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Henrich Stillings Jugend / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jugend / 1 - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jugend / 1
pages3-84
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1777
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Eberhard Stilling und Margrethe, seine eheliche Hausfrau erlebten nun eine neue Periode in ihrer Haushaltung. Da war nun ein neuer Hausvater und eine neue Hausmutter in ihrer Familie entstanden. Die Frage war also: Wo sollen diese beide sitzen, wenn wir speisen? – Um die Dunkelheit im Vortrag zu vermeiden, muß ich erzählen, wie eigentlich Vater Stilling seine Ordnung und Rang am Tische beobachtete. Oben in der Stube war eine Bank von einem eichenen Brett längs der Wand genagelt, die bis hinter den Ofen reichte. Vor dieser Bank dem Ofen gegenüber stund der Tisch, als Klappe an die Wand befestigt, damit man ihn an dieselbe aufschlagen konnte. Er war aus einer eichenen Diele von Vater Stilling selbsten ganz fest und treuherzig ausgearbeitet. An diesem Tisch saß Eberhard Stilling oben an der Wand, wo er durch das Brett befestigt war, und zwar vor demselben. Vielleicht darum hatte er sich diesen vorteilhaften Platz gewählt, damit er seinen linken Ellenbogen auf das Brett stützen, und zugleich ungehindert mit der rechten Hand essen könnte. Doch davon ist keine Gewißheit, denn er hat sich nie in seinem Leben deutlich darüber erkläret. An seiner rechten Seiten vor dem Tisch saßen seine vier Töchter, damit sie ungehindert ab und zu gehen könnten. Zwischen dem Tisch und dem Ofen hatte Margrethe ihren Platz; einesteils weil sie leicht fror, und andernteils damit sie füglich über den Tisch sehen könnte, ob etwa hier oder dort etwas fehlte. Hinter dem Tisch hatten Johann und Wilhelm gesessen, weil aber der eine verheiratet war, und der andere Schule hielt, so waren diese Plätze leer, bis jetzo, da sie dem jungen Ehepaar, nach reiflicher Überlegung, angewiesen wurden.

Zuweilen kam Johann Stilling seine Eltern zu besuchen. Das ganze Haus freute sich, wann er kam; denn er war ein besonderer Mann. Ein jeder Bauer im Dorf hatte auch Ehrfurcht für ihn. Schon in seiner frühen Jugend hatte er einen hölzernen Teller zum Astrolabium, und eine feine schöne Butterdose von schönem Buchenholz zum Kompaß umgeschaffen, und von einem Hügel geometrische Observationen angestellt. Denn zu der Zeit ließ der Landesfürst eine Landkarte verfertigen. Johann hatte zugesehen, wann der Ingenieur operierte. Zu dieser Zeit aber war er wirklich ein geschickter Landmesser, wurde auch von Edeln und Unedeln bei Teilung der Güter gebraucht. Große Künstler haben gemeiniglich die Tugend an sich, daß ihr erfinderischer Geist immer etwas Neues sucht; daher ist ihnen dasjenige, was sie schon erfunden haben, und was sie wissen, viel zu langweilig, es ferner zu verfeinern. Johann Stilling war also arm; denn was er konnte, versäumte er, um dasjenige zu wissen, was er nicht konnte. Seine gute einfältige Frau wünschte oft, daß ihr Mann seine Künsteleien auf Feld und Wiesen zu verbessern wenden möchte, damit sie mehr Brot hätten. Allein laßt uns der guten Frauen ihre Einfalt verzeihen; sie verstund es nicht besser; wenigstens Johann war klug genug hiezu. Er schwieg oder lächelte.

Die Quadratur des Zirkels und die immerwährende Bewegung beschäftigten ihn zu dieser Zeit. War er nun in ein Geheimnis tiefer eingedrungen, so lief er geschwind nach Tiefenbach um seinen Eltern und Geschwistern seine Entdeckung zu erzählen. Kam er denn unten durchs Dorf herauf, und es erblickte ihn jemand aus Stillings Hause, so lief man gleich und rief alle zusammen, um ihn an der Türe zu empfangen. Ein jedes arbeitete dann mit doppeltem Fleiß, um nach dem Abendessen nichts mehr zu tun zu haben. Dann setzte man sich um den Tisch, stützte die Ellenbogen drauf, und die Hände an die Backen, aller Augen waren auf Johanns Mund gerichtet.

Alle halfen denn an der Quadratur des Zirkels erfinden; selbst der alte Stilling verwendete vielen Fleiß auf diese Sache. Ich würde dem erfinderischen, oder besser, dem guten und natürlichen Verstande dieses Mannes Gewalt antun, wenn ich sagen sollte: er hätte nichts in dieser Sache geleistet. Bei seinem Kohlenbrennen beschäftigte er sich damit. Er zog eine Schnur um sein Birnmostfaß, schnitt sie mit seinem Brotmesser ab; sägte dann ein Brett genau vierkantig, und schabte es so lange, bis die Schnur just drum paßte. Nun mußte ja das viereckichte Brett genausogroß sein, als der Zirkel des Mostfasses. Eberhard sprang auf einem Fuß herum, verlachte die großen gelehrten Köpfe, daß sie aus dem einfältigen Dinge so viel Werks machten, und erzählte bei nächster Gelegenheit seinem Johann die Erfindung. Wir wollen die Wahrheit gestehn. Vater Stilling hatte wohl nichts Höhnisches in seinem Charakter; doch lief hier eine kleine Satire mit unter; aber der Landmesser machte bald der Freude ein Ende, indem er sagte: »Es ist die Frage nicht, Vater! ob ein Schreiner einen viereckichten Kasten machen könne, der just so viel Haber enthalte, als eine runde zylindrische Tonne; sondern es muß ausgemacht sein, wie sich der Diameter des Zirkels gegen seine Peripherie verhalte, und dann, wie groß eine Seite des Quadrats sein müsse, wann es so groß als der Zirkel sein soll. Aber in beiden Fällen darf an einem Fazit nicht der tausendste Teil eines Haars fehlen. Es muß in der Theorie durch die Algeber bewirkt werden können, daß es wahr ist.«

Der alte Stilling würde sich geschämt haben, wenn nicht die Gelehrsamkeit seines Sohns, und seine unmäßige Freude darüber, alles Schämen bei ihm verdrängt hätte. Er sagte deswegen nichts weiter, als: »Mit Gelehrten ist nicht gut disputieren«; lachte, schüttelte den Kopf, und fuhr fort von einem birkenen Klotz Späne zu schneiden, womit man Feuer und Lichter, auch allenfalls seine Pfeife Tobak anzünden konnte. Dieses war so seine Beschäftigung bei müßigen Stunden.

Stillings Töchter waren stark und arbeitsam. Sie pflegten die Erde, und sie gab ihnen reichliche Nahrung im Garten und Felde. Dortchen aber hatte zarte Glieder und Hände, sie wurde geschwind müde, und dann seufzte sie und weinte. Unbarmherzig waren nun die Mädchen eben nicht; aber sie konnten doch nicht begreifen, warum ein Weibsmensch, das ebenso groß als ihrer eine war, nicht auch ebenso gut sollte arbeiten können. Doch mußte ihre Schwägerin oft ausruhen, auch sagten sie ihren Eltern niemals, daß sie kaum ihr Brot verdiente. Wilhelm sah es bald ein; er erhielt daher von der ganzen Familie, daß seine Frau ihm am Nähen und Kleidermachen helfen sollte. Dieser Vertrag wurde geschlossen, und alle befanden sich wohl dabei.

Der alte Pastor Moritz besuchte nun auch zum erstenmal seine Tochter. Dortchen weinte für Freuden wie sie ihn sah, und wünschte Hausmutter zu sein, um ihm recht gutlich tun zu können. Er saß den ganzen Nachmittag bei seinen Kindern, und redete mit ihnen von geistlichen Sachen. Er schien ganz verändert, kleinmütig und betrübt zu sein. Gegen Abend sagte er: »Kinder! führt mich einmal auf das Geisenberger Schloß.« Wilhelm legte seinen eisernen schweren Fingerhut ab, und spuckte in die Hände; Dortchen aber steckte ihren Fingerhut an den kleinen Finger, und nun stiegen sie zum Wald auf. »Kinder!« sagte Moritz, »mir ist hier so wohl unter dem Schatten der Maibuchen. Je höher wir kommen, je freier werd ich. Es ist mir eine Zeit her gewesen, als einem der nicht zu Hause ist. Dieser Herbst muß wohl der letzte meines Lebens sein.« Wilhelm und Dortchen hatten Tränen in den Augen. Oben auf dem Berge, wo sie bis an den Rhein, und die ganze Gegend übersehen konnten, setzten sie sich an eine zerfallene Mauer des Schlosses. Die Sonne stand in der Ferne nicht hoch mehr über dem blauen Gebürge. Moritz sah starr dorthin, und schwieg lange; auch sagten seine Begleiter nicht ein Wort. »Kinder!« sprach er endlich, »ich hinterlaß euch nichts, wenn ich sterbe. Ihr könnt mich wohl missen. Niemand wird um mich weinen. Ich habe mein Leben mühsam und unnütz zugebracht, und niemand glücklich gemacht.« »Mein lieber Vater!« antwortete Wilhelm, »Ihr habt doch mich glücklich gemacht. Ich und Dortchen werden herzlich um Euch weinen.« »Kinder!« versetzte Moritz, »unsere Neigungen führen uns leicht zum Verderben. Wieviel würde ich der Welt haben nutzen können, wenn ich kein Alchimist geworden wäre! Ich würde euch und mich glücklich gemacht haben! (Er weinte laut.) Doch denke ich immer daran, daß ich meinen Fehler erkannt habe, und nun noch will ich mich ändern. Gott ist ein Vater, auch über die irrende Kinder. Nun höret noch eine Ermahnung von mir, und folgt derselben: Alles was ihr tut, das überlegt vorher wohl, ob es auch andern nützlich sein könne. Findet ihr, daß es nur euch dienlich ist, so denkt: das ist ein Werk ohne Belohnung. Nur wo wir dem Nächsten dienen, da belohnt uns Gott. Ich habe arm und unbemerkt in der Welt dahingewandelt, und wann ich tot bin, dann wird man meiner bald vergessen; ich aber werde Barmherzigkeit finden vor dem Thron Christi, und selig sein.« Nun gingen sie wieder nach Haus, und Moritz blieb immer traurig. Er ging umher, tröstete die Armen und betete mit ihnen. Auch arbeitete er und machte Uhren, womit er sein Brot erwarb, und noch etwas übrigbehielt. Doch dieses währte nicht lange, denn den folgenden Winter verlor man ihn; man fand ihn nach dreien Tagen unter dem Schnee und war tot gefroren.

Nach diesem traurigen Zufall entdeckte man in Stillings Hause eine wichtige Neuigkeit. Dortchen war gesegneten Leibes, und jedermann freuete sich auf ein Kind, deren in vielen Jahren keins im Hause gewesen war. Mit was für Mühe und Fleiß man sich auf Dortchens Entbindung gerüstet, ist nicht zu sagen. Der alte Stilling selbst freuete sich auf einen Enkel, und hoffte noch einmal vor seinem Ende seine alte Wiegenlieder zu singen, und seine Erziehungskunst zu beweisen.

Nun nahte der Tag der Niederkunft heran, und 1740 den 12ten September, abends um 8 Uhr, wurde Henrich Stilling geboren. Der Knabe war frisch, gesund und wohl, und seine Mutter wurde gleichfalls, gegen die Weissagungen der Tiefenbacher Sybillen, geschwind wieder besser.

Das Kind wurde in der Florenburger Kirche getauft. Vater Stilling aber, um diesen Tag feierlicher zu machen, richtete ein Mahl an, bei welchem er den Herrn Pastor Stollbein zu sehen wünschte. Er schickte daher seinen Sohn Johann ans Pfarrhaus, und ließ den Herrn ersuchen, mit nach Tiefenbach zu gehen, um seinem Mahle beizuwohnen. Johann ging, er tat schon den Hut ab, als er in den Hof kam, um nichts zu versehen; aber leider, wie oft ist alle menschliche Vorsicht unnütz! Es sprang ein großer Hund hervor; Johann Stilling griff einen Stein, warf, und traf den Hund in eine Seite, daß er abscheulich zu heulen anfing. Der Pastor sah durchs Fenster was passierte; voll von Eifer sprang er heraus, knüpfte dem armen Johann eine Faust vor die Nase; »Du lumpichter Flegel!« krisch er, »ich will dich lernen meinem Hund begegnen!« Stilling antwortete: »Ich wußte nicht, daß es Ew. Ehrwürden Hund war. Mein Bruder und meine Eltern lassen den Herrn Pastor ersuchen, mit nach Tiefenbach zu gehen, um der Taufmahlzeit beizuwohnen.« Der Pastor ging und schwieg still. Doch murrte er aus der Haustür zurück: »Wartet, ich will mitgehen.« Er wartete fast eine Stunde im Hof, liebkosete den Hund, und das arme Tier war auch wirklich versöhnlicher, als der große Gelehrte, der nun aus der Haustüre herausging. Der Mann wandelte mit Zuversicht an seinem Rohrstab. Johann trabte furchtsam hinter ihm mit dem Hut unterm Arm; den Hut aufsetzen war eine gefährliche Sache; denn er hatte in seiner Jugend manche Ohrfeige von dem Pastor bekommen, wenn er ihn nicht früh genug, das ist, sobald er ihn in der Ferne erblickte, abgezogen hatte. Doch aber eine ganze Stunde lang mit bloßem Haupt, im September, unter freiem Himmel zu gehen, war doch auch entsetzlich! Daher sann er auf einen Fund wie er füglich seinen Kopf bedecken möchte. Plötzlich fiel der Herr Stollbein zur Erde, daß es platschte. Johann erschrak. »Ach!« rief er, »Herr Pastor, habt Ihr Euch Schaden getan?« »Was geht's Euch an, Schlingel!« war die heldenmütige Antwort dieses Mannes, indem er sich aufraffte. Nun geriet Johanns Feuer in etwas in Flammen, daß er herausfuhr: »So freue ich mich denn herzlich, daß Ihr gefallen seid«, und lächelte noch dazu. »Was! Was!« rief der Pastor. Aber Johann setzte den Hut auf, ließ den Löwen brüllen, ohne sich zu fürchten, und ging. Der Pastor ging auch, und so kamen sie denn endlich nach Tiefenbach.

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