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Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jünglings-Jahre / 1
pages85-194
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Johann Stilling war nun Schöffe und Landmesser; Wilhelm Schulmeister zu Tiefenbach; Mariechen Magd bei ihrer Schwester Elisabeth; die andern Töchter waren aus dem Hause verheuratet, und Henrich ging nach Florenburg in die lateinische Schule.

Wilhelm hatte eine Kammer in Stillings Haus, auf derselben stund ein Bett, worin er mit seinem Sohn schlief, und am Fenster war ein Tisch mit dem Schneidergeräte; denn, sobald als er von der Schule kam, arbeitete er an seinem Handwerk. Des Morgens früh nahm Henrich seinen Schulsack, worin nebst den nötigen Schulbüchern, und einem Butterbrot für den Mittag, auch die Historia von den vier Heimonskindern, oder sonst ein ähnliches Buch, nebst einer Hirtenflöte, sich befande; sobald er dann gefrühstückt hatte, machte er sich auf den Weg, und wenn er hinaus vors Dorf kam, so nahm er sein Buch heraus, und lase während dem Gehen; oder er trillerte alte Romanzen, und andre Melodien, auf seiner Flöte. Das Lateinlernen wurde ihm gar nicht schwer, und er behielt dabei Zeit gnug, alte Geschichten zu lesen. Des Sommers ging er alle Abend nach Haus, des Winters aber kam er nur samstags abends, und ging des Montags morgens wieder fort; dieses währte vier Jahre, doch blieb er aufs letzte des Sommers über viel zu Haus, und half seinem Vater am Schneiderhandwerk, oder er machte Knöpfe.

Der Weg nach Florenburg, und die Schule selber, machten ihm manche vergnügte Stunde. Der Schulmeister war ein sanfter vernünftiger Mann, und wußte zu geben und zu nehmen. Des Mittags nach dem Essen sammlete Stilling einen Haufen Kinder um sich her, ging mit ihnen hinaus aufs Feld, oder an einen Bach, und dann erzählte er ihnen allerhand schöne empfindsam Historien, und wenn er sich ausgeleert hatte, so mußten andere erzählen. Einsmals waren ihrer auch etliche zusammen auf einer Wiesen, es fand sich ein Knabe herzu, dieser fing an: »Hört Kinder! ich will euch was erzählen: Neben uns wohnt der alte Frühling, ihr wißt, wie er dahergeht, und so an seinem Stock zittert; er hat keine Zähne mehr, auch hört und sieht er nicht viel. Wenn er denn so da am Tisch saß und zitterte, so verschüttete er immer vieles, auch floß ihm zuweilen etwas wieder aus dem Mund. Das ekelte dann seinem Sohn und seiner Schnur, und deswegen mußte der alte Großvater endlich hinter dem Ofen im Eck essen, sie gaben ihm etwas in einem irdenen Schüsselchen, und noch dazu nicht einmal satt, ich hab ihn wohl sehen essen, er sah so betrübt nach dem Tisch, und die Augen waren ihm dann naß. Nun hat er ehgestern sein irdenes Schüsselchen zerbrochen. Die junge Frau keifte sehr mit ihm, er sagte aber nichts, sondern seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen, für ein Paar Heller, da mußte er gestern mittag zum erstenmal aus essen; wie sie so dasitzen, so schleppt der kleine Knabe von viertehalb Jahr auf der Erden kleine Brettchen zusammen. Der junge Frühling fragt: ›Was machst du da, Peter?‹ ›Ho!‹ sagt das Kind, ›ich mach ein Tröglein, daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.‹ Der junge Frühling und seine Frau sahen sich eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, und holten alsofort den alten Großvater an den Tisch, und ließen ihn mit essen.«

Die Kinder sprungen in die Höhe, klatschten in die Hände, lachten, und riefen: »Das ist recht artig; sagte das der kleine Peter?« »Ja«, versetzte der Knabe, »ich hab dabeigestanden, wie's geschah.« Henrich Stilling aber lachte nicht, er stund und sah vor sich nieder; die Geschichte drung ihm durch Mark und Bein, bis ins Innerste seiner Seelen; endlich fing er an: »Das sollte meinem Großvater widerfahren sein! ich glaube er wäre von seinem hölzernen Schüsselchen aufgestanden, in die Ecke der Stuben gegangen, und dann hätte er sich hingestellt, und gerufen: ›Herr, stärke mich in dieser Stunde, daß ich mich einst räche an diesen Philistern!‹ dann hätte er sich gegen den Eckpfosten gesträubt, und das Haus eingeworfen. »Sachte! sachte! Stilling!« redete ihm der größten Knaben einer ein, »das wäre doch von deinem Großvater ein wenig zu arg gewesen.« »Du hast recht!« sagte Henrich; »aber denk! es ist doch recht satanisch; wie oft hat wohl der alte Frühling seinen Jungen auf dem Schoß gehabt, und ihm die beste Brocken in Mund gesteckt? es wär' doch kein Wunder, wenn einmal ein feuriger Drache um Mitternacht, wenn das Viertel des Monds eben untergegangen ist, sich durch den Schornstein eines solchen Hauses hinunterschlengerte, und alles Essen vergiftete.« Wie er eben auf den Drachen kam, ist kein Wunder, denn er hatte selbsten vor kurzen Tagen des Abends, als er nach Haus ging, einen großen durch die Luft fliegen sehen, und er glaubte vor die Zeit noch fest, daß es einer von den obersten Teufeln selbst gewesen.

So verfloß die Zeit unter der Hand, und es war nun bald an dem, daß er die lateinische Schule nach und nach verlassen, und seinem Vater am Handwerk helfen mußte; doch dieses war schweres Leiden für ihn; er lebte nur in den Büchern, und es dauchte ihn immer, man ließe ihm nicht Zeit gnug zum Lesen; deswegen sehnte er sich unbeschreiblich, einmal Schulmeister zu werden; dieses war in seinen Augen die höchste Ehrenstelle, die er jemals zu erreichen glaubte. Der Gedanke, ein Pastor zu werden, war zu weit jenseits seiner Sphäre. Wenn er sich aber zuweilen hinaufschwung, sich auf die Kanzel dachte, und sich dazu vorstellte, wie selig es sei, ein ganzes Leben unter Büchern hinzubringen, so erweiterte sich sein Herz, er wurde von Wonne durchdrungen, und dann fiel ihm wohl zuweilen ein: Gott hat mir diesen Trieb nicht umsonst eingeschaffen, ich will ruhig sein, Er wird mich leiten, und ich will ihm folgen.

Dieser Enthusiasmus verleitete ihn zuweilen, wenn seine Leute nicht zu Haus waren, eine lustige Komödie zu spielen; er versammlete so viel Kinder um sich her, als er zusammentreiben konnte, hing einen Weiberschurz auf den Rücken, machte sich einen Kragen von weißem Papier, trat alsdann auf einen Lehnstuhl, so daß er die Lehne vor sich hatte, und dann fing er mit einem Anstand an zu predigen, der alle Zuhörer in Erstaunen setzte. Dieses tat er oft, denn es war auch nur sein einziges Kinderspiel, das er jemalen mag getrieben haben.

Nun trug es sich einsmalen zu, als er recht heftig deklamierte, und seinen Zuhörern die Hölle heiß machte, daß Herr Pastor Stollbein auf einmal in die Stube trat; er lächelte nicht oft, doch konnte er's jetzt nicht verbeißen; Henrich lachte aber nicht, sondern er stund wie eine Bildsäule, blaß wie die Wand, und das Weinen war ihm näher als das Lachen; seine Zuhörer stellten sich alle an die Wand und falteten die Hände. Henrich sahe den Pastor furchtsam an, ob er vielleicht den Rohrstab aufheben möchte, um ihn zu schlagen; denn das war so seine Gewohnheit, wenn er die Kinder spielen sah; doch er tat's jetzt nicht, er sagte nur: »Geh herunter, und stell dich dahin, wirf den närrischen Anzug von dir!« Henrich gehorchte gern; Stollbein fuhr fort:

»Ich glaub du hast wohl den Pastor im Kopf?«

»Ich hab kein Geld zu studieren.«

»Du sollst nicht Pastor, sondern Schulmeister werden!«

»Das will ich gern, Herr Pastor! aber wenn unser Herr Gott nun haben wollte, daß ich Pastor, oder ein andrer gelehrter Mann werden sollte, muß ich dann sagen: ›Nein, lieber Gott! ich will Schulmeister bleiben, der Herr Pastor will's nicht haben?‹«

»Halt's Maul, du Esel! weißt du nicht wen du vor dir hast?«

Nun katechisierte der Pastor die Kinder alle, darinnen hatte er eine vortreffliche Gabe.

Bei nächster Gelegenheit suchte Herr Stollbein Wilhelmen zu bereden, er mögte doch seinen Sohn studieren lassen, er versprach sogar, Vorschub zu verschaffen; allein dieser Berg war zu hoch, er ließ sich nicht ersteigen.

Henrich kämpfte indessen in seinem beschwerlichen Zustand rechtschaffen; seine Neigung zum Schulhalten war unaussprechlich; aber nur bloß aus dem Grund, um des Handwerks los zu werden, und sich mit Büchern beschäftigen zu können; denn er fühlte selbst gar wohl, daß ihm die Unterrichtung andrer Kinder ew'ge Langeweile machen würde. Doch machte er sich das Leben so erträglich, als es ihm möglich war. Die Mathematik nebst alten Historien und Rittergeschichten war sein Fach; denn er hatte würklich den Tobias Beutel und Bions mathematische Werkschule ziemlich im Kopf; besonders ergötzte ihn die Sonnuhrkunst über die Maße; es sahe komisch aus, wie er sich den Winkel, in welchem er saß und nähte, so nach seiner Phantasie ausstaffiert hatte; die Fensterscheiben waren voll Sonnenuhren, inwendig vor dem Fenster stund ein viereckichter Klotz, in Gestalt eines Würfels, mit Papier überzogen, und auf allen fünf Seiten mit Sonnenuhren bezeichnet, deren Zeiger abgebrochene Nähnadeln waren; oben unter der Stubendecke war gleichfalls eine Sonnenuhr, die von einem Stücklein Spiegel im Fenster erleuchtet wurde; und ein astronomischer Ring von Fischbein hing an einem Faden vor dem Fenster; dieser mußte auch die Stelle der Taschenuhr vertreten, wenn er ausging. Alle diese Uhren waren nicht allein gründlich und richtig gezeichnet, sondern er verstand auch schon dazumal die gemeine Geometrie, nebst Rechnen und Schreiben aus dem Grund, ob er gleich nur ein Knabe von zwölf Jahren, und ein Lehrjunge im Schneiderhandwerk war.

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