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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Neuntes Kapitel

Im Baderaum kleideten Vasthi und die Ankleiderinnen den Kaiser für das Stadion an. Sie schmückten ihn mit breitem Kopfband, sie setzten ihm den runden Helm mit der Adlerfeder auf; sie schnürten ihm die grüne, eng anliegende Tunika zu und an der Innenseite der Schenkel das eng anliegende, gleichfalls grüne Beinkleid; sie beschuhten ihn mit den grünen Caligae. Die Brust umwickelten sie ihm mit Schnüren, auf daß seine Schlankheit etwas weniger schlank erscheine. Er spiegelte sich lächelnd in den an allen Seiten emporgehaltenen metallenen Spiegeln.

»Soaemis! Soaemis!« rief Mäsa, während sie sich an Semiamiras Arm klammerte. »Sieh doch nur, wie er aussieht! So gleicht er schon viel mehr einem Römer, wenn auch sein Gewand nicht kaiserlich ist. So, so ist es recht!«

Das Volk am Eingang zum Baderaum jubelte und rief freudig aus:

»Heil, ihr Gotter, wie schön der Kaiser ist!«

Immer wieder zeigte er sich anders! Gestern hatten viele der Badenden ihn im Palatium als Venus gesehen, hatte er als Mime die Rolle der Venus getanzt: nackt war er gewesen, seine Brüste wie die einer Frau, von goldenem Gürtel emporgehalten, seine Mannheit durch rosafarbene Bänder unkenntlich gemacht, kornblond die Perücke und mit Email bedeckt sein ganzer Körper. Jetzt stand er da, ein jugendlicher Wagenlenker. Die Haare, die unter dem Bande und dem Helm zum Vorschein kamen, waren von natürlichem Blond; hoch aufgerichtet, stramm und zierlich erschien sein schöner Körper in der schlichten, grünen Tunika, ohne eine Gemme, ohne ein Juwel, männlicher als sonst. Sie wußten nicht, ob sie ihn lieber schlicht sahen wie einen römischen Patrizier oder in der gemmenschweren Pracht seines hohenpriesterlichen Gewandes, mit all den blutfunkelnden Rubinen seiner drei Mitren und seiner Gürtelmuschel.

Die Trompeten schmetterten. Die Mütter und die jugendliche Kaiserin Cornelia Paula begaben sich in das Stadion; das Feuer wurde ihnen vorangetragen. Hinter ihnen staute sich ein Schwarm von Gefolge. Die alte Mäsa behielt den Vorrang, Semiamira folgte ihr, Mammäa schritt hinter Paula, und es fiel auf, daß der junge Alexianus abwesend war.

Das Stadion wartete, überfüllt. Die ersten Rennen fanden nur mäßigen Beifall, obwohl die Wettfahrer beliebt und berühmt waren. Als der Kaiser sichtbar ward, fuhr die Begeisterung durch die Menge wie eine breite Woge durch die See. Rufe erklangen, Tücher wurden geschwenkt, Hände emporgestreckt. Der Wagen, mit vier echten paphlagonischen Hengsten bespannt, war wie eine Muschel aus Email und glitzerte, einem Sonnenwagen gleich, in der Mittagsglut, die gedämpft durch die von leichter Brise bewegten Vela fiel. Leicht wogten die Blumengewinde und die grünen Festons. Vier Stallknechte führten die Rosse. Leichtfüßig sprang der Kaiser auf den Wagen und ergriff die Zügel, die man ihm darbot. Er stand nicht wie Helios, er stand wie ein behender Phaethon, übermütig und freudig lächelnd. Zu Emesa hatte er niemals gelenkt, dort hatte er nur dem Sonnenkult gedient. Doch in kurzer Zeit hatte er es von Gordus und Protogenes gelernt und die Ausübung dieser Kunst bereitete ihm viel Freude. Er spannte die Arme mit der breiten Bewegung der Wettfahrer, den Oberkörper ein wenig rückwärts neigend, und hielt, so kräftig er nur konnte, die wilden Rosse im Zaum. Sie bäumten sich und er schrie auf vor Wonne. Die Menge jubelte ihm zu. Gordus und Protogenes und ein anderer Wagenlenker, den er nicht kannte, scharten sich in einer Reihe: die Stadionsrichter würden das Zeichen geben.

Grün gekleidet waren der Kaiser und Gordus, weiß Protogenes und der andere Wagenlenker. Wer er war? Wie sein Name laute? Antoninus blickte ihn, die Zügel in der Hand, lächelnd an und begegnete dem Blick des fremden Wagenlenkers: einem grausamen, stechenden Blick aus halbgeschlossenen Augen. Mehr sah der Kaiser nicht, aber er fühlte, wie ein Schauder ihm über den Rücken fuhr und wie ganz plötzlich eine Schwere seine Glieder umfing, so daß er beinahe die Zügel hätte aus der Hand gleiten lassen. Die Stadionsrichter gaben das Zeichen. Rasend schossen die Viergespanne vorwärts. Der Wagen des Kaisers schwankte ruckweise nach rechts und nach links; einen Augenblick sah es aus, als werde er stürzen. Die anderen Wagen schossen ihm nach. Von des Kaisers Rossen strauchelte eines; mit leichter Hand versuchte er es an den Zügeln emporzureißen, allein es würde ihm nicht gelungen sein, wäre nicht ein Stallknecht hinzugeeilt. Seine Hände waren zu klein, die acht Zügel zu halten. Dennoch spannte er alle seine Kräfte an. Viermal waren die vier Wagen um die Zielpfähle herumgedonnert. Die siebente Runde sollte die Schlußfahrt bilden. Bei der fünften holte Antoninus erst Protogenes, dann Gordus, endlich den fremden Wagenlenker ein. Sie hatten unmerklich ihre Fahrt gehemmt; sie hielten, nur scheinbar anfeuernd, mit ihren starken Fäusten die Pferde zurück, um den Kaiser gewinnen zu lassen. Die Menge begriff dies sehr wohl und gerade aus diesem Grunde bewunderte man die Kunst der Wettfahrer. Dem Anschein nach waren sie dem Kaiser unterlegen. Sie feuerten ihre Rosse an, sie trieben sie vorwärts – scheinbar; in Wirklichkeit hielten sie die feurigen Tiere zurück.

»Sie sind unübertrefflich!« rief Gordianus inmitten seiner Parasiten aus. »Wer ist jener dritte Lenker?«

Man kannte ihn nicht in Rom; zweifellos mußte er ein Neuling sein; jung, athletisch, doch ebenmäßig gebaut, breit und blond in seiner weißen Tunika. Auch er trieb an, scheinbar, hielt aber in Wirklichkeit seine Rosse zurück. Jauchzend stürmte Antoninus an ihm vorüber und auch die Menge jauchzte, während Antoninus zum letztenmal die Runde machte. Um nicht zu weit zurückzubleiben, feuerte der Fremde seine Rosse an, was Gordus und Protogenes nicht für nötig erachteten. Überlegen lächelnd blieben sie zurück. Doch die Rosse des fremden Lenkers nahmen einen zu wilden Lauf und beinahe hätte er, gegen seinen Willen, gesiegt, da er sich den Zielpfählen schon bedenklich näherte. Schnell riß er die Tiere zurück. Doch infolge dieses plötzlichen Ruckes bäumte sich das linke Roß, verwickelte sich mit den Vorderbeinen in die Zügel, strauchelte, zog das zweite Pferd mit; der Wagen schlug um und der Fremde stürzte mit einem Fluch. Der Kaiser, vom jubelnden Jauchzen der tücherschwenkenden Menge begleitet, fuhr triumphierend mit einem glückseligen Aufschrei um die Zielpfähle herum und sprang dann leichtfüßig ab, ohne sich die Zeit zu gönnen, dem Stallknecht die Zügel zu übergeben, so daß sein Viergespann durchging. Doch Antoninus achtete dessen nicht. Er eilte auf den Gestürzten zu, während die Stallknechte dessen Rosse emporrissen.

»Bist du verwundet?« fragte der Kaiser.

Der Lenker erhob sich, während um seine, von blondem Spitzbart umrahmten Lippen ein Lächeln spielte. Seltsam war es, und doch wollte es so scheinen, als ob sein Mund, seine Nase, seine Züge, seine Augen, wie nach dem Vorbild eines griechischen Heldenkopfes gemeißelt, größer seien als die anderer. Er war eine homerische Schönheit. Doch seine großen Augen waren halb geschlossen und ihr Blick war hart und grausam.

»Nein, Augustus.«

»Hast du dich verletzt?«

»Nein, Augustus!«

»Es hätte dich töten können.«

Der Lenker lachte prahlerisch.

»Es hat nichts zu bedeuten, Augustus. Solch ein Sturz tötet mich nicht.«

»Dein Knie blutet.«

»Ich habe mich am Wagenrade geritzt. Augustus, Eure göttliche Lenkerkunst, die nur der des Apollo vergleichbar ist, hat mich Tollkühnen, der sich erdreistete, mit Euch sich zu messen, zu Fall gebracht. Dank, Augustus, daß Eure Gnade mir dieses Wagnis gestattete, denn Ihr, mein Kaiser, seid unbesiegbar!«

Der Lenker kniff die Augen noch fester zusammen, seine vollen Lippen spitzten sich spöttisch, seine blitzenden Zähne leuchteten und so glich er dem Achilles, dem Ajax. Seine Lobrede klang fast wie Hohn. Antoninus begriff im Augenblick, daß der Lenker die eigenen Pferde zurückgehalten hatte, aber dennoch freute er sich gleich einem Kinde seines Sieges und vermochte dem Auriga nicht zu zürnen.

»Du sprichst gut, Höfling,« meinte Antoninus scherzend, »wie heißest du?«

»Hierokles, Apollo.«

»Das ist kein römischer Name. Woher stammst du?«

»Aus Karien, mein Helios.«

»Ich bin Heliogabal: ein Gott, größer als Apollo und Helios.«

»Dann bin ich kein Höfling, du Licht des Himmels und der Erde.«

»Nein, vielleicht noch nicht, aber dich würde es keine Mühe kosten, es zu werden.«

»Ich bin nur ein Wagenlenker, ich komme aus den Ställen. Ich spreche eine derbe Sprache und ich fluche.«

»Warum bist du aus Kleinasien nach Rom gekommen?«

»Ich hatte Euch zu Emesa gesehen, ich hatte Euch tanzen sehen, Göttlichkeit! Ich konnte nicht mehr in Kleinasien bleiben, nachdem ihr Nikomedia verließet.«

»Du bist mir gefolgt?«

»Ja.«

»Was erhofftest du?«

»Einen Strahl von Eurem Glanze, Bel, Baal, Heliogabal!«

»Bete mich an!« sagte Antoninus.

Der Lenker sank auf die Knie.

»Küsse mich!« sagte Antoninus.

Der Lenker küßte den Fuß des Kaisers.

»Höher!« befahl der Kaiser.

Der Lenker küßte dem Antoninus das Knie. Er küßte lange und innig, als könnten seine Lippen sich nicht entschließen, von dieser Liebkosung zu lassen. Der Kaiser streichelte ihn mit der Gebärde, mit der er hin und wieder den Soldaten und Athleten gnädig war, leicht mit der Hand über beide Wangen. Dann eilte er wie ein frohes Kind zu der Loge der Kaiserinnen. Die Menge jubelte ihm zu.

»Dem Sieger seinen Preis!« rief der Kaiser aus, indem er den Helm abnahm. Die Locken klebten an seiner feuchten Stirn.

»Dem Sieger seinen Preis!«

Den Kaiserinnen hielt er seinen Helm hin, sie ließen kleine Münzen hineinfallen.

Hierokles hatte seinen Wagen von neuem bestiegen und fuhr zu den Ställen.

»Ha, du kleiner Mann!« murmelte er zwischen den Zähnen, während seine zugekniffenen Augen grausame Funken schossen, »mein kleiner Antoninus, warte du nur! Ich werde dich schon küssen.«

Gleich der Sonne Glut brannte in ihm sein Ehrgeiz, die einzige Wärme seiner Seele.

In den Ställen schossen die Wettfahrer und die Stallknechte auf ihn zu. Doch er sah weder Gordus noch Protogenes. Ihnen, als den Günstlingen, war sogleich nach dem Wettrennen der Zutritt zur kaiserlichen Loge vergönnt.

»Dir hat der Kaiser gestattet, ihm das Knie zu küssen?« riefen die Wettfahrer und die Stallknechte eifersüchtig durcheinander.

»Ja,« antwortete Hierokles stolz.

»Glücklich wird, wer ihn berührt, und wer ihn küßt, gelangt zu hohem Ansehen.«

»Hm,« murmelte Hierokles, »möglich; ich glaube nicht an dergleichen.«

»Das erstemal, da er dich sieht, spricht er zu dir und duldet deinen Kuß!« rief ein Wagenlenker rasend. »Und ich lenke schon seit Monaten und mich beachtet er nicht. Dürfte ich nur ein einziges Mal seine Hand auf meiner Wange fühlen, dann würde ich mich ruhig töten lassen. Einen Kuß auf sein Knie – und dann vor die Bestien!«

Hierokles lächelte kühl, sich weidend an dieser Eifersucht Er hatte zu Emesa die rasend verlangende Leidenschaft der Menge gesehen, wenn der Hohepriester der Sonne den Schwarzen Stein umtanzte. Er hatte sie nicht mitempfunden. Aber wenn er auch an gewisse Anzeichen nicht glaubte, so vertraute er doch seinem Stern, und ein Chaldäer hatte ihm geweissagt, er werde mächtiger sein als ein Kaiser und die Sonne werde er auf seinem Herzen tragen. Mochte auch der Glanz, in dem sein Stern verschwand, blutrot sein, er glaubte dennoch an diese Weissagung, unerschütterlich, und seine Kälte machte ihn sehr stark, weil er sich nicht leidenschaftlich sehnte, sondern nur mit großer Gewißheit etwas für sich erhoffte und kühl, beinahe sicher, darum wußte.

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