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Henrich Stillings häusliches Leben / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings häusliches Leben / 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings häusliches Leben / 1
pages303-363
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Johann Heinrich Jung-Stilling

Henrich Stillings häusliches Leben

Eine wahrhafte Geschichte

Den ersten Mai 1772 des Nachmittags wanderte Stilling mit seiner Christine zu Fuß nach Schönenthal und Herr Friedenberg begleitete sie; die ganze Natur war still, der Himmel heiter, die Sonne schien über Berg und Tal und ihre warme Frühlingsstrahlen entfalteten Kräuter, Blätter und Blüten. Stilling freute sich seines Lebens und seiner Schicksale und er glaubte gewiß, jetzt würde sein Würkungskreis groß und weit umfassend werden, Christine hoffte das nämliche und Friedenberg schritt bald vorne, bald hinten langsam fort, rauchte seine Pfeife, und wie ihm etwas Wirtschaftliches einfiel, so sagte er's kurz und bündig, denn er glaubte, solche Erfahrungssätze würden den neu angehenden Hausleuten nützlich sein. Als sie nun auf die Höhe kamen, von welcher sie Schönenthal übersehen konnten, so durchschauerte Stillingen eine unbeschreibliche Empfindung, die er sich nicht erklären konnte, es ward ihm innig wohl und weh, er schwieg still, betete, und stieg mit seiner Begleitung hinab.

Diese Stadt liegt in einem sehr anmutigen Tal, welches von Morgen gegen Abend in gerader Linie fortläuft und von einem mittelmäßigen Flüßchen, der Wupper, durchströmt wird; den Sommer übersieht man das ganze Tal zwei Stunden hinauf, bis an die märkische Grenze mit leinen Garn, wie beschneit, und das Gewühl von tätigen und sich glücklich nährenden Menschen ist unbeschreiblich: alles steht voller einzelner Häuser; ein Garten, ein Baumhof stößt an den andern und ein Spaziergang durch dieses Tal hinauf ist paradiesisch. Stilling träumte sich eine selige Zukunft, und unter diesen Träumen schritt er ins Getöse der Stadt hinein.

Nach einigen Minuten führte ihn sein Schwiegervater in das Haus, welches ihm Dinkler und Troost zu seiner Wohnung bestimmt und gemietet hatten; es stand von der Hauptstraße etwas zurück, nahe an der Wupper und hatte einen kleinen Garten nebst einer herrlichen Aussicht in das südliche Gebirge. Die Magd war ein paar Tage vorausgegangen, hatte alles gereinigt und den kleinen Vorrat von Hausgeräte in Ordnung gebracht.

Als man nun alles hinlänglich besehen und beurteilt hatte, so nahm Friedenberg mit vielen heißen Segenswünschen Abschied und wanderte wieder nach Rosenheim zurück. Jetzt stand nun das junge Ehepaar da, und sah sich mit nassen Augen an – der gesamte Hausrat war sehr knapp zugeschnitten, sechs bretterne Stühle, ein Tisch, ein Bett für sie, und eins für die Magd, ein paar Schüsseln, sechs fayencene Teller, ein paar Töpfe zum Kochen usw. und dann das höchst nötige Leinwand, nebst den unentbehrlichsten Kleidern war alles, was man in dem großen Hause auftreiben konnte. Man verteilte dieses Geräte hin und her, und doch sah es überall unbeschreiblich leer aus. An den dritten Stock dachte man gar nicht, der war wüste und blieb's auch.

Und nun die Kasse? – diese bestand in allem aus fünf Reichstalern in barer Münze, und damit Punktum.

Wahrlich! wahrlich! es gehörte viel Vertrauen auf Gottes Vatersorge dazu, um die erste Nacht ruhig schlafen zu können, und doch schlief Stilling mit seinem Weibe recht wohl; denn sie zweifelten beide keinen Augenblick, Gott werde für sie sorgen. Indessen plagte ihn zu gewissen Zeiten seine Vernunft sehr, er gab ihr aber kein Gehör, und glaubte nur. Des andern Tages machte er seine Visiten, Christine aber gar keine, denn ihr Zweck war, so unbekannt und verborgen zu leben, als nur immer der Wohlstand erlauben würde. Jetzt fand nun Stilling einen großen Unterschied im Betragen seiner künftigen Mitbürger und Nachbarn: seine pietistischen Freunde, die ihn ehmals als einen Engel Gottes empfingen, ihn mit den wärmsten Küssen und Segenswünschen umarmten, blieben jetzt von ferne stehen, bückten sich bloß und waren kalt; das war aber auch kein Wunder, denn er trug nun eine Perücke mit einem Haarbeutel, ehemals war sie bloß rund und nur ein wenig gepudert gewesen, dazu hatte er auch Hand- und Halskrausen am Hemd und war also ein vornehmer, weltförmiger Mann geworden. Hin und wieder versuchte man's mit ihm auf den alten Schlag von der Religion zu reden, dann aber erklärte er sich freundlich und ernstlich: er habe nun lange genug von Pflichten geschwatzt, jetzt wolle er schweigen und sie ausüben; und da er vollends keiner ihrer Versammlungen mehr beiwohnte, so hielten sie ihn für einen Abtrünnigen und zogen nun bei allen Gelegenheiten in einem liebevollen und bedauernden Ton über ihn los. Wie sehr ist diese Maxime dieser sonst so guten und braven Leute zu bejammern! – ich gestehe gerne, daß die rechtschaffensten Leute und besten Christen unter ihnen sind, aber sie verderben alles Gute wieder durch ihren Hang zum Richten; wer nicht mit ihnen gerad eines Sinnes ist, mit ihnen von Religion tändelt und empfindelt, der gilt nichts, und wird für unwiedergeboren gehalten; sie bedenken nicht, daß das Maulchristentum gar keinen Wert hat, sondern daß man sein Licht durch gute Handlungen müsse leuchten lassen. Mit einem Wort: Stilling wurde von seinen alten Freunden nicht allein ganz verlassen, sondern sogar verleumdet; und als Arzt brauchten sie ihn fast gar nicht. Die Menge der reichen Kaufleute empfing ihn bloß höflich, als einen Mann, der kein Vermögen hat, und dem man gleich auf dem ersten Blick den tiefen Eindruck beibringen muß: hab nur ja niemals das Herz, Geld, Hülfe und Unterstützung von mir zu begehren; ich bezahle deine Mühe nach Verdienst, und weiter nichts. Doch fand er auch viele edle Männer, wahre Menschenseelen, deren Blick edle Gesinnungen verriet.

Das alles machte Stillingen doch das Herz schwer: bis dahin war er entweder an einen völlig besorgten Tisch gegangen, oder er hatte bezahlen können; die Welt um ihn her hatte wenig Bezug auf ihn gehabt, und bei allen seinen Leiden war sein Wirkungskreis unbedeutend gewesen; aber jetzt sah er sich auf einmal in eine große, glänzende, kleinstädtische, geldhungrige Kaufmannswelt versetzt, mit welcher er im geringsten nicht harmonierte, wo man die Gelehrten nur nach dem Verhältnis ihres Geldvorrats schätzte, wo Empfindsamkeit, Lektüre und Gelehrsamkeit, lächerlich war, und wo nur der Ehre genoß, der viel verdienen konnte. Er war also ein höchst kleines Lichtchen, bei dem sich niemand aufhalten, viel weniger erwärmen mochte. Stilling fing also an Kummer zu spüren.

Indessen vergingen zween, es vergingen drei Tage, ehe sich jemand fand, der seiner Hülfe bedurfte, und die fünf Reichstaler schmolzen verzweifelt zusammen. Den vierten Tag des Morgens aber, kam eine Frau von Dornfeld, einem Flecken, der drei Viertelstunden von Schönenthal ostwärts liegt; sowie sie zur Tür hereintrat, fing sie mit tränenden Augen an: »Ach, Herr Doktor! wir haben von Ihnen gehört, daß Sie ein sehr geschickter Mann sind, und etwas verstehen, nun haben wir ein großes, großes Unglück im Haus, und da haben wir alle Doktoren bei und nah gebraucht, aber niemand, keiner kann ihm helfen; nun komme ich zu Ihnen; ach helfen Sie doch meinem armen Kinde!«

Lieber Gott! dachte Stilling bei sich selbst, am ersten Patienten, den ich bekommen, haben sich alle erfahrne Ärzte zuschanden kuriert, was werde ich unerfahrner denn ausrichten? Er fragte indessen: »Was fehlt denn Eurem Kinde?«

Die arme Frau erzählte mit vielen Tränen die Geschichte ihres Kranken, welche vornehmlich auf folgende Umstände hinauslief:

Der Knabe war elf Jahr alt, und hatte vor etwa einem Vierteljahr die Röteln gehabt; aus Unachtsamkeit seiner Wärter war er zu früh in die kalte Luft gekommen, die Rötelmaterie war zurück ins Gehirn getreten, und hatte nun ganz sonderbare Wirkungen hervorgebracht: seit sechs Wochen lag der Kranke ganz ohne Empfindung und Bewußtsein im Bett, er regte kein Glied am ganzen Leib, außer dem rechten Arm, welcher Tag und Nacht unaufhörlich, wie der Perpendikel einer Uhr hin und her fuhr; durch Einflößung dünner Brühen hatte man ihm bis daher das Leben erhalten, außerdem aber durch keine Anwendung irgendeiner Arzenei etwas ausrichten können. Die Frau beschloß ihre weitläuftige Erzählung mit dem Verdacht: »Sollte das Kind auch wohl behext sein?«

»Nein«, antwortete Stilling, »das Kind ist nicht behext, ich will kommen und es besehen.« Die Frau weinte wieder und sagte: »Ach Herr Doktor, tun Sie das doch!« Und nun ging sie fort.

Doktor Stilling wanderte mit großen Schritten in seinem Zimmer auf und ab, lieber Gott! dachte er: wer kann da Anfang und Ende finden? – daß man alle mögliche Mittel gebraucht hat, daran ist kein Zweifel, denn die Leute waren wohlhabend, was bleibt mir Anfänger also übrig? In diesen schwermütigen Gedanken nahm er Hut und Stock und reiste fort nach Dornfeld. Auf dem ganzen Wege betete er zu Gott um Licht und Segen und Kraft; das Kind fand er gerad so wie es seine Mutter beschrieben hatte, die Augen waren geschlossen, es holte ordentlich Odem und der rechte Arm fuhr im regelmäßigsten Takt von der Brust gegen die rechte Seite immer hin und her; er setzte sich hin, besahe und betrachtete, und fragte alles aus, und bei dem Weggehen beorderte er die Frau, sie möchte in einer Stunde nach Schönenthal zu ihm kommen, er wolle während der Zeit über den seltsamen Umstand nachdenken, und dann etwas verordnen. Auf dem Wege nach Hause dachte er hin und her, was er dem Kinde wohl Nützliches verordnen könnte, endlich fiel ihm ein, daß Herr Spielmann Dippels tierisches Öl als ein Mittel gegen die Zuckungen gerühmt hätte; dies Medikament war ihm desto lieber, denn er glaubte sicher, daß es keiner von den Ärzten bisher würde gebraucht haben, weil es außer Mode gekommen sei; er blieb also dabei und sobald er nach Hause kam, verschrieb er ein Säftchen, von welchem jenes Öl die Basis war, die Frau kam, und holte es ab. Kaum waren zwo Stunden verflossen, so kam ein Bote, welcher Stillingen schleunig zu seinem Patienten abrief, er lief fort, sowie er zur Tür hineintrat, sah er den Knaben froh, munter und gesund im Bett sitzen, und man erzählte ihm, das Kind habe kaum ein Zuckerlöffelchen voll von dem Säftchen hinuntergeschluckt, so hab es die Augen geöffnet, sei erwacht, habe Essen gefordert, und der Arm sei ruhig, und gerad so geworden wie der andere. Wie dem guten Stilling dabei zumute war, das läßt sich nicht beschreiben, das Haus war voller Menschen, die das Wunder sehen wollten, alles schaute ihn wie einen Engel Gottes mit Wohlgefallen an, jeder segnete ihn, die Eltern aber weinten Tränen der Freude und wußten nicht, was sie dem geschickten Doktor tun sollten. Stilling dankte Gott innig in seiner Seele, auch seine Augen waren voll Tränen der Wonne, indessen schämte er sich von Herzen des Lobs, das man ihm beilegte und das er so wenig verdiente, denn die ganze Kur war weder Methode noch Überlegung, sondern bloßer Zufall, oder vielmehr göttliche väterliche Vorsehung.

Wenn er sich den ganzen Vorfall dachte, so konnte er sich kaum des lauten Lachens erwehren, daß man von seiner stupenden Geschicklichkeit redete, und er war sich doch bewußt, wie wenig er getan hatte, indessen hieß ihn die Klugheit schweigen und alles für bekannt annehmen, doch ohne sich eitle Ehre anzumaßen, er verschrieb also nun noch abführende und stärkende Mittel und heilte das Kind vollends.

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