laß meine Rache zurück.«

Die Nacht war jetzt völlig hereingebrochen, als Herakles, der die ohnmächtige Deianeira in den Armen trug, am jenseitigen Flußufer erschien. Sie aber führte in den Falten ihres nachtfarbenen Gewandes das geheime Geschenk des Schicksals mit sich, das zwischen ihr und ihm waltete –

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