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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 31
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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VIII. Kapitel

Einem warmen Frühlingstag war eine sternenhelle, kalte Mondscheinnacht gefolgt und Isbaregg fröstelte, als er den heißen, mit Rauch und Alkoholdunst erfüllten Jockeyklub verließ. Aber die frische Luft tat ihm wohl, er winkte dem Chauffeur ab und schlenderte langsam, wie ein Mensch, der unschlüssig und ziellos ist, die Ringstraße entlang nach Hause.

Kolo hatte gespielt und wieder Glück gehabt, wie fast immer in der letzten Zeit, da er dieses Kartenglück nicht brauchte und verachtete. Heute waren ihm die Tausender nur so zugeflogen, alle Taschen hatte er gefüllt mit diesen zerknitterten Geldscheinen und es mochte wohl ein kleines Vermögen sein, das er bei sich trug. Seine Laune konnte dieses Glück im Spiel nicht bessern.

Er, der glückliche, reiche, von allen Männern beneidete, von den schönsten Frauen geliebte Mann, fühlte sich unbefriedigt, unzufrieden, war mit sich selbst zerfallen. Was ist das für ein Leben, dachte er, während er weiterschritt. Alles das, wonach ich mich einmal brennend gesehnt, kann ich jetzt mühelos haben und es freut mich nicht. Die schönsten Frauen fliegen mir in die Arme, und während ich noch Küsse mit ihnen wechsle, sind sie mir schon lästig. Ich bin voll von Überdruß, mir fehlt das große Schaffen, das mit allen Nerven, mit dem Gehirn und den Fäusten Auf-ein-Ziel-Hinarbeiten! Alles, was ich tue, ist zwecklos, ich drehe mich im Kreise umher und mir schwindelt vor diesem Rotieren um das eigene Ich. Damals, als ich in Kanada noch schuften und arbeiten mußte, um vorwärts zu kommen, war ich restlos glücklich, weil ich täglich ein Stück Weg hinter mich gebracht hatte und mir ein gutes Mahl, ein erobertes Frauenherz als köstliches Erlebnis schien. Jetzt schmeckt das alles schal und abgestanden, der Tag kann mir nichts Neues bringen und an das eine wage ich nicht zu denken, will ich nicht denken. Helga, du — —

Und lsbaregg empfand die Sehnsucht nach Helga Esbersen wie einen körperlichen Schmerz und er stöhnte auf. Helga, du bist mein Weib, du bist die, auf die ich hätte warten sollen, du bist die, die mich ganz ausfüllen, ganz zufrieden, ganz gut hätte machen können. Und was habe ich mit dir getan, du armes Kind, du! Vergewaltigt, gedemütigt, immer wieder aufs neue deines herrlichen freien Willens beraubt habe ich dich, bis du mir entflohen bist, wie man dem Räuber im Walde entflieht. Und ich weiß, daß du mich haßt, mit einem wilden fanatischen Haß, der die Liebe in dir erwürgt! Helga, wie kann ich den Weg zu dir zurückfinden, was muß ich tun, damit du den Haß tötest und die Liebe leben läßt?

Isbaregg ging hart an einer der Bänke auf der Ringstraßenallee vorbei und streifte einen menschlichen Körper. Er sah hin und erblickte ein in die Ecke der Bank gekauertes schlafendes Weib. Langsam ging er weiter, blieb stehen und kehrte, während er murmelte: „Die Person soll anderswo ihren Rausch ausschlafen, hier kann sie erfrieren,“ zur Bank zurück. Der Mond beschien voll die Schläferin, über die sich Kolo beugte. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Das war kein Weib, das war ein zartes, blasses Kind, ein Mädchen von vielleicht siebzehn, das wohlbehütet bei der Mutter im warmen Bett zu schlafen hatte. Und dieses Kind mit dem bleichen, mageren Gesichtchen und den blauweißen Lippen und den blonden Haaren, die wirr in die Stirne hingen, hatte nur eine dünne Bluse an und erschauerte im Schlaf vor Kälte. Wie er sich aber tiefer über sie beugte, um sie zu wecken, sah Kolo, daß des Mädchens Leib ein Kind barg, daß ihr Leib mit dem verflucht war, was anderen Müttern der höchste Segen bedeutet.

Jähes Mitleid quoll in Kolo auf und er weckte sie durch sanftes Berühren. Verwirrt schlug das Kind die großen Augen auf und murmelte schlaftrunken: „Ja, ich gehe mit, wenn Sie ein eigenes Zimmer haben! Ins Hotel läßt man mich nicht hinein.“

Ein leises Grauen und etwas wie maßlose Wut gegen sich selbst und die ganze Welt überkam Kolo. Sanft und ruhig aber sagte er:

„Nicht deshalb habe ich Sie geweckt, Kind, sondern weil Sie hier nicht schlafen dürfen. Es ist kalt und wird immer kälter, Sie können sich den Tod holen.

Langsam stand das junge Weib auf, zuckte die schmalen Schultern, machte eine verächtliche Gebärde und ging, nach rückwärts übergebeugt, mit dem schleppenden Gang der Hochschwangeren weiter. Kolo blieb ihr zur Seite. „Kind, Sie scheinen kein Obdach zu haben, ich will Ihnen Geld geben, damit Sie allein ein Hotel aufsuchen können!“

Kopfschüttelnd und leise: „In ein Hotel läßt man mich nicht hinein, die fürchten, es könnt‘ sonst was geschehen! Aber wenn Sie ein Zimmer haben und mich auf dem Fußboden schlafen lassen, dann brauchen Sie mir nichts zu bezahlen.“

Immer nur dieses eine, dieses einzige, was das Kind vom Leben und von den Männern wußte! Kolo ergriff die kleine, eiskalte Hand.

„Nein, Sie dummes Kind, ich will Sie nicht bezahlen, sondern Ihnen helfen. Haben Sie denn noch nie jemanden gefunden, der gut ist, ohne gleich an Gegenleistung zu denken?“

Scheu sah ihn das Mädchen von der Seite an und warf verächtlich die Lippen auf.

„Sie wer‘n mir schon der Rechte sein! Uh je, wer weiß, was Sie für Schweinereien verlangen!“

Kolo streichelte die zuckende Hand.

„Unsinn, Kind, gar nichts verlange ich von Ihnen! Nur daß Sie bald in ein Bett kommen. Vorher aber müssen Sie etwas Warmes essen und trinken.“ Und er führte das Kind, das Mutter werden sollte, um die Straßenecke zu einer kleinen Kaffeeschenke, die noch offen hielt. Dort bestellte er Eier und Tee und das Mädchen ließ es ruhig geschehen und sah ihn nur groß und fragend an.

Kolo lächelte ihr zu. „Wie heißen Sie? Nun ja, Maria, so müssen Sie wohl auch heißen! Also, Maria, ich habe sehr viel Geld, so viel, daß ich gar nicht weiß, was damit anzufangen. Und es macht mir eben Spaß, einem armen, kleinen Mädchen, wie Sie es sind, zu helfen! Nur müssen Sie mir ein wenig Vertrauen schenken, sonst geht es ja nicht, und Sie dürfen nicht glauben, daß ich etwas von Ihnen will. Höchstens, wenn das Kind ein Bub ist, daß Sie ihm meinen Namen geben. Darum möchte ich schon gebeten haben.“

Da wurde Maria blutrot, sah verschämt an ihrem schweren Leib hinab und lachte dann ein helles, echtes Kinderlachen.

Die Geschichte, die sie erzählte, war banal und einfach genug. Lehrmädchen bei einer kleinen Modistin, bildsauber, von Männerblicken verfolgt und noch unschuldig. Bis sie ein eleganter Herr auf der Straße anspricht, in eine Konditorei führt, lieb und nett zu ihr ist, ihr Geld für ein Paar Schuhe und eine Bluse schenkt und sie für den nächsten Tag zu einer Heurigenpartie einlädt. Und das dumme Ding mit dem ewigen ungestillten Hunger nach gutem Essen willigt gerne ein. Kann es auch tun, weil es keinen Vater hat — der ist schon vor langer Zeit irgendwo in Kriegsgefangenschaft gestorben — und die Mutter sich nicht viel um die Tochter kümmert. Hauptsache, daß sie die paar Kronen Gehalt für den Haushalt abliefert. Beim Heurigen war es sehr lustig und sie bekam einen Schwips und als sie wieder ordentlich zur Besinnung kam, da lag sie in einem Bett im Hotel und war ausgezogen. Na, der Herr war ja nobel, schenkte ihr, als sie weinte, hundert Kronen, und gab ihr für den nächsten Tag wieder ein Rendezvous. Aber er kam nicht, ließ nie wieder etwas von sich hören und nun trug sie sein Kind unter dem Herzen und wußte nicht einmal den Namen des Vaters. Die Lehrherrin entließ sie, die Mutter prügelte sie und schmiß sie schließlich hinaus. Das war schon vor Wochen geschehen und seither trieb sich Maria auf der Straße herum, lebte von den paar Kronen, die ihr hie und da ein alter Lüstling schenkte und schlief in Gärten und dunklen Mauernecken, wenn nicht eben ein Herr, der ein eigenes Zimmer hatte, sie mit sich nahm. Neuerdings geschah dies aber selten, weil die Herren immer Angst hatten, es könnte schon so weit mit ihr sein. Und so lebte das Mädchen, das eben siebzehn geworden war, in den Tag hinein, bereit, entweder ins Wasser zu gehen oder sich, wenn die Stunde gekommen wäre, von der Polizei auf der Straße auflesen zu lassen.

Kolo aber saß jetzt neben ihr, hörte sie ruhig an, achtete nicht des Grinsens der schmierigen, alten Kellnerin und streichelte die blonden, unsauberen Haare, die eingefallenen schmalen Wangen und sagte zärtlich lächelnd:

„Maria, armes, kleines Schwesterchen, du sollst keinen Kummer mehr haben!“

Kolo führte Maria, die, während sie sich an ihn schmiegte, halb schlief, zu Dr. Löwenwald, dessen Fenster noch erleuchtet waren. Rasch verständigte er den Freund mit trockenen, fast groben Worten, dann zogen beide ihr die zerrissenen Schuhe von den Füßen, die mit Strumpffetzen umkleidet waren, und legten Maria in Löwenwalds Bett, wahrend dieser sich in der Kanzlei sein Lager auf dem Sofa bereitete. Als aber Maria bis zum Kinn zugedeckt war, da erwachte sie, blickte um sich, schluchzte auf und sagte unter Tränen lächelnd: „Das ist so schön wie im Kino!“ Und schlief fest und tief wieder ein.

Isbaregg zog aus den Brust-, Hosen- und Westentaschen die gewonnenen Banknoten heraus, schlichtete sie auf ein Häufchen und schob sie dem Rechtsanwalt zu:

„Ludwig, erweise mir den Freundschaftsdienst und sorge für das arme Mädchen. Bring‘ es bei ordentlichen Leuten unter und laß dich, wenn das Kind zur Welt gekommen ist, zum Vormund einsetzen. Das Geld genügt, um Maria die Zukunft zu sichern, ihr späterhin ein Geschäft einzurichten und sie die Vergangenheit vergessen zu lassen. Ich könnte das alles selbst tun, Zeit genug hab ich ja leider dazu, aber ich will das Kind nicht mit Dankbarkeit für mich belasten. Und vor allem will ich nicht, daß sie später einmal doch den Mann in mir erkennen würde, was doch eines Tages eintreten müßte.“

Ludwig Löwenwald zählte die Tausendkronenscheine und sagte kopfschüttelnd:

„Du, das ist ja ein großes Vermögen!“ Er legte dem Freund die Hand auf die Schulter, sah ihm voll ins Gesicht.

„Kolo, aus dir kann ich nicht klug werden! Manchmal bin ich geneigt, dich für ein reißendes Raubtier zu halten, dann wieder für — — “

„Einen Engel,“ äffte ihm Kolo nach. „Na, mein Junge, ich bin weder das eine noch das andere! Ich bin nur aktiver als andere Menschen. Mir fehlt jene Passivität und Bequemlichkeit, die den guten Bürger immer als anständigen Menschen leben läßt. Wenn es mir zweckvoll erscheint, so bin ich imstande, ein Verbrechen zu begehen oder aber auch eine sogenannte anständige Handlungsweise. Die Passiven können sich weder zu dem einen noch zu dem anderen entschließen und kommen daher gewöhnlich weder mit sich noch mit den herrschenden Anschauungen in Konflikt. Aber lassen wir jetzt das Philosophieren — es nützt ja auch alles nichts. Jeder ist, wie er ist und wahrscheinlich ist jeder am besten so, wie er ist. Natürlich, kleine, dumme Mädchen, wie die Maria nebenan, sind ausgenommen, denen muß man schon hie und da einen Schups geben oder aufhelfen. Und nun, gute Nacht, mein Junge, besuch‘ mich morgen abends, wir speisen dann zusammen und du erzählst mir, wohin du Maria gebracht hast. Am besten, du überläßt das alles deiner Wirtschafterin, die ja eine tüchtige Person ist und sich sehr geschmeichelt fühlen wird.“

Es war zwei Uhr morgens, als Kolo wieder die Straße betrat und nun mit raschen Schritten seiner Wohnung zustrebte.

Unweit des Hauses, an der Löwelbastei, blieb er überrascht stehen. Was hatte das zu bedeuten? Alle Zimmer im zweiten Stockwerk waren hell erleuchtet. Hatte der Diener vergessen, die Lichter abzulöschen? Aber nein, er sah deutlich die Schatten von Menschen, die auf und ab gingen. Ein seltsam banges Gefühl beschlich Kolo und er blieb wie angewurzelt stehen. Dann gab er sich einen Ruck und ging weiter. Unsinn! Ein paar Freunde mochten sich den Scherz gemacht haben, ihn noch aufzusuchen und eine Art „Surpriseparty“ bei ihm zu arrangieren, oder sein Diener konnte nicht schlafen und wollte Ordnung machen oder — —

Kolo war vor dem Haustor angelangt und sah plötzlich vor und neben sich Gestalten auftauchen und fühlte sich von links und rechts am Arm ergriffen und hörte wie im Traum eine Stimme ihm ins Ohr flüstern:

„Herr Koloman lsbaregg, wir sind beauftragt, Sie zu verhaften. Vermeiden wir jedes Aufsehen und gehen Sie ruhig mit uns, der Herr Polizeipräsident wartet auf Sie!“

Koloman Isbaregg atmete tief auf, eine seltsame Ruhe kam über ihn und er sagte mit sanfter Stimme:

„Das Aufsehen läßt sich am besten vermeiden, wenn Sie mich loslassen! Ich habe keine Waffe bei mir und denke nicht an Flucht. Ich weiß, daß ich verspielt habe und bin bereit, die Spielschuld zu begleichen!“

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