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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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III. Kapitel

Ein kühler Frauenarm, bis zur Achselhöhle fast von dem Handschuh umspannt, hängte sich an ihn. Eine überschlanke Gestalt in blaßblauer Seide, das Gesicht bis knapp zu den dünnen Lippen verhüllt, um den Hals eine sechsfache Perlenschnur geschlungen, stand neben ihm:

„Aber, aber, was für finstere Augen, welche Falten auf der Stirne! Du siehst aus wie das böse Gewissen unserer Zeit und bist doch ein schöner Mann, dem sicher alle Herzen zufliegen.“

„Ich bin müde, müde von so viel Liebe, wie sie hier sich erringen läßt, und suche den Sinn dieser Redoute, ohne ihn finden zu können.“

„Wer sucht, findet nie, und nur wer sich gerne anlügen läßt, zählt zu den Weisen. Und da im Wein nicht die Wahrheit, wie die Großväter behauptet haben, liegt, sondern die schönste Lüge, so ist der, der weinschwer ist, der wahre Weise. Komm‘, werde mit mir klug.“

Prüfend glitt Kolos Kennerauge über die Gestalt. Schmale Füße, dünne Fesseln, gute Rasse, aber doch kein schöner Körper. Schlank zwar, aber keine edle, weiche Magerkeit, sondern knochige, eckige. Lippen einer Frau, die von unerfüllter Sehnsucht zusammengepreßt werden, die grau-grünlichen Augen der Hysterikerin — aber ein kluges, interessantes Weib, sicher nicht banal und alltäglich und — Donnerwetter — die Perlen um den Hals deuten auf alten, guten Reichtum, denn solche sechs Reihen gleichgroßer Perlen konnte die Frau Kriegsgewinner mit allen ihren Millionen nicht zusammenhamstern.

Kolo saß mit seiner Dame in einer Loge und die ersten hastig geleerten Sektkelche lösten die Zungen, belebten die Laune. Prickelnd, spitz, moussierend flogen die Worte hinüber und herüber, Bosheiten, von denen ein Possenmacher zwei Jahre hätte leben können, entglitten den Lippen und dazwischengeworfene feine, kluge Bemerkungen zeigten der blaßblauen Maske, daß ihr Herr wahrhaftig nicht zu den alltäglichen gehörte, wie auch Kolo bald die Überzeugung gewann, in seiner Nachbarin auf dem Samtsofa ein Weib von Kultur und tiefer, für seinen Geschmack allzu tiefer Bildung zu haben. Während an der Brüstung der Loge die Paare vorbeipromenierten, machte die Unbekannte über diese oder jene Persönlichkeit Bemerkungen, aus denen Kolo ersah, daß sie in den ersten Gesellschaftskreisen zu Hause sein mußte. Es reizte ihn, zu wissen, wer sie sei, aber er fragte natürlich nicht, wie er sie auch nicht bat, die Maske abzulegen. Er wollte diese nette Tändelstunde ganz auskosten, ohne eine Enttäuschung zu erleben, und er kannte seine Wirkung auf Frauen genug, um überzeugt zu sein, daß sie es schließlich sein wird, die ihm die Möglichkeit einer späteren Annäherung aus eigenem Antrieb geben würde.

Und so war es auch. Gegen drei Uhr morgens, als sich die Promenade im Saal längst in ein bacchantisches Durcheinanderwirbeln gewandelt hatte, erhob sich die Dame in Blau und reichte ihm die Hand zum Abschiedskuß:

„Sie waren sehr nett, ich habe mich mit Ihnen gut unterhalten. Und weil Sie so gar nicht indiskret und neugierig waren, dürfen Sie mir später, wenn ich mich mit meiner Gesellschaft im Tabarin befinde, eine Rose zuwerfen. Jetzt aber muß ich gehen, sonst werden meine Vettern und Basen, Tanten und Onkel böse und in ihrer Moral gekränkt.“

Kolo lsbaregg schlenderte noch ein paarmal im Saal umher, hatte Mühe, Frauen, die ihn nicht interessierten, wieder los zu werden, mußte eine Eifersuchtsszene über sich ergehen lassen, die ein kleines, von ihm fast einen Monat lang geliebtes Ballettmädel ihm durchaus machen wollte, und ging dann zu Fuß durch die frostklirrende Winternacht nach dem Tabarin.

Die Frau, mit der er eine Stunde in der Loge zugebracht, hatte ihn nicht sonderlich erwärmt, es war nicht die Gier nach einem erotischen Abenteuer, die ihn voll Erwartung den kleinen Saal des „Tabarin“ genannten, vornehmen und sündhaft teueren Nachtlokales betreten ließ, es war eine eigenartige Spannung, die instinktive Witterung, daß dieses kleine, an sich so unbedeutende Abenteuer irgendwie von einschneidender Wichtigkeit und Entscheidung werden würde.

Die Geigen jauchzten, auf dem Podium hüpfte in gewagtester Kostümlosigkeit eine Französin aus Debreczin, das Publikum sang mit und von Loge zu Loge, von Tisch zu Tisch flogen die Rosenbündel, die ein gnomartiger Mann korbweise verkaufte. Als im Saal die große, schlanke Gestalt Kolos auftauchte, wurde sie von allen Seiten zum Ziel genommen. Begehrende Frauenblicke flogen ihm zu, und mit einem Gemisch von Behagen und leiser, mitleidiger Verachtung stellte Kolo fest, daß er nur zu wählen hatte, um die schönen Frauen mit den entblößten Schultern an sich zu reißen, gleichgültig, ob es Grisetten, große Amoureusen oder vornehme Damen waren. Kühl lächelnd blieb Isbaregg stehen, ließ die ihm zugeschleuderten Rosen achtlos zur Erde gleiten und suchte Tisch auf Tisch mit den Augen ab, bis er sie gefunden. Obwohl sie die Larve nicht mehr trug und das blaßblaue Kleid unter den Rosenbüscheln fast verschwand, hatte er sie doch sofort erkannt. Schön? Nein, schön war sie nicht! Die Stirne für eine Frau zu hoch, die Wangen nicht weich und zart, sondern eckig, der Mund zu dünn, die Augen zu unbestimmt in der Farbe und die Augenbrauen nur ein dünner Strich. Eine seltsame kluge Herbheit, gemischt mit fast brutaler, nervöser Sinnlichkeit, zitterte und vibrierte über dieser ganzen Erscheinung. Sie saß in großer Gesellschaft und mehrere der Damen und Herren kannte Kolo. Da war die alte, häßliche, aber geistreiche Erdödy, die junonisch-schöne, aber blitzdumme Dunkelstein, die dreimal geschiedene Szapary, der berühmte Herrenreiter Dumblinsky, der Agrarier Schwarzenstein — alles Leute, die vor kurzem noch als Grafen und Fürsten zum Hof gehört hatten, heute sozial in der Luft hingen, nicht Bürger und nicht Aristokraten, mitten im finanziellen Ruin waren oder ihn schon überstanden hatten, wenn sie nicht rechtzeitig ihren Reichtum, zum Teil wenigstens, im Ausland hatten bergen können. Und richtig, der kleine, dicke Herr mit der violetten Seidenweste war der Baron Kutschera, ja, der Baron, denn er hatte feierlich erklärt, jedem, der ihn per Herr Kutschera anreden würde, ins Gesicht zu schlagen. „Ich bin der Baron Kutschera und nicht der Herr Kutschera, damit basta! Man kann mir mein Geld nehmen und meine Güter enteignen, aber nicht meinen Namen — der ist gottlob nicht greifbar!“ Das war sein Standpunkt, der auch allseitig respektiert wurde. Diesen Baron Kutschera, der übrigens nach unverbürgten Gerüchten früher in der Monarchie von Ordensvermittlungen gelebt hatte und jetzt von Gutsverkäufen und Ehearrangements, kannte Kolo sehr gut, er gehörte sogar zu seinem näheren Umgang, und so schritt er ruhig auf ihn zu, um ihn zu begrüßen.

Da Kutschera fühlte, daß sämtliche Damen in seiner Loge Isbaregg mit sehr wohlwollenden Augen betrachteten, stellte er sich vor und forderte Kolo auf, bei ihnen Platz zu nehmen. Und so erfuhr Isbaregg, daß die Dame in Blaßblau Dagmar Tökely heiße. Während Kolo sich stumm und förmlich verbeugte, sagte Frau Tökely mit ein wenig forciertem Lachen, das ihre Erregung verdecken sollte:

„Die Welt ist klein, Herr Isbaregg, vor wenig mehr als einer Stunde bin ich mit Ihnen im Konzerthaus promeniert und nun lernen wir einander ganz förmlich kennen.“ Und lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich neben sie zu setzen.

Von der Stunde in der Loge hatte sie keine Erwähnung getan und damit eine leichte Intimität zwischen ihm und ihr erzeugt.

Zu einer einheitlichen Unterhaltung kam es nicht, der Lärm war zu groß, der Champagner hatte auch schon die Sinne zu sehr umnebelt und das Werfen und Auffangen der Rosen nahm alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Der scharfen Beobachtung Kolos entging es aber nicht, daß Frau Dagmar — er wußte noch immer nicht, ob sie Witwe oder geschieden war — den Mittelpunkt der Gesellschaft bildete und zwei Herren, ihre Vettern, ihr eindringlich den Hof zu machen versuchten. Beide sahen ihn mißtrauisch und ein wenig gereizt an, und eine ältere Dame, Frau Thea Rasumoffsky, die von Frau Dagmar Tante genannt wurde und ihrerseits auch die Tante der beiden Herren zu sein schien, war ebenfalls über Kolo, dem alle Frauen die Köpfe und Augen zuwandten, nicht erbaut.

Es war früher Morgen, als der allgemeine Aufbruch erfolgte und die Diener mit Pelzen und Hüllen kamen, um ihre Herrschaften in die Automobile zu geleiten. Kolo beugte sich über die schöne, schlanke Hand der Frau Dagmar Tökely um sie zu küssen, und nicht ohne Befriedigung fühlte er, wie sie den Druck seiner Finger erwiderte, stärker, als es die Höflichkeit erfordert hätte. Und als sie schon im Begriff war, im Automobil zu verschwinden, wendete sie sich nochmals zu ihm um und sagte:

„Herr Isbaregg, Mittwoch nachmittags bin ich für meine Bekannten, Freitag für meine Freunde zu Hause. Sie können den Tag wählen.“

Kolo schlenderte mit Baron Kutschera noch nach einem Kaffeehaus, und der geschwätzige kleine Mann, der alles und alle kannte und die lebendige Chronique scandaleuse von ganz Deutschösterreich bildete, erzählte ihm unaufgefordert von Frau Dagmar Tökely.

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