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Herakles

Louis Couperus: Herakles - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleHerakles
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
year1923
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1

Durch die dichten Wälder von Mykenä, wo die schweren Eichenstämme sich gleich einer Schar finsterer Riesen zum blauen, in der Sonne leuchtenden Meer hinabzogen, dröhnte sein müder, suchender Schritt; sein Fuß zertrat das Gesträuch. Und die wilden Tiere flohen davon, und die Vögel flatterten höher empor, wie sein Rufen den ganzen Wald mit dem Schall seines verzweiflungsvollen Schreies erfüllte:

»Hylas!«

In der Ferne, wo Felsen nur undeutlich verschwommen sichtbar waren, spottete das Echo. Er hörte es spotten, den Namen leise wiederholen, den Namen mit dem melodischen Klang, einem Klang, dem seine Verzweiflung den Ausdruck brennenden Schmerzes verlieh:

»Wehe! Wehe! O Hylas!«

Er war auf einen vom Blitz gefällten Eichenstamm gesunken, und er glich selber einem Baum, den des Schicksals Blitze getroffen hatten. Wo die schaumweiße Quelle dem Felsen entsprang und sich dann als ein breiter Bach an den zarten Birken entlang den Weg bahnte, auf dem sie sich endlich im dichten Walde verlor, da erscholl ein Lachen, hellperlend wie Vogelsang – und verstummte sogleich wieder.

Er hob sein umdüstertes Haupt empor. Er hatte es vernommen: das waren die Nymphen der Quelle, die sich vor ihm verborgen hielten.

»Hylas!« rief er noch einmal, »bist du da, woher ich das Lachen vernehme? Wo die Nymphen die Wasser zerteilen? So komm doch endlich; suche ich dich doch schon den ganzen Tag und die ganze Nacht. Komm hervor, fürchte nicht meinen Groll, verstecke dich nicht länger. Wieder senkt sich die dunkle Nacht über den Wald, wieder breitet sich die schwarze Nacht über das Meer. Kein Mond schimmert durch die dunklen Wolken, und willst du noch länger säumen, so wirft du dich verirren, und ich werde dich verlieren!«

Das Echo wiederholte spottend das letzte Wort, und dann – dann ward es totenstill im Walde, und totenstill in seinem einsamen Herzen.

Sein enges Hirn hatte es nun begriffen: Hylas, seine Freude, war ihm von den lachenden Wassernymphen geraubt. Geraubt war ihm das Kind: nicht eigenwillig entflohen war Hylas. Die verliebten Nymphen hatten ihm den Knaben genommen. Jetzt fauchte sein wilder Atem, jetzt ballten sich seine Fäuste, jetzt siedete sein machtloser Zorn. Die Wasserjungfrauen in ihrer feuchten Tiefe, die Verräterinnen, die schilfhaarigen schnöden Najaden mit den spottenden, grünen Fischaugen, die bleichen, allzeit triefenden, die immer lachten und die er verschmäht hatte, wenn sie lüstern lockend zwischen den gelben Lilien hervorkicherten: die hatten ihm seinen Knaben geraubt, indes er badend auf ihren Wellen trieb. Dessen ward sich Herakles nun bewußt. Jetzt war ihm die Wahrheit kund. Er riet nicht mehr – er wußte nun: er brauchte nicht länger zu suchen; er würde Hylas nicht mehr finden. Was half ihm seine Kraft gegen diese schmiegsamen, schlangenglatten Wesen! Erwürgen konnte er sie nicht: sie würden seinen Fäusten entgleiten. Zu Schaum kneten konnte er sie: dann aber würden die feuchten Gespenster seinem Griff entfliehen und in ihren Quellen sich sogleich wieder wandeln und lachend die schlammig-grünen Haare schütteln.

Er saß auf dem Baumstamm in der dunklen Nacht. Jetzt weinten seine großen, ins Dunkel starrenden Augen. Gebeugt saß er da: die Ellenbogen stützte er auf die Kniee, die Füße hatte er breit aufgestellt, die Hände hingen matt und kraftlos herab. Große Tränen tropften auf die gefallenen Blätter herab wie Regen, und in der Stille der Nacht gab ihr Aufschlagen nun den einzigen Laut. Gleich Regentropfen fielen sie herab.

In seinem bangenden Herzen war es düster, düster wie im Walde. Jetzt hatte er alles verloren, und jetzt fühlte er sich wie ein von bösem Schicksal Verfluchter. Was nützte es ihn, ob er gleich des Zeus Sohn war? Was nützte es ihn, ob ihn gleich Athena beschirmte und ihn sogar als Säugling einen einzigen Augenblick listig an Heras Brust gelegt hatte, so daß ein Tropfen ihrer göttlichen Milch ihm eines Gottes Kraft verliehen hatte? Was nützte ihn seine Kraft wider Heras Haß? Er blieb der Unterdrückte, der Bastard seiner betrogenen Mutter Alkmene, zu der Hermes schlau den Zeus geführt hatte. Der Vater der Götter in Gestalt des guten Amphytrion, Alkmenes Gemahl, hatte Herakles zum Leben erweckt: ein Sohn des Zeus also war er. Doch was half es ihm, dem Bastard, dem nach allem Traurigen blinder Zorn den Geist umdüsterte, bis er zum Mörder seiner eigenen Mutter geworden war und ihr das Schwert in die Brust gestoßen hatte!

Buße, immer währende Buße, Leiden, immer währendes Leiden: das sollte sein Leben sein bis zum Ende – Freude sollte er nicht kennen, die Liebe nicht, noch irgendein anderes Glück! – Schwere Last, Last, die selbst für seine Kräfte schwer war, sollten seine breiten Schultern all seine Tage hindurch schleppen!

Nun saß er da in der Nacht voller Schmerz und Finsternis, und seine Tränen tropften so schwer, daß er das Rauschen des Regens zu vernehmen wähnte. Allein es regnete nicht ... Schaute der matte Mond zwischen den dunklen Stämmen hindurch, oder von wannen kam der bleiche Schein zu seinen Füßen? – Herakles hatte das schmerzende, schwere Haupt emporgehoben und blickte auf den matten Schimmer. Es war, als ob der Schein an den riesigen Eichenstämmen entlang glitte, sich silbern leuchtend über den Gischt des Baches hinwegzog, um dann wie Tau über die Sträucher und auf die zu Boden gesunkenen Blätter zu fließen. Und nun sah Herakles, daß es nicht der Mond war – daß die Helle näher und näher kam, und daß sich die Gestalt einer Unsterblichen daraus löste. Vor ihm stand Athena, und ihre leuchtenden blauen Augen blitzten auf Herakles herab. Ihr schuppiger Panzer schimmerte in olympischem Glanze. Das Ägisfell lag wie eine mondlichtumsäumte Wolke um ihre jungfräulichen Schultern, und aus den Falten ihres Peplos, der von ihrem eigenen Glanz widerstrahlte, trat die Göttin wie eine silberne Bildsäule hervor. Silbern erstrahlte ihr Schild, silbern blitzte ihr Helm, silbern leuchtete ihr Speer, und aus dem Medusenhaupt in der Ägis glühten die unsterblichen Augen der Gorgo gleich zwei funkelnden Sternen. Der heilige Glanz, der von der Jungfrau ausging, fiel zu des Herakles breiten Füßen über den Boden hin.

Er blieb traurig und finster sitzen: seine mächtigen Hände hingen schwer und kraftlos herab, die Adern waren geschwollen, die viereckigen Fingerspitzen weit gespreizt. Schmerz und Trostlosigkeit in seinem düster leidenden Herzen waren so groß, daß selbst der Glanz der Göttin, der vor ihn fiel, seine mißmutige Haltung nicht zu wandeln vermochte, gleich als sei die Ehrfurcht in ihm erstorben ...

»Herakles!« ...

Die Göttin nannte seinen Namen. Ihre Stimme klang wie die eines Jünglings, tief und voll, und der Klang zitterte im Laube der Eichen nach. Herakles aber, der nun das düstere Haupt höher hob, sprach dumpf, dieweil er in seiner Haltung verharrte: »Sie haben ihn mir geraubt, die Wassernymphen, die feuchten, grünhaarigen, ewig lachenden. Ich habe sie verschmäht, wenn sie zwischen den gelben Lilien hervorlugten, und nun haben sie sich gerächt. Sie haben mir ihn geraubt, der meine einzige Freude war. Golden war sein Gelock wie Sonnenglanz, und zart war er und schlank wie ein Birkenstamm. Ich lehrte ihn den Bogen spannen und den Wurfspieß schleudern, und wenn er müde war, ruhte er an meiner Brust. Es war mein Glück, auf ihn hernieder zu schauen, wenn er schlief. Er lächelte allzeit, ohne zu lachen. Um ihn war stete Freude. Wenn ich ihm in die frohen Augen blickte, glaubte ich, vor Seligkeit dahinzuschmelzen. Wenn ich bekümmert war, streichelte er mich mit seiner lieben Hand und tröstete mich mit einem einzigen Wort. Er lief wie ein Lämmchen mir allzeit zur Seite: er war wie ein kleines Brüderlein. das ich sehr, sehr lieb hatte. Allzeit waren wir zusammen. Als Jason mich aufforderte, mit ihm zu fahren und unter den fünfzig Ruderern der Argo meinen Sitz zu nehmen, blieb der Knabe bei mir und machte sich ganz klein zwischen meinen Knieen. Die im Gleichtakt rudernden Argonauten zu erfreuen, blies er auf einer kleinen Rohrflöte. Er zwitscherte wie ein kleiner Vogel zu meinen Füßen, und die Helden schauten ihn lachend an, indes sie ruderten, und streichelten ihm das runde Kinn. Als wir zur Rast an Mykenäs Küste anlegten, schweiften wir beide, fern von den anderen, glückselig durch die duftenden Felder und dichten Wälder. Er lief vor mir her: wie ein Zicklein hüpfte er über die Steine im schäumenden Bache und rief mir zu, daß er baden wolle, weil das Wasser so kühl sei und so klar. Ich nickte ihm zu. Plötzlich war er verschwunden, zwischen den gelben Lilien untergetaucht. Ich rief ihn, ich suchte ihn: das Wasser war so seicht, er, der wie ein Fischlein schwamm, konnte nicht ertrunken sein. Ich begriff nicht, wo er geblieben war: ich rief wieder, ich suchte den langen, langen Tag und die Nacht, bis ich endlich begriff, und bis mit der Dunkelheit Gewißheit in mein armes Hirn kam. Sie hatten ihn mir geraubt, sie hatten ihn in einer der engen Grotten ihrer Quelle versteckt, die geschmeidigen, glatten, schnöden Najaden. Ich möchte sie zertreten – aber noch unter meiner Sohle würden sie davonschlüpfen und nur lachen und murmelnd mir entgleiten ... Und jetzt – jetzt versenken sie ihn in die Wogen ihrer unersättlichen Lüste.«

Ein Schluchzen erschütterte des Herakles Brust, gleich als führe ein Erdbeben über die Hügel, und sein schweres Haupt sank herab wie ein Felsblock. Große Tränen tropften zwischen seinen breiten Zehen mitten in den Glanz, der die Göttin umwob, und leuchteten dort wie Tau im Mondenschein.

»Herakles,« sprach Athena nochmals, und ihre tiefe Jünglingsstimme klang durch das Laub, »war es also beschlossen, daß du mit Jason zu den Gestaden Aias ziehen solltest, um das goldene Vlies zu gewinnen?«

Der Held hob den Kopf.

»Warum nicht?« fragte er traurig. »Es sind ihrer so viele Helden, die das Schiff gen Osten rudern werden, daß der König Aietes sich ihrer nicht erwehren kann. Wer könnte wohl dem Jason widerstehen, wenn ihm zur Seite die Dioskuren Kastor und Pollux, Telamon, Peleus, Theseus und Meleagros kämpfen? Und wer endlich könnte dem Herakles widerstehen? Warum sollte ich mich nicht zu den Helden gesellen? Bin ich nicht ein Kämpe wie sie, ist mein Arm nicht vielleicht der kräftigste? Sind meine Fäuste mit den ihren zu vergleichen? Ich war ein Kind noch, als ich die Schlangen daherschleichen sah, die Hera wider mich sandte, und furchtlos nach ihnen griff und sie lachend zerdrückte, bis ihnen die spitze, dreigespaltene Zunge aus dem Rachen hing und sie tot zu meinen Füßen lagen. Und habe ich nicht den kithärischen Löwen erschlagen, der des Königs von Thespiä Herden bedrohte? Bin ich unwürdig?«

Vor dem Helden, der empört und traurig auf dem Baumstamm saß, stand streng und strahlend die Göttin. Sie reckte die eine Hand aus, die auf ihrem großen Schild ruhte, und berührte des Helden Stirn. Er erbebte unter dem Druck ihrer leuchtenden Finger. Sie sprach – und ihre blauen Augen trafen streng die seinen:

»Es ist nicht also beschlossen. Du wirst nicht mit nach Aia fahren. Herakles, Herakles, denke doch nach: ist denn diese Stirn so eng, daß sie nicht einmal sich erinnern kann? Ist denn alles Gedächtnis geschwunden? Herrschen denn nur die Triebe, die Wallungen, die Leidenschaften, ungezügelte Menschlichkeiten in diesem tollen Strudel, in dieser siedenden Enge? Herakles, bedenke, bedenke! Wer tötete den sanften Linos, in dessen zarter Seele alles, was Wohllaut heißt, ein Echo fand? Wer war der Schüler des Linos und erschlug ihn doch mit erhobener Leier? Wer schlief als Gatte an der Seite Megaras von Theben? Wer tötete sie, und wer tötete ihre und seine Kinder in unbeherrschtem wütenden Grimm, in toller Aufwallung, im blinden Jähzorn seines engen, allzu engen Hirns? Und wer, höre mich, o Herakles und antworte, wer war der Sohn der Alkmene, der seine eigene Mutter erschlug?«

Unter dem Druck des leuchtenden Fingers der Göttin erzitterte der Held. Zagend noch richtete er sich auf wie ein Baum, der durch ein Wunder sichtbarlich emporwächst. Riesengroß stand er nun da. so groß, daß er nicht länger zu Athena emporzublicken brauchte. Er sah die Göttin von Auge zu Auge; er war entsetzt. Er stand in ihren silbernen Glanz getaucht und erschauerte wie ein Eichenstamm, den der Sturm trifft.

»Ist das Leben eine Luftfahrt zu den Ufern von Aia, um deretwillen Töchter und Söhne, Kinder und Mutter in finsterer toller Wut ermordet wurden? Und wenn dem Jason die Fahrt durch seine Schicksalsgöttin bestimmt ward, ist sie dann auch dem Herakles bestimmt? Und ist des Herakles Buße nur frohes Spiel mit einem schönen Königssohn, dessen heitere Augen, dessen Flötenspiel die Erinnerungen bezwingen und in Schlaf wiegen?«

Der Held war über dem Schild der Göttin zusammengesunken und schluchzte verzweifelt, und sein hartes Haupt schlug gegen den Stahl der Götterwehr, daß die Funken stoben. Seines Rückens Wucht glich einer Felsenmasse, wie er der Athena zu Füßen sank. Jetzt blickte sie voller Mitleid auf ihren Schützling herab, und ihre Hand ruhte auf seinem lockigen Haupt.

»Herakles,« sprach sie nun beinahe flüsternd, »richte dich auf aus deinem Leid. Erinnere dich: die Zeit ist gekommen, die Buße beginnt! Der lange Weg liegt vor dir! Herakles, blicke auf!«

Die Göttin hob das Antlitz des Helden an dem bärtigen Kinn empor und wies mit ihrem Speer hinaus. Herakles sah, wie der Wald Mykenäs von rosiger Morgendämmerung durchschimmert ward. Und er sah, wie das Meer unter dem rosigen Gold des aufgehenden Morgens leuchtete. Und auf dem rosig überschimmerten, goldenen Meere sah er in der Ferne die Argo, die der neunundvierzig Helden gleichmäßig bewegte Ruder schon am Horizont dem Gestade von Kolchis entgegentrieben.

Der Held hatte sich erhoben. Er brüllte mit dröhnender Stimme: »Jason!« Und er wollte sich durch das Gestrüpp stürzen, am waldigen Abhang hinab, dem strahlenden Meere entgegen. Schon machten seine Arme die Bewegungen eines Schwimmenden ... Allein die Göttin hielt ihn streng zurück und sperrte ihm den Weg, und laut rief sie: »Nein, nicht gen Osten! Gen Westen führt dich der Weg der Buße! Dorthin gehe!«

Gebieterisch wies sie ihn auf die Straße gen Westen. Er beugte das Haupt, und von ihrem jetzt mitleidsvollen Blick gelenkt, schritt er, das Haupt gebeugt, die finsteren Augen vor Schmerz rot geschwollen, das traurige Herz übervoll von Leid, gehorsam von dannen – gen Westen.

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