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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 20
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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XII. Kapitel

Es begab sich, daß Isbaregg mit seiner Frau, begleitet von Helga Esbersen und dem Rechtsanwalt Löwenwald, mit dem Auto auf den Semmering fuhr. Dagmar hatte die Absicht, dort eine Villa zu kaufen, die es ihnen ermöglichen sollte, immer, wenn Wetter und Laune es zuließen, ein paar Tage unweit der Stadt in tausend Meter Höhe zu verbringen. Da der Ankauf der Villa möglichst sofort abgeschlossen werden sollte, war Löwenwald mitgefahren, um die notwendigen Formalitäten zu besorgen.

In knapp zwei Stunden war man oben gewesen, hatte die reizende, im Schweizer Forsthausstil gehaltene Villa, die in einem großen Garten, von der Landstraße aus unbemerkbar, dalag, eingehend besichtigt, war über den Kaufpreis einig geworden und saß nun auf der Terrasse des Hotel Panhans, auf die die Aprilsonne gar nicht vorfrühlingsgemäß, sondern schon recht sommerlich ihre reinen, durch keinen Kohlenstaub und Großstadtdunst behinderten Strahlen warf. Andere Bekannte aus Wien waren hinzugekommen, darunter ein Universitätsprofessor, der Nationalökonomie lehrte, ein ehemaliger General und eine Pianistin von Weltruf. Das Gespräch lenkte sich politischen Dingen zu, Dagmar drückte ihre Besorgnisse aus, daß die überall auf der ganzen Welt förmlich vulkanisch ausbrechenden Unruhen, Putsche und Riesenstreiks die soziale Entwicklung hemmen müßten und kein Ende der furchtbaren Unruhe erkennen ließen, von der ganz Europa und neuerdings auch Amerika geschüttelt wurde und der Universitätsprofessor vertiefte sich in theoretische Erörterungen. Da ergriff Kolo, dessen Nerven angeregt und dessen Widerspruchsgeist durch die Bemerkungen seiner Frau gereizt worden war, das Wort und entwickelte seine Idee dahin, daß man jetzt eben überhaupt in keiner Zeit, sondern zwischen den Zeiten lebe und es ganz in Ordnung sei, wenn alle entfesselten Kräfte miteinander ringen, um sich und ihrer Kategorie den Platz an der Sonne zu erobern. „Es ist jetzt alles erlaubt,“ meinte er, „was man früher Aberwitz genannt hätte, ist jetzt Experiment und was ehedem als Verbrechen galt, ist berechtigte Notwehr des Individuums. Die Zeit des Faustrechtes hat wieder begonnen! Die stärkeren Fäuste und kräftigeren Muskeln werden siegen, das satte Ästhetentum der Arrivierten hat ausgespielt, alles ist in Bewegung geraten, und dumm der, der sich, während alles ringumher kocht und brodelt, an altererbte Begriffe festklammert und nach ihnen leben will.“

„Wer früher mit zwanzig Spießgesellen auf Raub ausgegangen wäre, den hätte man einfach den Anführer einer Bande genannt, heute ist er einer, der Sozialpolitik auf eigene Faust treibt und wenn er geschickt genug ist, kann er eine neue Diktatur ausrufen und ein großer Mann werden. Nur jetzt nicht stehen bleiben und jammern! Was heulen unsere Zeitungen vor Entsetzen darüber, daß ein Gasarbeiter mehr Einkommen hat als ein Gymnasiallehrer! Ganz recht so, tausend Jahre war der Gymnasiallehrer der große Herr gegenüber dem Arbeiter, nun zeigt es sich, daß das gar nicht so sein muß, und die Gasarbeiter wollen sehen, wie das ist, wenn sie Volkskücben errichten, in denen die hungernden Kinder von Gelehrten schlecht gefüttert werden, wie es früher umgekehrt der Fall war. Wie gesagt, es gilt jetzt mitspielen, in Bewegung bleiben und der labilen Moral nicht ein stabiles Gewissen entgegensetzen.“

Die Pianistin wagte einen Einwand:

„Moral kann nicht labil sein, Moral ist das einzig Bestehende und Feste.“

Kolo lachte auf: „Jawohl, du sollst nicht töten, nicht wahr? Außer, wenn du dafür das eiserne Kreuz bekommst und es dir der Herr Major befiehlt. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst, es sei denn, daß du ein Pole und er ein Ukrainer, du ein Engländer und er ein Deutscher! Unsittlichkeit ist abscheulich, aber es ist ehrenhaft; wenn ein junges Mädchen sich legitim an den Erstbesten verkuppeln läßt. Im Konkurrenzkampf einen Menschen langsam zur Verzweiflung und zum Selbstmord treiben, beweist Tüchtigkeit und bürgerliche Tugend, während der, der ein unnützes Individuum, einen alten Geizhals umbringt, um selbst leben zu können, ein gemeiner Mörder ist!“

Isbaregg schwieg. Er sah plötzlich den alten Geiger im Bett vor sich und hatte das fatale Empfinden, daß alle am Tisch an diesen Geiger denken müßten.

Helga Esbersen sah ihn scharf an, musterte ihn interessiert und sagte:

„Was Sie da predigen, ist der absolute Anarchismus. Persönlicher Vorteil über den Vorteil der Gesamtheit, die Tyrannis des einzelnen Individuums, Gewalt vor Recht! Aber doch nur Theorie, lieber Freund! Oder könnten Sie einen Menschen umbringen, weil Sie sich für wertvoller als ihn halten und sein Tod Ihnen Vorteile bringen kann?“

Und Kolo sagte sich, daß das alles gleichgültig sei und es einmal heraus aus ihm müsse, und dann laut: „Jawohl, ganz kaltblütig sogar, vorausgesetzt, daß ich ein wirklich brennendes Interesse daran habe und es in Sicherheit geschehen kann!“ Dagmar lachte und rief: „Aber Kolo!“ Doktor Löwenwald aber meinte in seiner ruhigen, schlichten Art:

„Glücklicherweise sind die Hemmungen bei den meisten Menschen so stark, daß sie ihn von allem zurückhalten, was eben als ungesetzlich und antisozial betrachtet wird. Aber im Prinzip hat Herr Isbaregg wohl recht. Jeder Mensch ist bereit, sich durch ein Verbrechen oder was man so nennt, emporzubringen, wenn die Furcht nicht in ihm überwiegt.“

Helga Esbersen meinte trocken:

„Es ist wohl nicht gut, mit Ihnen Kirschen zu essen, Kolo lsbaregg!“

Die Gesellschaft löste sich auf, Frau Dagmar begab sich in ihr Appartement, um den gewohnten Nachmittagsschlaf nicht zu versäumen, Löwenwald nach dem Kaffeehaus, um dort den Kaufvertrag aufzusetzen und Helga schlenderte langsam durch die Hotelhalle, um nach ihrem in einem anderen Trakt gelegenen Zimmer zu gelangen. Kolo neben ihr. Helga sagte plötzlich, als sie gerade in den Gang gekommen waren, in dem sich ihr Zimmer befand, leichthin:

„Der alte General, der mit uns am Tisch saß, sagte, daß er die Isbareggs sehr wohl kenne. Er pries Ihr Glück, eine so reiche Frau bekommen zu haben, um so mehr, als, wie er meinte, die lsbareggs seit jeher wegen ihrer Tapferkeit, aber auch wegen ihrer Armut bekannt waren. Stimmt das? Dagmar hat mir gesagt, daß Sie selbst sehr wohlhabend und gar nicht auf ihr Geld angewiesen seien.“

Kolo fühlte, wie er die ruhige Besinnung verlor.

„Aha, Sie haben ihr wahrscheinlich klarzumachen versucht, daß ich sie nur wegen ihres Reichtums geheiratet habe! Überhaupt, sagen Sie es doch offen heraus: Sie sind meine Feindin und möchten mich, wenn es in Ihrer Macht läge, gerne vernichten!“

Helga sah ihn ganz und groß an:

„Feindin? Hm, ich weiß es nicht recht! Ich schätze vieles an Ihnen sehr, Isbaregg, ich bewundere Ihren Geist, Ihr Temperament, ja, sogar Ihre männliche Schönheit, aber ich mißtraue Ihnen auch! Ich glaube, daß Sie ein anderer sind, als Sie scheinen mögen, und vor allem glaube ich, daß Sie die arme Dagmar nicht lieben, nein, ich glaube sogar, daß Sie sie hassen! An Stelle Dagmars würde ich Sie fürchten, Kolo Isbaregg! Übrigens — sind nicht auch Sie mein Feind? Möchten Sie nicht wer weiß was tun, um mich aus Ihrer und Dagmars Nähe los zu werden?“

Sie waren an Helgas Zimmer gekommen und das Mädchen hatte die letzten Worte zwischen Tür und Angel gesprochen. Und wie sie da stand, leuchteten ihre bronzebraunen Haare in der Sonne und das ovale Gesicht war ein wenig bleich und die blauen Augen nicht so kühl musternd wie sonst. Ihre mittelgroße, weiche, eher üppige als schlanke Gestalt aber war so dicht neben ihm, daß er ihre vollen, festen Brüste spürte. Und ehe er selbst begriff, was er tat, ehe sie zur Besinnung gekommen, hatte er sie in das Zimmer hineingedrängt, die Türe hinter sich geschlossen und preßte nun ihren Leib an sich, verschloß ihren vollen üppigen Mund mit seinen Lippen, raubte ihr jede Bewegungsfreiheit, erstickte sie fast mit wilden, verzehrenden Küssen und stammelte dabei:

„Ich hasse dich nicht, Helga, sondern ich liebe dich zum Rasendwerden, du Teufel von einem Weibe du!“

Helga hatte sich zuerst gewehrt, ihre Fingernägel in seinen rechten Arm, der sie umschlungen hielt, gepreßt, mit den Füßen und Knien nach ihm gestoßen. Bis plötzlich dieser Widerstand aufhörte, ihr halb geöffneter Mund an dem seinen willig blieb und sie schweratmend sich in seinen Arm zurücklehnte, auch als er die Umklammerung gelockert hatte. Und sie sah ihn nur mit wirren, betäubten Augen an, als er ihr die Kleider vom Leibe riß und mit einem dumpfen, tierischen Aufschrei sie dann auf das Bett warf. — — —

Geistesabwesend, schneeweiß im Gesicht, mit tief herabfallenden Mundwinkeln richtete sich Helga im Bett auf, strich sich die wirren Haare aus der Stirne und zog sich schweigend an. Keine Träne, kein Wort des Vorwurfes, der Verlegenheit. Nur als Kolo sich mit gütigem Lächeln ihr zärtlich nahen wollte, zischte sie ihn an wie eine Schlange und warf ihm einen so haßerfüllten Blick zu, daß er verlegen zurückwich und sich zum Gehen anschickte. Und als er bei der Türe nochmals den Versuch machte, wenigstens ein Abschiedswort zu bekommen, da sprach sie nichts, sondern sah ihn nur groß an, um dann, als er draußen war, schluchzend zusammenzubrechen.

Und es geschah das Sonderbare und Groteske, daß Helga und Kolo von nun an stumm und schweigend, kaum so viele Worte wechselnd, als notwendig war, um nicht aufzufallen, aneinander vorübergingen; sie nachts aber immer wieder die Beute seiner brutalen Begierde, immer wieder in seinen Armen machtlos und willfährig wurde, um ihm, wenn sich der Krampf gelöst hatte, ihre Wut und Verachtung, ihren Haß und Groll entgegenzuschleudern. Bis sie eines Tages unter nichtigem Vorwand, als Kolo nicht zu Hause war, ihren Koffer packte und sehr zum Schmerze der Frau Dagmar, die die Freundin nicht entbehren wollte, Wien verließ, um nach München zu reisen.

In der kommenden Nacht aber konnte sich Kolo, als Dagmar ihn zärtlich an sich locken wollte, nicht mehr beherrschen und er sprach so harte und schneidende Worte, daß es ihr von ihren Augen wie Schuppen fiel und sie einen Moment hatte, wo sie es empfand, daß Kolo sie nicht mehr liebte oder vielleicht sogar nie geliebt hatte.

Von da an wurde das Leben im Hause lsbaregg zur Hölle für beide, auf furchtbare Szenen folgten Versöhnungen, von ihrer Seite wohl gemeint, von seiner gegaukelt und gezwungen, und er sagte sich, daß er ein Ende machen müsse.

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