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Henrich Stillings Jugend / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jugend / 1 - Kapitel 10
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jugend / 1
pages3-84
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1777
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Der alte Stilling fing nunmehro an seinen Vaterernst abzulegen und gegen seine wenige Hausgenossen zärtlicher zu werden; besonders hielt er Henrichen, der nunmehr 11 Jahr' alt war, viel von der Schul' zurück, und nahm ihn mit sich, wo er seiner Feldarbeit nachging; redete viel mit ihm von der Rechtschaffenheit eines Menschen in der Welt, besonders von seinem Verhalten gegen Gott; empfahl ihm gute Bücher, sonderlich die Bibel zu lesen, hernach auch was Doktor Luther, Calvinus, Okolampadius und Bucerus geschrieben haben. Einsmalen gingen Vater Stilling, Mariechen und Henrich des Morgens früh in den Wald um Brennholz zuzubereiten. Margrethe hatte ihnen einen guten Milchbrei mit Brot und Butter in einen Korb zusammengetan, welchen Mariechen auf dem Kopf trug; sie ging den Wald hinauf voran, Henrich folgte und erzählte mit aller Freude die Historie von den vier Heimonskindern, und Vater Stilling schritt auf seine Holzaxt sich stützend seiner Gewohnheit nach, mühsam hintendrein und hörte fleißig zu. Sie kamen endlich zu einem weit entlegenen Ort des Waldes, wo sich eine grüne Ebne befand, die am einen Ende einen schönen Brunnen hatte. »Hier laßt uns bleiben«, sagte Vater Stilling, und setzte sich nieder; Mariechen nahm ihren Korb ab, stellte ihn hin und setzte sich auch. Henrich aber sah in seiner Seele wieder die ägyptische Wüste vor sich, worinnen er gern Antonius geworden wäre; bald darauf sah er den Brunnen der Melusine vor sich, und wünschte daß er Raymund wäre; dann vereinigten sich beide Ideen und es wurde eine fromme romantische Empfindung draus, die ihn alles Schöne und Gute dieser einsamen Gegend mit höchster Wollust schmecken ließ. Vater Stilling stund endlich auf und sagte: »Kinder bleibt ihr hier, ich will ein wenig herumgehen und abständig Holz suchen; ich will zuweilen rufen, ihr antwortet mir dann, damit ich euch nicht verliere.« Er ging.

Indessen saßen Mariechen und Henrich beisammen und waren vertraulich. »Erzähle mir doch, Base!« sagte Henrich, »die Historie von Joringel und Jorinde noch einmal.« Mariechen erzählte:

»Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald; darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich bald zur Katze, oder zum Hasen, oder zur Nachteule; des Abends aber wurde sie ordentlich wieder wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie's, kochte und bratete es. Wenn jemand auf hundert Schritte nah bei 's Schloß kam, so mußte er stillestehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach; wenn aber eine reine keusche Jungfer in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie denn in einen Korb ein, in die Kammern des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfer, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle andere Mädchens, die, und dann ein gar schöner Jüngling, namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren. ›Hüte dich‹, sagte Joringel, ›daß du nicht zu nah an das Schloß kommst!‹ Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Walds, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen. Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin in Sonnenschein und klagte. Joringel klagte auch; sie waren so bestürzt als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um, waren irre, und wußten nicht wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stund die Sonne über dem Berg und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich, er erschrak und wurde todbang, Jorinde sang:

Mein Vögelein mit dem Ringelein rot,
    Singt Leide Leide Leide;
Es singt dem Täubelein seinen Tod,
    Singt Leide Lei – Zicküt Zicküt Zicküt.

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang ›Zicküt Zicküt‹. Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal ›Schu-hu-hu-hu‹. Joringel konnte sich nicht regen; er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem Strauch hervor, gelb und mager, große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte und fing die Nachtigall, trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort; endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: ›Grüß dich Zachiel! Wenn's Möndel ins Körbel scheint, bind los Zachiel zu guter Stund'!‹ Da wurd Joringel los; er fiel vor dem Weib auf die Knie, und bat, sie möchte ihm seine Jorinde wiedergeben; aber sie sagte, er sollte sie nie wieder haben und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. Nu! was soll mir geschehn? Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütet er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei; endlich träumte er einmal des Nachts, er fänd' eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war; die Blume bräch' er ab, ging' damit zum Schlosse; alles was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wiederbekommen. Des Morgens als er erwachte, fing er an durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Tautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß. Nu! es war mir gut! Wie er auf hundert Schritt nahe bei 's Schloß kam, da wurd' er nicht fest, sondern ging fort, bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume und sie sprang auf; er ging hinein, durch den Hof, horchte wo er die vielen Vögel vernähm'. Endlich hört' er's; er ging und fand den Saal; darauf war die Zauberin, fütterte die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnt' auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie, und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viel hundert Nachtigallen; wie sollte er nun seine Jorinde wiederfinden? Indem er so zusah, merkt' er, daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel nimmt und damit nach der Türe geht. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume, und auch das alte Weib; nun konnte sie nichts mehr zaubern; und Jorinde stund da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön als sie ehemals war. Da machte er auch all die andern Vögel wieder zu Jungfern, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und lebten lange vergnügt zusammen.«

Henrich saß wie versteinert, seine Augen starrten gradaus, und der Mund war halb offen. »Base!« sagte er endlich, »das könnt' einem des Nachts bang machen.« »Ja«, sagte sie, »ich erzähl's auch des Nachts nicht, sonst werd ich selber bang.« Indem sie so saßen, pfiff Vater Stilling. Mariechen und Henrich antworteten mit einem »He! He!« Nicht lange hernach kam er; er sah munter und fröhlich aus, als wenn er etwas gefunden hätte; lächelte wohl zuweilen, stand, schüttelte den Kopf, sah auf eine Stelle, faltete die Hände, lächelte wieder. Mariechen und Henrich sahen ihn mit Verwunderung an; doch durften sie ihn nicht fragen; denn er tät's wohl oft so, daß er vor sich allein lachte. Doch Stillingen war das Herz zu voll; er setzte sich zu ihnen nieder und erzählte; wie er anfing so stunden ihm die Augen voll Wasser. Mariechen und Henrich sahen es, und schon liefen ihnen auch die Augen über.

»Wie ich von euch in Wald hineinging, sah ich weit vor mir ein Licht, ebenso als wenn morgens früh die Sonne aufgeht. Ich verwunderte mich sehr. Ei! dacht ich, dort steht ja die Sonne am Himmel; ist das denn eine neue Sonne? Das muß ja was Wunderlichs sein, das muß ich sehen. Ich ging drauf an; wie ich vorn hinkam, siehe da war vor mir eine Ebne, die ich mit meinen Augen nicht übersehen konnte. Ich hab mein Lebtag so Herrlichs nicht gesehen, so ein schöner Geruch, so eine kühle Luft kam darüber her, ich kann's euch nicht sagen. Es war so weiß Licht durch die ganze Gegend, der Tag mit der Sonne ist Nacht dagegen. Da standen viel tausend prächtige Schlösser, eins nah beim andern. Schlösser! – ich kann's euch nicht beschreiben! als wenn sie von lauter Silber wären. Da waren Gärten, Büsche, Bäche. O Gott wie schön! – Nicht weit von mir stand ein großes herrliches Schloß. (Hier liefen dem guten Stilling die Tränen häufig die Wangen herunter, Mariechen und Henrichen auch.) Aus der Tür dieses Schlosses kam jemand heraus, auf mich zu, wie eine Jungfrau. Ach! ein herrlicher Engel! – Wie sie nah bei mir war, ach Gott! da war es unser seliges Dortchen! (Nun schluchzten sie alle drei, keins konnte etwas reden, nur Henrich rief und heulte: »O meine Mutter! meine liebe Mutter!«) – Sie sagte gegen mich so freundlich, eben mit der Miene die mir ehemal so oft das Herz stahl: ›Vater, dort ist unsere ewige Wohnung, Ihr kommt bald zu uns.‹ – Ich sah, und siehe alles war Wald vor mir; das herrliche Gesicht war weg. Kinder, ich sterbe bald; wie freu ich mich drauf!« Henrich konnte nicht aufhören zu fragen, wie seine Mutter ausgesehen, was sie angehabt, und so weiter. Alle drei verrichteten den Tag durch ihre Arbeit, und sprachen beständig von dieser Geschichte. Der alte Stilling aber war von der Zeit an, wie einer der in der Fremde und nicht zu Hause ist.

Ein altes Herkommen, dessen ich (wie vieler andern) noch nicht erwähnt, war; daß Vater Stilling alle Jahr' selbsten ein Stück seines Hausdaches, das Stroh war, eigenhändig decken mußte. Das hatte er nun schon achtundvierzig Jahr getan, und diesen Sommer sollt' es wieder geschehen. Er richtete es so ein, daß er alle Jahr' so viel davon neu deckte, soweit das Roggenstroh reichte, das er für dies Jahr gezogen hatte.

Die Zeit des Dachdeckens fiel gegen Michaelstag, und rückte nun mit Macht heran; so daß Vater Stilling anfing darauf zu Werk zu legen. Henrich war dazu bestimmt ihm zur Hand zu langen, und also wurde die lateinische Schule auf acht Tage ausgesetzt. Margrethe und Mariechen hielten täglich in der Küche geheimen Rat, über die bequemsten Mittel wodurch er vorn Dachdecken zurückgehalten werden möchte. Sie beschlossen endlich beide, ihm ernstliche Vorstellungen zu tun, und ihn vor Gefahr zu warnen; sie hatten die Zeit während dem Mittagessen dazu bestimmt.

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