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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091119
projectid08f314c4
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3.

An der Grenze von Kleonäs Eichenwald lagen in der sternenlosen Nacht die Stämme schräg übereinander gestürzt, gleich als hätten verwüstende Orkane den düsteren Wald durchtost, und unter dem matten Schimmern des Nachthimmels, in dem unbestimmten Schatten der Felsen, durchhallt von der Klage des stöhnenden Sturmes, dehnte sich die Ebene Nemea wie eine verfluchte Wüste aus, wie eine steinige Weite, wie ein starres Entsetzen. Und der Held, der aus dem Walde kam. zögerte, sie zu betreten, denn sie dünkte ihn ein unseliges Schlachtfeld. Die gefällten Bäume lagen da wie die Leichen von Riesen, ihre Arme waren wie nach einem Todeskampf unbeweglich ausgestreckt, und immer wieder stieß des Herakles Fuß an ihre dem Erdboden entrissenen Wurzeln, rührte er weiter an die runden Totenköpfe und Menschengerippe, davon die Ebene übersät war, über die eine sternenlose Nacht ihren unbestimmten Schein breitete, den sie schon von dem noch zaudernden Morgengrauen entlieh. Und die Rippen und der Gebeine zerbrochene Knochen hier und dort und die kugelrunden Totenköpfe mit ihren schwarzen, augenlos starrenden Höhlen schimmerten heller als das noch in Schatten getauchte Felsgestein, das sich höher und höher zu einer Felsenwand emportürmte: von ihr ward die Ebene des Entsetzens abgeschlossen, und hinter ihr versteckte sich der Herr alles dieses Entsetzens, der Sproß der Echidna und des Typhon, der Löwe, der entsetzliche Löwe ...

Hinter dem Helden, der zauderte, schlich strauchelnd, einem Schemen gleich, die armselige Gestalt Molorchos', des Hirten: den runden Hut hatte er tief in die Stirn gedrückt, den Leib in eine haarige Lammshaut gehüllt: mit seinem langen Stecken tastete er über die Steine und die herumliegenden Gebeine: vorsichtig schritt er vorwärts, und seine stotternden Lippen stammelten angstvoll:

»Herr und Held Alkeios, Sohn des Zeus, den wir Herakles heißen, weil der Hera Haß Euch Ruhm bringen wird, erlaubt, daß ich in den dunklen Wald zurückkehre, nachdem ich Euch bis zu dieser Ebene geführt habe. Denn wie kann ich Armseliger Euch, dem Helden, noch weiter Beistand leisten? Hier liegen inmitten der umgewühlten Bäume und Felsen die bleichenden Gebeine all jener verstreut, die der Löwe in sein Reich schleppte, die das ringsum gefürchtete Ungeheuer in unersättlicher Gefräßigkeit verschlang. Wehe, unter diesen verbleichenden Gerippen und Köpfen stößt mein Fuß jetzt vielleicht an die meiner eigenen Sprößlinge. Herr und Held Alkeios, o herrlicher Herakles, möge die Keule, die Ihr anstatt eines Bogens und der Pfeile wähltet, Euch gegen den Bösen helfen, auf daß Ihr ihn zu Euren Füßen fället ...«

Allein Herakles, der in seinem Herzen nur trübe Hoffnungslosigkeit barg, machte Halt inmitten der steinigen Ebene, streckte die Hand nach dem Hirten aus, legte sie ihm schwer auf die zitternde Schulter und sprach:

»Greis, hast du mich bis hierher geleitet, so erteile mir nun deinen letzten Rat: was tue ich, daß meine Keule und meine Kraft den Gefürchteten vernichten?«

Der Held hielt sein Ohr an des Greisen murmelnden Mund, als lauschte er dem Orakel selber, und fing in der Nacht diese Worte auf:

»Hört, Held: das böse Getier mit dem riesigen Maule schnarcht gesättigt seinen Rausch in der Höhle aus, die es sich unter jenen Felsen grub und aus der es hier im Osten zum Vorschein kommt – oder dort im Westen, jenseits des Gebirges.«

Und nun näherte sich des alten Hirten Mund noch dichter dem Ohr des Helden, und plötzlich vernahm Herakles seine Stimme, die klar ward, obwohl er flüsterte, und die nun zu jauchzen und zu jubeln schien: »Schließet ihn im Osten in seiner Höhle ein, mästet ihn im Westen mit Eures Vaters Wald, den er verwüstet hat, bis er übersättigt und matt zu Euren Füßen liegt.«

Verwundert über des Hirten Molorchos Stimme blickte Herakles auf. Die Nacht ward plötzlich schaudervoll dunkel. Tiefe Schatten breiteten sich ringsumher. Die Stille war erfüllt von schwindelndem Entsetzen, und in der Ebene unseligem Grauen hatte die Stimme des Hirten bei allem Flüstern gedröhnt und gejauchzt! Und jetzt – jetzt sah Herakles, wie es um ihn her zu leuchten begann, sah, wie der Hirte zurückwich und im Zurückweichen zu wachsen begann, wie er in der Dunkelheit groß und licht zu werden und dann im Dickicht des Eichenwaldes zu verschwinden schien, in dem es vor dem wehenden Winde zu rauschen begann, vor einem frohen Sturm, der die Blätter nach allen Seiten hin verstreute.

Wie mit Dumpfheit geschlagen stand der Held da und vermochte sich der Worte des Hirten nicht mehr zu entsinnen. Da sah er, wie im Osten ein langer, bleicher Lichtstrahl aufging...

Und dann... dann dröhnte ein ungeheures Gebrüll über die Ebene, daß die Erde erzitterte und die Felsen wankten, und es war, als müsse der Himmel unter dem Widerhall bersten, der sich an den Wolken brach.

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