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Henrich Stillings Jugend / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jugend / 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jugend / 1
pages3-84
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1777
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Johann Heinrich Jung-Stilling

Henrich Stillings Jugend

Eine wahrhafte Geschichte

In Westfalen liegt ein Kirchsprengel in einem sehr bergichten Landstriche, auf dessen Höhen man viele kleine Grafschaften und Fürstentümer übersehen kann. Das Kirchdorf heißt Florenburg; die Einwohner aber haben von alters her einen großen Ekel vor dem Namen eines Dorfs gehabt, und daher, ob sie gleich auch von Ackerbau und Viehzucht leben müssen, vor den Nachbarn, die bloße Bauren sind, immer einen Vorzug zu behaupten gesucht, die ihnen aber auch dagegen nachsagten, daß sie vor und nach den Namen Florendorf verdrängt und an dessen Statt Florenburg eingeführet hätten. Dem sei aber wie ihm wolle, es ist wirklich ein Magistrat daselbst, dessen Haupt zu meiner Zeit Johannes Henricus Scultetus war: Ungeschlachte, unwissende Leute nannten ihn außer dem Rathause Meister Hanns, hübsche Bürger pflegten doch auch wohl Meister Schulde zu sagen.

Eine Stunde von diesem Orte südostwärts liegt ein kleines Dörfchen Tiefenbach, von seiner Lage zwischen Bergen so genannt, an deren Fuße die Häuser zu beiden Seiten des Wassers hängen, das sich aus den Tälern von Süd und Nord her just in die Enge und Tiefe zum Fluß hinsammelt. Der östliche Berg heißt der Giller, geht steil auf, und seine Fläche nach Westen gekehrt, ist mit Maibuchen dicht bewachsen. Von ihm ist eine Aussicht über Felder und Wiesen, die auf beiden Seiten durch hohe verwandte Berge gesperrt wird. Sie sind ganz mit Buchen und Eichen bepflanzt, und man sieht keine Lücke, außer wo manchmal ein Knabe einen Ochsen hinauftreibt und Brennholz auf halbgebahntem Wege zusammenschleppt.

Unten am nördlichen Berge, der Geisenberg genannt, der wie ein Zuckerhut gegen die Wolken steigt, und auf dessen Spitze Ruinen eines alten Schlosses liegen, steht ein Haus, worinnen Stillings Eltern und Voreltern gewohnt haben.

Vor ohngefähr dreißig Jahren lebte noch darin ein ehrwürdiger Greis, Eberhard Stilling, ein Bauer und Kohlenbrenner. Er hielt sich den ganzen Sommer durch im Walde auf, und brannte Kohlen; kam aber wöchentlich einmal nach Hause, um nach seinen Leuten zu sehen, und sich wieder auf eine Woche mit Speisen zu versehen. Er kam gemeiniglich sonnabends abends, um den Sonntag nach Florenburg in die Kirche gehen zu können, allwo er ein Mitglied des Kirchenrats war. Hierinnen bestunden auch die mehresten Geschäfte seines Lebens. Sechs großgezogene Kinder hatte er, wovon die zween ältesten Söhne, die vier jüngsten aber Töchter waren.

Einsmals als Eberhard den Berg herunterkam, und mit dem ruhigsten Gemüte die untergehende Sonne betrachtete, die Melodie des Liedes »Der lieben Sonnen Lauf und Pracht hat nun den Tag vollführet« auf einem Blatt pfiff, und dabei das Lied durchdachte, kam sein Nachbar Stähler hinter ihm her, der ein wenig geschwinder gegangen war, und sich eben nicht viel um die untergehende Sonne bekümmert haben mochte. Nachdem er eine Weile schon nahe hinter ihm gewesen, auch ein paarmal fruchtlos gehustet hatte; fing er ein Gespräch an, das ich hier wörtlich beifügen muß.

»Guten Abend, Ebert!«

»Dank hab, Stähler!« (Indem er fortfuhr auf dem Blatt zu pfeifen.)

»Wenn das Wetter so bleibt, so werden wir unser Gehölze bald zugerichtet haben. Ich denke, dann sind wir in drei Wochen fertig.«

»Es kann sein.« (Nun pfiff er wieder fort.)

»Es will so nicht recht mehr mit mir fort, Junge! Ich bin schon achtundsechzig Jahr alt, und du wirst halt siebenzig haben.«

»Das soll wohl sein. Da geht die Sonne hinter den Berg unter, ich kann mich nicht genug erfreuen über die Güte und Liebe Gottes. Ich war soeben in Gedanken drüber; es ist auch Abend mit uns, Nachbar Stähler! der Schatten des Todes steigt uns täglich näher, er wird uns erwischen, ehe wir's uns versehen. Ich muß der ewigen Güte danken, die mich nicht nur heute sondern den ganzen Lebenstag durch mit vielem Beistand getragen, erhalten und versorgt hat.«

»Das kann wohl sein!«

»Ich erwarte auch wirklich ohne Furcht den wichtigen Augenblick, wo ich von diesem schweren, alten und starren Leib befreit werden soll, um mit den Seelen meiner Voreltern, und anderer heiligen Männer, in einer ewigen Ruhe umgehen zu können. Da werd ich finden: Doktor Luther, Calvinus, Ökolampadius, Bucerus, und andere mehr, die mir unser seliger Pastor, Herr Winterberg, so oft gerühmt, und gesagt hatte, daß sie nächst den Aposteln, die frömmsten Männer gewesen.«

»Das kann möglich sein! Aber sag mir, Ebert, hast du die Leute, die du da herzählst, noch gekannt?«

»Wie schwatzest du? die sind über zweihundert Jahr' tot.«

»So! – das wäre!«

»Dabei sind alle meine Kinder groß, sie haben schreiben und lesen gelernt, sie können ihr Brot verdienen, und haben mich und meine Margrethe bald nicht mehr nötig.«

»Nötig? – hat sich wohl! – Wie leicht kann sich ein Mädchen oder Junge verlaufen, sich irgend mit armen Leuten abgeben, und seiner Familie einen Klatsch anhängen, wann die Eltern nicht mehr achtgeben können!«

»Vor dem allen ist mir nicht bange. Gott Lob! daß mein Achtgeben nicht nötig ist. Ich hab meinen Kindern durch meine Unterweisung und Leben einen so großen Abscheu gegen das Böse eingepflanzt, daß ich mich nicht mehr zu fürchten brauche.«

Stähler lachte herzlich! eben wie ein Fuchs lachen würde, wenn er könnte, der dem wachsamen Hahn ein Hühnchen entführt hat, und fuhr fort:

»Ebert, du hast viel Vertrauen auf deine Kinder. Ich denke aber du wirst wohl die Pfeife in den Sack stecken, wann ich dir alles sagen werde, was ich weiß.«

Stilling drehte sich um, stund, und stützte sich auf seine Holzaxt, lächelte mit dem zufriedensten und zuversichtlichsten Gesichte, und sagte: »Was weißest du denn, Stähler, das mir so weh in der Seele tun soll?«

»Hast du gehört, Nachbar Stilling, daß dein Wilhelm, der Schulmeister, heuratet?«

»Nein, davon weiß ich noch nichts.«

»So will ich dir sagen daß er des vertriebenen Predigers Moritzens Tochter zu Lichthausen haben will, und daß er sich mit ihr versprochen hat.«

»Daß er sich mit ihr versprochen hat, ist nicht wahr; daß er sie aber haben will, das kann sein.«

Nun gingen sie wieder.

»Kann das sein? Ebert! – Kannst du das leiden? Ein Bettelmensch, das nichts hat, kannst du das deinem Sohn geben?« »Gebettelt haben des ehrlichen Mannes Kinder nie; und wann sie's hätten? – Aber welche Tochter mag es sein? Moritz hat zwo Töchter.«

»Dortchen.«

»Mit Dortchen will ich mein Leben beschließen. Nie will ich es vergessen! Sie kam einmal zu mir auf einen Sonntag nachmittag, grüßte mich und Margrethe von ihrem Vater, setzte sich und schwieg. Ich sah ihr an den Augen an, daß sie was wollte, auf den Backen aber daß sie's nicht sagen konnte. Ich fragte sie, braucht ihr was? Sie schwieg und seufzte. Ich ging und holte ihr vier Reichstaler; ›da!‹ sagte ich, ›die will ich euch leihen, bis ihr mir sie wiedergeben könnt.‹«

»Du hättest sie ihr wohl schenken können; die bekommst du dein Lebetag nicht wieder.«

»Das war auch meine Meinung, daß ich ihr das Geld schenken wollte. Hätt' ich es ihr aber gesagt, das Mädchen hätte sich noch mehr geschämt. ›Ach‹, sagte sie, ›bester liebster Vater Stilling! (das gute Kind weinte blutige Tränen) wenn ich seh, wie mein alter Papa sein trocken Brot im Munde herumschlägt, und kann es nicht kauen, so blutet mir das Herz.‹ – Meine Margrethe lief, holte einen großen Topf süße Milch, und seitdem hat sie alle Woche ein paarmal süße Milch dahin geschickt.«

»Und du kannst leiden, daß Wilhelm das Mädchen nimmt?«

»Wenn er's haben will, von Herzen gern. Gesunde Leute können was verdienen, reiche Leute können das Ihrige verlieren.«

»Du hast vorhin gesagt, du wüßtest noch nichts davon. Du weißt doch, wie du sagst, daß er sich noch nicht mit ihr versprochen hat.«

»Das weiß ich! – Er fragt mich gewiß vorher.«

»Hör! Er dich fragen? Ja, da kannst du lange warten!«

»Stähler! ich kenne meinen Wilhelm. Ich hab meinen Kindern immer gesagt, sie könnten so arm und so reich heuraten als sie wollten und könnten, sie sollten nur auf Fleiß und Frömmigkeit sehen. Meine Margrethe hatte nichts, und ich ein Gut mit vielen Schulden. Gott hat mich gesegnet, ich kann jedem hundert Gulden bar mitgeben.«

»Ich bin kein Gleichviels-Mann, wie du! Ich muß wissen was ich tue, und meine Kinder sollen heuraten wie ich's vors Beste erkenne.«

»Ein jeder macht die Schuh' nach seinem Leisten«, sagte Stilling. Nun war er nah vor seiner Haustür.

Margaretha Stillings hatte schon ihre Töchter zu Bette gehen lassen. Ein Stück Pfannenkuchen stund für ihren Ebert auf einem irdenen Teller in der heißen Asche; sie hatte auch noch ein wenig Butter dazu getan. Ein Kümpchen mit gebrockter Milch stund auf der Bank, und sie begann zu sorgen, wo ihr Mann wohl so lange bleiben möchte. Indem rasselte die Klinke an der Tür, und er trat herein. Sie nahm ihm seinen leinenen Quersack von der Schulter, deckte den Tisch und brachte ihm sein Essen. »Jemini«, sagte Margrethe, »der Wilhelm ist noch nicht hier. Es wird ihm doch nicht etwa Unglück begegnet sein. Sind auch wohl Wölfe hier herum?« »Hat sich wohl«, sagte der Vater, und lachte, denn das war so seine Gewohnheit, er lachte oft hart wenn er ganz allein war.

Der Schulmeister, Wilhelm Stilling, trat hierauf in die Stube. Nachdem er seine Eltern mit einem guten Abend gegrüßt, setzte er sich auf die Bank, legte die Hand an den Backen, und war tiefsinnig. Er sagte lange kein Wort. Der alte Stilling stocherte seine Zähne mit einem Messer, denn das war so seine Gewohnheit nach Tische zu tun, wenn er auch schon kein Fleisch gegessen hatte. Endlich fing die Mutter an: »Wilhelm, mir war als bang, dir sollte was widerfahren sein, weil du so lange bleibst.« Wilhelm antwortete: »Oh! Mutter! das hat keine Not. Mein Vater sagt ja oft, wer auf seinen Berufswegen geht, darf nichts fürchten.« Hier wurd' er bald bleich, bald rot; endlich brach er stammelnd los, und sagte: »Zu Lichthausen (so hieß der Ort, wo er Schule hielt, und dabei den Bauren ihre Kleider machte) wohnt ein armer vertriebener Prediger; ich wäre wohl willens seine jüngste Tochter zu heuraten; wenn ihr beide Eltern es zufrieden seid, so wird sich keine Hindernis mehr finden.« »Wilhelm«, antwortete der Vater, »du bist dreiundzwanzig Jahr' alt; ich habe dich lehren lassen, du hast Erkenntnis genug, kannst dir aber in der Welt nicht selber helfen, denn du hast gebrechliche Füße; das Mädchen ist arm, und zur schweren Arbeit nicht angeführt; was hast du für Gedanken dich inskünftige zu ernähren?« Der Schulmeister antwortete: »Ich will mit meiner Hantierung mich wohl durchbringen, und mich im übrigen ganz an die göttliche Vorsorge übergeben; die wird mich und meine Dorthe ebensowohl nähren, als alle Vögel des Himmels.« »Was sagst du Margreth?« sprach der Alte. – »Hm! was sollt' ich sagen«, versetzte sie: »weißt du noch, was ich dir zur Antwort gab, in unsern Brauttagen? Laß uns Wilhelmen mit seiner Frau bei uns nehmen, er kann sein Handwerk treiben. Dorthe soll mir und meinen Töchtern helfen, soviel sie kann. Sie lernt noch immer etwas, denn sie ist noch jung. Sie können mit uns an den Tisch gehen; was er verdient, das gibt er uns, und wir versorgen dann beide mit dem Nötigen: so geht's, mein ich, am besten.« »Wenn du meinst«, erwiderte der Vater, »so mag er das Mädchen holen. Wilhelm! Wilhelm! denke was du tust, es ist nichts Geringes. Der Gott deiner Väter segne dich mit allem, was dir und deinem Mädchen nötig ist.« Wilhelmen stunden die Tränen in den Augen. Er schüttelte Vater und Mutter die Hand, versprach ihnen alle Treue, und ging zu Bette. Und nachdem der alte Stilling sein Abendlied gesungen, die Tür mit dem hölzernen Wirbel zugeklemmt, Margrethe aber nach den Kühen gesehen hatte, ob sie alle lägen und wiederkäueten, so gingen sie auch schlafen.

Wilhelm kam auf seine Kammer, an welcher nur ein Laden war, der aber eben so genau nicht schloß, daß nicht soviel Tag hätte durchschimmern können um zu wissen, ob man aufstehen müsse. Dieses Fenster war noch offen, daher trat er an dasselbe, es sah gerade gegen den Wald hin, alles war in tiefer Stille, nur zwo Nachtigallen sangen wechselsweise auf das allerlieblichste. Dieses war Wilhelmen öfters ein Wink gewesen. Er sank an der Wand nieder. »O Gott!« seufzte er, »dir dank ich, daß du mir solche Eltern gegeben hast! O laß sie Freude an mir sehen! Laß mich ihnen nicht zur Last sein! Dir dank ich, daß du mir eine tugendhafte Frau gibst! O segne mich!« – Tränen und Empfindungen hemmten ihm die Sprache, und da redete sein Herz unaussprechliche Worte, welche nur die Seelen empfinden und kennen, die sich in gleicher Lage befunden haben.

Nie hat jemand sanfter geschlafen als der Schulmeister. Sein inniges Vergnügen weckte ihn des Morgens früher als sonst. Er stund auf, ging heraus in den Wald, und erneuerte alle seine heilige Vorsätze die er je in seinem Leben sich vorgenommen hatte. Um sieben Uhr ging er wieder nach Haus, und aß mit seinen Eltern und Schwestern die süße Milchsuppe, und ein Butterbrot. Nachdem sich nun der Vater zuerst, hernach auch der Sohn den Bart abgemacht, die Mutter aber mit den Töchtern sich beratschlaget, wer unter ihnen zu Hause bleiben, und wer in die Kirche gehen sollte, so zog man sich an. Dieses alles war in einer halben Stunde geschehen; sodann gingen die Töchter vor, darnach Wilhelm, und zuhinterst der Vater mit seinem dicken Dornenstocke. Wenn der alte Stilling mit seinen Kindern ausging, so mußten sie allemal vor ihm gehn, damit er, wie er zu sagen pflegte, den Gang und die Sitten seiner Kinder sehen und sie zur Ehrbarkeit anführen könnte.

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