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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 25
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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II. Kapitel

Er begann emsige, angestrengte Jagdhundtätigkeit. Finkelstein las genau durch, was die „Morgenpost“ damals über die Ermordung Geigers geschrieben hatte und bald fiel ihm eine Stelle auf. Bei der Anführung aller der feinen Leute, die damals die Pension Metropolis bewohnt hatten, kam natürlich auch Koloman lsbaregg vor, der sehr schmeichelhaft als ehemaliger, vielfach ausgezeichneter Offizier erwähnt wurde. Aber es hieß dabei: „Herr Koloman Isbaregg, der erst seit kurzer Zeit Pensionär der Frau Dr. Schlüter ist ...“

Auf zur Pension Metropolis, die wieder blühte und gedieh und kaum noch von der Erinnerung an die Mordtat belastet war! Finkelstein trat mit aller Vorsicht auf und verriet Frau Dr. Schlüter mit keinem Wort, welcher Angelegenheit er nachforschen wolle, sondern log‘ tüchtig drauf los.

„Ich brauch‘ Personaldaten über Herrn Koloman Isbaregg, weil demnächst ein großes Werk über die deutschösterreichischen Helden im Weltkrieg erscheinen wird. Und da möchte ich gerne genau wissen, wann eigentlich Herr Isbaregg bei Ihnen gelebt hat.“

Frau Dr. Schlüter, die sich schon im Geiste als Nährmutter des großen Mannes in die Geschichte übergehen sah, schlug bereitwillig in ihren Büchern nach. „Da haben wir es schon: Herr Koloman Isbaregg, zugezogen am 6. Mai 1919, und hier — ausgezogen am 3. Juni desselben Jahres. Ja, das war ja damals.“ — Frau Dr. Schlüter seufzte tief auf. Die bloße Erinnerung an die furchtbare Affäre erregte sie.

„Und wissen Sie nicht, wo Herr Isbaregg eigentlich gewohnt hat, bevor er hier einzog?“

„Nein.“ Frau Schlüter hatte keine Idee. Finkelstein begab sich in die nächste Telephonzelle und rief Frau Rosenzweig an: „Selma, kannst du mir nicht genau sagen, an welchem Tag vor drei Jahren dir die Brieftasche gestohlen wurde? Ja, ich warte, bis du im Krakauer Kalender nachgeschaut hast. Was, am 5. Mai? Du, das ist großartig. Ich komme der Sache schon näher. Pah, Selma, abends besuch‘ ich dich, wenn mir die Angelegenheit Zeit läßt. Was, Pfefferkarpfen gibt es? Gut, ich komme also jedenfalls!“

James Finkelstein war nun selbst aufgeregt. Am 5. Mai sollte lsbaregg den Taschendiebstahl begangen haben, am 6. Mai war er in die vornehme Pension gezogen! Hin, das hatte Zusammenhang! Also los, nach dem Meldeamt der Polizei.

Eine Stunde später wußte der Reporter, daß Koloman Isbaregg bis zum 6. Mai 1919 durch mehrere Monate bei einer Frau Marie Wanek in der Lederergasse 46 gewohnt hatte.

Finkelstein stellte sich der einfachen, ärmlichen Frau vor.

„Frau Wanek, es handelt sich um eine ganz harmlose, aber sehr diskrete Angelegenheit und ich hoffe, daß Sie mir meine Fragen genau beantworten werden.“ Der strenge Ton, in dem er das sagte, imponierte der Frau Wanek gewaltig, sie führte den Herrn von der Zeitung in ein Zimmer, wischte mit der Schürze einen Stuhl ab und bat den Reporter, Platz zu nehmen.

„Frau Wanek, erinnern Sie sich, daß vor drei Jahren einmal ein Herr Koloman Isbaregg bei Ihnen gewohnt hat?“

Frau Wanek war über die Zumutung, sich nicht erinnern zu sollen, ordentlich empört.

„I, wo wer i denn vergessen! So ein feiner Herr, wie der Herr Hauptmann gewesen ist! Und so ein schöner Mann! Ich hab‘ immer gewußt, er wird noch einmal sein Glück wachen. Wenn er auf der Straße gegangen ist, haben sich ja alle Weiber nach ihm umgedreht. Ich habe gehört, daß er sich so reich verheiratet hat und ordentlich gefreut hab‘ ich mich darüber.“

Auf weiteres eindringliches Befragen erzählte sie dann, wie der Herr Hauptmann aus dem Hotel Klomser zu ihr übersiedelt sei und ihr gesagt habe, daß er aus dem Felde zurückkomme. Zuerst habe er ganz gut gelebt und immer pünktlich bezahlt, aber im Laufe der Monate sei ihm wohl das Geld ausgegangen; er konnte die Miete nicht mehr entrichten und sie glaube, er habe oft tagelang nicht ordentlich gegessen. Frau Wanek fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen.

„Ich bin selbst eine arme Witwe, aber mir war es sehr schwer, als ich ihm sagte, daß ich das Zimmer weitervermieten müsse, weil ich nicht länger warten kann! Da ist dann der Herr Hauptmann weggegangen und in der Nacht nicht nach Hause gekommen, sondern erst am nächsten Nachmittag und hat mir alles ausbezahlt und ist am anderen Tag ausgezogen, in eine Pension glaub‘ ich! So einen feinen, guten Herrn, wie den Herrn Baron, denn wenn man auch den Adel abgeschafft hat, für mich ist eben ein Baron ein Baron, werd‘ ich nicht wieder bekommen. Wie er schon selbst gar nichts mehr gehabt hat, da hat er den Kindern von den Swobodas, die was im Keller wohnen, noch immer etwas zum Essen geschenkt, und einmal hat er sich sein Nachtmahl mit nach Hause gebracht und da standen die drei Kinder im Haustor und haben geplärrt und gesagt, daß sie Hunger haben, und da hat er sein Nachtmahl ihnen gegeben und noch eine Krone und ist selbst ohne zu essen schlafen gegangen!“ Finkelstein notierte sich das und anderes und ging hochbefriedigt fort. Er überlegte: Koloman Isbaregg war am 4. Mai sozusagen obdachlos geworden, hatte am 5. Mai der Frau Rosenzweig das Portemonnaie gestohlen, seine Schulden bezahlt und war am 6. Mai als nobler Herr in die Pension Metropolis gezogen. Weitere Schlußfolgerung: Mit dreißigtausend und einigen hundert Kronen konnte der Kavalier nicht lange ausgekommen sein, Stellung hat er wohl keine gehabt; aber er, Finkelstein, der ja ganz Wien kannte, wußte ganz genau, daß Herr Kolo Isbaregg von dem Augenblick an, wo er die Pension Metropolis verließ, immer eine gewisse Rolle in der vornehmen Wiener Herrenwelt gespielt hatte. Seine Trauung mit der reichen Frau Dagmar Tökely fand ein Jahr später im Hochsommer — das war aus den Monatsbänden der „Morgenpost“ bald festgestellt — statt. Wovon hatte Isbaregg in der Zwischenzeit auf so großem Fuß gelebt? Das wäre rätselhaft gewesen, wenn nicht dieser Mord in der Pension Metropolis geschehen wäre, bei dem dem Geiger eine Million Kronen geraubt worden waren! Damit allerdings ließ sich schon leben! Finkelstein wurde es wirr und beklommen zu Mute. Er sah sich eine ungeheuere Aufgabe erwachsen, deren Ende nicht auszudenken war.

Beim Pfefferkarpfen, der, wie er erklärte, zart wie ein Gedicht war, berichtete er Frau Rosenzweig über seine bisherigen Erhebungen. Sie war außer sich und schrie aufgeregt:

„James, wir lassen ihn sofort einsperren! Heute nachts mußt du noch zur Polizei!“

„Stuß,“ schrie Finkelstein erbost, „worauf hinauf? Wir wissen nichts gegen ihn, als daß er dir das Portemonnaie gestohlen hat und auch das könntest du nicht beweisen. Abgesehen davon, daß du sicher nicht die merkwürdige Geschichte, wie er dich angetastet und abgegriffen hat, der Polizei wirst erzählen wollen, damit es in alle Zeitungen kommt!“

„Gott behüte, James, wehe dir, wenn ein Mensch etwas davon erfährt!“

„Also, siehst du! Ich hab‘ noch gar kein Material gegen ihn. Noch dazu in den Zeiten, in denen wir leben! Gut, man würde ihn fragen, woher er das Geld gehabt hat, um so vornehm aufzutreten. Nun und was, wenn er antworten würde, er hat mit den Italienern Schiebungen gemacht oder von den Kommunisten Geld bekommen oder von den Monarchisten? Wie willst du heute einem Menschen nachrechnen? Ausgeschlossen — nichts ist zu machen, bevor ich nicht Anhaltspunkte in der Sache Geiger habe. Und das wird sehr schwer sein, denn es sind fast drei Jahre vergangen und alle Spuren sind längst verwischt. Aber wenn etwas herauszubekommen ist, so werde ich derjenige welcher sein, darauf kannst du dich verlassen!“

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