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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091119
projectid08f314c4
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10.

Der Held ruhte in dem Eichenwalde, der sich mit seinen letzten, dünneren Ästen, Zweigen, Blättern, Wurzeln zu den ägäischen Wassern hinabsenkte: weithin dehnten sie sich beinahe reglos blau unter dem milden goldenen Mittagsscheine. Die azurne See breitete sich wie ein Kreis unter dem opalen leuchtenden Himmelsdom aus, und der Horizont verblaßte in dem überfließenden Sonnenlicht. Die hochstehende Sonne goß ihre Strahlen durch die letzten Zweige der letzten Bäume und schien auf den Sand, auf die beinahe schaumlos heranrauschenden blauen Wogen. Die Sonne beschien auch den Helden, dessen gewaltiger Körper massig an den breiten Fuß einer Eiche gelagert war und dessen göttliche Muskeln an den starken Gliedern des edlen bronzefarbenen Leibes schwollen, daß es neben den starken braunen Knorren des Baumes aussah, als ruhe ein göttlicher neben einem irdischen Bruder.

Herakles lag, der Ruhe wollüstig genießend, und hielt den Kopf in die Handfläche und den viereckigen Ellenbogen in das grüne, duftende Moos gestützt. Aus Gras und Kraut, aus Blatt und Blumen, aus irdischem Grund und Himmelsluft, sonnendurchglühtem Sand und sonnenbeschienener See stieg herrlicher Duft wohltuend empor und wölbte sich sichtbarlich zitternd wie Weihrauch über dem bronzefarbenen Göttersproß. Grillen zirpten und Käfer summten und Vögel zwitscherten, während aus der Tiefe des Waldes sanft die perlenden Klänge der zärtliche Liebesweisen spielenden Faunsflöten klangen.

Der Held ruhte in seliger Lust. Rings um ihn webte die Einsamkeit und wiegte ihn in Träume, die hinausgingen in die weite, blauende Ferne. Sein Körper ward ihm leicht, nun er in dem salzigen Balsam gebadet, mit dem wohltuenden Salze gerieben, in den heiligen Wassern gewaschen war, nun die Wunden geheilt, das kräftige Fleisch geknetet, die mächtigen Muskeln entspannt und gleich den Muskeln auch die Seele entspannt war. Nicht mehr von schwerem Drucke belastet war sie dem Helden, denn er sah die Zukunft noch nicht. Vielmehr sann er in beinahe verwunderter Dankbarkeit über das nach, was gewesen war, über das, was er getan hatte. Wenn er den Löwen, den Schrecken Nemeas, getötet hatte, wenn es ihm gelungen war, die Hydra, Lernas Entsetzen, bis auf das, was an ihr unsterblich war, mit der guten Keule zu zerschmettern, die wie ein jüngerer Bruder ihm zur Seite lag, so war solches Werk unter dem Blick seines großen Vaters vollbracht, und Zeus würde in seinem Gemüte vielleicht doch noch einmal das Ende der Buße seines Sohnes und dessen Erlösung aus der Knechtschaft beschließen ... Über solchem Grübeln hüllte eine beinahe wohltuende Schwermut des Träumers Hirn ein. Er fühlte sich einsam und müde. Die ihm lieb gewesen waren, hatte er erschlagen oder verlassen: Megara und ihre teuren Kinder, und die Töchter des Thespis mit den fünfzig tapferen Söhnen. Hulas, der später sein Trost geworden, war ihm geraubt. Jetzt war er der einsame Sklave, der nur noch dem Willen eines unwürdigen Herrn gehorchte, ob er gleich der Sohn des Zeus war. der Pflegling der Göttermutter Hera, die ihm noch immer zürnte, obgleich er einen Tropfen Milch aus ihrer mütterlichen Brust gesogen hatte. Wohl waren ihm die brave Keule und der leichtherzige Jolaos, seine beiden guten Helfer in überwältigender Gefahr, lieb und treu, wohl empfand er es freudig, wie die Liebe der Urginer und Mykener ihm warm entgegenschlug, und dennoch – dennoch fühlte er sich einsam, wenngleich die Einsamkeit ihn heute mit sanfter Gewalt in wehmütige Traume wiegte. Er sehnte sich nach Liebe. Unter seinen starrenden, graublauen Augen stiegen gleich schwebenden Schwanen die Gestalten der Frauen empor, die er besessen hatte. Sie schwebten näher, gleich durchsichtigen Schleiern, gleich Lichtnebeln: in weißer Schönheit zogen sie über den sonndurchleuchteten Opalglanz der See dahin, und es war, als ob die Wellen ihre Schatten widerspiegelten. Sie schwebten heran und zogen vorüber, und weiter breitete sich die Einsamkeit aus. und in der brennenden Mittagsstunde sangen ihre Stimmen leise und schwiegen dann, gleich als fühlten sie, daß sie nicht Liebe für ihn bedeutet hatten ...

Mit einem schweren Seufzer des Verlangens, der seiner breiten Brust entstieg, sank des Herakles Haupt auf die Wurzeln der Eiche herab. Er schlief ein. Regelmäßig kam und ging der Atem. Aber die schmale Stirn unter dem kupferroten lockigen Haar zogen sich bereits erste Runzeln des Schmerzes. Der kurze Bart kräuselte sich um das gebräunte Antlitz, dessen bronzefarbene Haut von dunkler Glutröte gefärbt war. An den etwas schrägen Schläfen schwollen die Adern, auf der kurzen Nackensäule strafften sich die Muskeln. Die breiten Schultern stiegen wie Hügel empor und senkten sich dann allmählich zu den Muskeln der Oberarme herab. Die starken Stränge lagen wie mächtige Taue auf den Unterarmen und verliefen von da zu den guten mächtigen Händen. Der liegende Rumpf ruhte auf den Wurzeln des Baumes, wie der Held seinem wehmutdurchzogenen Schlummer hingegeben dalag. Die Schenkel wölbten sich über dem Gras, und auch in der Ruhe waren die Waden noch immer gespannt. Ihm zur Seite ruhte wie ein Freund die Keule, und der schlafende Herakles hatte die eine Hand über ihre Knorren gebreitet. Lange blieb er still, indes die Sonne sank und ihre schrägen Strahlen gleich rotgoldenen Pfeilen durch den Wald schossen. Dann begannen die perlenden Töne der leisen, zärtlichen Faunsflöten sanft aus der Tiefe des Waldes zu klingen. Bevor die Ruhe der Nacht einsetzte, sangen einmal noch leise die Vögel. In den rötlichen Strahlen summten die Käfer, ließen die Grillen ihr munteres Zirpen ertönen, und durch das rotgolden beleuchtete fernere Laubgerinnsel inmitten der schwarzen Baumstämme wurden die Dryaden sichtbar. Sie tanzten Hand in Hand und sangen:

»Heil, Heil! Dort, wo sich das Tal von dem festen Felsen herabsenkte und der entsetzenweckende Löwe sich drohend zu den dunklen Wolken aufreckte, ... dort, wo Menschengebeine und grinsende Totenköpfe das öde Felsgestein bedeckten, hat Herakles gesiegt! Heil, Heil! Die Dankesopfer haben geraucht. Aus den heiligen Flammen der Fackel ist die geläuterte Asche gesammelt. Die Toten wurden geehrt, Leben ist von neuem erblüht. O Herakles, heil! Nun sind die lieben Götter in die so lange verlassenen Landstriche von Nemea zurückgekehrt. Demeters zarter Schritt weckt die dürren zerborstenen Gründe zu neuer Fruchtbarkeit, des Dionysos heilige Hand hing die schwellenden Dolden an den Felsen auf: unter Aphrodites seligem Lächeln sind in den Spalten des Gesteins Tausende von Rosen erblüht. Das hohe Gras grünt auf den Hügeln, junge Herden blöken wieder der Sonne entgegen; froh singen die Hirten beim Schall der Schalmeien. Um der Bauern neuerrichtete Wohnungen spielen blonde Kinder, und zwischen Arbeit und Spiel reiht sich die Liebe. Heil, Herakles, heil! Nemea ist wiedererstanden!«

Die Nacht senkte sich auf den Wald herab, und aus dem Meer hob sich in mattvioletten Schleiern die Dämmerung empor. Und aus den kaum bewegten Wogen, aus den weißen Schaumkämmen kamen die perlweißen Najaden zum Vorschein. Sie tanzten Hand in Hand, und sie sangen:

»Heil, heil! Dort, wo die Sümpfe von den sich ringelnden Schuppen der Schlange erfüllt waren, wo die neun Köpfe dem Sumpf entstiegen und verderbenbringende Glut ausbliesen, wo in Wald und Wiese, auf den Hügeln und im Grunde des Tales ihr heißer Atem alles versengte, hat Herakles gesiegt! Heil, heil! Zu kristallklarem Meer ward der Sumpf geläutert, und die hellen Wasser spiegeln den Flug der wohltätigen Reiher wider, die das neue Glück der Liebe und neue Wohlfahrt den früheren Bewohnern von Lerna bringen. Heil, heil, Herakles, heil! Bis nach Argos, weithin über unsere See jubelt es: Herakles Heil!«

Still funkelten die Sterne über dem Meer. In seiner lange wahrenden Ruhe waren der sehnsüchtigen Brust des Helden schwere Seufzer entstiegen, und in seinem von Sang durchwiegten Traum sah er die Nymphen in Wald und Wasser. Sie aber waren die Liebe nicht...

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