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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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VI. Kapitel

Der Rechtsanwalt, der um etliche Jahre älter sein mochte als Isbaregg, hatte nach außenhin wenig erlebt, war kaum je über die Grenzen des Landes hinausgekommen und doch ergriff das, was Löwenwald nicht erzählte, sondern kaum andeutete, Kolo mehr, als es die tollsten Abenteuer hätten tun können. Irgendwie fühlte sich der Mann, dem bisher der Jude immer als inferiore, halb verächtliche, halb komische Person erschien, der durch einen Taschendiebstahl dem Hungertod und durch einen mit kaltem Blut begangenen Mord der Armut entgangen war, dem jüdischen Rechtsanwalt Löwenwald, der das Herz eines Kindes besaß und sicher nie einem Menschen zum eigenen Vorteil eine Schmerz hätte zufügen können, er fühlte sich diesem Juden wesensverwandt, empfand, daß gerade dieser Mensch ihn verstehen und nicht verurteilen würde. Der Mann, der sich in seiner unbändigen Lebenslust, in seiner übergroßen Kraft und Willensstärke über alles das hinwegsetzen mußte, was anderen Moral ist, fand das Gemeinsame mit dem anderen, der aus Menschenliebe und Mitleid mit allen gequälten Kreaturen erst recht jenseits von Gut und Böse stand.

Ludwig Löwenwald war der Sohn eines kleinen galizischen Handelsmannes, der sich zu Tode gerackert hatte, um aus dem Einzigen, der ihm aus seiner Ehe am Leben geblieben war, einen studierten Herrn zu machen. Und vielleicht gerade weil der langaufgeschossene Judenjunge zu Hause in der galizischen Kleinstadt nichts als das Feilschen und Handeln, das Lauern auf den Vorteil und die Freude am kleinen Betrug gesehen, vielleicht gerade deshalb schlug er ganz in das Gegenteil um, fühlte sich von allem, was an Erwerb und Verdienen erinnerte, abgestoßen und betrachtete Geld lediglich als abscheuliche Notwendigkeit. Der alte Vater erlebte noch die große Freude, den Sohn, der in Wien studiert hatte, das Doktorat erwerben zu sehen, dann schloß er die ewig wachen, entzündeten Augen für immer und konnte dem Sohn gerade so viel hinterlassen, daß dieser durchzuhalten vermochte, bis er in Wien Bezirksrichter wurde.

Aber diese Karriere, die dem Juden sauer genug gemacht worden war, erfuhr bald ein jähes Ende. Löwenwald erwies sich als absolut ungeeignet, die Rolle eines Strafrichters zu spielen und zum Entsetzen seiner vorgesetzten Behörden sprach er alle die kleinen Diebe, Betrüger und Missetäter, die vor ihn hintraten, frei, wobei er sein Urteil gewöhnlich in einer Art und Weise begründete, die die in Ehren und Hämorrhoiden ergrauten Landesgerichtsräte nicht viel anders als absurd nennen konnten. Nur einen Schuster, der seinen Lehrjungen mißhandelt hatte, einen Kutscher, der seinem Gaul mit dem Peitschenstiel das Auge ausgeschlagen, verurteilte er zu so hohen Strafen, daß die alten Richter wieder entsetzt die Hände zusammenschlugen. Nach vierzehn Tagen wurde er dann zum Bezirksgerichte in Zivilangelegenheiten versetzt, aber diesen Posten bekleidete er gar nur zwei Tage lang. Dann nahm er Audienz beim Gerichtspräsidenten, erklärte sich absolut außerstande, gegen Witwen und andere arme Teufel mit Exekutionsurteilen vorzugehen, und teilte seinen Austritt aus dem Staatsdienst mit. Man war über diesen Entschluß nur zu froh und Jahre hindurch erzählte man sich in Wiener Richterkreisen noch allerlei Anekdoten über den „verrückten Juden“.

Löwenwald wurde dann Rechtsanwalt und fühlte sich dabei recht wohl. Zivilprozesse übernahm er nur in den seltensten Fällen, wenn es sich um die Wahrung der materiellen Rechte armer Leute gegenüber Reichen handelte, die Verteidigung von Schiebern, Wucherern und Ausbeutern wies er prinzipiell zurück, um so öfter aber ließ er sich ex offo zum Verteidiger armer Sünder, rückfälliger Verbrecher und anderer hoffnungsloser Fälle bestellen, wie er überhaupt immer mehr der Armenadvokat wurde. Als solcher hatte er auch schon glänzende Erfolge gehabt, die sich allerdings nicht in klingende Münze umsetzten. Seine Kanzlei, die in den Sprechstunden fast immer überfüllt war, trug ihm gerade so viel ein, daß er dürftig und bescheiden leben konnte.

Das war die Lebensgeschichte des Dr. Ludwig Löwenwald, dem der Verbrecher Kolo Isbaregg um Mitternacht die Hand mit der Bitte entgegenstreckte:

„Lassen Sie uns Freunde werden!“

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