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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 21
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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XIII. Kapitel

Tagelang hatte Isbaregg mit sich zu kämpfen und zu ringen,. bevor der Entschluß, sich durch eine Tat zu befreien, eiserner Wille geworden war. Stundenlang ritt er in rasendem Galopp im Prater umher, machte einsame Spaziergänge, übersann alles, was geschehen war und nun geschehen sollte, arbeitete seinen Plan in den äußersten, weitreichendsten Einzelheiten aus, spaltete sich förmlich in zwei Geschöpfe, von denen eines sein Widersacher war, der ihm entgegentrat, an sein Gewissen appellierte und ihm die Gefahren vor Augen führte. Und als er endlich mit sich ganz im reinen war und nichts mehr an seinem Entschluß rütteln und reißen konnte, da kam kühle Ruhe über ihn, seine arg mitgenommenen Nerven glätteten sich und er wußte, daß er wieder Herr über sich war, der die Maske, die er in toller Leidenschaft von sich geworfen, wieder selbstsicher vor das Antlitz nehmen konnte.

Und es trat wieder Frieden im Hause lsbaregg ein. Kolo vermochte es aufs neue, gegen Dagmar gütig und zärtlich zu sein, und sie kam ihm mit offenen Armen entgegen, gerne bereit, die bösen Anfälle der letzten Zeit als Nervenkrise zu betrachten. Wohl hatte sie ruhige, nüchterne Augenblicke, in denen sie zu fühlen glaubte, daß der Mann an ihrer Seite nicht ihr gehörte, nie ihr gehört hatte, wohl überschlich sie immer wieder die dumpfe Ahnung, daß Kolo, wenn er plötzlich den Arm um sie schlang, sich vorher einen Ruck hatte geben müssen und diese Umarmung eine vorbedachte, überlegte Handlung, nicht die Aufwallung zärtlichen Empfindens war. Aber wenn sie dann an seiner Brust lag, da vergaß sie die Umwelt und alle Überlegung schwand, und sie wollte und konnte nicht denken und sagte sich mit verbissener Beharrlichkeit: »Ich bin sehr glücklich, die glücklichste Frau bin ich, denn dieser Mann, der schöner und wertvoller als andere Männer ist, liebt mich!“

Den Hochsommer verbrachten die Isbaregg in ihrem alten, restaurierten Schloß in Tirol bei Igls und es ging dort recht lebhaft und lustig zu, weil Dagmar eine Anzahl von Wiener und dänischen Verwandten als Gäste bei sich sah, während Kolo ehemalige Kriegskameraden und Löwenwald eingeladen hatte. Dagmar hatte auch Helga zu sich gebeten, erhielt aber eine Absage. Helga hielt sich noch immer in München auf und schrieb, daß sie dort in stiller Einsamkeit bleiben wolle, um ein größeres Werk zu vollenden. Der Schluß des Briefes war so eigentümlich, daß Dagmar ihn nicht recht verstand. „Sei klug, Dagmar,“ hieß es, „gib Dich nicht ganz weg, behalte Deinen Verstand wenigstens für Dich und mindestens einen kleinen Teil der objektiven Überlegung, die Dich so oft gequält hat.“ Einen Gruß an Kolo enthielt dieser Brief nicht und Dagmar, die dies ihrem Gatten mitteilte, meinte nachdenklich: „Eigentlich kein Wunder, denn ihr hattet ja niemals sonderliche Sympathien für einander und Helga ist zu ehrlich, um zu heucheln.“

Einen Moment lang stieg in Kolo die Sehnsucht nach Helga wild und gierig auf, aber er kämpfte das Gefühl nieder, denn er wußte, daß in ihm jetzt kein Raum für anderes sein durfte, als für das eine!.

Es wurde viel gejagt, aber Kolo veranstaltete die Jagden mehr zur Unterhaltung seiner Gäste als aus eigenem Interesse. Seine Empfindungen sprachen gegen das Zusammenschießen der Rehe und Hirsche zum Zeitvertreib, und oft genug schoß er absichtlich fehl, um einem äsenden Rotwild die Daseinsfreude noch zu erhalten. Nur Löwenwald gegenüber äußerte er sich einmal darüber:

„Ein Reh ist ein schönes, edles Tier, eine Freude für sich und für den Menschen, der es sieht, und ich betrachte mich jedesmal, wenn ich einen Bock zur Strecke gebracht habe, als feigen, erbärmlichen Mörder. Einen widerwärtigen Menschen töten, der sich mir in den Weg stellt — das ja, ohne mit der Wimper zu zucken! Das ist mein Recht, wie alles Menschenrecht ist, was zur Erhaltung der eigenen Persönlichkeit und Art beiträgt. Soll der Jäger, der Wilderer, der davon lebt, Tiere umbringen, denn das ist sein Recht, aber mir geht es gegen das Gefühl!“

Löwenwald lachte auf: „Also, wenn du einmal einen Mord begehen solltest, so werde ich dich verteidigen und — wer weiß — mit der Reminiszenz an diese deine Aussprüche auf die Geschwornen Eindruck machen.“

Kolo wurde nachdenklich und zerstreut.

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