Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hugo Bettauer >

Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
Schließen

Navigation:

II. Teil

I. Kapitel

Das ganze Konzerthaus schwamm in Licht, Musik und Erregung. Die erste öffentliche Redoute nach langen, langen Jahren versammelt ganz Wien; unterdrückter Lebensdrang und die qualvolle Ungewißheit über die eigene Existenz, die Zukunft, die Unsicherheit der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, die sich in furchtbaren Zusammenbrüchen, in gewaltsamen Vermögensverschiebungen und seltsamen Umgruppierungen der sozialen Schichtung äußerten, trieb die Menschen zu lärmenden Vergnügungen, zu allem, was unmittelbar auf die Sinne wirkt.

Die exorbitant hohen Eintrittspreise für diese erste große Faschingsredoute hatten nicht verhindern können, daß alle Klassen an ihr teilnahmen und die Mischung barocker und krauser war, als man es jemals vor dem Jahre 1914 erlebt hatte. Die Barone, Grafen und Fürsten von ehemals, denen das Gesetz den Adel genommen, flanierten im Frackanzug und Zylinderhut neben Börsenschiebern, Kommis, verdächtigen Gestalten aus dem Ghetto, die durch jahrelangen Schleichhandel Millionen verdient hatten, hier streifte ein Herr, dessen Geschlecht den Habsburgern verwandt und ebenbürtig gewesen, einen Zuhälter, da drängte sich ein breiter Bauernklachel aus Oberhollabrunn an maskierten Frauen vorbei und dachte in diesem Augenblick vielleicht voll Sorge, ob nicht Einbrecher seine hinter dem Schweinestall vergrabenen, mit Gold- und Silbergeld gefüllten Kisten rauben könnten.

Äußerlich weniger scharf, innerlich aber um so greller kamen die sozialen Unterschiede bei den Frauen zum Ausdruck. Grisetten, Straßenmädchen, berühmte Bühnenkünstlerinnen verbargen sich hinter den Larven in kostbaren Toiletten ebenso wie die wirklich vornehme Dame oder die Frau des Kleinbürgers, die ein Monatseinkommen des Mannes aufwendet, um endlich einmal die ersehnte Redoute mitzuerleben, und die Lockerung aller überlieferten Sittlichkeitsbegriffe, das Schwinden der Autorität im eigenen Haus, der Bruch mit traditionellen Anschauungen brachten es mit sich, daß auch junge Mädchen aus guten Häusern, Studentinnen und sogar sogenannte Backfische mit oder ohne Willen und Wissen der Eltern die große Friedensredoute im Konzerthaus mitmachten.

Um alle aber, um die Vornehmen und die Parvenus, die Untergehenden und eben Emporgetauchten, die Jungen und Alten, die Frauen und Männer von Klasse und Rasse und die ohne Vergangenheit und Erziehung, schwebte eine schwüle Atmosphäre voll wilder, brutaler Erotik. Wien befand sich seit Jahr und Tag, seitdem der wirtschaftliche Niedergang offenkundig und unaufhaltsam geworden, in jenem sinnlichen Taumel, den man oft bei Lungenschwindsüchtigen, deren Lebenstage gezählt sind, beobachten kann. Aus allen Zukunfts- und Gegenwartssorgen flüchtete man zu Gott Eros, und die öffentlichen Sittenrichter, die Leitartikler, die Prediger auf der Kanzel fanden taube Ohren, erweckten nur ein Echo hysterischen Gelächters, wenn sie auf die Folgen hinwiesen, die der Ehebruch in Permanenz, die Sittenlosigkeit der Heranwachsenden, das Laster in seinen perversen Formen für Stadt und Land haben müßten.

Alles wollte leben, das Heute genießen, da man nicht wußte, welche Schrecken das Morgen bringen würde, ohne Besinnen jede Stunde und jede Möglichkeit auskosten, weil man immer darauf gefaßt sein mußte, vor neuen Umwälzungen zu stehen. Die immer toller werdende Teuerung trug das Ihrige dazu bei, alle Begriffe auf den Kopf zu stellen und das Verschwenden wirklich zur Tugend zu machen. Warum nicht heute eine Flasche Champagner zu vierhundert Kronen trinken, wenn sie morgen schon vielleicht achthundert kostet, warum nicht der Geliebten ein Blumenarrangement für tausend Kronen kaufen, da man das nächstemal das Doppelte würde zahlen müssen, warum nicht die Hälfte des Vermögens in Schmuck anlegen und so vielleicht vor dem Fiskus retten, der alles an Hab und Gut an sich zu reißen sucht, um wenigstens die Zinseszinsen der Staatsschulden zahlen zu können.

Geld, Moral, bürgerlicher Ehrbegriff — alles schritt mit Galoppsprüngen der völligen Entwertung entgegen und das einzig Bestehende, Positive und Begehrte waren Speise, Trank und Liebe, die man erraffte und kaufte, was sie auch kosten mochten .

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.