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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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18.

Da sprach Deianeira: »O mein Gemahl, mein inniggeliebter Herakles, fürchte nicht, daß deine Gattin sich als schwache Frau dir widersetzen wird, wenn du deine Kräfte genugsam gewachsen fühlst, um dorthin zu gehen, wohin dich die Pflicht ruft. Stark und stattlich stehst du wieder vor mir. Geheilt ist dein Leib, und deine Muskeln sind geübt. Heller grüßen mich deine geliebten Augen mit ihrem lieb, doch immer etwas traurig lächelnden Blick. Ich aber sage dir: Geh, mein herrlicher Held, laß Iolaos die weißen wilden Rosse vor den Wagen spannen. Geh, herrlicher Held, geh zu Eurystheus, wenn die Götter, die dich behüten, wenn Zeus, Phöbus-Apollo, Athena es so wünschen. Geh und vollbringe wiederum, zum sechsten Male, ein ruhmreiches Werk! Deianeira wird für reiche Opfer auf den Altären der guten Götter sorgen. Deianeira wird geduldig warten, bis Herakles ruhmbeladen an seinen Herd heimkommt, und nicht wird sie wehklagen, daß ihr Gemahl ihrem Lager ferne weilt. Doch jubeln wird sie, wenn er wiederum in ihre Arme zurückkehrt. Geh, geh, mein Held!«

Und Deianeira weinte nicht, als Herakles sie zum Abschied umarmte und den Wagen bestieg. Der Weg nach Mykenä war lang. Als Herakles in die Stadttore einfuhr, jubelte das Volk, dem er teuer war, ihm zu. Sie sahen ihn schöner und jugendlicher wiederkehren, als er ihnen je zuvor erschienen war, breiter und kräftiger sah er aus und unüberwindlicher, und sie sprachen also untereinander:

»Fürwahr: wohl wird Eurystheus, wenn er nun unseres Helden wieder ansichtig wird, ihm ein schweres Werk ersinnen. Doch ruhmvoll wird Herakles es vollführen, der Überwinder der entsetzlichsten Ungeheuer, der Verderber der Brut Typhons und der Echidna, der herrliche Wohltäter von ganz Hellas: und wir fürchten nun nicht mehr für ihn, nachdem er fünfmal gesiegt und die Hälfte seiner Buße vollbracht hat. Doch welches allerschwerste Werk wird ihm jetzt Eurystheus ersinnen?«

Und untereinander nannten die Mykener alle Schrecken und Ungeheuer, die das heilige Hellas unsicher machten, doch niemand wagte es, des Eurystheus Befehl vorauszusagen.

Vor dem Palast stieg Herakles ab, und um die nämliche Stunde wurden die Pforten des Palastes geschlossen, und Herakles verweilte auf den Stufen und fragte lachend mit leichtem Spott: »Ist der strahlende Perseide, mein Vetter, im Faß versteckt oder im Keller verborgen, oder hockt er nur hinter dem Thron? Und wünscht er nicht selber aus dem Faß, aus dem Keller oder hinter dem Thron hervor den sechsten Befehl ertönen zu lassen? Warum treten dann nicht seine Herolde dem Alkeios entgegen, angeführt von Kopreus, der die eherne Stimme wieder erschallen läßt?«

Doch die Mykener wußten dem Herakles nicht auf seine Frage zu antworten und fragten nun ihrerseits: »Herakles, bist du guten Muts?«

»Ich bin voll guten Muts«, sprach stolz der Held. »Wenn Hera mich auch haßt: Zeus, Phöbus-Apollo und Artemis haben den Herakles lieb und wachen über ihm und erleichtern ihm die Lösung der schweren Aufgaben. Ich bin voll guten Mutes. Mein Arm ist stärker denn je, mein Geist klarer, mein Blut pulst kräftig in meinen Adern, und nicht vergaß ich, an der Seite der Deianeira läuternde Sühneopfer darzubringen. Ich fürchte mich kaum vor dem, was mir Eurystheus auftragen wird. Ich will Hellas von den unholden Ungeheuern befreien, und wenn ich beim letzten Abenteuer unterliege, wohl, so füge ich mich ergeben in den Willen der Götter. Ihr Freunde, ich bin voll guten Mutes, doch warum bleibt die Palastpforte noch immer geschlossen, warum erscheinen die Herolde nicht?«

So sprach Herakles, auf die Keule gestützt, den roten Löwen als Helm auf dem Haupt, vom roten Fell umwallt, das ihm über den Rücken fiel, und die Mykener wunderten sich mit ihm, als sich nun endlich ein alter, mühsam einherschreitender, armseliger Diener aus dem Stall des Königs von der Rückseite des Palastes her näherte, der unter dem Arm einen alten Besen und in der Hand einen zerschlissenen Korb voll von eben zusammengefegtem Pferdemiste trug. Zum Erstaunen aller kam er langsam auf Herakles zu und murmelte dem Helden mit seinem zahnlosen Munde zu: »Herakles, Held der Helden, Eurystheus hat mich beauftragt, Euch das sechste Werk zu nennen, das Ihr vollbringen sollt: Reiniget den Stall des Königs Augias von Elis!«

Ein Schrei der Entrüstung erscholl aus der Schar der Mykener. Der Held selber aber, größer, schöner, kräftiger und göttlicher denn je, richtete sich hoch auf, als habe der alte Mann gewagt, ihm einen Schlag ins Antlitz zu geben. Er wurde blaß und rot, während ihm die Adern an Nacken und Schläfen schwollen, und aus seinen sonst so gütigen, nur etwas traurig lächelnden graublauen Augen schössen plötzlich unheilkündende Blitze. Er hatte die Erniedrigung empfunden und begriffen, und sein plötzlich siedendes Blut schien unzähmbar durch die fast berstenden Adern zu strömen. In seinem Hirn wogte es immer schneller und schneller wie Raserei. Vor seinen Augen verschwamm alles und alle in einem schnellen und immer schnelleren Taumel: und nicht mehr Herr seiner selber, nun Hera Macht über ihn gewonnen hatte, stieß er einen lauten, gellenden Schrei aus. Unkenntlich fast vor Wut, den sonst so gütigen Mund grausam verzerrend, hob er die schwere Keule empor, schwang sie wild, als stünde er vor der Hydra oder dem Löwen, und ließ sie auf den alten Mann herabsausen, der zerschmettert zu seinen Füßen niedersank. Ein Schrecken fuhr durch die Schar der Mykener, als sie den Helden so sahen, wie sie ihn wohl mit Worten anderer geschildert bekommen, doch niemals noch selber gesehen hatten, und das Volk, das ihn liebte, stürzte voller Todesangst in alle Richtungen davon. Selbst seine beiden wilden weißen Rosse bäumten sich hoch auf, rasten davon und schleuderten Iolaos von dem Wagen. Und Herakles schwang in der Hand die mächtige Keule wie rasend und brüllte und schrie und ließ sie hierhin und dort herabsausen, und seines Grimmes Opfer fielen, von den Streichen getroffen, rings um ihn: Mykener, die ihn liebten, die er liebte, tapfere Männer, gute Frauen, Greise und Kinder.

Ein Angstgeschrei voll schrillen Entsetzens klang aus der zitternden Stadt empor, klang aus den gedrängt vollen Straßen und von den Dächern der Häuser, wo die bangen Bewohner die Hände gen Himmel hoben. Allein der rasende Held schlug jetzt, von seinem blinden Triebe hingerissen, mit der blutigen Keule an die bronzene Mitteltür des Palastes und gebot, daß man sie auftue.

»Öffne!« brüllte er wie rasend, »öffne die Türe. Eurystheus, der du mir, dem Sohne des Zeus, zu befehlen wagst, daß ich die stinkenden Ställe des Augias reinige. Öffne, öffne, denn ich will über dich kommen! Zerschmettern werde ich dich, Kröte! Zunichte machen werde ich dich, Elender, unter meiner Keule, unter meinen Füßen, bis dein Blut spritzt und dein Hirn herausquillt. Öffne, Eurystheus!«

Und der rasende Held schlug gegen die bronzene Tür und hieb in entsetzlichster Wut Säule nach Säule um: sie wankten und stürzten ein, bis die Tür selber, von einem Funkenregen übersprüht, dröhnte und Herakles, mit geschwungener Keule, vor Zorn schwindlig, in die tausendsäuligen Säle hineinraste. Vor ihm flohen mit erhobenen Händen die letzten Höflinge, zu Tode erschreckt, und versteckten sich. Allein Herakles rannte hinter ihnen her, zerschmetterte links einen und rechts einen, daß sie in einem Strom von Blut übereinanderstürzten, und seine wie rasend umhersausende Keule schlug gegen die Säulen, die wankten, beschrieb sogar schon den rächenden Schwung über des Eurystheus Thron, der am Ende des Saales stand. Doch bevor der Held die Keule auf den runden Marmorsessel herabsausen lassen konnte, erschien vor ihm, einem silbernen Nebel gleich, die strahlende Göttin Athena und hob strenge den warnenden Finger. »Er soll mein sein, ich will ihn vernichten!« brüllte der rasende Held. »Zertreten werde ich ihn, zerschmettern werde ich ihn, bis sein Blut spritzt, bis sein Hirn herausquillt. Selbst du, Athena, sollst mich nicht davon zurückhalten, daß ich ihn zertrete. Ach, Athena, was gebeust du mir Einhalt! Geh nun, geh, da ich Eurystheus ermorden will! Warum hieltest du warnend mich nicht zurück, als ich meine Kinder erschlug, als ich Megara erwürgte, als ich Alkmenen das Schwert in die Brust trieb? Und warum erschienst du mir damals nicht, wie du nun, allzuspät, in leuchtender Weisheit vor mir stehst? So viele andere Male hieltest du mich nicht zurück, und jetzt willst du mich hindern, da ich den schmählichen Beleidiger zerschmettern will! Hinweg aus meinen Augen, Göttin! Die herrliche Hera beseelt mich, und Hera ist die Allermächtigste, und Eurystheus wird mir zum Opfer fallen, mir erliegen! Und sollte ich von diesem ganzen Palast nicht einen einzigen Stein auf dem anderen lassen!«

Vorüber an der schimmernden Erscheinung, dem silbernen Nebel eilte Herakles weiter, und die geschwungene Keule sauste kreisend gegen die berstenden Architrave, bis vor den Frauengemächern ein Vorhang gelüftet wurde und Admete erschien und rief: »Herakles!«

Plötzlich hielt der rasende Held inne: er zitterte wie ein sturmgepeitschter Baum, und die Keule fiel krachend ihm zu Füßen, daß die Steine des Fußbodens klirrten.

»Herakles!« rief furchtlos die klare Stimme der Jungfrau, »was tust du?«

»Ich suche deinen Vater, Admete.«

»Und was willst du ihm tun, Herakles?«

Rings um den Helden und die Jungfrau war plötzlich Stille in dem tausendsäuligen Palast. Und in dieser Stille waren sie beide allein.

»Mich an dem rächen, der mich beleidigte.«

Admete war zu dem Helden getreten und sprach: »Darfst du dich rächen, selbst wenn er dich kränkt? Bist du nicht mehr sein Diener und sein Sklave? Trug er dir nicht auf, den Löwen, die Hydra, den Eber zu töten, und tötetest du nicht sie, wie die furchtbaren Vögel? Trug er dir nicht auf, die Hirschkuh einzufangen, und fingst du sie nicht? Sah Admete nicht die zarte Hirschkuh dir zur Seite stehen? Streichelte sie nicht den Hals der Hirschkuh und ihre Flanken? Und nun, o Herakles, wolltest du dich weigern, das sechste Werk zu vollbringen, wolltest dem allerheiligsten Orakel trotzen? Herakles, gib mir deine Hand! Komm, wir wollen beide zusammen die Keule aufheben. Komm mit, du schwacher Held, der du nicht mehr Herr über dich selber bist. Warum starrst du mir so in die Augen, o Herakles?«

»Weil sie blau sind wie die See, und weil sie Athenas Augen gleichen.«

»Gib mir deine Hand. Komm! Alle sind entflohen, weil sie dich fürchten: mein Vater und die Höflinge, alle sind sie entflohen, nur Admete floh nicht mit ihnen, weil sie sich nicht vor dir fürchtete.«

»O Admete, wenn Eurystheus und seine Mykener, wenn der alte Diener, den ich erschlug, mit deinen Augen geblickt, mit Admetes Stimme gesprochen hätten, so würde Alkeios nimmermehr wie ein Rasender gegen ihr Fleisch und Blut gewütet haben.«

»Komm mit, du schwacher Held, komm mit, vorüber an unseren zerschlagenen Säulen, vorüber an diesen erschlagenen Mykenern. Tritt hinaus durch diese zerschmetterte Pforte und vollführe das Werk der Buße.«

Admete, die den Helden an ihrer Hand führte, war nun in den Säulenhof vor dem Palast gelangt. Auf dem Platze wehklagten die Mykener um ihrer Erschlagenen willen. Ein unermeßlicher Schmerz senkte sich wie eine schwere, schwarze Wolke auf Herakles herab. Als er, nun seiner wieder mächtig, aufsah und zur Seite blickte, war Admete verschwunden gleich Athena, und der Held stand ratlos da, mit Stummheit geschlagen: er hörte Eltern und Männer und Frauen schluchzen und jammern und klagen, und endlich rief er aus:

»O ihr trauernden Mykener, über die Herakles die Trauer brachte, wie er sie einstmals über sich selber brachte, sehet, hier steht er: tut an ihm, wie ihr wollt, ihr Mütter, die er kinderlos machte, ihr Frauen, deren Männer er erschlug, stürzt euch wie wilde Mänaden auf ihn, kratzt ihm die Augen aus, zerreißt ihn mit euren scharfen Nägeln: ihr Männer, deren Frauen und Kinder er erschlug, haut ihn mit Beilen nieder. O ihr trauernden Mykener, hier steht Herakles, den Hera mit Raserei erfüllte. Sein Arm war stärker denn je. Sein Geist war klar, sein Blut pulste kräftig in seinen Adern, und nicht vergaß er, an der Seite Deianeiras läuternde Sühneopfer darzubringen. Er kam voller Hoffnung, voll guten Willens, dem Eurystheus ein guter Sklave zu sein und das heilige Hellas von entsetzlichen Ungeheuern zu befreien. Wehe, o ihr trauernden Mykener, Herakles kannte nicht den Augenblick, der ihm bevorstand, und auch nicht die Stunde, die nun vorübergezogen ist: umnebelt war des Herakles Sinn und verwirrt sein Geist. O Mykener, sehet: hier steht Herakles, bereit, das Opfer eurer Rache zu werden.«

Die Arme geöffnet, stand er wartend da, während die Keule gleich einem traurigen Freunde gegen seine Schulter gelehnt lag. Und die Mykener näherten sich ihm, traurig und wehklagend, und der Allerälteste unter ihnen, ein Hundertjähriger, dem Herakles den Enkelsohn erschlagen hatte, sprach zu ihm:

»O Held, wir wollen keine Rache. Wir wissen, daß Hera dich haßt, so wie sie uns haßt, die wir von Eurystheus regiert werden. Herr, wir werden dich lieben, und statt uns mit Beilen auf dich zu stürzen, wünschen wir alle, denen du Leid antatest, ohne es zu wollen, dir zu sagen: mische deinen Schmerz um die Toten mit unserem Leid. Laß uns zusammen bittere Tränen vergießen und einander in Liebe umarmen, denn wir wollen nicht neues nutzloses Blut vergießen, sondern lieber neue Liebe und neues Leben wecken!«

Gerührt schluchzte der Held laut auf und preßte den Greis an seine breite Brust, und alle umstanden laut wehklagend die Erschlagenen, und der Greis führte Herakles in die Mitte des Platzes. Lauter jammerte der Held, und er kniete auf dem Platz nieder. Und lauter wehklagten alle. Gleich einem Büßenden kniete der Held und schluchzte in seine Hände, und alle, denen er Leid angetan, umringten ihn, denn sie begriffen, daß Hera ihn haßte, und sie wollten nicht an ihm Rache nehmen, sondern ihn lieben, über jedem Leichnam jammerte Herakles inmitten der trauernden Anverwandten. Die Sonne sank, und noch immer stiegen die Klagen zum Himmel empor.

Endlich sprach Herakles: »O ihr trauernden Mykener, denen ich Leid antat, und die ich doch liebe: ich will ewig Büßer sein, nicht mehr, um die eigene Schuld zu büßen, die so groß ist, daß sie unsühnbar ist, sondern um zu büßen, wie ich es euch versprach. O ihr trauernden Mykener, ich gehe. Hier, nehmt die Trophäe meines ersten Sieges, mit der ihr mich bekleidetet. Verwahrt mir meine Keule, meinen treuen Freund, und gebt mir den armseligen Mantel und den braunen Hut eines Bettlers, der das Antlitz tief beschattet. Reicht mir einen starken Spaten und gebt ihr, denen ich Leid antat, mir den Segen eurer Liebe. Denn, ihr trauernden Mykener, ich gehe. Herakles beugt sich der Demütigung und begibt sich auf den Weg nach Elis, um des Königs Augias Ställe zu reinigen.«

Die Nacht war hereingebrochen. In der Dunkelheit umarmte der Held alle, denen er Kummer bereitet hatte, und die weinenden Mykener sahen ihn langsam, gebückt, auf seinen Spaten gestützt davongehen, einem alten Tagelöhner gleich, der Arbeit suchend an Hof und Häusern entlang irrt, über Wege und Felder, über Wiesen und durch dunkle Wälder...

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