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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 8
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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VIII. Kapitel

Dies war der erste Bericht der „Morgenpost“, der in ganz Wien enormes Aufsehen erregte und zu einer wahren Panik in allen Fremdenpensionen führte. Die Mittagsausgabe des Blattes brachte aber einen weiteren umfangreichen Bericht, der auf die Sensationslust der Massen noch anregender wirkte. Der zweite Artikel, der ebenfalls der Feder des Reporters Finkelstein entstammte, hatte folgenden Wortlaut:

„Während wir in unserer Morgenausgabe als das einzige Wiener Blatt einen lückenlosen Bericht über den grauenhaften Mord in der vornehmen Pension Metropolis veröffentlichen konnten, sind wir jetzt in der Lage, auf Grund der Erhebungen der Polizei wie der privaten Nachforschungen unseres Spezialberichterstatters neue Mitteilungen über die Person des Ermordeten, Herrn Geiger, zu bringen, die der ganzen düsteren Affäre ein noch sensationelleres und aufregenderes Gepräge geben. In den späten Abendstunden des gestrigen Tages wurden die Effekten, Briefe und Geschäftspapiere des Ermordeten einer genauen Durchsicht unterzogen und das Resultat war nach mehr als einer Richtung verblüffend. Es ging nämlich aus aufgefundenen Briefen, Notizen und Kopien abgeschickter Briefe hervor, daß Herr Geiger in der Schweiz ein Vermögen besitzt, das er jeder Abgabe und Besteuerung auf geradezu raffinierte Weise zu entziehen wußte. Die Höhe dieses Vermögens wird auf etwa fünf Millionen Franken beziffert. Es fand sich aber in dem Nachlaß noch etwas vor, was von den Polizeibeamten als ganz unwesentlich und nicht beachtenswert beiseite gelegt wurde, in Wirklichkeit aber den wichtigsten Fingerzeig über das Motiv zur Ermordung Geigers und die Höhe der Beute bildet. Es ist dies nämlich eine Quittung des Wiener Bankvereines über die Bezahlung der Miete eines Tresorfaches per Monat Mai. Unser Spezialberichterstatter begab sich sofort in das Gebäude des Bankvereines, wo er folgende sensationelle Tatsachen erfuhr: Herr Geiger hatte sich genau acht Tage vor seiner Ermordung in der Tresorabteilung der Bank eingefunden, die gesamten Wertpapiere, Aktien und Pfandbriefe, die in seinem Fach lagen, mit sich genommen, sich sodann nach der Wechselstube im selben Gebäude begeben und dort die Papiere für den Gesamtbetrag von rund einer Million Kronen verkauft. Diesen großen Betrag barg er nach übereinstimmender Aussage des Kassiers wie eines Bankdieners in einer mitgebrachten schwarzen Aktentasche, sicher derselben, die nach der Ermordung auf dem Teppich neben dem erbrochenen Koffer lag.

Die Schlüsse sind hieraus leicht zu ziehen. Herr Geiger hatte aus eigenem Antrieb oder auf Veranlassung einer anderen Person ein Vermögen zu Bargeld gemacht und dieses nicht mehr der Bank anvertraut, sondern mit sich in die Pension genommen, wo er es in dem Koffer verbarg. Davon muß nun der Mörder Kenntnis gehabt haben. Genau zwei Tage nach der Geldtransaktion zog der fremde Mann in der Maske eines Spaniers in die Pension Metropolis, um eine Woche später seine wohlvorbereitete Tat zu begehen. Aus dem Umstande, daß sich in der Brieftasche des Ermordeten kaum tausend Kronen befunden haben, kann man mit einiger Sicherheit den Schluß ziehen, daß die Million dem Mörder in die Hände gefallen ist.

Wie es der Ermordete, über dessen Charakter man heute wohl anderer Ansicht sein muß als gestern, ermöglicht hat, Millionen ins Ausland zu verschleppen, ist eine Frage, die die Öffentlichkeit noch beschäftigen wird. Für heute begnügen wir uns mit der Feststellung einer Tatsache, die nicht ohne Pikanterie ist und vielleicht sogar eine gewisse Befriedigung erregen wird:

Da der Ermordete nach den Angaben seines Rechtsanwaltes nie zu bewegen war, ein Testament zu machen, ist zweifellos seine Nichte, Fräulein Grete Altmann, seine Universalerbin, der auch nach Abzug aller hinterzogenen Steuerbeträge ein fürstliches Vermögen in den Schoß gefallen ist. Dies bildet wohl das einzig versöhnliche Moment in der grauenhaften Mordtragödie.“

Kolo Isbaregg las diesen Bericht im Kaffeehaus, er lächelte vor sich hin und dachte: „Dieser Reporter ist gar nicht dumm, er hat seine Sache sogar sehr gut gemacht und heute wird ganz Wien sich innerlich über das Glück des armen Mädchens freuen und den Mörder durchaus nicht so verfluchen, wie es vor einigen Stunden noch geschehen ist. Für mich aber scheint die Sache glatt verlaufen zu wollen und ich muß gestehen, daß ich nicht eine Spur von Gewissensbissen empfinde. Sogar mein Schlaf war ein ganz ungestörter. Nur die arme Schlüter tut mir recht leid, sie wird schwer zu arbeiten haben, um ihre Pension wieder in die Höhe zu bringen.“

Tatsächlich ergriffen die Gäste der Pension Metropolis förmlich die Flucht, bis nach Verlauf von einigen Tagen Frau Schlüter es für das beste fand, auf die Dauer des Sommers zu sperren und den wenigen Pensionären, die geblieben waren, unter dem Vorwand dringender Renovierungsarbeiten das Fortziehen nahezulegen.

Kolo lsbaregg, der sich unbeobachtet und absolut unverdächtigt wußte, konnte das kleine Paket mit den Tausendkronenscheinen anstandslos gegen Vorweisung seiner Legitimationspapiere bei der Post beheben, dann setzte er sich in den Schnellzug und fuhr nach dem Salzkammergut, um dort die Sommermonate zu verbringen und neue Lebenspläne zu schmieden.

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