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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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24.

Plötzlich schreckte er auf. Gesang ertönte auf dem breiten Wege, der am Schlosse vorüberführte, und ein Zug reisender Kaufleute kam daher, der mit ballenbeladenen Kamelen und Sänften schleppenden Elefanten aus dem Osten gen Westen wollte. Und vor der düsteren, verschlossenen Feste erhoben die Kaufleute lockend ihre Stimmen, und ihre Frauen zupften die Harfen, auf daß die Bewohner ihren Zug bemerken und sie einladen sollten, zu kommen und die kostbaren Waren aus den fernen Landen zu zeigen, wo die Lotosblume an blauen Flüssen blüht, wo der himmelanstrebenden Berge silberner Schnee bis zu der Götter Wohnungen emporreicht, wo Drachen mit glühenden Beryllaugen um die verschlungenen Stämme blühender Kirschbäume sich winden und träumen. Und schon wurden die dröhnenden eisernen Pforten des basaltenen Palastes weit aufgetan, und die braunen Fremdlinge stiegen freudig ab, und ihre jungen Töchter kamen tanzend aus ihren Gazezelten zum Vorschein: schon befahlen die Kaufleute den Sklaven, die Ballen von den Höckern der Kamele in das Innere des Schlosses zu schleppen: da erschien auf den Zinnen der Feste, hoch gegen den grauen Himmel sich abhebend, eine düstere Gestalt; dunkle Locken hingen wirr um ein dunkles Antlitz, finster blickten die Augen, der Leib war von einer purpurn leuchtenden Waffenrüstung umschlossen. Und da stand sie wie ein höllischer Gott, rot und schwarz, feurig und finster. So hoch reckte sich die Gestalt auf der Zinne zum sonnenlosen Himmel hinauf, daß die Kaufleute sich entsetzten und den Sklaven angstvoll geboten, wieder aufzuladen. Doch schon war es zu spät, denn ein rasendes tierisches Gebrüll erscholl, und aus der Schloßpforte stürmten mit heulendem Gewieher vier rabenschwarze Rosse hervor: größer noch als die Pferde des Hades waren sie, dunkelpurpurne Mähnen und Schweife hatten sie und purpurn flammende Augen, und sie fletschten die blitzenden Zähne. Und sie brüllten, und durch die windlose Stille klang es plötzlich wie Sturmgeheul. Und sie stürzten sich hoch aufbäumend auf den verzweifelten Zug vor dem Schlosse. Sie schlugen mit den Hufen die schreienden Frauen nieder. Die Elefanten und Kamele stoben nach allen Richtungen auseinander, aber die rotschwarzen Rosse verfolgten nicht die Tiere, sondern warfen sich wild vor sättigungsuchender, rasender Wollust auf den verworrenen Zug von Männern und Frauen und Kindern. Vier mörderische Ungeheuer stürzten sich, alles verschlingend, auf den hilflosen Menschenknäuel. Unter brüllendem Wiehern zerbrachen sie mit rasendem Biß auf Biß die knackenden Nacken, schlugen die Zähne in zerschmetterte Köpfe, rissen einander gebrochene Arme und Beine wütend und gierig aus den Pferdemäulern, gönnten einander die Beute nicht –

Droben auf den Zinnen des Schlosses war noch immer die finstere Gestalt in der purpurn glänzenden Waffenrüstung sichtbar und schaute gierigen Auges und mit grausamem Lächeln herab.

Der Held inmitten der Felsen gewahrte diesen Höllenspuk, und schon wollte er sich den Bogen vom Rücken reißen und die Pfeile aus dem Köcher ziehen, als er sich zaudernd besann. Warum? Er wußte es nicht. Allein der Bogen war ihm nicht so lieb wie seine Keule. Die purpurspitzigen Pfeile, die er in der Hydra Blut getaucht hatte, wogen ihm – obwohl sie doch seine eigenen treuen Waffen waren, die allerentsetzlichsten. die er besaß, und unheilbare Wunden schlugen – schwer in dem Köcher, und sie waren ihm nicht so lieb, und oft ordnete er sie ungeduldig im Köcher oder stieß mit dem Ellenbogen die Schafte, die ihm im Wege waren, zornig nach rückwärts fort. Und statt jetzt von sicherem Versteck aus des Diomedes ungeheure Rosse zu fällen, gab ein rätselhaftes Zaudern dem Herakles ein, näher zu treten und die ihm so teure Keule zu schwingen, die er mit eiserner Faust umspannte. Riesengroß, mit erhobener Keule stürzte sich der Held furchtlos mitten in die fürchterliche Hölle vor dem Schlosse, und indes er daran dachte, wie Eurystheus sich entsetzen würde, wenn sein Sklave die Rosse lebend, doch mit starken Fesseln umschlungen, in die Stadt Mykenä hineinführen würde, schlug Herakles, der bei diesem Gedanken beinahe auflachen mußte, dem Roß, das ihm zunächst stand, die Keule vor die von kohlschwarzem Haar umrahmte Stirn, wobei er den Schlag so genau berechnete, daß die furchtbare Stute nicht zerschmettert, sondern nur betäubt zu Boden sank. Und dann packte er inmitten des wirren Knäuels von Ungeheuern und Menschen ein zweites Roß bei der Mähne, schwang sich auf das wiehernde erschreckte Tier, preßte ihm mit seinen kräftigen Knieen die Flanken zusammen, bis es schreiend, wiehernd, heulend nach Atem rang und die Beine zwischen den Schenkeln des Helden krümmte, der ihm die Rippen zerbrach. Während er noch auf dem unterliegenden Rosse saß, das langsam zu Boden sank, führte Herakles abermals genau berechnend einen Keulenschlag, nun gegen des dritten Untiers purpurn und pechschwarzen Kopf, daß es sich hoch aufbäumte und aus den blitzenden Nüstern voller Glut heißen Dampf schnob und die Zähne fletschte, indes es mit seiner ganzen Schwere auf die halbverschlungenen Leichen herabfiel. Nun aber ließ das vierte Roß, das sich wie rasend auf den Hinterbeinen bäumte, hinter des Herakles Rücken seine blitzenden Zähne auf ihn herabsausen: jedoch es traf nur das Fell des Löwen und zerriß es und zerrte daran, indes der überraschte Held sich eilends aufrichtete und umwendete und das Roß an den schäumenden Nüstern packte und zwischen den ihn umklammernden Vorderbeinen mit ihm rang und dann dem Untier die Keule auf den Schädel sausen ließ, daß es taumelte und besiegt ward. Die Kaufleute wollten freudig aufjauchzend dem Herakles dankbar zu Füßen fallen: er aber befahl ihnen, den ungeheuren Rossen die Kiefer mit dicken Tauen zu umschnüren und ihnen starke und breite Fesseln um ihre breiten Nacken zu legen, damit sie, wenn sie aus ihrer Betäubung erwachten, gefahrlos den langen Weg nach Mykenä geführt werden könnten. Und während sich die Kaufleute freudig und dankbar beeiferten, den Befehl ihres Erlösers auszuführen, hob Herakles das Haupt zu den Zinnen des Schlosses empor. Dort stand noch immer der finstere Diomedes, und sein dunkles Antlitz war wie im Schatten des Todes erbleicht, die schwarzen Augen starrten voll Entsetzen. Herakles befahl den Kaufleuten, bei den Rossen, deren Mäuler nun umschnürt und deren Beine in festen Banden waren, Wache zu halten, bis er den grausamen Diomedes gleichfalls überwältigt und in Fesseln geschlagen hatte, um ihn, sobald die Rosse hungrig wären, seinen eigenen Ungeheuern zum Fraße vorzuwerfen. Und er drang in das Innere der Feste. Er überschritt den finsteren Platz, betrat den dunklen Palast. Vor seiner Riesengröße flohen erschreckt die Diener und schreienden Frauen in alle Richtungen davon. Sie schienen inmitten der düsteren Säulen, der unermeßlichen Säle wie höllische Schatten und Larven, wie schwarze und rote Gespenster, die vor den dröhnenden Schritten des Helden entflohen. Oben auf der breiten Treppe aus Basalt stand unversehens, von Dämmer umgeben, Diomedes und rief mit zitternder, angstvoller Stimme: »Wer bist du, der meine Rosse überwältigt?«

»Alkeios, der deiner Herr werden wird, so wie er Herr deiner Rosse wurde!« rief der Held.

»Ich bin des Ares Sohn!« rief Diomedes.

Herakles lachte grausam. Er dachte daran, wie Aphrodite den Ares in diesem Augenblick in Tausenden von lieblichen Rosen zurückhielt. »Ich bin der Sohn des Zeus!« rief er mit klarer Stimme, »und mein Vater wacht über mir!«

Und rasch eilte er die basaltenen Stufen empor. Oben auf dem höchsten Absatz erwartete Diomedes mit hoch erhobenen Händen sein rächendes Schicksal. Dunkelpurpurn und schwarz erschien er wie die Nacht selber, die kommt, um den strahlenden Tag zu besiegen, schien wie die Dunkelheit, die doch keine Macht über das Licht besitzt, das ihr entgegeneilt. Beinahe bot er selber seine Hände dar. Beinahe hielt er selber seine Brust dem Faust- oder Keulenschlag entgegen, über der Feste grollte der Donner, und froh vernahm Herakles die Stimme seines Vaters: vergeblich aber lauschte Diomedes, ob nicht das Waffengeklirr des Ares ertöne. Allein der göttliche Sohn trat nicht gegen den göttlichen Vater auf noch gegen den menschlichen Bruder. Er blieb fern, gefesselt in den Tausenden von Rosen der Aphrodite. Und Herakles packte wie im Spiel den grausamen Diomedes mit dröhnendem Lachen bei den Gelenken und schleifte ihn die Treppen hinauf, schleifte ihn auf die hohen Zinnen und hob ihn bereits hoch empor, um ihn vom höchsten Turm herabzuschleudern ... als das, was er hörte und sah, ihn vor Abscheu in seiner Rache lähmte.

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