Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Couperus >

Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/couperus/herakles/herakles.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091119
projectid08f314c4
Schließen

Navigation:

2.

Im Palast von Mykenä saß der Herrscher Eurystheus, der Perseide, klein, schwächlich, dürftig und mißgestaltet auf seinem breiten, runden Thronsessel. Denn Zeus hatte, als sein Sohn Herakles ihm geboren werden sollte, in übermütiger Freude den Göttern verkündet, daß der erste Sproß aus Perseus' Stamm, der an jenem Tage das Licht der Welt erblickte, ein mächtiger Herrscher sein sollte. Hera hatte ihren Gemahl beim Styx schwören lassen, daß seine Verheißung Wahrheit werden sollte, und war dann, mit Haß im Herzen, eilends zur Erde hinabgefahren. um die Geburt des Eurystheus zu beschleunigen, indes sie Alkmene sich in schweren, langen Geburtswehen winden ließ. Und wirklich wurde Eurystheus dank den Bemühungen der Hera zuerst geboren, doch klein blieb er, schwächlich und mißgestaltet, und so saß er jetzt als Herrscher Mykenäs auf dem breiten, runden Thronsessel. Und vor ihm stand der riesige Held, und das Volk von Mykenä strömte in unübersehbaren Scharen herbei.

»Eurystheus,« sprach Herakles voller Spott, »unvergleichlicher Held aller Helden, kraftvoller Herrscher und mächtiger Fürst, strahlender Perseide, lieber Vetter! Dir huldigt Herakles, der Sohn des Zeus und der Alkmene, ein Nachkomme des Perseus gleich dir! Siehe, ich stehe vor dir wie dem Sklave, dem du befehlen sollst, was dein Wille ist, seit das Orakel von Delphi durch den Mund der von schweren Dämpfen umwogten Pythia mich unter dein Gebot stellte. Du, dem Zeus die mächtige Herrschaft vermachte, wie er beim Styx geschworen hatte: herrsch und befiehl über mich! Sprich: was soll ich, dein Knecht, vollbringen, auf daß du zufrieden seist?«

In seinen goldenen Mantel gehüllt, klein, schwächlich, dürftig und mißgestaltet, in sich zusammengesunken, hatte Eurystheus, dem allzu weit die Krone auf dem spitzen Schädel saß, noch ehe der Held erschienen war, schon überlegt, sorgsam überlegt, welches Werk er ihm als grausame Buße auferlegen wolle. Denn Eurystheus war eitel auf den Schutz der Hera, wenngleich ihr Mühen ihn allzufrüh und unausgetragen das Sonnenlicht hatte schauen lassen, und er glaubte, er wäre durch die himmlischen Mächte dazu erwählt, den Muttermörder zu strafen. Dennoch empfand der Herrscher Angst, nun der Held vor ihm stand, denn ungeachtet seiner Eitelkeit war sein überlegendes Hirn in dem engen Schädel voll klarster Einsicht, und er begriff es wohl, der Mißgestaltete, daß er nicht, wie andere Helden, kraft seiner Stärke und Unüberwindlichkeit herrschte: er begriff es wohl, daß er seine Herrschaft nur der launischen Gunst der Götter zu danken hatte. Was sollte werden, wenn jemals Hera sich von ihm wenden, jemals Zeus seinen Bastardsohn, der wahren Bedeutung jener Verheißung gemäß, zum Herrscher erheben würde? Wie, wenn der plötzliche Wechsel der Göttergunst und der Schicksalslaune Herakles den Gedanken eingäbe, nach der Krone zu greifen, die ihm, den Eurystheus, zu weit war? Allein des Eurystheus Angst erwies sich als eitel. Der Held, den er haßte und fürchtete, richtete sich nun baumhoch vor ihm auf, und wie ein Riesenstamm stand er vor dem runden Thron und wartete mit spöttischem Lächeln, indes Eurystheus noch zauderte, bis er befahl:

»Töte mir den Löwen!«

»Ich habe den Löwen von Thespiä erlegt,« antwortete der Held und erhob stolz das Haupt auf dem breiten Nacken über den Muskelmassen der mächtigen Schultern.

Eurystheus grinste und sprach:

»Töte mir den Löwen von Nemea!«

Da erbleichte der Held unter seinem krausen Barte, denn er sah vor sich ein Ding der Unmöglichkeit. Eurystheus hätte ihm ebensogut befehlen können: »Führe mir den Hund Zerberus aus dem Tartaros hier vor!« oder: »Nimm dem Atlas, der das Himmelsgewölbe schleppt, seine Last von den Schultern!« Und der Held begriff bei des Eurystheus Befehl, daß die Götter sein Ende wünschten. Finster wandte er sich darum ab und raunte in seinen Bart: »Es sei!«

Und er ging. Er durchschritt den vielsäuligen Palast und nahm seinen Weg mitten durch die Scharen der Mykener. Groß und finster stapfte er dahin, den Kopf hatte er leicht gebeugt: es schien, als ob ein dräuender Gott durch ihre Reihen hinschritte. Er ging durch die vielen Pforten der Stadt und schlug den Weg ein, der zum Walde führte. Rings um ihn breitete sich die kahle Ebene aus, und in der Ferne sah er der blauenden Berge einzeln hervorragende Häupter. Der Himmel wölbte sich unergründlich tief über ihm, und in dem duftigen Thymian der Felder zirpten laut die Grillen. Vor dem Helden dunkelte gespenstisch und geheimnisvoll der Wald. Gleich als trüge er wie eine unsichtbare Last seine Traurigkeit auf dem breiten Joch seiner Schultern, so schritt Herakles dahin. Unter seinen breiten Füßen wirbelte der Staub in großen Wolken auf. Einmal blickte er wie vorwurfsvoll zum unergründlichen Himmel empor. Dann aber ließ er wieder den Kopf hangen und schaute auf die Staubwolken zu seinen Füßen. Er schritt dahin, als ginge er seinem Ende entgegen: er fühlte Leid in seinem Herzen, und es war, als schmerze ihn seine mächtige breite Brust. Heras Haß brachte so viel Weh über ihn ob seiner Übeltaten und seines Muttermordes. Sein Hochmut litt unter seiner Erniedrigung. Um den verlorenen Hylas litt er, und mehr als all dieses Leiden schmerzte es ihn, daß seiner Tage Ende zu nahen schien und seine sonst grenzenlose Kraft durch einen einzigen Schlag von der Vordertatze des Untiers gebrochen werden sollte, das Typhon, der Riese, aus dem Schoße der Drachenjungfrau Echidna erzeugt hatte: sie beide waren die grauenvollen Erzeuger furchtbarer Brut, Typhon mit den hundert Drachenköpfen und Echidna, die Jungfrau mit dem Schlangenleib, die ewig Mutter und ewig Jungfrau war, sie beide, die Entsetzlichen, unersättlich als Liebende wie als Geliebte, die Erde und Himmel erschreckten und die Götter vor all den kaum bezähmbaren Ungeheuern erschauern ließen, die sie aus ihrem Schoße erweckten: Chimära und Sphinx, Zerberus und Gorgo. Auch das nemeische Ungeheuer war eine Frucht ihrer entsetzlichen, aller göttlichen Gesetze des Maßes und der Schönheit spottenden Liebe. Typhon selber hatte einst den Zeus besiegt, bevor der Vater der Götter ihn unter dem Ätna zerschmetterte. Wie sollte nun des Zeus Bastardsohn Typhons unsterbliche Brut vernichten können? Der Held dachte nicht an Sieg. In seinem leidvollen Herzen war die wehe Gewißheit, daß er seinem Ende entgegenginge. Als er die Ebene durchschritten hatte, trat er in den dunklen Eichwald von Kleonä. Um des Herakles muskelstarke Riesengröße ragten die nicht minder gewaltigen riesengroßen Eichenstämme. Sie wanden sich, vor Kraft berstend, bis ihre Rinde krachte, und ihre Wurzeln zogen sich weithin, gleich als wollten sie sich vom Stamme entfernen ... Aus den gekrümmten Stämmen reckten sich die mächtigen Zweige mit den schwellenden Knospen, und aus ihren Gabelungen wölbten sich die schlanken Zweige unentwirrbar zu einem dichten Dome. Das raschelnde Laub schwieg niemals und rauschte in einem fort. Und Herakles glaubte in diesem Laubgang durch die sich ewig regenden Blätter die mächtige, beinahe jubelnd lachende Stimme seines Vaters Zeus zu vernehmen, so wie diese Stimme durch die Eichenstämme von Dodonas heiligem Walde sang und lachte. Und sie erfreute das leidvolle Herz des Herakles, und ihr bezaubernder Klang gab es dem Helden ein, einen der jüngsten Eichenstämme mit seinen muskelstarken Armen zu umspannen. Der Baum, zwar jung noch, war schon stark wie ein junger Riese, und es schien fast, als ringe Herakles mit einem Riesenknaben. Auf ihren Kampf, den Kampf des Helden mit dem Baume, blickte der durch das Laubwerk dringende Sonnenschein in wechselndem rotgoldenen Glanze. Herakles riß und zerrte an dem zähen, jungen Baum, als wollte er, der riesige Ringkämpfer, einen anderen seinesgleichen besiegen. Der Baum hielt stand, ächzte, krümmte sich, blieb aber fest auf seinen Wurzelfüßen stehen. Plötzlich schlug er seine Zweige wie in Verzweiflung ob seiner Niederlage in die Luft, und diese Bewegung ließ den Himmel klarer hereinschauen, während das Laub zu dem Laub der anderen zuschauenden Bäume schmerzvoll emporrauschte. So wie sie mit tiefer dunkelndem Blätterwerk schmerzvoll rauschten, rauschen die wiegenden Wogen des Meeres mit anderen echoweckenden Wogen zusammen, hin und wieder. Nun hielt der Held den jungen Baumriesen entwurzelt in seinen Armen, umklammerte ihn, drückte ihn an seine Brust: seine Schenkel waren gestrafft, die Kniee gebogen, die Waden geschwollen, die Füße breit aufgestellt. Und nun legte er die besiegte Eiche wie einen Toten auf den Boden nieder, über die Wurzelfüße der anderen Bäume, auf das schwere, üppig wuchernde, lichte, grüne Moos. Da lag der junge Baum, und seine Blätter sangen nicht mehr: es war, als sei die Stimme des Zeus in ihm erstorben. Herakles hatte sich ihm zur Seite gesetzt und blickte zu der weiten blauen Kuppel hinauf, die sich über dem entwurzelten Baum aus der Himmelstiefe gewölbt hatte. Der Held saß von Licht übergossen inmitten des dunkeln Laubes. Er summte zwischen seinen bärtigen Lippen den fast ganz verstummten, leisen Sang nach, dieweil seine Seele nicht mehr so sehr von Kummer bedrückt war. Er blickte auf den toten Baum, und seine beiden mächtigen Hände streckten sich zu einem der Zweige aus, der weithin gebreitet dalag wie ein Arm. Und mit seinen Fäusten umfaßte er diesen Zweig und brach ihn, riß ihn ab und stürzte sich auf den jungen, zarten Bast, stürzte sich auf das fast weiße, zuckende Fleisch des noch lebenden, gefolterten Holzes. Nach diesem Ast brach er einen zweiten ab, dann einen dritten, einen vierten. Und nach den Ästen griff er in die Wurzeln, riß sie aus, zerrte die üppigen Zweige und wilden Blätter mit starken Händen vom Stamme herab und warf sie fort und streute ihr Laub ringsumher. Um Herakles sah es nun aus wie nach dem vernichtenden Toben eines Sturmes, der sich wütend auf diesen einen jugendlichen Riesenbaum gestürzt hatte, und ernst, schweigsam und finster schauten die anderen Bäume zu. Herakles aber saß breitbeinig auf einem Ast und streifte Blätter und Zweige von dem Baume ab und sang nun selbst den rauschenden Sang, den die Bäume nicht mehr sangen. Und endlich seufzte er müde auf und blickte auf den gefällten, zerstörten Baum zu seinen Füßen. Der junge Riesenbaum lag breit da, und seine Wurzelenden verjüngten sich nach oben. Der junge Riesenbaum war seiner Äste und seiner Blätter beraubt, war zu einer knorrigen Keule geworden, und als Herakles sich erhob und diese Keule maß, reichte sie ihm bis an die Schultern. Sinnend dachte er darüber nach, ob er sich wohl eine dauerhafte, kräftige Waffe geschaffen habe, und betastete die Keule, die er auf dem breiten Baumstumpf aufstellte, wie ein Ringer die Muskeln seines Gegners betastet. Hart waren die Knorren des weißen zerschundenen Holzes, und Herakles war zufrieden und lehnte sich ermattet auf das schmalere Ende der Keule, das er in seine Achselhöhle preßte. Rings um ihn senkte sich aus dem dunklen Himmel die Nacht herab, und die Bäume und der ganze Wald nahmen in der Nacht ihren rauschenden Sang wieder auf, der die Dunkelheit durchtoste.

Der Held ruhte sinnend aus, wie er so auf seine Keule gestützt stand. Und während seine Blicke die Verwüstung schauten, fühlte er, wie von neuem, von neuem Sorge und trübselige Hoffnungslosigkeit sein leidvolles Herz erfüllte ... ungeachtet seiner Waffe, die ihm gar wohl gefiel ...

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.