Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Heinrich Jung-Stilling >

Henrich Stillings Jugend / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jugend / 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jugend / 1
pages3-84
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1777
Schließen

Navigation:

Nach der Predigt ging Wilhelm wieder nach Lichthausen, wo er Schulmeister war, und wo auch sein älterer verheirateter Bruder, Johann Stilling, wohnte. In einem andern Nachbarhause hatte der alte Pastor Moritz, mit seinen zwo Töchtern ein paar Kammern gemietet, in welchen er sich aufhielte. Nachdem nun den Nachmittag Wilhelm seinen Bauern eine Predigt in der Kapelle vorgelesen, und mit ihnen nach altem Brauch ein Lied gesungen, so eilte er, so geschwind als es nur seine gebrechliche Füße zulassen wollten, nach Herr Moritzen. Der alte Mann saß eben vor seinem Klavier, und spielte ein geistlich Lied. Sein Schlafrock war sehr reinlich, und schön gewaschen, nirgend sah man einen Riß, aber wohl hundert Lappen. Neben ihm auf einer Kiste saß Dorothe, ein Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, ebenfalls sehr reinlich, aber ärmlich, angezogen, die gar anmutig das Lied zu ihres Vaters Melodie sang. Sie winkte ihrem Wilhelm heiterlächelnd. Er setzte sich bei sie und sang mit ihr aus ihrem Buch. Sobald das Lied zu Ende war, grüßte der Pastor Wilhelmen und sagte: »Schulmeister, ich bin nie vergnügter, als wenn ich spiele und singe. Wie ich noch Prediger war, da ließ ich manchmal lange singen, weil unter soviel vereinigten Stimmen das Herz weit über alles Irdische sich wegschwingt. Doch ich muß etwas anders mit Euch reden. Mein Dortchen hat mir gestern abend herausgestammelt, daß es Euch lieb habe; ich bin aber arm; was sagen eure Eltern?« »Sie sind mit allem herzlich wohl zufrieden«, antwortete Wilhelm. Dortchen drungen Tränen aus ihren hellen Augen, und der alte ehrwürdige Mann stand auf, nahm seiner Tochter rechte Hand, gab sie Wilhelmen und sagte: »Ich habe nichts in der Welt als zwo Töchter; diese ist mein Augapfel; nimm sie, Sohn! nimm sie!« – Er weinte – »der Segen Jehova triefe auf euch herunter, und mache euch gesegnet vor ihm und seinen Heiligen und gesegnet vor der Welt! Eure Kinder müssen wahre Christen werden, eure Nachkommen seien groß! Sie müssen angeschrieben stehn im Buche des Lebens! Mein ganzes Leben war Gott geheiliget; unter vielen Schwachheiten, aber ohne Anstoß hab ich gewandelt und alle Menschen geliebt; dies sei auch eure Richtschnur, so werden meine Gebeine im Frieden ruhen!« Er wischte sich hier die Augen. Beide Verlobten küßten ihm Hände, Backen und Mund, und hernach auch sich selbst zum ersten Male, und so saßen sie wieder nieder. Der alte Herr fing hierauf an: »Aber Dortchen, dein Bräutigam hat gebrechliche Füße, hast du das noch nicht gesehn?« »Ja, Papa«, sagte sie, »ich hab's gesehn; aber er redet immer so gut und so fromm mit mir, daß ich selten acht auf seine Füße gebe.«

»Gut, Dortchen, die Mädchen pflegen doch auch wohl auf die Leibesgestalt zu sehen.«

»Ich auch, Papa«, gab sie zur Antwort; »aber Wilhelm gefällt mir so, wie er ist. Hätte er nun gerade Füße, so wäre er Wilhelm Stilling nicht, und wie würde ich ihn denn liebhaben können?«

Der Pastor lächelte zufrieden und fuhr fort: »Du wirst nun diesen Abend auch die Küche bestellen müssen, denn der Bräutigam muß mit dir essen.« »Ich hab nichts«, sagte die unschuldige Braut, »als ein wenig Milch, Käse und Brot; wer weiß aber, ob mein Wilhelm damit zufrieden ist?« »Ja«, versetzte Wilhelm, »ein Stück trocken Brot mit euch zu essen, ist angenehmer, als fette Milch mit Weißbrot und Eierpfannenkuchen.« Herr Moritz zog indessen seinen abgetragenen braunen Rock mit schwarzen Knöpfen und Knopflöchern an, nahm sein lackiert gewesenes Rohr, ging und sagte: »Da will ich zum Amtsverwalter gehn, er wird mir seine Flinte leihen, und dann will ich sehn, ob ich etwas schießen kann.« Das tat er oft, denn er war in seiner Jugend ein Freund von der Jagd gewesen.

Nun waren unsere Verlobte allein, und das hatten sie beide gewünscht. Wie er fort war, schlugen sie die Hände ineinander, saßen nebeneinander, und erzählten sich, was ein jedes empfunden, geredt und getan, seitdem sie sich einander gefallen hatten. Sobald sie fertig waren, fingen sie wieder von vorne an, und gaben der Geschichte vielerlei Wendungen; so war sie immer neu, für alle Menschen langweilig, nur für sie nicht.

Friederike, Moritzens andere Tochter, unterbrach dieses Vergnügen. Sie stürmte herein, indem sie ein altes Historienlied dahersang. Sie stutzte. »Stör ich euch?« fragte sie. »Du störst mich nie«, sagte Dortchen; »denn ich gebe niemals acht auf das, was du sagst oder tust.« »Ja du bist fromm«, versetzte jene; »aber du darfst doch so nah bei den Schulmeister sitzen? doch der ist auch fromm«. – »Und noch dazu dein Schwager«, fiel ihr Dorothe in die Rede, »heute haben wir uns versprochen.« – »Das gibt also eine Hochzeit für mich«, sagte Friederike, und hüpfte wieder zur Tür hinaus.

Indem sie so vergnügt beisammensaßen, stürmte Friederike wütend wieder in die Kammer. »Ach!« rief sie stammelnd, »da bringen sie meinen Vater blutig ins Dorf. Jost der Jäger schlägt ihn noch immer, und drei von des Junkers Knechten schleppen ihn fort. Ach! sie schlagen ihn tot!« Dortchen tat einen hellen Schrei und floh zur Tür hinaus. Wilhelm eilte ihr nach, aber der gute Mensch konnte nicht so geschwind fort, wie die Mädchen. Sein Bruder Johann wohnte nah bei Moritzen, dem rief er. Diese beiden gingen dann auf den Lärm zu. Sie fanden Moritzen in dem Wirtshause auf einem Stuhl sitzen; seine grauen Haare waren von Blut zusammengebacken; die Knechte und der Jäger stunden um ihn, fluchten, spotteten, knüpften ihm Fäuste vor die Nase, und eine geschossene Schnepfe lag vor Moritzen auf dem Tisch. Der unparteiische Wirt trug ruhig Branntwein zu. Friederike bat flehentlich um Gnade, und Dortchen um ein wenig Branntwein, dem Vater den Kopf zu waschen; allein sie hatte kein Geld zu bezahlen, und der Schade war auch zu groß für den Wirt, ihr ein halbes Glas zu schenken. Doch wie die Weiber von Natur barmherzig sind, so brachte die Wirtin einen Scherben, der unter dem Zapfen des Branntweinfasses gestanden, und daraus wusch Dortchen dem Vater den Kopf. Moritz hatte schon vielmal gesagt, daß ihm der Junker Erlaubnis gegeben, soviel zu schießen, als ihm beliebte; allein, der war nun jetzt zum Unglücke verreiset; der Pastor schwieg daher still und entschuldigte sich nicht mehr. So stunden die Sachen, als die Gebrüder Stilling ins Wirtshaus kamen. Die erste Rache die sie nahmen, war an einem Branntweinglase, womit der Wirt aus dem Keller kam, und es sehr behutsam trug, um nichts zu verschütten; wiewohl diese Vorsicht eben so gar nötig nicht war, denn das Glas war über ein Viertel leer. Johann Stilling wischte dem Wirt über die Hand, daß das Glas gegen die Wand fuhr und in tausend Stücken sprang. Wilhelm aber war schon in der Stube, griff seinen Schwiegervater an der Hand, und führte ihn mit solchem Ernst aus der Stube, gleich als wenn er der Junker selbst gewesen wäre; sagte aber niemand etwas, sondern schwieg ganz still. Der Jäger und die Knechte drohten, hielten bald hie, bald da; allein Wilhelm, der desto stärker in den Armen war, je schwächer seine Füße waren, sah und hörte nicht, schwieg immer still und arbeitete nur Moritzen los. Wo er an seinem Rock eine zugeklemmte Hand fand, die brach er auf, und so brachte er ihn vor die Tür. Johann Stilling aber redete mit den Jägern und den Knechten, und seine Worte waren lauter Messer für sie; denn ein jeder wußte, wie hoch er bei dem Junker angeschrieben stund, und wie oft er mit ihm zu Abend speisen mußte. Die Sache lief am Ende dahin aus, daß der Jäger bei der Wiederkunft des Junkers abgesetzt, Moritzen aber zwanzig Taler für seine Schmerzen ausgezahlt wurden. Was ihnen noch schneller durchhalf, war, daß der ganze Platz vor dem Hause voller Bauren stand, welche Tobak rauchten, und sich mit dem Zusehn belustigten; und wo es nur darauf ankam, daß einer unter ihnen die Frage aufwarf, ob nicht durch diesen Vorfall Eingriff in ihre Freiheit geschehen sei? Plötzlich würden hundert Fäuste bereit gewesen sein, ihre christliche Liebe gegen Moritzen auf dem Nacken Jostens und seiner Gefährten zu beweisen. Auch war der Wirt eine feige Memme, der oft Ohrfeigen von seiner Frau verschlucken mußte; und endlich muß ich noch hinzufügen, der alte Stilling und seine Söhne hatten sich durch ihre ernste und abgesonderte Aufführung eine solche Hochachtung erworben, daß fast niemand das Herz hatte in ihrer Gegenwart nur zu scherzen; wozu noch kommt, was ich oben schon berührt, daß Johann Stilling bei dem Junker in großer Gnade stand. Nun wieder zur Geschichte.

Der alte Moritz wurde in wenig Tagen wieder besser, und man vergaß diese verdrießliche Sache um so eher, weil man sich mit viel vergnügteren Dingen beschäftigte, nämlich mit den Zurüstungen zur Hochzeit, welche der alte Stilling und seine Margrethe ein für allemal in ihrem Hause haben wollten. Sie mästeten ein paar Hühner zu Suppen; und ein fettes Milchkalb wurde dazu bestimmt, auf großen irdenen Schüsseln gebraten zu werden; gebackene Pflaumen die Menge, und Reis zu Breien, nebst Rosinen und Korinthen in die Hühnersuppen, wurden im Überfluß angeschafft. Der alte Stilling hat sich wohl verlauten lassen, daß ihn diese Hochzeit, nur allein an Speisen und Viktualien bei zehn Reichstaler gekostet habe. Dem sei aber wie ihm wolle, alles war doch aufgeräumt. Wilhelm hatte vor der Zeit die Schule ausgesetzt; denn in solchen Zeiten ist man zu keinem Berufsgeschäfte aufgelegt. Auch brauchte er die Tage notwendig, seiner Braut und Schwestern neue Kleider auf die Hochzeit zu machen, und sonst mancherlei zu hantieren. Stillings Töchter verlangten ebenfalls. Sie probierten öfters ihre neue Wämser und Röcke von feinem schwarzen Tuch; die Zeit wurd' ihnen Jahre lang, bis sie sie einmal einen ganzen Tag anhaben könnten.

Endlich brach dann der längst gewünschte Donnerstag an. Alles war den Morgen vor der Sonne in Stillings Hause wacker; nur der Alte, der den Abend vorher spät aus dem Wald gekommen war, schlief ruhig bis es Zeit war, mit den Brautleuten zur Kirche zu gehen. Nun ging man in geziemender Ordnung nach Florenburg, allwo die Braut mit ihrem Gefolge schon angekommen war. Die Kopulation ging ohne Widerspruch vor sich, und alle zusammen verfügten sich nun nach Tiefenbach zum Hochzeitmahle. Zwei lange Bretter waren in der Stuben nebeneinander auf hölzerne Böcke gelegt, anstatt des Tisches; Margrethe hatte ihre feinste Tischtücher drüber gespreitet, und nun wurden die Speisen aufgetragen. Die Löffel waren von Ahornholz, schön glatt, mit ausgestochenen Rosen, Blumen und Laubwerk gearbeitet. Die Zulegmesser hatten schöne gelbe hölzerne Stiele; so waren auch die Teller schön rund und glatt vom härtesten weißen Buchenholz gedrechselt. Das Bier schäumte in weißen steinernen Krügen mit blauen Blumen. Doch stellte Margrethe auch einem jeden frei, anstatt des Biers von ihrem angenehmen Birnmost zu trinken, wenn jemand dazu Belieben tragen möchte.

Nachdem alle zur Gnüge gegessen und getrunken hatten, so wurden vernünftige Gespräche angestellt. Wilhelm aber und seine Braut wollten lieber allein sein und reden; sie gingen daher tief in den Wald hinein. Mit der Entfernung von den Menschen wuchs ihre Liebe. Ach, wären keine Bedürfnisse des Lebens! keine Kälte, Frost und Nässe, was würde diesem Paar an einer irdischen Seligkeit gemangelt haben? Die beiden alten Väter, die sich indessen mit einem Krug Bier allein gesetzt hatten, verfielen in ein ernstes Gespräch. Stilling redete also:

»Herr Mitvater, mir hat immer gedeucht, Ihr hättet besser getan, wann Ihr Euch an das Laborieren gar nicht gekehrt hättet.«

»Warum, Mitvater?«

»Wenn Ihr Eure Uhrmacherei beständig getrieben hättet, so hättet Ihr reichlich Euer Brot erwerben können; nun aber hat Euch Eure Arbeit nichts geholfen, und dasjenige, was Ihr hattet, ist noch dazu draufgegangen.«

»Ihr habt recht und auch unrecht. Wenn ich gewußt hätte, daß dreißig bis vierzig Jahr' hingehen würden, eh' ich den Stein der Weisen würde gefunden haben, so hätte ich mich freilich bedacht, ehe ich angefangen hätte. Nun aber, da ich durch die lange Erfahrung etwas gelernt habe, und tief in die Erkenntnisse der Natur eingedrungen bin, nun würd' es mir leid tun, wenn ich mich umsonst sollte so lange geplagt haben.«

»Ihr habt Euch gewiß so lange umsonst geplagt, denn Ihr habt Euch einmal bisher kümmerlich beholfen. Ihr mögt nun so reich werden als Ihr wollt, Ihr könnt doch das Elend so vieler Jahre nicht in Glückseligkeit verwandeln; und zudem glaub ich nicht, daß Ihr ihn jemals bekommt. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich glaube nicht, daß es einen Stein der Weisen gibt.«

»Ich kann Euch beweisen, daß es einen Stein der Weisen gibt. Ein gewisser Doktor Helvetius' im Haag, hat ein klein Büchlein geschrieben ›Das güldne Kalb‹ genannt; darin ist es deutlich bewiesen, so daß niemand, auch der größte Ungläubige, wenn er's lieset, nicht mehr zweifeln kann. Ob ich denselben aber bekommen werde, das ist eine andere Frage. Warum nicht eben sowohl als ein anderer? da er ein freies Geschenk Gottes ist.«

»Wenn Euch Gott den Stein der Weisen schenken wollte, Ihr hättet ihn schon lange! Warum sollte er ihn Euch so lange vorenthalten? Zudem ist's ja nicht nötig, daß Ihr ihn habt; wieviel Menschen leben ohne den Stein der Weisen!«

»Das ist wahr; aber wir sollen uns so glücklich machen, als wir können.«

»Ein dreißigjährig Elend ist gewiß kein Glück; aber nehmt mir nicht übel (er schüttelte ihm die Hand), ich habe, solang ich lebe, keinen Mangel gehabt, bin gesund gewesen und alt worden, meine Kinder hab ich erzogen, lernen lassen, und ordentlich gekleidet. Ich bin recht vergnügt, und also glücklich. Man konnte mir den Stein der Weisen nicht schenken.

Aber hört, Mitvater! Ihr singt recht gut, und schreibt schön; werdet Schulmeister hier im Dorfe! Friederiken könnt Ihr vermieten. Da hab ich noch eine Kleiderkammer, darein will ich ein Bett stellen, so könnt Ihr bei mir wohnen, und also immer bei Euren Kindern sein.«

»Euer Anerbieten, Mitvater, ist sehr gut; ich werd' es auch annehmen, wenn ich nur noch einen Versuch werde gemacht haben.«

»Macht keine Probe mehr, Mitvater! sie wird Euch gewiß fehlen. Aber laßt uns von etwas anders reden. Ich bin ein so großer Liebhaber von der Sternwissenschaft; kennt ihr auch wohl den Sirius im großen Hund?«

»Ich bin eben kein Sternkundiger, doch aber kenn ich ihn.«

»Er steht gemeiniglich des Abends gegen Mittag. Er flammt so grünrötlich. Wie weit mag der wohl von der Erde sein? Sie sagen, er soll wohl noch viel höher sein als die Sonne.«

»Oh! wohl tausendmal höher!«

»Wie ist das möglich? Ich bin so ein Liebhaber von den Sternen. Ich mein immer, ich war schon dabei wenn ich sie besehe. Aber kennt ihr auch den Wagen und den Pflug?«

»Ja, man hat sie mir wohl gewiesen.«

»O welch ein wunderbarer Gott!«

Margrethe Stillings hörte dieses Gespräch; sie kam und setzte sich bei ihrem Mann. »Ach Ebert!« sagte sie, »ich kann wohl an einer Blume sehn, daß Gott wunderbar ist. Laßt uns die begreifen lernen! Wir wohnen bei dem Gras und den Blumen; die laßt uns hier bewundern; wann wir im Himmel sind, dann wollen wir die Sterne betrachten.«

»Das ist recht«, sagte Moritz, »es sind so viele Wunder in der Natur; wenn wir die recht betrachten, so können wir die Weisheit Gottes wohl kennenlernen. Doch ein jeder hat so etwas, wozu er besonders Lust hat.«

So vertrieben die Hochzeitgäste den Tag. Wilhelm Stilling und seine Braut verfügten sich auch nach Hause, und fingen ihren Ehestand an; wovon ich im folgenden Kapitel mehreres werde sagen.

Stillings Töchter aber saßen in der Dämmerung unter dem Kirschbaum und sungen folgendes schöne weltliche Liedlein:

Es ritt ein Ritter wohl übers Feld.
Er hatte kein'n Freund, kein Gut, kein Geld.
Sein Schwesterlein war hübsch und fein.
»Ach Schwesterlein! ich sage dir Adie.
Ich sehe dich ja nimmermehr.
Ich reite weg, in ein fremdes Land.
Reich du mir deine weiße Hand!«
        Adie! Adie! Adie!

»Ich sah, mein schönstes Brüderlein,
Ein buntig, artig Vögelein.
Es hüpfte im Wacholderbaum.
Ich warf's mit meinem Ringelein,
Es nahm ihn in sein Schnäbelein
Und flog weg in den Walde fort;
Mein Ringelein war ewig fort.«
        Adie! Adie! Adie!

»Schließ du dein Schloß wohl feste zu,
Halt dich fein still in guter Ruh'.
Laß niemand in dein Kämmerlein!
Der Ritter mit dem schwarzen Pferd
Hat dich zumalen lieb und wert.
Nimm dich vor ihm gar wohl in acht!
Mannich Mägdlein hat er zu Fall gebracht.«
        Adie! Adie! Adie!

Das Mägdlein weinte bitterlich,
Der Bruder sah noch hinter sich,
Und grüßte sie noch einmal schön.
Da ging sie in ihr Kämmerlein,
Und konnte da nicht fröhlich sein.
Den Ritter mit dem schwarzen Pferd
Hätt' sie vor allen lieb und wert.
        Adie! Adie! Adie!

Der Ritter mit dem schwarzen Roß
Hätt' Güter und viel Reichtum groß.
Er kame zum Jungfräulein zart.
Er kame oft um Mitternacht
Und ginge wann der Tag anbrach.
Er führt sie in sein Schlösselein
Zum anderen Jungfräulein fein.
        Adie! Adie! Adie!

Sie kam dahin in schwarzer Nacht.
Sie sah daß er zu Fall gebracht
Viel edele Jungfrauen zart.
Sie nahm wohl einen kühlen Wein
Und goß ein schnödes Gift hinein
Und trunk's dem schwarzen Ritter zu.
Es gingen beiden die Äugelein zu.
        Adie! Adie! Adie!

Sie begruben den Ritter im Schlosse fein,
Das Mägdlein inbei ein Brünnelein.
Sie schläft da im kühlen Gras.
Um Mitternacht da wandelt sie umher
Am Mondeschein dann seufzet sie so sehr.
Sie wandelt da in weißigem Kleid
Und klaget da dem Wald ihr Leid.
        Adie! Adie! Adie!

Der edle Bruder eilt herein
Bei diesem klaren Brünnelein,
Und sah es sein Schwesterlein zart.
»Was machst du mein Schwesterlein allhier?
Du seufzest so, was fehlt dann dir?«
»Ich hab den Ritter in schwarzer Nacht,
Und mich, mit bösem Gift umgebracht.«
        Adie! Adie! Adie!

Wie Nebel in dem weiten Raum
Flog auf das Mägdlein durch den Baum.
Man sah sie wohl nimmermehr.
Ins Kloster ging der Rittersmann
Und fing ein frommes Leben an.
Da betete er vors Schwesterlein
Auf daß sie möchte selig sein.
        Adie! Adie! Adie!

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.