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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/couperus/herakles/herakles.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091119
projectid08f314c4
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26.

Wie lange er säumte! So lange schon! So lange schon hatten sie Trachin verlassen, um zu Mykenä des Eurystheus Befehl zu vernehmen, und Deianeira wußte, daß Poseidons Priester ihm den ehrenvollen Auftrag gestellt hatten, den Stier zu töten, daß ihm die würdigen Greise in des Königs Namen befohlen hatten, die menschenfressenden Rosse zu vertilgen, daß Admete ihn ersucht hatte, ihr den Gürtel der Amazonenfürstin zu holen. Schwere, gefahrvolle Werke, sicherlich, und dennoch: wie lange säumte er! Die Jahreszeiten hatten einander abgelöst, die Trauben waren geschwollen, der Wein war unter den Füßen im Takt stampfender Tänzer gekeltert, der Schnee hatte die Gipfel des Oita und seine glühenden Flanken überdeckt. Das junge Vieh war geboren, und lang war das Gras auf den Weiden emporgesprossen; in den Hainen wimmelte es jetzt von gesprenkelten rosigen Blumen, und er – er säumte noch immer, noch immer! Und sie selber, Deianeira, hatte ihm ihren Sohn geboren, Hyllos, das herrliche Kind ihrer Liebe, das jetzt froh schreiend ihr zu Füßen lag, während sie draußen inmitten der eichenen, umrankten Säulen saß, leer die untätigen Hände, voller Sorge den traurig träumenden Kopf, wo er doch bliebe, wo er bliebe! Unter den Wechselgesängen der Hirten, die ihre hüpfenden Lämmer und sich tummelnden Geißlein an der Seite der zufriedenen Mütter über die Abhänge der grasigen Hügel geleiteten, unter den spinnenden Jungfrauen und den Frauen am Webstuhl dachte Deianeira sorgenvoll darüber nach, wo er doch bliebe, wo er doch bliebe! War er in Kreta noch, oder bereits in Thrazien, oder vielleicht schon auf dem Wege zu Hippolyta? Oh, wo war er, ihr Held, der nicht heimkam? Würde er nahen, würde er zu ihr zurückkehren, zurück in sein Haus, zurück nach Trachin, zurück zu allen, die ihm angehörten, und zu Hyllos, den er überrascht auf die Arme heben würde, glücklich, daß ihm ein Sohn geboren ward? Oh, wie traurig stimmte sie der Lenz und die frohen Lieder der Männer und Frauen, wie traurig stimmten sie die zwei wilden, weißen Rosse, die schon so lange nicht mehr des Herakles Wagen gezogen und die sich mit den prächtigsten Stuten gepaart hatten, bis viele Füllen, alle weiß wie die Gipfel des Oita, wie letzter Schnee auf den schon lenzlichen Wiesen erglänzten!

Und über die Wege irrte Iolaos umher, traurig wie sie, und starrte und starrte. Wie oft hatte sie nicht mit dem treuen Lenker das Heiligtum der Artemis im Walde aufgesucht, köstliche Opfer dargebracht und die große Göttin, die ihren Helden liebte, angefleht, sie möge zum mindesten sie wissen lassen, wo er sei, wo er sei? Vielleicht im fernen Skythenland? War der Stier noch nicht Poseidon geopfert? Waren die menschenfressenden Rosse noch nicht erschlagen? Diomedes noch nicht getötet? Oder verweilte der Held jetzt vielleicht bei den streitbaren Frauen? Und in ihren sorgenvoll traurigen Träumen stöhnte Deianeira vor Eifersucht, indes das Kind munter zu ihren Füßen lachte. Sie ächzte und stöhnte leise vor Verlangen und eifersüchtigem Schmerz, wenn sie der Admete gedachte, für die er den Gürtel holen, und der Hippolyta, die ihm den Gürtel geben sollte. Wehe, wehe, würde er ihr, die ihn so getreulich liebte, treu sein können, wenn er so fern von ihr bei solch gefahrvollem Werk war, bei dem List mehr fruchten würde denn Kraft? Wehe, wehe, würde der Gemahl der Megara, der Gemahl der fünfzig Töchter des Thespios, der Geliebte so vieler, die er umarmt hatte, der getreuen Deianeira so fern und inmitten so schöner Heldinnen treu bleiben, wie es, dem Vernehmen nach, die männergleichen Reiterinnen des Nordens waren?

So, trüber Sorgen um Herakles voll und von Eifersucht gequält, saß träumend inmitten der eichenen umrankten Säulen Deianeira, indes Hyllos, das Knäblein, jauchzend am Saume ihres Gewandes entlang kroch. Und ihre tränenerfüllten Augen starrten in die Ferne, wo hinter den Hügeln und dem Walde die rote Sonne zwischen den Stämmen sank, die sie in ihren erlöschenden roten Schein tauchte. Und sie sah, wie die Hirten und Hirtinnen über die Hänge der von purpurnem Widerschein überstrahlten Hügel heimwärts strebten, und wie sie die blökenden Lämmer und die meckernden Ziegen den Ställen zutrieben, wie die kläffenden Hunde eifrig sie umtobten, und sie kannte sie alle, die Menschen und die Tiere. Plötzlich aber gewahrte sie voller Erstaunen, daß inmitten der ersten, bereits von Abenddämmerung umschatteten Gestalten eine vorwärts schritt, mit ihnen sich näherte, die ihr aber unbekannt war: lieblich und weiß schien sie wie eine Lichtgestalt inmitten der dunklen Schar der Hirten und Hirtinnen, so daß sich Deianeira verwundert fragte, wer dort drüben, fremd und – an ihrem Schreiten ließ sich dies erkennen – sicherlich von ansehnlicher Geburt, inmitten der Dienerinnen des Herakles sich auf den Weg nach seinem Hause gemacht hatte. Und sie rief in das Innere des Hauses: »Amme, Amme, eile dich, komm doch und nimm mir den kleinen Hyllos ab und bette ihn, denn dort nähert sich inmitten der Hirten und Hirtinnen eine vornehme Fremde der gastlichen Schwelle, und ich werde ihr entgegentreten, um sie in des Herakles Haus willkommen zu heißen.«

Und der Deianeira alte Amme eilte, sich Hyllos zu holen, der jetzt weinte, und die Frau ging den Heimkehrenden entgegen. Und inmitten des Zuges der Hirten und Hirtinnen, die ihre Herden den Ställen zutrieben, gewahrte sie eine liebliche Jungfrau, blond wie die reifen Sommerähren, doch bleichen Antlitzes, das traurig und ernst schon die Spuren von Sorgen und Lebensleid trug. Und zu seiner Herrin trat der älteste Hirte und sprach: »Würdige Herrin, von uns allen geliebte Deianeira, diese edle Jungfrau irrte über die Hügel durch den Wald und suchte des Herakles Behausung, und wir führen sie zu Euch, auf daß sie Euch gewichtige Botschaft künde.«

Deianeira erschrak und wild pochte ihr Herz. Allein höflich trat sie der Fremden entgegen und sprach mit zitternder Stimme voll heimlicher Rührung: »Wer du auch sein magst, edle Jungfrau, und was du auch der Deianeira melden willst: laß sie dich zu allererst willkommen heißen in des Herakles Hause; laß die Frauen dir die Sandalen von den müden Füßen lösen, laß Trank und Speise deinen Hunger stillen und deinen Durst löschen.«

Allein die Jungfrau entgegnete: »O edle Deianeira, des Herakles gute, von all den Seinen geliebte Gattin, dulde es, daß auch Iole dich liebe, die Schwester des Iphitos, des Fürsten von Oichalia, den der Held aus dem Turm befreite und auf den Thron seiner Väter führte, nachdem er den Missetäter Eurytos getötet hatte. O edle Deianeira, dulde es, daß des Iphitos Schwester der Schwester des Meleagros, daß Oichalias Fürstentochter der Tochter des Fürsten von Kalydon zu Füßen falle, um ihr die Dankbarkeit zu erweisen, die ihr Herz für den Helden empfindet, der sie und ihren Bruder rettete.«

Und Iole fiel der Deianeira zu Füßen, und Deianeira hob sie zärtlich in ihre Arme und geleitete sie in den Saal und hieß sie zwischen den eichenen Säulen auf niedrigem Lager niedersitzen. Und die Frauen näherten sich der Iole, um ihr die Riemen der Sandalen zu lösen und ihre müden Füße zu waschen, und sie boten ihr weiße Milch und goldgelben Honigkuchen, und Iole trank und aß, da sie sittsam der Deianeira Gastfreiheit annehmen wollte. Die Lampen waren entzündet, und ihre Flammen strahlten wie Sterne über den bronzenen Ölgefäßen, und nun befahl Deianeira ihren Frauen, daß sie sich zurückziehen und den rotbebänderten Vorhang schließen sollten, auf daß sie, die Herrin, mit ihrem Gaste, der Fürstentochter von Oichalia, allein bliebe. Und dann stand Deianeira schwer atmend vor Iole, die halb auf dem niedrigen Lager saß, und sprach: »O sage mir, Iole, kommst du, mir von meinem Gemahl Kunde zu bringen, und weißt du, wo Herakles verweilet?«

Iole hob traurig die Hände empor, und in ihrem bleichen, traurigen, ernsten Antlitz füllten sich die Augen mit Tränen, als sie sprach: »Ja, Deianeira, ich weiß, wo Herakles weilt, und ich komme, dir Kunde von deinem Gemahl zu bringen.«

»Er lebt?«

»Er lebt. Als ich ihn verließ, lebte der Held, der mein Herr ist, und dessen Sklavin ich bin, doch wenn er auch lebt, so irrt er doch jetzt wirr, ganz von Sinnen, an den finsteren Gestaden Thraziens umher. Als ich mich ihm nahte, hoffte, ihn wieder zur Besinnung zu bringen, erkannte er mich nicht mehr. Wild und wütend irrt er am Strande des düsteren Meeres entlang, entlang an dem felsigen Ufer, wo er des Diomedes Rosse erschlug. Wehe, daß er die Rosse erschlug und ihnen Diomedes vorwarf! Erst hatten die Grausamen den Abderos verschlungen, Kretas Fürstensohn, den Herakles vor dem wüsten Stier rettete, und der ihm gefolgt war, so wie ich ihm folgte.«

Iole erhob sich von dem niederen Lager und fuhr weinend fort: »Seit der Held mit seinen Augen ohnmächtig zusah, wie Abderos verschlungen ward, seit Herakles Diomedes tötete und die Rosse vernichtete und den Scheiterhaufen um das schichtete, was von dem teuren Freunde noch übrig war, seither irrt er, wehe, wie sinnlos umher. Wild starren seine Augen, wild flattert das rote Fell im Sturm um seine Schultern, und seine Haare flattern und sein Bart, und die Thrazier, die anfangs dankbar sich ihm näherten, weil er sie von Diomedes und seinen Rossen befreit hatte, fürchten ihn jetzt wie einen bösen, grausamen Riesen und fliehen vor ihm, wenn er ihnen nahe kommt, wenn er zu des Diomedes Palast emporschleicht, ihn mit Keulenschlag auf Keulenschlag zu zertrümmern. Mir, o Deianeira, gaben die gütigen Götter ein, Thrazien zu verlassen, um in Trachin die traurige Botschaft zu künden. Ich bat Poseidon um seinen Beistand und wartete am Strande, bis zufällig ein Schiff vorüberkäme, seit unsere eigenen Ruderer voller Entsetzen davongefahren waren; sie glaubten wohl, daß die Ungeheuer den geliebten Helden verschlungen hätten. Als ich von fern eines Fahrzeuges ansichtig ward, winkte ich mit diesem weißen Mantel, und die Seeleute nahmen mich auf und fuhren mich nach Oichalia, wo ich meinen guten Bruder wiedersah.«

»Und du, Iole,« sprach traurig weinend Deianeira, während die Tränen auf ihre gerungenen Hände herabtropften, »du bliebst nicht in der Hut des fürstlichen Bruders?«

»O Deianeira, drängte mich nicht die Pflicht der Dankbarkeit, mich nach Trachin aufzumachen, zu des Herakles Haus, zu seiner Gattin, um dir zu künden: Er lebt, den Göttern sei Dank! Er lebt, der Held, doch sinnlos irrt er an Thraziens Strande umher.«

»Wehe!« wiederholte jammernd Deianeira, »sinnlos irrt er an Thraziens Strande umher.«

»Wehe! Dreimal wehe!« jammerte Iole, »wer wird ihm die Vernunft wiedergeben, da die gütigen Götter selber des Herakles vergaßen?«

Und in ihrem Schmerz sanken die beiden Frauen einander in die Arme und schluchzten voller Wehe Herz an Herz. Rings um ihre Traurigkeit lagerte die vom Lampenschein schwach erhellte Nacht. Draußen senkte sich tiefere Dunkelheit auf Wiesen und Felder, auf Hügel und Wald herab. Im Innern der Behausungen war der Schlaf über die schlummernden Dienerinnen und über den kleinen, die Fäustchen schließenden Wicht gekommen. Doch im Innern des Saales, dessen roter Vorhang zwischen den eichenen Säulen zugezogen war, schliefen weder Herrin noch Gast, sondern die ganze Nacht hindurch teilten sie ihren Schmerz, mischten sie ihre heißen Tränen, bis draußen in allernächster Nähe der klare Ruf des Hahnes ertönte und der weiter entfernte Ruf eines zweiten Hahnes antwortete und das Erwachen des Tages kündete.

Die weinenden bleichen Frauen, die einander in den Armen gelegen hatten, fuhren auf, und Deianeira öffnete die eichenen Türen und trat auf die Schwelle und hob ihre Hände zum Himmel empor und betete zu den gütigen Göttern. Zu ihren Füßen war Iole niedergesunken und hob den Saum von Deianeiras Gewand an ihre Lippen. – Draußen zog sich über den östlichen Abhang der Hügelkette der erste leuchtende Streifen des neuen Tages, der geboren ward, und aus dem rosigen Schein schossen die hellen Strahlen der neuen Sonne hervor und breiteten ihren Glanz weit über den Himmel aus. Die Ställe wurden geöffnet, und die Hirten trieben die Herden hinaus. Allüberall erwachte das Leben. Aus dem Hause traten die Frauen, die leeren Kannen auf dem Haupte, die sie unter dem plätschernden Brunnenstrahl füllen und dann zurückbringen wollten, und sie standen und hoben sie auf den Scheitel, und oft ergriffen sie mit beiden Händen die Henkel, oft auch hielten sie die Kannen kunstvoll im Gleichgewicht, ohne zuzufassen.

Auf der Schwelle hatte Deianeira ihr Gebet beendet, und sie neigte ihre traurigen Augen über Iole und empfand in ihrem schmerzerfüllten Herzen den Stachel der Eifersucht. Und dennoch liebte sie dieses Kind von Oichaliens Fürsten, das zu ihr gekommen war, um ihr zu melden, wie ihr Gemahl in der Ferne ganz von Sinnen umherirre, und während sie Iole in ihre mitleidigen Arme schloß, sprach sie. indes ihre Tränen trockneten: »O Iole, weine nicht mehr, da auch ich nicht mehr weine. Die Götter gaben dir ein, was dir aus Dankbarkeit zu tun anstand; mir kündeten sie, was ich aus Liebe zu tun hatte. Erhebe dich und tritt Deianeira zur Seite, indes sie allen verkündet, was sie beschlossen hat.«

Und sie schlug jetzt mit fester Hand mit dem Klöppel gegen das bronzene Becken, das an der eichenen Türe hing. Dreimal gab sie das tönende Zeichen, und alle wußten nun, daß die teure Frau ihnen wichtige Botschaft zu künden habe, und liefen herbei. Aus dem Hause eilten sie herzu, aus der Küche, aus den Vorratskellern, aus den Scheunen, aus den Ställen, von den Hügeln kamen sie herbei; Landbauern und Viehhüter, Hirten und Hirtinnen, und weil sie ihr Vieh um sich hatten, drängte sich eine dichte Schar von Tieren und Menschen über den Vorhof und schaute neugierig auf ihre teure Herrin Deianeira, die sie mit dem dreimal wiederholten Schlage auf das bronzene Becken zu sich gerufen hatte. Und als sie alle dicht um sie waren und warteten, sprach Deianeira mit klarer, bewegter Stimme, nun ihre Tränen versiegt waren:

»O ihr alle, Diener und Dienerinnen des Herrn, den ihr liebt und der ferne weilt, der, wehe, von Sinnen ist und an Thraziens düsterem Strande umherirrt, nachdem er den Stier geopfert und die Rosse vertilgt hat: vernehmt, was Deianeira euch kündet. Sie verläßt euch, und sie kehrt nicht wieder, bevor sie ihren teuren Gemahl gefunden hat und ihn, von seiner Verwirrung geheilt, nach Trachin in sein Haus zurückführen kann. Hört mich, ihr alle, hört mich, und jammert und wehklaget nicht, sondern gelobet mir, daß ihr mir klug den kleinen Hyllos hüten werdet, der euer Herr sein soll, wenn weder Deianeira noch Herakles je wieder zu euch zurückkehren. Gelobet mir, daß ihr in Einigkeit über all dem wachen werdet, was Herakles gehört, und daß ihr die oichalische Fürstentochter ehren werdet, Iole, die aus ferner Geborgenheit hierhereilte, um Deianeira die Botschaft zu bringen. Und du, o Iolaos, du getreuer Lenker der beiden weißen wilden Rosse, spann' ohne Zaudern des Herakles Zwiegespann vor den breiten vierrädrigen Wagen, auf daß Deianeira, wenn sie den Helden findet, ihn an ihrer Seite aus Thrazien nach Trachin zurückführe.«

Jedoch ungeachtet der Worte der Frau stieg ein Wehklagen und Jammern aus der Diener dichter Schar empor, ein Wehklagen um den Herrn, der fern, seiner Sinne nicht mächtig, umherirrte, und Jammer um die von allen geliebte Herrin, die mit dem getreuen Iolaos Trachin verlassen und eine so weite Reise antreten wollte, und rings um Deianeira schluchzten die Frauen. Sie aber befahl, daß man ihr den weiten Reisemantel bringe, der aus amethystfarbener doppeltgefärbter Wolle leicht gewebt war, und sie schlug ihn in dichten Falten um ihre weiße Schulter und zog den gefügigen Stoff unter der anderen Achsel durch, so daß er in vielen Falten in ungewollter Schönheit auf ihre Füße herabfiel, und sie befahl, daß man ihr den Reisehut bringe, der breitrandig aus feinem Stroh geflochten war und in eine hohe Spitze auslief, und gebot, daß man ihn ihr auf dem Haarknoten befestige. Und als sie bereit war, den vierrädrigen Reisewagen zu besteigen, den Iolaos mit den laut wiehernden Rossen bespannt hatte, umarmte sie Iole und duldete es, daß alle den Saum ihres Gewandes küßten. Und dann schaute sie sich um und winkte ihrer Amme, die den kleinen, weinenden Hyllos in den hoch erhobenen Armen hielt. Zärtlich umarmte sie ihren Sohn und sprach, von Schmerz übermannt:

»Amme, die du mir dereinst die milchreiche Brust darbotest, du, der Deianeira die mütterliche Sorge dankt, wache nun über Hyllos, so wie du über seiner Mutter wachtest, auf daß Herakles, wenn ich mit meinem Helden, meines Hyllos Vater, zurückkehre, sein Kind gesund in die Arme schließen und glücklich sein kann, weil ihm Hyllos geboren ward.«

Und sie bestieg den Wagen. Iolaos knallte mit der Peitsche, und hoch aufbäumend schossen die zwei wilden weißen Rosse vorwärts, wirbelten eine Wolke weißen Staubes auf, indes die Diener, die Hirten und Hirtinnen, die Hüter mit ihren dichten Herden über den sich windenden Weg nachfolgten, bis das laut wiehernde flinke Gespann hinter der wirren Linie der Hügelkette verschwunden war, und die Hüter die Rinder um sich sammelten, und die Hirtinnen und Hirten die blökenden Schafe und die meckernden Ziegen an den grasigen Abhängen entlang trieben, und die ganze Landschaft ihr alltägliches Aussehen wiederannahm – nur daß dort drüben am Ende des weißen Weges der letzte puderweiße wirbelnde Staub sichtbar ward, durch den der Morgensonnenschein sein Gold träufelte.

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