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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 24
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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III. Teil

I. Kapitel

Sensationsvorstellung im Burgtheater. Die erste Schnitzler-Première seit Jahren, und ganz Wien war anwesend, um den Wiener Dichter stürmisch zu akklamieren und in den Zwischenpausen voneinander zu erfahren, ob das Drama eigentlich gut sei oder nicht. Der zweite Akt hatte starke Wirkung gehabt und das Publikum strömte angeregt durch die Foyers und debattierte über das Stück und die stürmische Baisse, die auf der Börse eingetreten war.

Jeremias Finkelstein, der in ganz Wien bekannte Reporter der „Wiener Morgenpost“, hatte aber Wichtigeres zu tun, als aufgeregt zu sein, ihm galt es, eine möglichst lückenlose Liste der Anwesenden herzustellen und dabei Gnade und Ungnade — je nachdem — subjektiv zu verteilen. Der Unterstaatssekretär Pichler zum Beispiel, der sich neulich nicht von ihm hatte interviewen lassen, kam justament nicht in die Präsenzliste, trotzdem er jetzt schon auf zehn Schritte Entfernung devot zuerst grüßte, während der Oberrechnungsrat da, obwohl er der Niemand war, gnädig aufgenommen wurde. Schließlich ein sehr anständiger Mensch, der ihn nie um die zwanzig Kronen, die er sich einmal in der Eile von ihm ausgeborgt, gemahnt hatte. Bei den Damen mußte man besonders gut aufpassen, wenn da auch die Toiletten kurz erwähnt werden sollten und es zu argen Konflikten führen konnte, wenn man das lila Gazekleid der Frau X. mit den Brüssler Spitzen der Frau Y. verwechselte.

Jeremias Finkelstein, der aber neuerdings, seitdem er getauft war, nur mehr James Finkelstein hieß, stieß nun mit einer dicken, tief dekolletierten und ebenso stark geschminkten wie mit Juwelen behängten Dame in mittleren Jahren zusammen, die ihn kordial mit „Servus, James“ begrüßte. Er versetzte dem Dekolleté einen freundschaftlichen Klaps, was die Besitzerin mit einem „Pfui, James“ quittierte, und hängte sich dann in sie ein. Finkelstein hatte die üppige Dame vor etwa einem halben Jahr auf einem Wohltätigkeitsfest kennen und sozusagen lieben gelernt und seither wechselte er nicht nur mindestens einmal in der Woche das Hemd und zweimal den Kragen, sondern seine desolaten Geldverhältnisse hatten sich erheblich gebessert. Freigebig war ja nun die Erwählte seines Herzens nicht gerade, aber immerhin ließ sie sich von Zeit zu Zeit, lieber vor als nach stürmischen Umarmungen, anpumpen, wobei sie schelmisch zu singen pflegte: „Was tut man nicht alles aus Liebe“, was der Reporter regelmäßig, aber nur nach innen, in „Was tut man nicht alles, wenn man Geld braucht“, abzuwandeln pflegte.

Finkelstein blieb plötzlich stehen: „Weißt du, jetzt hätte ich beinahe vergessen, dich in die Präsenzliste aufzunehmen!“ Und während sie bei der bloßen Vorstellung solcher Blamage aufkreischte, schrieb er in sein Notizbuch: „Frau Kommerzialratswitwe Selma Rosenzweig in einer köstlichen Toilette aus Petrol-Velour-Chiffon mit Goldperlen diskret bestickt.“ Bewundernd blickte Frau Rosenzweig zu ihm hinauf! Wie er das nur so herausbrachte, so schön und geschmackvoll! Wirklich, er war ein Künstler, ihr James!

Ein schlanker, großer, auffallend aristokratisch und schön aussehender Herr ging im Gewühl vorbei; Finkelstein machte einen tiefen Bückling und wollte eben einen Namen in das Notizbuch kritzeln, als er einen heftigen Schmerz im Arm spürte. Frau Rosenzweig hatte in gezwickt, zwickte ihn sogar nochmals und schrie, daß sich die Leute umsahen: „James, wer war das, wer war das?“

„Nu,“ sagte Finkelstein, der Exaltationen nicht liebte, erbost, „erstens schrei‘ nicht so und zweitens zwick‘ mich nicht, daß ich blaue Flecken bekomm‘! Wer wird das schon gewesen sein, den kennt doch jeder! Das ist der Herr Koloman Isbaregg, dessen Frau vor ein paar Monaten Selbstmord begangen hat.“ Notierend sprach er weiter: „Sehr pikant, daß er schon wieder ins Theater geht! No ja, warum soll er nicht? Schön war seine Frau nicht und für jedes Haar, das ich auf dem Kopf habe, besitzt er jetzt eine Million! Kunststück, ins Theater zu gehen!“

Frau Rosenzweig, die sich unter der Schminke violettrot gefärbt hatte, unterbrach ihn: „Red‘ keinen Unsinn, James, sonst hast du es mit mir zu tun! Das ist nicht der Millionär lsbaregg, das ist ein ganz gewöhnlicher Gauner, ein Taschendieb, ein Strolch, ein — —“

Um Gottes willen, schweig! Wenn man dich hört! Ich sag‘ dir, das ist der Herr Isbaregg, der frühere Hauptmann, der im Feld die unerhörtesten Sachen gemacht hat! Du wirst mir sagen!“

„James, wenn das wahr ist, dann, James, wenn du mit deinem Bericht fertig bist, so kommst du zu mir, hörst du! Unbedingt! Du bekommst ausgezeichnet zu essen: Schinken, Gansleber, Obst, Bäckerei. Und ich werde dir eine Geschichte erzählen, daß dir Hören und Sehen vergeht!“

James Finkelstein, dem bei dem Worte Gansleber das Wasser im Mund zusammengelaufen war, erklärte sich bereit. Das Glockenzeichen rief auf die Sitze, der dritte Akt ging bald vorbei, Finkelstein machte den Bericht mit fulminanten Wendungen fertig und um elf Uhr erschien er bei Frau Rosenzweig auf dem Brahms-Platz.

Zwischen Schinken mit Ei und Gansleber mit Gurke erzählte sie, während ihr vom Mieder befreiter, von einem transparenten Schlafrock mäßig verhüllter Busen wie ein entfesseltes Meer wogte, dem kauenden und dabei aufhorchenden Reporter eine Geschichte:

„Vor nicht ganz drei Jahren war es, im Frühling. Ich kam gerade vom Tommasoni auf dem Graben heraus, voll mit Paketen. Eines fiel mir aus der Hand und ein Herr in Uniform hob es auf. Nun, ich sagte ihm kühl: ‚Danke‘ und ging weiter. Der freche Mensch aber ging mir nach, stieg bei der Oper in dieselbe Elektrische und drängte sich ganz dicht an mich heran. Ich sag dir, er war mir gleich unheimlich, aber ich konnte mir nicht helfen.“

Finkelstein zog die Nase kraus und kniff ein Auge zu.

„James, du bekommst eine Ohrfeige! Ich sag dir, ich konnte mir nicht helfen! Immer hat er mich im Gedränge berührt und betastet, so daß ich schon grob werden wollte. Aber schließlich hab‘ ich mir gedacht, er nimmt mir ja nichts weg, wenn er mich anrührt und dann kann es doch auch nur ein Zufall sein und du weißt, ich bin nicht so.“

„Stimmt,“ sagte Finkelstein, während er das letzte Stück Gansleber in Begleitung einer halben Salzgurke in den Mund schob.

„Nun, bei der Paulanerkirche steig‘ ich aus, er dicht hinter mir, und ich hab‘ deutlich gefühlt, wie er sich bei meiner rechten Hand zu schaffen machte. Ein paar Schritte ist er mir dann noch nachgegangen; wie ich mich aber wieder umseh‘ nach ihm, war er plötzlich verschwunden. Ich bin natürlich empört gewesen, weil das doch kein Benehmen ist, und sag‘ noch der Anna, wie sie mir die Tür aufmacht, daß sie eine blöde Gans ist, weil sie mich hat zweimal läuten lassen und richtig bemerk‘ ich schon, daß mein Tascherl offen und das große Portemonnaie mit dem ganzen Geld verschwunden ist. Ich weiß ganz genau, daß mir der Hund es gestohlen hat; ich kann einen Eid leisten darauf und wenn du es mir nicht glaubst, so sind wir geschiedene Leute!“

Angesichts solcher Drohung mußte Finkelstein natürlich glauben. „Wie ist das aber möglich, Selma?“ fragte er. „Im Juni vor drei Jahren hab‘ ich ihn doch damals, wie der Geiger ermordet worden ist, kennen gelernt. Er wohnte in derselben Pension wie der Geiger, in der feinsten und teuersten, die es in Wien gibt, in der Metropolis auf dem Schwarzenberg-Platz — da leben doch keine Schnorrer, die ein Portemonnaie ziehen!“

Entgeistert, mit weit aufgerissenem Mund, aus dem es goldig leuchtete, blickte Frau Rosenzweig ihren Freund an.

„In der Pension hat er gewohnt, in der der Geiger ermordet worden ist? Dann ist er der Mörder gewesen! Du Esel, verstehst du denn nicht? Mit meinem Gelde ist er dorthin gezogen, um den armen, alten Mann umzubringen! Der Schuft der, der einer alleinstehenden Frau nachsteigt, sich herandrängt, sie verrückt macht und dann mit ihrem Gelde abzieht, der ist alles imstande!“

James Finkelstein fing furchtbar zu lachen an, aber dieses Gelächter brach plötzlich ab. Nicht so sehr, weil er sah, wie in Selma die Wut aufstieg, sondern weil sein Reportergehirn zu arbeiten anfing. Wer weiß, vielleicht war etwas daran! Vielleicht war das die große Sensation, die ihn emporbringen konnte, die Sensation, die die „Morgenpost“ allein haben, ihr neue Abonnenten und ihm Ruhm, Gehaltsaufbesserung und Vorschuß bringen würde!

„Selma,“ sagte er, „ich halte natürlich von der Geschichte nichts, aber ich werde ihr doch nachgehen. Und wenn James Finkelstein einer Sache nachgeht, so tut er das gründlich!“

Frau Rosenzweig wurde weich und zärtlich. Sie schmiegte ihren Busen, der jetzt die Knöpfe des Schlafrockes zu sprengen drohte, dicht an die Schulter Finkelsteins, Tränen der Aufregung traten ihr in die Augen und sie sagte:

„James, der Mann hat mich nicht nur bestohlen — gottlob, darüber kann ich mich ja hinwegsetzen — aber er hat mich auch beleidigt, wie noch nie jemand. Er hat mich zertreten, besudelt, geschändet! Du verstehst ein Frauenherz nicht, sonst würdest du wissen, wie ich ihn hasse, diesen Gauner! James, wenn du ihn entlarvst, schenk‘ ich dir die Nadel vom seligen Rosenzweig mit der großen Perle! Schon vor dem Krieg hat sie fünftausend Kronen gekostet, jetzt ist sie unter Brüdern das Zehnfache wert. Und sofort geb‘ ich dir fünfhundert Kronen auf die Hand!“

Das wirkte ausschlaggebend. Finkelstein nahm das Geld, auf Spesen, wie er sagte, leistete einen feierlichen Schwur, nicht zu rasten und zu ruhen, bevor er dem Geheimnis des Koloman Isbaregg auf die Spur gekommen, aß noch ein halbes Kilo Lindt-Schokolade und schlief dann am Busen der Frau Selma Rosenzweig sanft ein.

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