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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 33
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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X. Kapitel

Löwenwald begann mit zitternder Stimme, die aber immer fester und eindringlicher wurde. „Meine Herren Geschwornen,“ sagte er, „wenn ich längere Zeit zu Ihnen sprechen würde, so würde ich mich in schärfsten Widerspruch zu meinem Klienten setzen, der mich beauftragt hat, überhaupt auf das Wort zu verzichten. Tatsächlich wird das, was ich Ihnen zu sagen habe, an dem Schicksal des Angeklagten nicht das mindeste ändern, Sie werden ihn, der zwei Morde begangen und eingestanden hat, einstimmig schuldig sprechen und der Gerichtshof wird ihn zur schärfsten Strafe, das ist zwanzig Jahre Gefängnis, verurteilen. Und trotzdem kann ich nicht anders, ich muß Sie mit dem wahren Wesen des Angeklagten vertraut machen, damit Sie kein falsches Bild von Koloman Isbaregg in Ihrem weiteren Leben mit sich herumtragen, kein falsches, verzerrtes Bild, wie es Ihnen der Herr Staatsanwalt entworfen hat. Isbaregg ist keine reißende Bestie, er ist kein geborener Verbrecher, kein feiger, heimtückischer Berufsmörder, wie der Staatsanwalt sagt, sondern ein wunderbar fein empfindender Mensch mit gütigem Herzen, ritterlich, mutig und großzügig. Ihn unterscheidet von den meisten anderen Menschen eine Fülle wertvoller Eigenschaften, aber auch ein starker Mangel an Hemmungen. An jenen Hemmungen, meine Herren Geschwornen, die es bewirken, daß Sie und ich und der Herr Staatsanwalt und die meisten anderen Menschen nicht Morde begehen. Wir alle sind ja Verbrecher in Gedanken, wir alle wären bereit, durch einen Griff in eine fremde Kassa einer momentanen Notlage zu entrinnen, wir alle kennen Menschen, denen wir unbedenklich den Tod wünschen, wir alle waren schon in Lagen, in denen wir ohne Reue und ohne Bedenken einen Menschen getötet hätten, wenn eben nicht diese Hemmungen in uns überstark wären.“

„Nun, diese Hemmungen hatte einst auch Koloman Isbaregg gehabt, aber in dem vierjährigen Weltkrieg sind sie ihm abhanden gekommen. Sie kennen die seltsame Lebensgeschichte dieses Mannes, Sie wissen, wie er aus glänzenden Verhältnissen heraus unter unerhörten Gefahren nach der Heimat geeilt ist, die er bedrängt wußte und verteidigen wollte, Sie haben gehört, daß er als Offizier Wunder an Tapferkeit verrichtet hat und jederzeit bereit war, sein Leben hinzugeben. Nun, meine Herren Geschwornen, ein Mann, der so gewöhnt ist, das eigene Leben zu verachten, denkt anders als wir, auch über den Wert des Lebens überhaupt und damit ist schon in die feste Mauer der Hemmungen eine erhebliche Bresche gelegt.“

„Der Krieg war aus und Kolo lsbaregg, dessen Brust die höchsten Auszeichnungen schmückten, erhielt nun von dem Staat und dem Volk, för das er sein Leben, seine Karriere, seine aussichtsreiche Zukunft eingesetzt, den Lohn, das heißt, er mußte sich die Sterne vom Offizierskragen reißen, man nahm ihm den Adel, überließ ihn dem Elend und der Obdachlosigkeit! Und Isbaregg stand eines Tages bleich und gequält vom Hunger auf der Straße, er sah vor sich einen Abgrund, über den für ihn kein Steg führte, während neben ihm auf goldenen Brücken die Schieber und Kriegsgewinner tänzelten, denen der vierjährige Blutrausch so gut angeschlagen hatte.“

„Damals mögen die letzten Hemmungen gefallen sein, damals mag sich der energische, zielbewußte, intellektuell den meisten anderen Menschen weit überlegene Koloman lsbaregg gesagt haben, daß er seinen Krieg auf eigene Faust führen müsse, den Krieg gegen alles, was ihm hinderlich im Wege stand. Die erste Folge dieses Abstreifens aller Hemmungen war der Griff in die Tasche eines obszönen Frauenzimmers, dem die paar Tausender, mit denen es sich gerne eine stürmische Nacht erkauft hätte, nichts bedeuteten, während sie für Kolo Isbaregg eine Wiederaufrichtung, der Beginn eines neuen Lebens sein konnten.“

„Von da an arbeitete Koloman lsbaregg systematisch an dem Aufbau des eigenen Glückes oder wenigstens dessen, was er irrtümlicherweise für das Glück hielt. Sein erstes Opfer wurde dieser Herr Alois Geiger, ein Kriegsgewinner, Steuerhinterzieher, Wucherer und Menschenschinder der ärgsten Sorte, dessen Leben eine ununterbrochene Schädigung der menschlichen Gesellschaft bedeutete, während sein Tod eine Wohltat nicht nur für den, der ihn hinrichtete, sondern auch für die armen, darbenden Verwandten Geigers war. Dieser Fall braucht Sie, meine Herren Geschwornen, wahrhaftig nicht aufzuregen, auch wenn Sie nicht bedenken wollen, daß ein Krieg hinter uns liegt, in dem tagtäglich Tausende von jungen und vielleicht wertvollen Menschen abscheulichen Lügen und Phrasen zuliebe ihr Leben lassen mußten.«

Dr. Löwenwald kam nun, während jetzt Totenstille im Saal herrschte, auf Dagmar lsbaregg zu sprechen und sagte mit gedämpfter Stimme:

„Dies ist eine Geschichte, die schwer zu erklären ist, weil sie mit tausend tief im Unterbewußtsein des Menschen verankerten Dingen zusammenhängt. Frau Dagmar war kein Reptil, wie Alois Geiger, sondern ein wertvoller Mensch, eine sympathische Frau, die man achten und schätzen mußte. Aber auch eine kranke Frau, eine Frau mit kranken Instinkten, ein unglückliches Weib, das Widerwillen verbreitete, wo es Liebe empfangen wollte, ein Mensch mit innerlichen Gebresten und unnatürlichen Empfindungen, die in gesunden Menschen Haß erregen und sexuelle Abwehr.“

Hier wendete sich Kolo Isbaregg, der bis dahin wortlos, ohne mit der Wimper zu zucken, dagesessen hatte, jäh um und hob protestierend die Hand.

Löwenwald schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: „Mein Klient will nicht, daß ich diese Dinge berühre, und er hat wohl auch recht damit. Denn das sind lmponderabilien, die die wenigsten verstehen und begreifen und es liegt mir ferne, das Andenken an die tiefunglückliche Frau beflecken und der schmutzigen Phantasie Verständnisloser ausliefern zu wollen. Es sei also nur gesagt, daß Koloman Isbaregg ein Verbrechen damals begangen hatte, als er Frau Dagmar ihres Reichtums halber heiratete. Daß er sie getötet hat, war nur eine logische, unausbleibliche Folge des ersten verbrecherischen Schrittes, den der erste mit Widerwillen gegebene und empfangene Kuß bedeutete. Aber, meine Herren Geschwornen, auf die Gefahr hin, Ihr Befremden und sogar Ihre Empörung zu erregen, will ich doch noch etwas sagen. Es ist in einer Zeit, da alle Begriffe auf den Kopf gestellt sind, da das gut ist, was gestern schlecht war, da morgen Verbrechen sein wird, was heute erlaubt ist, gar nicht so bedeutungsvoll und wichtig, was Kolo lsbaregg getan hat. Wie überhaupt nicht das wichtig ist, was man tut, sondern das, was man nicht tut. Meine Herren, zwei Stunden vor seiner Verhaftung ging Koloman Isbaregg auf der Ringstraße an einer Bank vorbei, auf der ein junges Weib schlief. Ein Kind noch, ein verlassenes, hungerndes, vom Leben zertrampeltes Kind, dessen Leib man hätte gesegnet nennen dürfen, wenn der Segen in diesem Falle nicht ein Fluch gewesen wäre. Und Koloman Isbaregg ging an dem Kinde nicht vorbei, überließ die Frierende, die fast nichts besaß, die Blößen zu bedecken, nicht ihrem Schicksal, sondern nahm sich gütig und zärtlich ihrer an, brachte sie zu mir, übergab sie meiner Obsorge. Er hat damit das Leben dieses Mädchens und das Leben des Kindes, das es unter dem Herzen trug, gerettet. Vor ihm waren aber viele von satten, behaglichen Menschen an der Verlassenen, Verzweifelten vorbeigegangen und keiner hatte sich um sie gekümmert. Und ich sage, daß jeder einzelne von denen, die vorübergingen, ein Mörder wär! Ein Mörder aus Bequemlichkeit, aus Faulheit, aus Gewissenlosigkeit! Und ich sage nochmals, daß das Wichtige nicht das ist, was der Mensch in seiner Not und Pein tut, sondern das, was er nicht tut. Kolo lsbaregg hat manches, getan, was er nicht durfte, fast nie aber hat er nichts getan, wenn er hätte handeln müssen. Er ist an dem uniformierten bleichen Kolporteur, der mit leiser Stimme schamhaft die Zeitungen ausrief, nicht vorübergegangen, wie die anderen die mit einem Zwanzighellerstück ihr Gewissen beschwichtigten, sondern er hat den Armen als Kamerad angesprochen und ihm eine neue Existenz gegründet. Kolo Isbaregg hat Hunderten von Menschen geholfen, in deren Gedächtnis er nicht als Mörder, sondern als edler Mensch weiterleben wird. Kolo Isbaregg ist ein Opfer seiner Zeit, wie wir es mehr oder weniger alle sind, er ist aus seinem Geleise herausgeworfen worden, das Schicksal hat ihm die Möglichkeit genommen, sich so zu entwickeln, wie es ihm vorausbestimmt war, und dieser Mensch voll Tatkraft, Energie und Lebensfreude, dieser Mensch, der vier Jahre namens einer Moral, die eines Tages als ungültig erklärt wurde, gelebt und gehandelt hatte, mußte sich schließlich von aller vorgeschriebenen Moral loslösen, sich seine eigenen Gesetze schaffen und seinen eigenen Weg bahnen. Er hat das getan und ist dabei in ein Gehege von Stacheldraht gekommen, aus dem es keinen Weg in die Freiheit mehr gibt. Es sei denn, daß über Nacht auch die Moral von heute niedergestampft werden wird und dieselben Menschen, die gestern alles Vorgestrige demoliert haben, morgen das heute Bestehende niederreißen werden. Und nun, meine Herren Geschwornen, habe ich nichts mehr zu sagen und erwarte Ihren Urteilsspruch.“

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