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Henrich Stillings Jugend / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jugend / 1 - Kapitel 11
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jugend / 1
pages3-84
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1777
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Margrethe brachte also eine Schüssel Mus, und auf derselben vier Stücke Fleisches, die so gelegt waren, daß ein jedes just vor den zu stehen kam, für den es bestimmt war. Hinter ihr her kam Mariechen mit einem Kumpen voll gebrockter Milch. Beide setzten ihre Schüsseln auf den Tisch, an welchem Vater Stilling und Henrich schon an ihrem Ort saßen, und mit wichtiger Miene von ihrer nun morgen anzufangenden Dachdeckerei redeten. Denn, im Vertrauen gesagt, wie sehr auch Henrich auf Studieren, Wissenschaften und Bücher verpicht sein mochte, so war's ihm doch eine weit größere Freude, in Gesellschaft seines Großvaters, zuweilen entweder im Wald, auf dem Feld oder gar auf dem Hausdach zu klettern; denn dieses war nun schon das dritte Jahr, daß er seinem Großvater als Diakonus bei dieser jährlichen Solennität beigestanden. Es ist also leicht zu denken, daß der Junge herzlich verdrüßlich werden mußte, als er Margrethens und Mariechens Absichten zu begreifen anfing.

»Ich weiß nicht, Ebert«, sagte Margrethe, indem sie ihre linke Hand auf seine Schultern legte, »du fängst mir so an zu verfallen. Spürst du nichts in deiner Natur?«

»Man wird als alle Tage älter, Margrethe.«

»O Herr ja! Ja freilich, alt und steif.«

»Ja wohl«, versetzte Mariechen und seufzte.

»Mein Großvater ist noch recht stark vor sein Alter«, sagte Henrich.

»Ja wohl, Junge«, antwortete der Alte. »Ich wollte noch wohl in die Wette mit dir die Leiter nauflaufen.«

Henrich lachte hart. Margrethe sah wohl, daß sie auf dieser Seite die Festung nicht überrumpeln würde; daher suchte sie einen andern Weg.

»Ach ja«, sagte sie, »es ist eine besondere Gnade, so gesund in seinem Alter zu sein; du bist, glaub ich, nie in deinem Leben krank gewesen, Ebert?«

»In meinem Leben nicht, ich weiß nicht was Krankheit ist; denn an den Pocken und Röteln bin ich herumgegangen.«

»Ich glaub doch, Vater!« versetzte Mariechen, »Ihr seid wohl verschiedenemalen vom Fallen krank gewesen; denn Ihr habt uns wohl erzählst, daß Ihr oft gefährlich gefallen seid.«

»Ja, ich bin dreimal tödlich gefallen.«

»Und das viertemal«, fuhr Margrethe fort, »wirst du dich totfallen, mir ahnt es. Du hast letzthin im Wald das Gesicht gesehen; und eine Nachbarin hat mich kürzlich gewarnt und gebeten, dich nicht aufs Dach zu lassen; denn sie sagte, sie hätte des Abends, wie sie die Küh' gemolken, ein Poltern und klägliches Jammern neben unserm Hause im Wege gehört. Ich bitte dich, Ebert! tu mir den Gefallen, und laß jemand anders das Haus decken, du hast's ja nicht nötig.«

»Margrethe! – kann ich, oder jemand anders denn nicht in der Straße ein ander Unglück bekommen? Ich hab das Gesicht gesehen, ja, das ist wahr! – unsere Nachbarin kann auch diese Vorgeschicht' gehört haben. Ist dieses gewiß? wird dann derjenige dem entlaufen, was Gott über ihn beschlossen hat? Hat er beschlossen, daß ich meinen Lauf hier in der Straße endigen soll, werd ich, armer Dummkopf von Menschen! das wohl vermeiden können? und gar wenn ich mich totfallen soll, wie werd ich mich hüten können? Gesetzt, ich blieb vom Dach, kann ich nicht heut oder morgen da in der Straßen einen Karren Holz losbinden wollen, draufsteigen, straucheln und den Hals abstürzen? Margrethe! laß mich in Ruh'; ich werde so ganz grade fortgehen, wie ich bis dahin gegangen bin; wo mich dann mein Stündchen überrascht, da werd ich's willkommen heißen.«

Margrethe und Mariechen sagten noch ein und das andere, aber er achtete nicht drauf, sondern redete mit Henrichen von allerhand die Dachdeckerei betreffenden Sachen; daher sie sich zufriedengaben und sich das Ding aus dem Sinne schlugen.

Des andern Morgens stunden sie frühe auf, und der alte Stilling fing an, während daß er ein Morgenlied sang, das alte Stroh loszubinden und abzuwerfen, womit er denn diesen Tag auch hübsch fertig wurde; so daß sie des folgenden Tages schon anfingen das Dach mit neuem Stroh zu belegen; mit einem Wort, das Dach ward fertig, ohne die mindeste Gefahr oder Schreck dabei gehabt zu haben; außer daß es noch einmal bestiegen werden mußte, um starke und frische Rasen oben über den First zu legen. Doch damit eilte der alte Stilling so sehr nicht; es gingen wohl noch acht Tage über, eh' es ihm einfiel dies letzte Stück Arbeit zu verrichten.

Des folgenden Mittwochs morgens stund Eberhard ungewöhnlich früh auf, ging im Hause umher von einer Kammer zur andern, als wenn er was suchte. Seine Leute verwunderten sich, fragten ihn, was er suche? »Nichts«, sagte er. »Ich weiß nicht, ich bin so wohl, doch hab ich keine Ruhe, ich kann nirgend still sein, als wenn etwas in mir wäre, das mich triebe, auch spür ich so eine Bangigkeit, die ich nicht kenne.« Margrethe riet ihm, er sollte sich anziehen und mit Henrichen nacher Lichthausen gehen, seinen Sohn, Johann, zu besuchen. Er war damit zufrieden; doch wollte er zuerst die Rasen oben auf den Hausfirst legen, und dann des andern Tages seinen Sohn besuchen. Dieser Gedanke war seiner Frauen und Tochter sehr zuwider. Des Mittags über Tisch ermahnten sie ihn wieder ernstlich vom Dach zu bleiben; selbst Henrich bat ihn jemand vor Lohn zu kriegen, der vollends mit der Deckerei ein Ende mache. Allein der vortreffliche Greis lächelte mit einer unumschränkten Gewalt um sich her; ein Lächeln, das so manchem Menschen das Herz geraubt und Ehrfurcht eingeprägt hatte! Dabei sagte er aber kein Wort. Ein Mann, der mit einem beständig guten Gewissen alt geworden, sich vieler guten Handlungen bewußt ist, und von Jugend auf sich an einen freien Umgang mit Gott und seinem Erlöser gewöhnt hat, gelangt zu einer Größe und Freiheit, die nie der größte Eroberer erreicht hat. Die ganze Antwort Stillings auf diese, gewiß treugemeinte Ermahnungen der Seinigen, bestund darin: Er wollte da auf den Kirschbaum steigen, und sich noch einmal recht satt Kirschen essen. Es war nämlich ein Baum, der hinten im Hof stund, und sehr spät, aber desto vortrefflichere Früchte trug. Seine Frau und Tochter verwunderten sich über diesen Einfall, denn er war wohl in zehen Jahren auf keinem Baum gewesen. »Nun dann!« sagte Margrethe, »du mußt nun vor diese Zeit in die Höh', es mag kosten was es wolle.« Eberhard lachte und antwortete: »Je höher, je näher zum Himmel!« Damit ging er zur Tür hinaus, und Henrich hinter ihm her auf den Kirschbaum zu. Er faßte den Baum in seine Arme und die Knie, und kletterte hinauf bis oben hin, setzte sich in eine Furke des Baums, fing an, aß Kirschen, und warf Henrichen zuweilen ein Ästchen herab. Margrethe und Mariechen kamen ebenfalls. »Halt!« sagte die ehrliche Frau, »heb mich ein wenig Mariechen, daß ich nur die unterste Äste fassen kann, ich muß da probieren, ob ich auch noch hinauf kann.« Es geriet, sie kam hinauf. Stilling sah herab und lachte herzlich, und sagte, das heißt recht verjüngt werden, wie die Adler. Da saßen beide ehrliche alte Grauköpfe in den Ästen des Kirschbaumes, und genossen noch einmal zusammen die süßen Früchte ihrer Jugend; besonders war Stilling aufgeräumt. Margrethe stieg wieder herab und ging mit Mariechen in den Garten, der eine ziemliche Strecke unterhalb dem Dorf war. Eine Stunde hernach stieg auch Eberhard herab, ging und hatte einen Haken, um Rasen damit abzuschälen. Er ging des Endes oben ans Ende des Hofs an den Wald; Henrich blieb gegen dem Hause über unter dem Kirschbaum sitzen; endlich kam Eberhard wieder, hatte einen großen Rasen um den Kopf hangen, bückte sich zu Henrichen, sah ganz ernsthaft aus und sagte: »Sieh, welch eine Schlafkappe!« – Henrich fuhr ineinander, und ein Schauer ging ihm durch die Seele. Er hat mir hernach wohl gestanden, daß dieses einen unvergeßlichen Eindruck auf ihn gemacht habe.

Indessen stieg Vater Stilling mit dem Rasen das Dach hinauf. Henrich schnitzelte an einem Hölzchen; indem er darauf sah, hörte er ein Gepolter; er sah hin, vor seinen Augen war's schwarz wie die Nacht – Lang hingestreckt lag da der teure liebe Mann unter der Last von Leitern, seine Hände vor der Brust gefalten; die Augen starrten, die Zähne klapperten und alle Glieder bebten, wie ein Mensch im starken Frost. Henrich warf eiligst die Leitern von ihm, streckte die Arme aus, und lief wie ein Rasender das Dorf hinab und erfüllte das ganze Tal mit Zeter und Jammer. Margrethe und Mariechen hörten im Garten kaum halb die seelzagende kenntliche Stimme ihres geliebten Knaben; Mariechen tat einen hellen Schrei, rung die Hände über dem Kopf und flog das Dorf hinauf. Margrethe strebte hinter ihr her, die Hände vorwärts ausgestreckt, die Augen starrten umher; dann und wann machte ein heiserer Schrei der beklemmten Brust ein wenig Luft. Mariechen und Henrich waren zuerst bei dem lieben Manne. Er lag da, lang ausgestreckt, die Augen und der Mund waren geschlossen, die Hände noch vor der Brust gefalten, und sein Odem ging langsam und stark, wie bei einem gesunden Menschen der ordentlich schläft; auch bemerkte man nirgend daß er blutrüstig war. Mariechen weinte häufige Tränen auf sein Angesicht und jammerte beständig: »Ach! mein Vater! mein Vater!« Henrich saß zu seinen Füßen im Staub, weinte und heulte. Indessen kam Margrethe auch hinzu; sie fiel neben ihm nieder auf die Knie, faßte ihren Mann um den Hals, rief ihm mit ihrer gewohnten Stimme ins Ohr, aber er gab kein Zeichen von sich. Die heldenmütige Frau stund auf, faßte Mut; auch war keine Träne aus ihren Augen gekommen. Einige Nachbarn waren indessen hinzugekommen; vergossen alle Tränen, denn er war allgemein geliebt gewesen. Margrethe machte geschwind in der Stube ein niedriges Bette zurecht; sie hatte ihre beste Bettücher, die sie vor etlich und vierzig Jahren als Braut gebraucht hatte, übergespreitet. Nun kam sie ganz gelassen heraus, und rief: »Bringt nur meinen Eberhard herein aufs Bett!« Die Männer faßten ihn an, Mariechen trug am Kopf, und Henrich hatte beide Füße in seinen Armen; sie legten ihn aufs Bett und Margrethe zog ihn aus und deckte ihn zu. Er lag da, ordentlich wie ein gesunder Mensch der schläft. Nun wurde Henrich beordert nach Florenburg zu laufen, um einen Wundarzt zu holen. Der kam auch denselben Abend, untersuchte ihn, ließ ihm zur Ader und erklärte sich, daß zwar nichts zerbrochen sei, aber doch sein Tod binnen dreien Tagen gewiß sein würde, indem sein Gehirn ganz zerrüttet wäre.

Nun wurden Stillings Kinder alle sechs zusammenberufen, die sich auch des andern Morgens donnerstags zeitig einfanden. Sie setzten sich alle rings ums Bette, waren stille, klagten und weinten. Die Fenster wurden mit Tüchern zugehangen, und Margrethe wartete ganz gelassen ihrer Hausgeschäfte. Freitags nachmittags fing der Kopf des Kranken an zu beben, die oberste Lippe erhob sich ein wenig und wurde blaulicht, und ein kalter Schweiß duftete überall hervor. Seine Kinder rückten näher ums Bette zusammen. Margrethe sah es auch; sie nahm einen Stuhl und setzte sich zurück an die Wand ins Dunkele; alle sahen vor sich nieder und schwiegen. Henrich saß zu den Füßen seines Großvaters, sah ihn zuweilen mit nassen Augen an und war auch stille. So saßen sie alle bis abends neun Uhr. Da bemerkte Cathrine zuerst, daß ihres Vaters Odem stillstand. Sie rief ängstlich: »Mein Vater stirbt!« – Alle fielen mit ihrem Angesicht auf das Bette, schluchsten und weinten. Henrich stund da, ergriff seinem Großvater beide Füße und weinte bitterlich. Vater Stilling holte alle Minuten tief Odem, wie einer der tief seufzet, und von einem Seufzer zum andern war der Odem ganz stille; an seinem ganzen Leibe regte und bewegte sich nichts als der Unterkiefer, der sich bei jedem Seufzer ein wenig vorwärts schob.

Margrethe Stillings hatte bis dahin bei all ihrer Traurigkeit noch nicht geweint; sobald sie aber Catharinen rufen hörte, stund sie auf, ging ans Bett, und sah ihrem sterbenden Manne ins Gesicht; nun fielen einige Tränen die Wangen herunter; sie dehnte sich aus (denn sie war vom Alter ein wenig gebückt) richtete ihre Augen auf und reckte die Hände gen Himmel, und betete mit dem feurigsten Herzen; sie holte jedesmal aus tiefster Brust Odem, und den verzehrte sie in einem brünstigen Seufzer. Sie sprach die Worte plattdeutsch nach ihrer Gewohnheit aus, aber sie waren alle voll Geist und Leben. Der Inhalt ihrer Worte war, daß ihr Gott und Erlöser ihres lieben Mannes Seele gnädig aufnehmen, und zu sich in die ewige Freude nehmen möge. Wie sie anfing zu beten, sahen alle ihre Kinder auf, erstaunten, sunken im Bett auf die Knie und beteten in der Stille mit. Nun kam der letzte Herzensstoß; der ganze Körper zog sich; er stieß einen Schrei aus; nun war er verschieden. Margrethe hörte auf zu beten, faßte dem entseelten Manne seine rechte Hand an, schüttelte sie und sagte: »Leb wohl, Eberhard! in dem schönen Himmel! bald sehen wir uns wieder!« Sowie sie das sagte, sank sie nieder auf ihre Knie; alle ihre Kinder fielen um sie herum. Nun weinte auch Margrethe die bittersten Tränen und klagte sehr.

Die Nachbarn kamen indessen, um den Entseelten anzukleiden. Die Kinder stunden auf, und die Mutter holte das Totenkleid. Bis den folgenden Montag lag er auf der Bahre; da führte man ihn nach Florenburg, um ihn zu begraben.

Herr Pastor Stollbein ist aus dieser Geschichte als ein störrischer wunderlicher Mann bekannt, allein außer dieser Laune war er gut und weichherzig. Wie Stilling ins Grab gesenkt wurde, weinte er helle Tränen; und auf der Kanzel waren unter beständigem Weinen seine Worte: »Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan! Wollte Gott, ich wäre für dich gestorben!« und der Text zur Leichenrede war: »Ei du frommer und getreuer Knecht! du bist über weniges getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude!«

Sollte einer meiner Leser nach Florenburg kommen, gegen der Kirchtür über, da wo der Kirchhof am höchsten ist, da schläft Vater Stilling auf dem Hügel. Sein Grab bedeckt kein prächtiger Leichstein; aber oft fliegen im Frühling ein Paar Täubchen einsam hin, girren und liebkosen sich zwischen dem Gras und Blumen, die aus Vater Stillings Moder hervorgrünen.

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