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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 22
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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XIV. Kapitel

Ende August zogen die Isbaregg in ihre neue Villa auf dem Semmering und da begann Dagmars Leiden, das in nächtlichem Aufschrecken und Schlaflosigkeit bestand. Die zwei Schlafzimmer des Ehepaares lagen nebeneinander, nur durch eine Portière getrennt. Eines Nachts hatte Dagmar das Gefühl, als würde sie von einer Hand in die Höhe gezogen werden, und als sie mit einem leisen Schrei vollends erwachte, eilte Kolo herein und beugte sich über sie.

„Kind, was hast du mich erschreckt,“ sagte er zärtlich, „du hast im Schlaf gellend aufgeschrien und dann lange gestöhnt.“ Und er glitt zu ihr unter die Decke, streichelte sie sanft und blieb bei ihr, bis sie wieder eingeschlafen war.

Solche Vorfälle wiederholten sich nun allnächtlich. Immer wieder mußte Dagmar aus dem Schlaf gerüttelt werden, weil sie geschrien oder geächzt und gestöhnt hatte, oft mehrmals in der Nacht, bis sie abends vor dem Einschlafen schon genau wußte, daß sie von Kolo geweckt werden würde und sich daran gewöhnte, darauf zu warten, und ihr Schlaf immer unruhiger und leiser wurde.

Ihr Mann betrachtete sie dann morgens prüfend, besorgt, schüttelte den Kopf und erklärte, daß sie schlecht aussehe und sprach davon, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Dagmar lachte glücklich auf und schlang den Arm um seinen Hals.

„Ach du, das ist ja so schön, von dir geweckt zu werden! Ich freue mich abends schon darauf und bin glücklich darüber!“

Aber diese seltsamen Anfälle schienen sich unheimlich zu mehren, denn Kolo mußte sie nun schon drei-, viermal und öfters in der Nacht wecken und beruhigen, und Dagmar fühlte wirklich, wie ihre Nerven darunter litten. Aber auch er war leidtragend dabei, da ja auch sein Schlaf gestört war und als er Dagmars Aufforderung, in einem ferneren Zimmer zu schlafen und die Zofe bei ihr zu lassen, energisch zurückwies, stimmte sie endlich zu: „Gut, ich werde in Wien den Doktor Hayek konsultieren.“

Im Oktober wurde es auf dem Semmering unwirsch, trüb, kühl, die Nebelschwaden wollten von den Bergeskuppen nicht weichen und man übersiedelte nach Wien. Und da sich nach eintägiger Pause wieder der unruhige Schlaf einstellte, so wurde der Arzt gerufen, der sich von Isbaregg alles genau erklären ließ, Frau Dagmar abklopfte, befühlte, betrachtete und die Anregung Kolos, es mit kleinen Morphiumdosen zu versuchen, gerne aufgriff. Frau Dagmar nahm also Morphiumtropfen und sie taten ihr gut, denn sie schlief nun die Nächte ungestört durch. Nur wenn sie aufhörte, die Tropfen zu nehmen, mußte sie Kolo wieder wecken.

Kolo begann sich um diese Zeit sehr mit graphologischen Studien zu beschäftigen, er kaufte allerlei Werke über die Kunst, aus der Handschrift den Charakter des Menschen zu deuten, und schien es auch zu einer gewissen Fertigkeit darin zu bringen; wenigstens erzählte er Dagmar oft, daß er diesen oder jenen Bekannten im Klub durch sein treffsicheres Urteil überrascht habe. Als Dagmar ihn bat, seine Kunst doch an ihr zu erproben, da meinte er bedächtig:

„Bei Frauen ist das nicht so einfach, wie bei Männern. Bei einem Mann genügt die gewöhnliche Handschrift, bei einer Frau muß es etwas sein, was sie in gewisser Gemütsbewegung niederschreibt. Und zwar geht man am sichersten, wenn man die Schrift aus zwei ganz konträren Erregungszuständen vor sich hat. Also bitte, versetze dich einmal in die Lage, ich wäre verreist gewesen, viele Wochen lang, und würde dir nun mitteilen, daß ich in wenigen Tagen wieder bei dir sein werde. Lebe dich ganz in diese Vorstellung hinein und schreibe nun folgendes:

‚Geliebter, wie freue ich mich auf unser Wiedersehen, ich kann die Stunde kaum erwarten, da ich Dich wieder haben werde.“

Dagmar tat dies und schrieb lachend die Worte nieder.

„Und nun versetze dich in eine recht traurige Situation. Stelle dir vor, du wärest meiner überdrüssig und gerade im Begriff, heimlich wegzureisen, mit der Absicht, nie wiederzukommen. Vertiefe dich in diesen Gedanken und schreibe:

„Geliebter, sei mir nicht böse, wenn ich Dich für immer verlasse! Es muß so sein, eine tief-innere Müdigkeit zwingt mich zu diesem Schritt. Lebe wohl und vergiß meiner nicht ganz. Deine bis in den Tod dich liebende Dagmar!‘“

Dagmar hatte geschrieben und ein leiser Schauer überlief sie, als sie den Briefbogen ihrem Gatten reichte. Er verglich die beiden Briefbogen, die er nun in der Hand hielt, prüfte und gab dann eine lange Erklärung, die viel Schmeichelhaftes besagte. Intelligenz und zielbewußte Charakterfestigkeit, Herzensgüte, die sich gerne verbirgt, Empfindlichkeit, Sinnlichkeit und überstarkes Taktgefühl las er aus ihrer Schrift heraus.

Dann küßte er seine Frau auf die Stirne, wobei er die Bogen in die Tasche schob, und war von bestrickender Liebenswürdigkeit.

Als er aber in seinem Bibliothekszimmer allein war, atmete er tief und schwer und es zuckte um seinen Mund, während er den einen Briefbogen, den mit den heiteren Worten, im Kamin verbrannte und den anderen im Schreibtisch verschloß.

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