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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid08f314c4
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22.

Es war nun finstere Nacht, Nacht voll stillen Entsetzens, gleich als sei die Dunkelheit verzaubernd aus noch dunklerem Himmel über die dunkle See herabgesunken. Kein Wind wehte aus den schwarzen Wolken, die tief und schwer am nächtlichen Himmel hingen. Reglos lagen die Wasser wie geschmolzenes Blei und dehnten sich bis zu der kaum sichtbaren Horizontlinie aus. In dem entsetzlichen Dunkel kündete nicht einmal ein Wetterleuchten das Nahen des Sturmes, dessen wohltuende Brise dem erwachenden Tage Erleichterung bringen sollte. Dunkel und blaugrau blieb das Meer, pechschwarz der Himmel, und aus der windlosen Dunkelheit wehte eisige Kälte, in der die Eisvögel mit schriller Klage ihre Flügel an den sich tief senkenden Felsen entlang regten, die der Steuermann zu meiden suchte, indes die Ruderer, nachdem sie die Segel gestrichen, angstvoll die Riemen bewegten und voll Schaudern zu den durch die Nacht flatternden verschwommenen Flügeln hinaufstarrten, zu den traurigen Vögeln, die einst glückliche Menschen gewesen waren, so stolz, daß sie sich die Namen der Götter beilegten – bis Hera sie zu neuem anderen Dasein erweckt hatte, in dem ihre unversöhnliche Rache sie unablässig über die dunklen kalten Wasser jagte.

Aber dann zog auch aus dieser kalten Dunkelheit ein sonnenloser Morgen herauf, und Herakles spähte, die Hand am Steuer, nach der unheilvollen Küste, wo die graue, fast unbewegte See Thraziens Graus umspülte ... Dies war das Land des entsetzlichen Ares, des göttlichen Wüstlings, des unzähmbaren Sohnes von Zeus und Hera, dem Waffenklirren Musik war, dessen Freude der Krieg bildete, dem es Wollust bereitete, das Schlachtfeld mit Tausenden von Leichen zu bedecken, dessen Haß seiner göttlichen Schwester Athena galt, und der ob seiner männlichen Schönheit von seiner anderen Götterschwester, der himmlischen Aphrodite, leidenschaftlich geliebt worden war. Sie hatte seine Wildheit in ihren Armen gefesselt und ihn Liebe gelehrt: doch jedesmal, wenn er den zarten Fesseln entronnen war, lenkte der wilde Olympier, der kupferbehelmte Ares die schwarzen Rosse seines schweren Streitwagens nach dem rauhen Thrazien zurück. Voll Zorn war er darüber, daß nach dem Willen der anderen Götter Freude herrschte, und er kümmerte sich, in dem unwirtlichen Gebirge verborgen, wenig um andere Dinge, als um wilden Krieg und die weiche Wollust von Aphroditens Liebe. Neben seiner göttlichen Geliebten, die ihn in die seligen Fesseln ihrer Lust geschlagen, liebte er die Frauen der Welt, die Dryaden der Wälder und die Najaden in den Wassern, und seine vielen Söhne vermochte er selber nicht mehr zu zählen. Doch einen unter ihnen erkannte sein düsterer Sinn dennoch vor den anderen: Diomedes, den finsteren Sohn der thrazischen Fürstentochter Kyrene, der wild lachenden Jägerin. Und Ares hatte den Diomedes als Herrscher über den Landstrich eingesetzt, der dem Gotte wohlgefiel, und ihm die vier entsetzlichen Rosse geschenkt, die nur Menschenfleisch fraßen.

Grauer als sonst war der sonnenlose Morgen an diesem Tage. Voller Sorge fuhren die Ruderer langsam weiter, und zu des Herakles Füßen saßen Abderos und Iole, gleich zwei blonden ernsten Kindern: besorgt auch sie um den Helden, der ihnen lieb war. Schärfer zeichnete sich das rauhe und felsige Ufer Thraziens ab, und die Berge wurden dunkelgrau an dem hellgrauen Himmel sichtbar. Nur vereinzelt waren hier und dort Pinien an den Felsen sichtbar.

»Gefährten,« sprach der Held mahnend, »hier droht die Küste Thraziens. Bis hierher die Fahrt, nicht weiter! Leget am Strande an, auf daß ich an Land gehe, und ihr ...«

Die Ruderer trieben das Fahrzeug an den Klippen entlang, die Mannen machten das Schiff mit starken Tauen an den Felsspitzen fest.

»Und ihr«, fuhr Herakles fort, indes alle an Land stiegen und den Helden voller Rührung umringten, »höret mich jetzt an, ich bitte euch. Ich weiß nicht, ob ich die Rosse einfangen werde, die Thrazien heimsuchen; ich weiß nicht, ob ich Diomedes töten werde. Er ist der Sohn des kupfergehelmten Ares, und der Vater wird seinen Sohn beschirmen. Was werde ich Sterblicher gegenüber dem Olympier ausrichten! Was vermag ich gegen den göttlichen Bruder! Beide sind wir Söhne des Zeus, doch des Ares Mutter ist Hera, die Fürstin der Götter, die mich haßt. Meine Mutter war nur Alkmene, die Tochter des Elektryon, der über Mykenä herrschte, über mein Erbteil, das ich verloren. Was vermag der Sklave und der Büßer gegen den mächtigen waffenklirrenden Gott! Wehe, o meine teuren Gefährten, wehe, mein lieber Abderos, wehe, meine sanfte Iole, wann sehe ich euch, die ich jetzt verlassen muß, wieder, wann schließe ich euch von neuem in die Arme? Durch die dunkel verhängte Zukunft gewahrt Alkeios diesen freudigen Tag noch nicht. Nein, ihr teuren Gefährten, folget mir nicht, um vielleicht nur meinen Tod mit mir zu teilen. Nein, Abderos, folge mir nicht, bleibe bei Iole, bleibet alle auf diesem einsamen, aber doch sicheren Fleck beisammen, verborgen zwischen den Felsen; nur hier werde ich euch, so die Götter dem Herakles zum achten Male günstig sind, wieder suchen, hier werde ich euch wiedersehen. Und nun, da ich euch umarme, einen nach dem anderen, euch alle, die ihr mir so lieb seid, dich, Königstochter Oichalias, dich, Königssohn Kretas, euch, ihr tapferen Gefährten, deren sehnige Arme mich bis nach Thrazien ruderten: nun ich euch umarme und nicht weiß, wann ich es von neuem tun kann, nun zittert der kraftvolle Alkeios, nun zweifelt er an dem Siege, nun möchte er beinahe weinen gleich einer schwachen Frau und seine Tränen mit den euren mischen, die er an seiner Brust, über seine Hände fließen fühlt. Jetzt fleht er euch alle an: seid fromm, seid fromm! Bringt auf dem flachsten Felsenstein dem Poseidon Opfer dar; rufet in dem dunklen Walde Zeus an, auf daß er über seinem unglücklichen Sohn wache! Vergesset weder Apollo bei Tage noch Artemis bei Nacht zu danken für das, was sie dem Alkeios taten, und betet zu Athena, o betet zu Athena, daß sie des Alkeios Hirn erleuchte, auf daß keinerlei wilde Triebe seinen Geist umdüstern, noch sinnlose Wut ihn wild mache!«

Rings um den riesengroßen Helden drängten sich die Gefährten und rührten an sein Gewand, und er umarmte sie alle, und sie fielen einander schluchzend in die Arme, gleich als wären sie Brüder und Schwestern, bis der Held sich endlich losriß und zwischen den Felsen und Fichtenstämmen entschwand, die sich wie graue Geheimnisse vom Himmel düster abhoben. Er entschwand. Kein Wind blies aus den grauen Wolken, die tief und schwer am Morgenhimmel hingen. Keine Woge kräuselte die Wasser, die reglos wie geschmolzenes Blei dalagen und sich bis an die unbestimmte Horizontlinie breiteten. Das Meer schien von seinen Wassergeschöpfen, das Land von den Geschöpfen der Erde entvölkert zu sein. Hier herrschte rings ödeste Verlassenheit.

Angstvoll starrten die Schiffsleute um sich. Plötzlich gewahrten sie auf einer hohen Felsenspitze einen großen, wilden, schwarzgefleckten und weißgehörnten Widder. Sie zeigten einander das Tier, das sich dunkel vom dunklen Himmel abhob, und die Felsen emporschleichend, verfolgten sie den Bock und fingen ihn und töteten ihn und trugen ihn hinab und legten ihn auf den flachsten Felsenstein, und sie opferten den Bock Poseidon, um dem Gotte für die glückliche Fahrt zu danken, indes Abderos und Iole mit hoch erhobenen Armen durch ihre Tränen hindurch heilige Dankesworte stammelten.

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