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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12.

Über Arkadien herrschte die Unbarmherzigkeit einer rauhen Jahreszeit, wie sie in der Jahrhunderte Lauf noch niemals ihr weißes Zepter geschwungen hatte. Die Berge, die ringsum ihre Häupter emporreckten, waren von blendendem Schnee bedeckt. Die blätterlosen Wälder erschienen wie Werke aus Marmor, die von Bildhauern mit Zauberkunst aus glitzerndem Stein gehauen waren. Felder und Wiesen lagen gleich riesigen Leichentüchern da. Die Ströme waren zu weißlich-blauen Eisflächen geworden. An den Marmorfelsen hingen des Dionysos Ranken verweht und blätterlos in trostloser Verwirrung. Über den Ställen der Hirten, in denen das ängstliche Vieh eingeschlossen war, lastete die schwere weiße Schicht auf den Strohdächern, die fast unter ihrer Last brachen. Und ebenso lag sie auf den niederen Hütten der Bauern, die vergeblich zu Demeter beteten, dieweil auf ihren Altären die Feuer durch die unablässig fallenden Flocken ausgelöscht wurden. Inmitten des bleichen Wirbels, inmitten der grauen Nebel war Helios selbst zu mittäglicher Stunde nicht zu sehen, und die Tage schienen kürzer, als sie sonst zu währen pflegten – denn ungeachtet der rauhen und unbarmherzigen Wetterunbill war es der Monat der Aphrodite und des Adonis, war es der Monat des sonst nicht mehr schnee-weißen, sondern in weißem Blütenblust erschimmernden Lenzes.

Dort, wohin Jolaos, der Lenker, mit seinem Stachel die beiden bangen, weißen Rosse gezwungen hatte, bebende Hufe in den knirschenden Flaum des sich verlierenden Weges zu schlagen, war Herakles vom Wagen herabgestiegen; er umarmte seinen Diener, der in trostloser Verzweiflung schluchzte und weinte. »Kehre zurück, o Jolaos,« sagte der Held, »und quäle unsere edlen Rosse nicht länger vorwärts. Kehre zurück, o Freund, und wenn Zeus, mein Vater, es also will, wenn Athena es wünscht, wenn Apollo es fügt, werden wir einander wiedersehen, sobald die heilige Sonne den unheiligen Schnee besiegt hat, den das gespenstische Tier unablässig aus seinen Borsten schüttelt. Denn nicht Alkeios wird den Eber erschlagen, den nur der von fern her Treffende mit seinen goldenen Pfeilen erlegen kann; wo der große Gott selber ohnmächtig ist, da werden die weißen Felder und Wiesen ihr Totenlinnen bald über den breiten, der sich hier allzu verwegen in einen Kampf einließ. Kehre zurück, o getreuer Iolaos, verweile nicht länger nutzlos, sorge für unsere armen zitternden Rosse und wende den Wagen; kehre zurück, Jolaos.«

Und der Held löste sich aus den Armen des Lenkers und stapfte mit großen Schritten durch den Schnee davon. Er versank bis an die Hüften in der Flockendecke, und jeder Schritt bedeutete einen Kampf mit dem weichen Element. Rings um Herakles fielen die dichten, zahllosen Flocken, tausende, abertausende. Gleich gefrorenen Tränen gerannen sie zu Eis an des Helden rotem Kopfschutz und an seinem flockigen Löwenfell, in seinem Bart und in seinen Augenbrauen. Sie bedeckten die Knorren der Keule und häuften ihr Eis rings um die Pfeile im Köcher. Herakles schritt unablässig mühselig und ohne Hoffnung weiter. In seinem Herzen erwartete er baldigen Tod. Aus seinem Munde erklang nicht einmal mehr das fromme Gebet, und seine geblendeten Augen blickten nicht mehr flehend zum Himmel empor, der sich hinter dichtem, undurchsehbarem Schnee verbarg.

Da breiteten sich die sonst so lieblichen Gefilde, die sonst so gesegneten Haine des Dionysos, der Demeter und des Pan, die Lande der Liebe und der Fruchtbarkeit, die Lande des Glückes aus: da lag Arkadien. Es war eine einzige Steppe, unabsehbar mit ihren beschneiten Hängen; sie waren nur durch einen Schleier von Flocken zu schauen, der sich, zauberhaft, ohne Ende, immer weiter aus dem tiefhängenden Nebelhimmel herabwebte. Doch weil all die traurigen Arkadier den Herakles erwartet hatten, so strömten die Bauern, die Winzer, die Hirten ihm jetzt in langsamem, Schritt für Schritt sich heranwindenden dunklen Zuge entgegen: elende Männer und Frauen und Kinder, Greise und Säuglinge; und mit ihnen kam das Vieh, das aus den Ställen ausgebrochen war, die mageren Rinder, die ihre Köpfe hangen ließen, die erschöpften Schafe und Ziegen, dazu die schmerzlich heulenden Schäferhunde. Und das alles zog langsam, mühselig, Schritt für Schritt dem Helden entgegen, der selber finster, mutlos, machtlos, hoffnungslos ihnen durch den alles bedeckenden Schnee entgegenkam. Rings um ihn tönten jetzt lauter die Klagen von Mensch und Tier, und das angstvolle Blöken und Heulen und Flehen floß zu einem dumpfen Meer des Elends zusammen, daß ein durch den Schnee gedämpftes Rauschen rings um Herakles sich staute und wogte und brandete, bis er in Schnee und Schmerz versunken schien und nicht wußte, wohin er die Augen richten sollte ... Worte hoffnungslosen Trostes gefroren auf den Lippen des selbst nicht daran Glaubenden. Wie ein Ohnmächtiger, wie ein Tor stand der Held da, dessen Kraft mit keiner Menschenkraft vergleichbar war, dessen Geist aber nicht wußte, welche Worte er jetzt sprechen, welche Gebärden er jetzt machen müßte, um Trost zu bringen und den Zauber zu brechen. Er war gekommen als ein Verzweifelnder, und sie glaubten in ihm einen Retter zu sehen. Denn sie entsannen sich längst vergessener Orakel, deren sie in Zeiten der Liebe, des Glückes und des immerwährenden Lenzes nicht geachtet hatten. Sie klammerten sich an ihn, an seine Arme, seine Beine: sie umfaßten seine Kniee; sie beugten sich über seine Füße; sie küßten ihm die Hände und den Mund. Wer zu fern stand, streckte ihm verzweiflungsvoll die Arme entgegen; Mütter hoben ihre Kinder ihm entgegen, und er ging finster, traurig, hoffnungslos, machtlos in ihrer Mitte, schritt durch ihre dürftigen Herden dahin: mutlos schüttelte er sein gutes Haupt, das sich hoch über sie alle emporhob, das Haupt unter dem Löwenkopf, der zu einer Schneehaube geworden war. Er ging, er schritt, von ihrem Flehen und ihrem Jammern begleitet, durch das Meer ihres Elendes dahin. Er stapfte, er stampfte in der Richtung der das Entsetzen bergenden erymanthischen Berge davon. Er ging wie ein alter Mann, stützte sich auf seine junge, in dem Schnee versinkende Keule, und endlich hob er die Augen empor, in denen Tränen standen, endlich wagte es sein Mund, aus hoffnungslosem Herzen zu flehen:

»O mein Vater, o Zeus, hast du mich denn verlassen?«

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