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Hemmungslos

Hugo Bettauer: Hemmungslos - Kapitel 10
Quellenangabe
authorHugo Bettauer
typefiction
booktitleHemmungslos
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleHemmungslos
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1920
created20060404
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II. Kapitel

Kolo Isbaregg lehnte an einer Säule, umbrandet von Fräcken, Zylinderhüten, Monokeln, Spazierstöcken, weißen, feuchten Schultern, üppigen Büsten, rauschenden Röcken, funkelnden Augen, aus den Spitzen- und Seidenlärvchen unheimlich herausleuchtend. Ein leises Gefühl von Enttäuschung und Überdruß durchrieselte ihn. Was war diese Redoute, der er mit einiger Spannung entgegengesehen hatte? Eigentlich nichts anderes doch als derselbe erotische Krampf, wie er sich sonst in kleinerem Format in tausend Salons, auf dem Korso, bei den Tees und in den vornehmen Restaurants abspielte. Eine Ansammlung gieriger Männer, die vergebens dem Weib ihrer Träume nachliefen und sich nach jedem Abenteuer betrogen fühlten, und hysterischer Frauen, die vergebens der großen erotischen Sensation harrten, oder kalter Hetären, die sich für Geld oder für Kleider und Schmuck kaufen lassen wollten. Und ganz unwillkürlich schloß Kolo Isbaregg die Augen und träumte Vergangenheit, sah die kanadischen endlosen Wälder vor sich, die ungeheure Fabriksstadt, in der er mit hingebungsvoller Lust und brennendem Ehrgeiz gearbeitet hatte. Wie ganz anders war seine Welt damals gewesen! Immer hatte die Frau eine gewisse Rolle in ihr gespielt, aber doch eine untergeordnete Rolle. Führer werden aus eigener Kraft. Millionär durch kühnen Erfindungsgeist, einer der Großen, der die Welt vorwärts bringt, einer der Schaffenden, dessen Name in das goldene Buch der Zeiten übergehen würde! Bis der Krieg kam, dieser furchtbare, schmutzige Krieg, mit seinen Lügen und Phrasen, der täglichen Glorifizierung aller verächtlichen Eigenschaften, dieser Krieg mit seiner sinnlosen Zerstörung alles dessen, was man als heilig und nützlich zu betrachten gelernt hatte! Wie in einem Kaleidoskop purzelten vor den geschlossenen Augen Isbareggs die Bilder durcheinander. Der Dreikäsehoch, der an dem Totenbett des Vaters dem alten Vormund den eisernen Willen eines Kindes kundtut — Primus in der Theresianischen Akademie — er mit zusammengebissenen Zähnen büffelnd, während die Kameraden sich in die Kammer schlichen, in der die Wäscherinnen, in Dampf und Feuchtigkeit kreischend, die derb-jugendlichen Liebkosungen entgegennahmen. — London, Glasgow, Edinburgh mit geschäftlichem und gesellschaftlichem Drill — die erste Nacht in den weißen Armen einer so kühl aussehenden englischen Frau, nicht einer Grisette, sondern einer Lady — Arbeit, unermüdliche Arbeit und abends lockende Abenteuer — die tolle, verwegene Fahrt nach Europa — Krieg — Mord — Blut — Auszeichnungen, das Zählen von unglücklichen, elenden Menschen, die man zu Gefangenen macht . . . Isbaregg fuhr sich über die glühende Stirne. Ein schwarzes Loch unterbrach die Kette der Bilder. Nun sprangen sie fratzenhaft wieder an ihm vorbei. Vor dem Delikatessengeschäft sah er sich stehen mit wütendem Hunger, der ihm die Eingeweide verbrannte — einer orientalisch aussehenden, üppigen Frau zog er ein Ledertäschchen aus dem goldenen Beutel — in finsterer Nacht schlich er sich an ein Bett, um einen alten Mann zu erdrosseln — dann Besuche bei teuren Schneidern, luxuriöse Junggesellendiners im eigenen Heim mit schönen Frauen und distinguierten Freunden — Tausendkronenscheine raschelten in unaufhörlicher Aufeinanderfolge aus seiner Brieftasche — die schlanke Frau des holländischen Bildhauers wurde seine Geliebte, die Tochter des ehemaligen Armeekommandanten folgte ihm in die Wohnung, kleine Mädchen betrachteten ihn als Lehrmeister in der Kunst des Liebens, für eine Nacht in den Armen einer jugendlichen, von ganz Wien umworbenen Schauspielerin hatte er ein Vermögen gegeben, Tausende von Frauen wären bereit gewesen, ihn für seine Liebe fürstlich zu belohnen — alle konnte er haben, alle ohne Ausnahme, und in der letzten Zeit war es bei ihm geradezu zur fixen Idee geworden, ein Weib zu suchen, das ihm auf die Dauer widerstanden hätte.

Ein Schauer lief Kolo Isbaregg über den Rücken. Wohin steuerte er eigentlich, wo war der Hafen für sein Lebensschiff? Champagner, kostbare Krawatten, Weiber — das sind Zutaten, aber kein Inhalt; wo war das Große, Feste, Wuchtige, um das sich alles gruppieren sollte? Noch hatte er Geld, noch lag in dem Schreibtisch seiner schönen Wohnung ein kleiner Teil der Banknoten, die er sich aneignete und anfangs mäßig, dann aber immer rascher abhob; noch ein paar Monate, dann...

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