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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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25.

Er sah vom hohen Basaltturm herab auf den Platz, den Weg, das Felsenschloss, den Strand, das Meer. Er unterschied sein eigenes Schiff. Er sah auf dem Wege vor dem Schlosse die halb verschlungenen Leichen der Kaufleute liegen. Er sah über die Felsen, den Strand die vier Rosse, von Fesseln und Knebeln befreit, wie den Sturmwind daherrasen. Ihr entsetzliches Wiehern heulte wie ein Sturmesbrausen. Um ihre gekrümmten Nacken flatterten die schwarzen, purpurnen Mähnen. Von ihren rabenschwarzen Leibern wehten die purpurnen Schweife, und sogar aus dieser Ferne sah man die bißbereiten gefletschten Zähne blitzen. Mit gekrümmten Vorderbeinen, gestreckten Hinterfüßen schienen sie zu schweben; Köpfe und Nacken waren gereckt, aus den Augen schossen purpurne Flammen, und so rannten sie voller Blutdurst die Felsen hinauf und wieder hinab, über den Strand und am Ufer des Meeres entlang. Und er sah, er sah, der Held, von so hoher Warte herab, wie die Ruderer schon das Schiff bestiegen hatten und entsetzt davonruderten, und er sah, der Held, wie Abderos und Iole, beide so zart und so weiß, ihm so weit, so fern, vor den wie ein Sturmwind näher rasenden Rossen entflohen. Er sah, wie Abderos, der Iole beschützen wollte, von den blitzenden Zähnen zweier Rosse angepackt ward. Er sah, wie ihre grausamen Mäuler den Knaben hierhin und dorthin zerrten, wie die Ungeheuer um ihre Beute kämpften, die sie mit ihren Hufen zertraten, und die sie nun so fern, so fern und doch vor des Herakles qualvoll heraustretenden Augen verschlangen. Er hörte Ioles langtönenden Schrei des Entsetzens, indes sie durch die Felsen hindurch floh, während die beiden anderen Rosse, von dem Geruch des Blutes angelockt, gleichfalls herbeistürmten, die Felsen herab an den Strand tobten, um sich zu einem ungeheuren Klumpen, zu einer grausamen Wolke des Entsetzens zu ballen und in Raserei sich auf ihre Beute zu stürzen.

Sobald der Held dies gewahrte und fühlte, wie bei all seiner Ratlosigkeit die Reue darüber erwachte, daß er seine Pfeile in dem Augenblick verachtet hatte, da er die Rosse hätte fällen können, stieß er einen brüllenden Schrei ohnmächtiger Wut und Raserei aus, raufte sich Haare und Bart, schwang die Keule im Kreise über seinem Kopf, und indes er auf Diomedes trat, der ihm zu Füßen lag, schien er mit wahnsinnigen Augen und verzerrtem Mund dem Himmel zu drohen. Mit diesem brüllenden Schrei fluchte er den Göttern, Zeus, Apollo, Athena, Aphrodite; mit seinem wutschäumenden Munde spie er nach Hera ... und es war, als ob die dunkle Wolke, als welche der ungeheure Klumpen der rabenschwarzen, purpurmähnigen Rosse erschien, sich ihm näherte und sich über seinem Hirn auftürmte. In seinem ihn mehr und mehr umdüsternden Wahnsinn brüllte er wie ein Stier, und also brüllend schwang er die Keule und wollte sie auf Diomedes herabsausen lassen. Doch plötzlich wurde sein umdunkelter Geist wie von einem Blitz der Rache durchzuckt: sein schäumender, verzerrter Mund brüllte wortlos und sinnlos weiter und weiter wie ein Stier, daß die Luft schaudernd sich entsetzte. Und voll von dem in ihm aufzuckenden Gedanken der Rache schleppte er Diomedes die Stufen und Treppen der Türme und Zinnen hinab, zog ihn über den Vorplatz des Palastes, schlug ihn in starke Fesseln, warf ihn sich über den Rücken und ging, wahnsinnig brüllend wie ein Stier und die Keule drohend geschwungen, den Weg hinab. Er schrie vor Wut und Schmerz, und die Felsen erzitterten unter dem Widerhall, der an ihren Wänden entlangzog. Plötzlich sah er auf einer Hochebene aus ödem Gestein ein weißes bleiches Menschenbild mit erhobenen Händen ihm entgegeneilen. Und es schrie: »Herakles! Herakles! Rette Abderos!«

Er gewahrte Iole nicht; er verstand nur das letzte Wort: er brüllte wie ein Stier, seine sonst so gütigen blaugrauen Augen schossen zuckende Blitze, und er schwang die Keule und rückte sich seine Last auf der Schulter zurecht, und die Jungfrau entsetzte sich und eilte schreiend von dannen. Herakles aber taumelte immer weiter die Felsen hinab, und im Entfliehen hörte Iole ihn brüllen. Sein entsetzliches Geschrei hallte überall am tieferliegenden Strande Thraziens wieder. Sogar die Rosse wurden in ihrer Gefräßigkeit gestört, erhoben die gekrümmten Nacken, tanzten auf ihren Hufen, schlugen mit den Schweifen. Furchtlos und immer weiter wie wahnsinnig brüllend näherte sich ihnen der Held. Schnaubend sammelten sie sich rings um ihn, zauderten, ihn anzugreifen. Allein der Held schleuderte ihnen, noch immer mit dem gleichen schmerzvollen Stiergebrüll, den gefesselten Körper ihres eigenen Herrn Diomedes entgegen. Sie stürzten sich alle vier auf ihre Beute, und ihre Zähne zerrten an den wehrlosen Gliedern. Plötzlich sauste der Keulenschlag auf den purpurflammigen Schädel eines der Rosse hinab; es stürzte und blieb liegen. Die drei anderen warfen sich in ungeheurer Gefräßigkeit auf ihr Schlachtopfer. Wieder sauste der Keulenschlag, nun auf den Schädel des zweiten Rosses; es stürzte und blieb liegen. Das dritte Roß, gleichfalls getroffen, stürzte, und nun das vierte, und da lagen sie nun alle: ein einziger Haufen rabenschwarzer ungeheurer Pferdeleiber, eine wirre Masse von Köpfen und Mähnen und Leibern und Beinen und Schweifen.

Über diesem wüsten Knäuel dunkelte die Nacht – schwarz, undurchdringlich, ohne einen einzigen Stern. Hoch auf den Felsen, im Angesicht des Palastes, war Iole erschöpft niedergesunken. Sie hörte noch immer das Stiergebrüll des wahnsinnigen Helden. Sie rang die Hände und rief die Götter an. Plötzlich züngelte drunten am Strande, wo sie des Herakles Wüten gesehen hatte, eine rote Flamme empor, und die Jungfrau gewahrte, daß der Held rings um die Leichen der Rosse, des Diomedes und des Abderos einen breiten Scheiterhaufen geschichtet hatte und die Flamme die Stämme der Pinien ergriff. Lodernd stieg sie in dunkler schwarzer Nacht empor, und durch die nun purpurfarbene Dunkelheit erklang noch immer, hin und wieder durch ein angsterweckendes Schluchzen unterbrochen, das wahnsinnige Gebrüll des Helden, gleich als sei es das schmerzvolle Aufbrüllen eines tödlich verwundeten und doch nicht sterbenden Stieres.

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