Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Couperus >

Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Es war die Stunde, zu der man die Thermen aufzusuchen pflegte, die gewaltigen Antoninischen Thermen, die Thermen des Caracalla. Doch heute morgen strömte ganz Rom, erwartungsvoll, neugierig und ungeduldig, entweder durch die kaiserlichen Fora des Cäsar, Vespasian, Nero, Augustus, Trajan – oder durch die Porta Capena und den Bogen des Titus aus allen Richtungen nach dem Forum Romanum und die Gebärden und Blicke aller richteten sich auf die Curia Julia, seitwärts zwischen Forum und Kapitol – der einstigen Curia Hostilia – dem Senatsgebäude, vor dem das Komitium sich erstreckte. Priesterkollegien eilten die Stufen empor zwischen Wachen leicht bewaffneter Velites und lanzenbewehrter Hastati und betraten, quer durch den Schwarm der Senatoren, die sie auf dem Platz erwarteten, das Senatsgebäude, denn es war – wenige Tage vor des Kaisers Ankunft – der Tag der Huldigung vor dem Bildnis des Sonnenkaisers und Weihrauch sollte gebrannt und Wein gespendet werden. Auch sollte es nach den Kollegien der Priester dem ganzen römischen Volk gestattet sein, Heliogabals Bildnis zu schauen, sein Bild in Lebensgröße, wie er, in oberpriesterlichem Gewand, den Dienst vor dem Schwarzen Stein zelebrierte.

Die Menge schwoll, schwoll immer mehr an. Sie summte, summte immer lauter, sie kam durch die kaiserlichen Fora, sie strömte herein durch alle Pforten, sie füllte die Basilika Julia, flutete an dieser vorbei, durch den Vicus Jugarius und den Vicus Tuscus und schwärmte an den Buden der Wechsler und Goldschmiede vorüber in johlender Ungeduld. Denn die Menge wollte schauen, schauen! Was tun? Sollte man auf die Via Appia hinausgehen, irgendwo in einer Herberge nächtigen, um den Aufzug zu sehen, oder lieber in Rom bleiben, um einen Standort für den Triumph auszuwählen und zu mieten, ja, ihn vielleicht schon am Tage zuvor einzunehmen?

So wogte, wogte, schwatzte und schrie das Volk. Aber auch eine vornehmere Menge strömte herbei mit mächtiger Entfaltung weißer Togen: Patrizier, Ritter und Männer von konsularischem Rang und viele, mit besonderer Erlaubnis versehen, schritten sofort die Stufen der Curia Julia empor, um Weihrauch zu brennen und Wein zu spenden vor dem Bildnis des Kaisers Antoninus: eine Pflicht der Höflichkeit, die, wie sie genau wußten, von einer Schar von Angebern heimlich beobachtet wurde. Aller Augen waren auf die Curia Julia gerichtet. Dort schwärmten die Senatoren über das Komitium, wohl sechshundert an der Zahl, deutlich erkennbar an ihrer purpurumrandeten Tunika, die von goldenen Gemmen umsäumt war. Als Gastgeber scharten sie sich zu beiden Seiten des Platzes und empfingen das Kollegium der Serapispriester, dem sich die Isispriester in Tonsur, die hundertköpfigen Anubisbilder in beiden Händen, anschlossen. Von einer Abordnung der Senatoren wurden die Priester hineingeführt, um die Feierlichkeit zu vollziehen. Ein Wind erhob sich und machte alle Klänge und Farben heller, schien noch einen letzten Nebel zu zerteilen, so daß das Forum in marmorner Weiße erstrahlte, weißer noch im Gegensatz zu den ockerfarbenen, scharlachroten, tiefblauen Farbenflecken zwischen der Anhäufung seiner Gebäude und Statuen. »Heute gehen wir also nicht in die Thermen,« sagte Sertorius, der Tischgenosse und Parasit des jungen Patriziers Gordianus. Er war ihm zum offiziellen Besuch in das Senatsgebäude gefolgt und folgte ihm nun auch auf die Plattform, auf der sich der Bogen des Septimius Severus wölbte und von wo aus man, im Schutze des Schattens, auf die Menge niederschauen konnte.

»Heute ist niemand in den Thermen,« sagte Gordianus, »und wir werden ohne unser zweites Bad auskommen müssen. Übrigens erwarte ich auch zur zweiten Mahlzeit Gäste: euch alle!« fügte er mit einer anmutigen Handbewegung hinzu und lud alle ein, die sich um ihn drängten, allem Anschein nach Jünglinge aus dem Ritterstande und doch zumeist arme Schmarotzer.

Seine Gebärde hatte alle aufgefordert, ohne daß er wußte, wen: er gab eben an diesem Nachmittag ein Bankett und es war ihm gleichgültig, wer kam. So bemerkte er denn auch plötzlich, daß er einen Mann geladen hatte, der ein Inder zu sein schien. Seine Züge waren braun und hager, er trug eine lange, weitärmlige Samara, auf dem Kopf eine spitze Mütze und schien ein reicher, angesehener Mann zu sein. Er verneigte sich vor Gordianus mit ausgesuchter Höflichkeit.

»Dank für deine Güte, Gordianus,« sagte er ein wenig aufdringlich. »Ich bin Ganadasa, der Inder.«

Dennoch war er nicht sicher, wie der junge Patrizier, den er sehr gut beim Namen kannte, seine etwas dreiste Zudringlichkeit auffassen würde: es war nämlich der Sohn des älteren Gordianus, der sich als Quästor berühmt gemacht hatte durch die prächtigen Spiele, die er dem römischen Volke geboten: fünfhundert Gladiatorenpaare und tausend Bären, Jagden auf Hunderte von breitgehörnten Hirschen aus Britannien, Elentiere, Stiere aus Zypern und zinnoberrot bemalte Straußvögel aus Mauretanien; späterhin war er zusammen mit Caracalla Prätor und Konsul gewesen, der erste Bürger, der eine Tunika mit Palmenbordüre und eine bunte Toga tragen durfte und der im Volk beliebt war, weil er, gütig, Hengste aus Kilikien und Kappadokien an die verschiedenen Parteien der Wagenlenker verschenkt hatte. Der schon bejahrte Mann lebte jetzt still und zurückgezogen in seinem Hause zu Pompeji, während sein Sohn in Rom tonangebend war; seine Bankette waren berühmt, mehr um ihres guten Geschmackes als um ihrer Üppigkeit willen. Der Ruf epikureischer Mäßigkeit umgab den jungen Gordianus und machte ihn zum Petronius, zum arbiter elegantiarum seiner Zeit.

 

Ein Gemurmel ward hörbar unter seinen Tischgenossen und Begleitern, nachdem Ganadasa sich bekannt gemacht hatte. Sie kannten die Rolle, die der Inder zu Emesa unter den Helfershelfern Mäsas gespielt hatte.

»Ich rechne es mir als ein Vorrecht an, Ganadasa heute bei mir bewirten zu dürfen,« sagte Gordianus und fragte dann, als wisse er von nichts: »Du kommst aus Emesa?«

»Ja,« erwiderte Ganadasa beruhigt und mit selbstbewußtem Lächeln, »die erhabene Julia Mäsa würdigt mich ihres Vertrauens. Ich bin ihr vorangeeilt.«

»Die Flotte Seiner Göttlichkeit ist noch in Brundisium?« fragte Gordianus in seinem etwas teilnahmslosen Ton.

»Die Flotte Seiner Ewigkeit ist in den Hafen eingelaufen,« antwortete Ganadasa würdevoll und ließ dabei, um den Schmarotzern Eindruck zu machen, seine seidene Samara rauschen, die sich allzu pomphaft um seine dürre Magerkeit blähte: an seinen Fingern und auf seinen Sandalen funkelten Gemmen.

»Du trägst da ein sehr schönes Gewand,« sagte der Parasit Sertorius, während er schmeichelnd und unterwürfig den Saum des Mantels streichelte. »Ist das tyrische Seide?«

»Oh, dieses Gewand ist nur von geringem Wert,« antwortete der Inder mit erkünstelter Bescheidenheit. »Es ist ein Mantel gegen Hitze und Staub. Nein, da trägt unser herrlicher Antoninus andere Gewänder, aus Seide auf Seide gewoben, wie man sie nie zuvor geschaut hat, und getönt mit dem Purpur der Sandixwurzel. Der Kaiser strahlt darin wie die Sonne. Er ist auch die Sonne. Ist er nicht die Sonne ?«

Mit der Hand grüßte er eine beleibte Persönlichkeit, die lässig und selbstbewußt in den Kissen einer Sänfte ruhte, für die vier Lybier »Platz« riefen, mitten durch die Menge hindurch. Die Träger machten halt und der einstige christliche Schank- und Bordellwirt Matthias stieg aus; klirrende goldene Ketten hingen über seinem persischen Mantel.

Nun, während er da wartete und Ausschau hielt unten am Bogen des Septimius Severus, durchlief sein Name in wisperndem Flüstern die Gruppe der Schmarotzer: denn er hatte mit Ganadasa, der auf der höheren Plattform stand, einen Blick gewechselt. »Der Christ Matthias... der Christ Matthias... Auch ein Handlanger Mäsas, aus Emesa gekommen...«

Gordianus fragte mit leichtem Spott: »Würdiger Ganadasa, ist nicht der beleibte Herr mit den vielen goldenen Ketten, der dich begrüßte, der Christ Matthias?«

»Gewiß,« antwortete Ganadasa.

»Würdigt die erhabene Julia Mäsa auch ihn ihres Vertrauens?« Ganadasa lächelte und sagte blinzelnd, froh, seinem Kumpan etwas Übles nachsagen zu können:

»Er ist ein treuer Diener der Erhabenen, genießt aber kein großes Ansehen. Zu Emesa betrieb er eine Schankwirtschaft und ein Bordell. Ja, und jetzt trägt er goldene Ketten – so viele als möglich übereinander – und außerdem... er ist ein Christ.«

»Wie – aber die Christen stehen doch in Ansehen?« meinte Gordianus lächelnd. »Du mußt verstehen, wir hier in Rom – so weit von Emesa und Nikomedia entfernt, wohin sich Seine Ewigkeit leider allzu lange zurückzog – wissen von nichts. Nicht wahr, Sertorius? Nicht wahr, meine Freunde? Wir hier in Rom wissen von nichts. Seit langem schon bildete nicht mehr der vergoldete Umbilicus, der Nabel des römischen Reiches, sondern der Schwarze Stein zu Emesa den Mittelpunkt der Welt.«

Rings um ihn her wiederholten die Schmarotzer:

»Gewiß, Gordianus, den Mittelpunkt der Welt...«

»... bildete seit langem nicht mehr ...«

»... der vergoldete Umbilicus dort drüben ...«

»... Roms Nabel ...«

»... sondern der Schwarze Stein zu Emesa ...«

Ihre Stimmen kreischten, schrien mit falschem und schmeichlerischem Klang durcheinander und sie verneigten sich tief vor Gordianus und darauf auch vor Ganadasa, der sich diese Huldigung hoheitsvoll gefallen ließ und sich in seinem Ansehen neben diesem Sohn eines der edelsten römischen Geschlechter sonnte.

»Zum Glück für uns,« fuhr Gordianus fort – er erbaute sich stets im stillen an dem Tun und Treiben seiner Tafelgenossen – »kehrt der Mittelpunkt der Welt, der Schwarze Stein, dank der Gnade seiner Ewigkeit nach Rom zurück.«

Der Chor der Schmarotzer fiel ein:

»Zum Glück für uns...«

»... Der Mittelpunkt der Welt ...«

Sie wiederholten des Gordianus geistreiches Wort und verneigten sich und schmeichelten ihm, bis der Patrizier seine Frage wiederholte:

»Also stehen die Christen dennoch in Ansehen?«

»Alle, die fromm sind, gelangen zu Ansehen!« rief Ganadasa. »Unser herrlicher Kaiser ist sehr fromm und will allen Göttern Ehre erweisen, sind sie doch alle aus dem Lichte geboren! Sind nicht Zeus, Jupiter, Moloch, Jehova, Jesus, Melkart, Rhea Kybele, Aphrodite, Isis, Serapis Ebenbilder der Göttlichkeit, die sich auf verschiedene Weise offenbart? Ist nicht das Licht Helios, Sol, Bel, Baal, Osiris und Heliogabal? Nur ist Heliogabal der Allerhöchste, das Licht selber, so daß der Schwarze Stein zu strahlen beginnt im heiligen Augenblick des Tanzes, wenn Antoninus sich zum Gott verkörpert, zu Fleisch und Geist der hehrsten Schönheit.«

»Lehren dies die Magier?« fragte Gordianus.

»So habe ich es mit eigenen Augen gesehen,« erwiderte Ganadasa stolz und richtete in Verzückung die Augen gen Himmel.

»Gewiß, gewiß!« riefen die Schmarotzer. »Was sind Jupiter, Moloch anders als...«

»Die Göttlichkeit...«

»Doch Heliogabal ist der Allerhöchste...«

»Alle, die fromm sind und den Göttern dienen, gelangen zu Ansehen,« wiederholte Ganadasa, »alle, die Heliogabal ehren, die Christen nicht ausgenommen. Ich bin Gymnosophist und Gnostiker, aber ich bete Heliogabal an als den Höchsten. Wenn die Christen dem Schwarzen Stein höhere oder nur gleiche Verehrung zollen wie ihrem Jehova und Christus, warum sollten sie nicht zu Ansehen gelangen? Denn die Magier lehren: Es ist alles das gleiche. Jehova ist die Sonne, Christus ist der Sohn der Sonne und offenbarte sich der Welt mit dunklem Antlitz, so wie Heliogabal selber sich offenbarte in der Phallosform eines Monolithen. Es ist alles das Gleiche, alles das Gleiche!« rief Ganadasa, während er mit einer weiten Gebärde die Hände aus den seidenen Ärmeln reckte, einer Gebärde, mit der er alle Götter und alle Riten in eins zusammenzufassen schien. »Nur wurde zu Emesa die Wahrheit gefunden, die alle Wahrheiten in sich vereint.«

»Es ist alles das Gleiche, alles das Gleiche!« riefen die Schmarotzer aus, mit der gleichen allumfassenden Gebärde.

»Ich verstehe den hehren Gedankengang unseres ewigen göttlichen Kaisers,« sagte Gordianus lobpreisend, »und sicherlich werden nun glückselige Zeiten anbrechen.«

»Zeiten des Lichtes und der Liebe werden kommen,« rief Ganadasa in Verzückung aus. »Antoninus ist das Licht und die Liebe. Du solltest Antoninus sehen, edler Gordianus. Ich lebe nur, wenn ich ihn sehe. Er ist mir Speise, er ist mir Trank, ich schwelge in seinem Anblick. Ich liebe ihn von ferne und wenn ich es wage, mich ihm zu nähern und seinen Fuß zu küssen und wenn der Strahl seines Lächelns mich streift, so steige ich empor zum Himmel wie nie zuvor bei all meinem Fasten und Nabelanstarren und den Selbstbetrachtungen in der Einsamkeit. O Antoninus, Antoninus Heliogabalus, du Licht! du Liebe!«

»Du Licht, du Liebe!« riefen die Schmarotzer aus. Doch Ganadasa fuhr fort:

»Er ist die Liebe und das Licht. Er ist das Ewige, er ist Mann und Weib in Einem, er ist der Zweieinige, der Schöpfer und Mittler zwischen Gott und Welt, der Demiurgos. Er ist alles und alles vereint er in sich. Heil, Heil Antoninus!«

»Heil Antoninus!« rief auch Matthias, der unten am Bogen stand und mit seiner fetten Hand Ganadasa zuwinkte; dann schaute er wieder die Via sacra hinunter, als warte er auf jemanden, der von dort kommen sollte.

Die Schmarotzer um Gordianus riefen gleichfalls Heil und alles war Bewegung und Begeisterung...

Ganadasa rief auch Caracalla und Septimius Severus aus, denn in Rom durfte nicht vergessen werden, daß der Hohepriester von Emesa ein Nachkomme der vom römischen Volk geliebten Antonine war, und der geliebte Name Antoninus sollte immer und immer wieder erklingen, das war Mäsas ausdrücklicher Wunsch.

Noch zitterte der von den Römern heiß geliebte Name Antoninus über das Forum hin, als Sertorius ausrief:

»Seht, seht dort die Vestalinnen!«

 

In der Tat ward der Zug der Vestalinnen auf der Via sacra sichtbar. Vor ihnen ging, unter Vorantritt von Liktoren und umgeben von Priestern, der Pontifex Maximus; unmittelbar hinter ihm kam, würdig, sehr jugendlich und keusch, die Virgo Maxima, die Oberpriesterin der Vestalinnen, in weißer Stola und weißem Mantel. Der Scheitel mit dem kaum sichtbaren Blondhaar war mit schmalen Linnenbändern umwunden, das Suffibulum, weiß mit Purpurrand, wie eine Kappe über den Kopf gezogen und mit einer Fibel unter dem Kinn befestigt. Die fünf anderen Jungfrauen folgten ihr und leicht bewaffnete Velites schlossen den Zug.

Ehrerbietig wich das Volk zur Seite. Unter vielen Ehrenbezeugungen erreichte der Zug die Treppen des Komitiums, wurde vor der Curia Julia von den Senatoren empfangen und mit großem Zeremoniell hineingeführt.

»Schön ist sie in der Tat, unsere Aquilia Severa,« sagte Gordianus.

»Wer ist sie?« fragte Ganadasa.

»Die Virgo Maxima, die dort, die ganz allein geht, dicht hinter dem Pontifex Maximus.«

»Sie ist schön und würdig!« rief das Echo der Schmarotzer und Sertorius sprach:

»Sie ist das Ebenbild der Vesta selber.«

»Vesta ist eine große Göttin,« sagte Ganadasa. »aber kein Gott ist größer als Heliogabal!«

Der Zug war in die Curia Julia eingezogen und die tausend und abertausend Augen der Menge blieben auf die Pforte gerichtet, geduldig die Rückkehr der Vestalinnen erwartend, um sie, nach der feierlichen Handlung vor dem kaiserlichen Bildnis, noch einmal zu sehen, bevor sie ins Haus der Vesta zurückkehrten. Aber Matthias, der unten am Triumphbogen neben seiner Sänfte wartete und Ausschau hielt, sah, wie sich ein in eine dunkle Kutte gehüllter Greis auf einem Esel, begleitet von zwei Mönchen, mühevoll den Weg durch die Menge bahnte. Sobald Matthias seiner ansichtig ward, stieß er mit seiner gewichtigen Körperfülle die Umstehenden beiseite, so daß sie fluchend zurückwichen, bahnte sich, umklirrt von seinen goldenen Ketten, in seinem schweren, steifen, persischen Mantel, einen Weg, sank dann, in bewußter Herausforderung der Menge, vor dem Esel auf ein Knie nieder und streckte die Hände empor.

»Pappias Zephyrinos,« sprach er, »heiliger Vater, segne deinen Sohn!«

Zephyrinos, der Christenbischof, segnete Matthias und stieg schwerfällig ab, von den Mönchen unterstützt, die zu beiden Seiten des Esels stehenblieben. Der schrie, so daß die Umstehenden lachten.

»Mein Sohn, mein Sohn Matthias,« flüsterte der Bischof verlegen, »ich bin froh, daß ich dich treffe.«

»Ich habe auf dich gewartet, heiliger Vater.«

»Was soll ich tun, mein Sohn Matthias? Ich bin hierher gekommen, weil du mich darum gebeten hast und weil es der Wille des Kaisers ist, aber sage mir jetzt, was ich tun soll. Mir ist hier nicht wohl zumute: die Menschen blicken dich an, weil du so ansehnlich bist, und deshalb auch mich, der ich doch sonst nirgends auffalle. Am liebsten kehrte ich sofort wieder um.«

»Heiliger Vater, es ist gut, daß du gekommen bist. Ja, es ist des Antoninus Wille, daß du ihm gehorchest. Alle Priester kommen. Sieh, soeben kehren, von Horus geführt, die Isis- und Serapispriester zurück, augenblicklich sind die Vestalinnen in der Kurie und da schreiten gerade die Eunuchenpriester und Erzpriester der Rhea Kybele die Stufen empor. Ja, ja, es ist gut, daß man auch dich sieht.«

»Was tun sie dort und was soll ich tun, mein braver Sohn Matthias?«

»Es handelt sich um eine Ehrenbezeugung, die du dem Bildnis unseres allerheiligsten Antoninus erweisen mußt. Die Priesterkollegien brennen Weihrauch und sprengen einige Tropfen Wein davor aus: eine einfache Huldigung,die auch du gewiß gern vollziehen wirst.«

»Was sagst du da, Matthias? Ich soll in das Senatsgebäude gehen, unter so viele Senatoren, und Weihrauch brennen und Wein spenden vor dem Bildnis des Kaisers?«

»In Lebensgröße gemalt, Vater, herrlich schön, wie er in prunkvollem Gewand um den Schwarzen Stein tanzt.«

»Um den Schwarzen Stein, Matthias? Nimmermehr kann ich das tun. Selbst wenn ich meine Scheu überwände und dort hineinginge, könnte ich doch nimmermehr heidnischen Weihrauch brennen und Wein spenden vor Einem, der einen Stein anbetet.«

»Still, heiliger Vater,« flüsterte Matthias, »es ist nicht gut, daß du so etwas hier aussprichst. Es ist besser, du gehst die Stufen hinauf. Ich selbst will dich führen und meine Sklaven sollen dir den Weg bahnen. Ein Knabe hütet dir gewiß inzwischen deinen Esel, denn es ist gut, wenn die beiden Mönche dich begleiten, damit etwas Gefolge um dich sei. Erzürne, heiliger Vater, Antoninus nicht dadurch, daß du dich zurückziehst und nicht tun willst, was die höchsten Priester aller Gottheiten tun. Wenn du dich zurückziehst, kann ich dir in nichts mehr helfen, möge ich ein noch so guter Christ sein, wie es auch mein Vater und mein Großvater gewesen sind. Zu Emesa betrieb ich eine Schenke und ein Bordell, und sieh nur, jetzt trage ich einen persischen Mantel und goldene Ketten, halte mir sechs schwarze Sklaven und darf mich in einer Sänfte tragen lassen. Das hat Mäsa mir bewilligt, weil ich so beleibt bin und das Gehen mich ermüdet. Zu so hohem Ansehen bin ich gelangt, weil ich ein treuer Diener der Mäsa war und des Antoninus Willen ehre; und bleibe doch ein guter Christ. Mach es wie ich, heiliger Vater! Was verschlägt es, ob du ein paar Körner Weihrauch zwischen Daumen und Zeigefinger in die Schale fallen lässest, ob du ein wenig Wein aus dem Becher schüttest? Denn mehr verlangt Antoninus in diesem Augenblick nicht von dir als Beweis, daß du ihm huldigst. Geh, heiliger Vater, geh und ehre seinen Willen!«

Ohne das Zögern des Bischofs weiter zu beachten, der von mehreren Christen umringt wurde, die ihm die Hand küßten, rief er aus:

»Platz, Platz für Zephyrinos, den heiligen Vater, den Bischof von Rom! Platz, Platz für Zephyrinos!«

Seine sechs Sklaven wiederholten den Ruf und die Menge wich zur Seite. Einen Augenblick schwankte der Bischof noch, doch schon hielt ein Christenknabe den Esel fest beim Zaum und die Christen um ihn herum riefen flehentlich:

»Geh, heiliger Vater, geh!«

»Geh, Pappias! Wenn du gehst, wird Antoninus uns gnädig sein und uns einen Tempel gewähren!«

»Er wird uns nicht den wilden Tieren vorwerfen lassen!«

»Er wird uns nicht kreuzigen lassen, Vater!«

Aller Augen richteten sich auf den Bischof und Zephyrinos hatte nicht den Mut länger zu zaudern. Er folgte Matthias, der »Platz« rief, und die beiden Mönche schritten hinter ihm her mit niedergeschlagenen Augen. Nach dem glänzenden Aufzug der Serapis- und Isispriester, der tanzenden Galli und Archigalli, nach den würdigen und erhabenen Erscheinungen des Pontifex Maximus und der Vestalinnen machte der Gang des nur von zwei Mönchen begleiteten, in eine dunkle Kutte gehüllten Bischofs wenig Eindruck. Allein Matthias schwenkte die Arme und schrie laut, zugleich mit seinen sechs Sklaven: »Platz für Zephyrinos, den heiligen Vater, den Bischof von Rom! Platz für Zephyrinos!«

Er selbst erreichte als erster das Komitium und sprach selbstgefällig und von oben herab zu den Senatoren und die Männer verneigten sich vor ihm, in dem Bewußtsein, daß er, ein mächtiger Vermittler, bei der erhabenen Mäsa in hoher Gunst stehe. Als der Bischof näher kam, verneigten sie sich auch vor ihm sehr tief und führten ihn in die Curia Julia; die beiden Mönche folgten mit niedergeschlagenen Augen. Zephyrinos, der Bischof von Rom, brannte Weihrauch in der Aula des Senats und spendete Wein vor dem Bildnis des allerheiligsten Heliogabal.

Draußen blickte Matthias triumphierend über die Menge hin. Dieser Mann aus dem Volk war stolz, daß er sich, obgleich er Christ war und einer nicht sehr geachteten Gemeinde angehörte, die vor nicht langer Zeit um ihres Glaubens willen zu Tausenden und Abertausenden hingeopfert worden war, durch Takt und Geschicklichkeit emporgearbeitet hatte, so daß in diesem Augenblick ganz Rom wußte, wer er war, und seinen Namen nannte wie die Namen des Ägypters Horus, des Parthers Xibaran, des Inders Ganadasa. Ja, jeder von ihnen hatte das Seine dazu getan, daß Bassianus zum Kaiser ausgerufen werde. Aber hatte er nicht das meiste getan? Er, der jeden Soldaten im syrisch-phönizischen Heer zu Emesa gekannt und in seiner Schenke und in seinem Bordell einzeln zu beeinflussen und die erwachende Bewunderung für das tanzende Kind zur Raserei aufzustacheln gewußt hatte? Jetzt stand ihm alles offen: der Weg in den Senat, ja sogar die Sella Curulis des Konsuls.

Eine heftige Bewegung ging durch das Volk.Die letzten Priesterkollegien waren in die Kurie getreten und wieder zurückgekehrt und nun betraten Posaunenbläser den Platz, setzten kupferne Posaunen an die Lippen und schmetterten laut das Signal, das dem ganzen Volk Zugang gewährte zur Aula des Senats, um des Kaisers Bildnis zu schauen. Ein Schrei der Erleichterung, ein großes Aufatmen nach Ungeduld und Erwartung wurde laut und sogleich strömte die Menge dichter zusammen. Es entstand Gedränge und Verwirrung. Die letzten Priesterkollegien kamen dem Volk entgegen, das weder Ehrfurcht noch Geduld mehr hatte und sogar den Schwarm der Senatoren, die die Treppe des Komitiums hinabschritten, zur Seite stieß. Auf dem Platze aber gehorchte das andrängende Volk dem Befehl der Centurionen, sich paarweise zu scharen und zwischen der Wache der Hastati hindurch immer zwei zu zweien durch die eherne Pforte in das Senatsgebäude einzutreten, um nach dem Gang um des Kaisers Bildnis, vor dem nicht stillgestanden werden durfte, durch das andere eherne Tor wieder hinauszutreten. Willig scharte sich das Volk von Rom, je zwei zu zweien, froh, endlich etwas zu sehen, sei es auch nur ein lebensgroßes Bild. Froh wie die Kinder rief man:

»Endlich! Endlich dürfen wir ihn sehen. Nicht so drängen, Bürger! Ihr kommt alle noch an die Reihe! Ja, ja, Centurio, wir gehen ruhig weiter. Nur ruhig, Schritt für Schritt. Nicht drängen, Bürger, nicht drängen! Sachte, zwei zu zweien, sachte! Gleich bin ich schon beim Tor. Ja, ja, Centurio, nicht still stehen, nur den Altar umschreiten und zum anderen Tor wieder hinaus. Sei nur ruhig, wir halten schon Ordnung! Ha, da ist schon der Siegesaltar! Wie der noch von Weihrauch dampft und wie gut es nach Wein riecht! Da, da, der Kaiser! Antoninus! Heliogabal! Götter, wie schnell müssen wir vorbei! Ich seh mich rasch noch mal um! Ich komme wieder. Ich will ihn ein zweites Mal sehen, ich habe so gut wie nichts gesehen. Antoninus! Beim Herkules, was für ein reizendes Kerlchen! Sieh nur, er trägt ein langes Gewand... Nicht stehenbleiben! ... Dürfen wir uns nicht noch einmal umsehen? ... Ach, wie schade! ... Beim Jupiter, ein schönes Kerlchen! Er sieht aus wie ein Mädchen, mit seinen blonden Locken unter der spitzen Mütze... Götter, ist das der Schwarze Stein? Das ist einer, was? ein klotziger! Was sagst du zu ihm, Rufilla? Den gönn ich dir, Cornelia, ich halte es lieber mit seinem Priesterlein!« »Willst du wohl nicht so unehrerbietig sprechen? Das Priesterlein ist Antoninus! Götter, man möchte meinen, daß er lacht. Liebling! Schatz! Ich grüße dich! Kußhände wirft man dir zu! Ist das der Kaiser? Ich finde, er sieht seinem Vater Caracalla ähnlich – Bist du toll? Caracalla mit der bärbeißigen Schnauze – – sei gefälligst ehrerbietiger! Laß die Angeber dich nicht hören! ... Wie denn? Ich sage doch nichts, ich liebe die Antonine, ich bin verliebt in unseren kleinen Heliogabal! Liebling! Ich muß sagen, er gleicht seinem Großvater Septimius Severus. Götter, ob wir ihn wirklich so sehen werden? So schön und so anmutig? In solch einem langen Gewande, mit solch einer Mütze? – Sag mal, einige behaupten, er sei kein Knabe und kein Mädchen, sondern... Ist das wahr? Ist er beschnitten wie die Juden? Oder wie die Priester der Kybele? Nein, er hat überhaupt kein Geschlecht!«

»Nein doch, er hat zwei! Er hat drei, er hat alles, was man nur haben kann. Ha, das wird eine vergnügte Zeit hier werden! Heil, heil der Sonne! Heil Antoninus! Heil dem Doppelgeschlecht! Hat man das in Syrien erfunden? Den Göttern sei Dank, endlich mal wieder was Neues! Knaben oder Mädchen haben wir schon lange genug gehabt. Heil, heil dem Kaiser!« Endlos währte der Umgang des Volkes. Dichter Weihrauchqualm durchblaute den Saal. Der Wein floß ab durch die Rinne am Altar. Zu beiden Seiten hielten Centurionen Wache, den Efeustab, das Zeichen ihrer Würde, in der Hand. Das Volk strömte zu einem Tor hinein und zum anderen wieder hinaus, über die Treppen des Komitiums, über die Stufen der Tempel des Saturn und Vespasian und der Konkordia, über die vierundsechzig Stufen des Tabulariums und durch die Basilika Julia, um sich dann langsam zu zerstreuen. Allein in der Via Sacra ballte es sich wieder zusammen. Vor den Tabernen, den Buden der Goldschmiede, der Buchhändler und Verkäufer wohlriechender Essenzen tummelten sich Müßiggänger oder standen umher und suchten in den Acta Diurna, die alle Neuigkeiten brachten, das Datum der Ankunft des Hofes, das noch nicht bestimmt war. Sie fanden aber noch keine weiteren Meldungen: der Kaiser war erst in Neapel; man würde Geduld haben müssen. Doch unterhaltsam war es, am Hause der Vesta und die Getreidespeicher entlang durch den Bogen des Titus zu schlendern, vorbei an den Ruinen des Kolosseums, das Septizonium, den siebenstöckigen Turm entlang, nach dem Palatin und von dort das Getriebe in den Peristylen des flavischen Palastes zu schauen, der zum Empfang des Kaisers hergerichtet wurde von Baukünstlern aus dem Orient. Hellfarbige babylonische Teppiche wurden ausgebreitet, Lorbeergirlanden um Kapitelle und Säulenschäfte geschlungen und ein Heer von Sklaven war geschäftig inmitten der marmornen Majestät der unabsehbaren Galerien. Aber noch unterhaltsamer war es, über den ganzen Palatin hin zu wandern und zu sehen, wie man am Palast des Septimius Severus arbeitete und ihn schmückte. Denn der flavische Palast sollte Festen, Audienzen und Rechtsprechungen dienen, der von des Kaisers Großvater aber – die beiden Paläste waren durch einen geheimen Gang verbunden – sollte die eigentliche Wohnung des Antoninus, der Mütter und des kleinen Cäsar Alexianus bilden. Das dicht gedrängte Volk blickte empor zu der gewaltigen Aufhäufung von Arkaden und Altanen, die sich in den Äther reckten und von einem Sklavenheer wimmelte, das von orientalischen Architekten befehligt wurde. Auch dort wurden Teppiche ausgebreitet, Rauchfässer geschwungen, Girlanden gewunden und Wimpel und Fahnen ausgesteckt nach Barbarenart, persische, halb parthische, scharlachrote und blaue, alle mit Perlenketten umschnürt.

Auch lohnte es sich wohl, den Tempel des Pluto-Orkus einmal anzusehen, der dazu eingerichtet wurde, den Schwarzen Stein vorübergehend aufzunehmen; denn ein neuer Sonnentempel, der herrlichste aller Zeiten, sollte gebaut werden, sobald der Kaiser selbst, von den Magiern beraten, den heiligen Platz dazu ausgewählt haben würde. Also zuerst zum Tempel des Pluto und dann zu den Bädern des Caracalla, wo man fieberhaft arbeitete, um die Antoninischen Thermen, von des Kaisers Vater gegründet, dem jungen Kaiser nicht allzu unvollendet zu zeigen. Ja, wer nicht müßig ging, der arbeitete, und auch in dem Prätorianerlager bei der Porta Nomentana arbeitete und arbeitete man, denn der Kaiser wollte daselbst im Prätorium die Nacht vor dem Tage seines Triumphzuges durch Rom verbringen.

 

Nur um zu schauen, kindlich froh darüber, daß es so viel zu sehen gab, schlenderte das Volk von Rom, Vornehme und Geringe, Reiche und Arme, Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder, zu Fuß und auf Eseln, in Wagen und Sänften an den Bädern, den Gärten der Spes Vetus, dem Villenviertel der Carinae, an dem Bordellviertel der Subura entlang, durch die geöffneten Tore in das Prätorianerlager.

Wie eine babylonische Stadt lag das Lager da, das ständige Lager, die Castra Stativa, mit seinen Sommerzelten und Winterkasernen, in diesem Augenblick wimmelnd von einer farbenbunten, laut summenden Menge.

Das Leben im Lager war bunt und laut wie auf einem Jahrmarkt und die Farben der auf und ab wogenden Menge wurden noch belebt von dem Glanz der Uniformen und Waffen: die fingerdicken Lanzen der Hastati, die vor den Zelten aufgepflanzt waren, blitzten hin und wieder auf und die aneinander ruhenden Spitzen bildeten vor jedem Zelt ein Strahlenbündel. Im Quartier der Anführer schienen schwere Schuppenpanzer lebendig geworden, eine eiserne Menschheit sah man dort, breitschultrig, mit hochgewölbter, umpanzerter Mannesbrust, über den Hüften die lederne Tunika, die, mit bronzenen Nägeln besetzt, aus dem Koller herabhing. Die Manipeln der Triarier, bestehend aus Veteranen, zähen Burschen, die stolz waren auf ihre Narben und mit bärtigem Munde laut prahlend von den fernen Landen der besiegten Barbaren erzählten, versammelten sich um das Vexillum, ihre bekränzte Standarte, die von einer vergoldeten Hand emporgehalten ward. Über der Schulter trugen sie das Pilum, den kürzeren Wurfspieß, der an einem Riemen befestigt war, damit die Waffe nach dem Wurf nicht verloren ginge, sondern zurückgerissen werden könne.

Abteilungen der Catafractarii und Clibanarii wurden zu Pferd von ihren Tribunen vorübergeführt; sie glichen ungeheuren Schildkäfern, die vom Kopf bis zu den Füßen golden und silbern glänzten.

Der Anblick der metallenen Riesen begeisterte die Müßiggänger; man zeigte sie sich und jubelte ihnen zu. Fremde Hilfstruppen durchzogen die Lagergassen, nach der Übung in ihre Quartiere zurückgeführt: Numidier auf ungesattelten Rossen und parthische Berittene, Bogenschützen in langen Samaren, die links und rechts wie Schabracken von den Rossen herabhingen, tapfer und zielsicher, solange sie beritten waren, doch ungeschickt und hilflos, sobald ihr Roß stürzte, und sie sich in ihr Gewand verstrickten. Das schaulustige Volk freute sich, die Barbaren zu sehen: die Hilfstruppen, Nubier und Parther und Lusitanier, Helvetier, Sarmaten, Gallier, Germanen und Daker, deren verschiedene Sprachen, vermischt mit Befehlen und Ausrufen, durcheinanderschwirrten wie lautes Gewieher. Plötzlich geriet die Menge in wilde Erregung. Von allen Seiten kamen Menschen dahergerannt, zwischen den Zelten hindurch, die Soldaten fluchten, Tragküchen wurden umgeworfen, Streitigkeiten brachen aus, Blut floß. Man drängte, schob, schimpfte, ohne recht zu wissen, was vorging. Wohl sah man Senatoren in lauter oder flüsternder Unterhaltung, von Velites begleitet, unter Vorantritt von Liktoren auf das teppichüberdachte Prätorium zuschreiten; wohl steckten hier und dort ein paar die Köpfe zusammen; aber das Volk, die Menge, wußte nichts und begriff nichts. Man erkannte nur inmitten der hochmütigen Senatoren den kleinen Ägypter Horus, den Parther Xibaran, vor allem auch den seidenrauschenden Ganadasa und in seiner schwankenden Sänfte Matthias, den Christen. Die Senatoren umringten die vier Männer und die sprachen hochmütig auf sie ein und das Volk wollte wissen, worum es sich handle, aber es erfuhr und begriff dennoch nichts, und unter den Senatoren und Dakern entstand ein Aufruhr, weil die Centurionen ihre neuen Quartiere nicht ausfindig machen konnten.

Plötzlich ritt der Quästor des Lagers vorüber. Sein Pferd bäumte sich und er war sehr bleich. Im gleichen Augenblick erschien auch zwischen dem Tribunen Aristomachos und dem Präfekten Antiochianus hoch zu Roß der Präfectus Praetorio Julianus, der Oberbefehlshaber des Heeres. Tausende von Stimmen schrien, johlten, schimpften, brüllten, ohne zu wissen, was vorging, was da im Verborgenen schwelte und im Begriff war, sich zu entzünden und aufzuflammen. Man wunderte sich nur, daß man den Präfekten von Rom den ganzen Tag nicht gesehen hatte, nicht einmal während der Feierlichkeit in der Kurie... Plötzlich schien das Lager in Aufruhr und das Heer in Aufstand. Doch weshalb und gegen wen, das wußte keiner der Müßiggänger und Tagediebe zu sagen. Rings um das Prätorium, das in ein ungeheures Festzelt umgewandelt wurde, dort, wo in der Mitte des Lagers die Wege sich kreuzten, dröhnte das Hämmern von Hunderten von Arbeitern und Sklaven weiter und die kostbaren Zeltdecken breiteten sich in verschwenderischer Fülle von Fahnenstock zu Fahnenstock, steife Teppiche und zartere Draperieverzierungen, bunt durchwebt mit Fabeltieren und Pflanzen: goldene Ruhelager und silberne Tische, bronzene Rauchfässer und elfenbeinerne Schemel wurden hineingetragen mit Stapeln vergoldeter Küchengerätschaften, wie man sie zum erstenmal in Rom sah, so daß das herzuströmende Volk sich neugierig fragte, wozu sie wohl dienen möchten. Truhen und Kisten wurden hereingeschleppt, der ganze verschwenderische Überfluß, allem Anschein nach unentbehrlich sogar für die einzige Nacht, die der Kaiser hier verbringen sollte. In einem eisernen Käfig auf Rollen wurden brüllende Leoparden, Löwen und Tiger von ängstlich schreienden Mauleseln quer durch die johlende, lachende, pfeifende Menge gezogen und hinter dem Prätorium aufgestellt... Kam da schon die Menagerie des Kaisers? Wann würde der Kaiser selbst kommen...? Morgen ... ? Übermorgen ...? Wann endlich, endlich, würde man ihn sehen dürfen? Man wartete doch schon monatelang. Es fehlte nicht viel, und das Volk wäre in das Prätorium eingedrungen. Einzelne gelangten sogar hinein, warfen einen Blick durch die Weite des marmornen Peristyls, spähten in die mit weichen Stoffen behangenen Gemächer des Antoninus... Aber die Architekten schrieen und fluchten und Hastati trieben mit vorgestreckten Lanzen das johlende Volk zurück gegen die Käfige der brüllenden Tiere. Ein Tiger schlug seine Pranke durch die Gitterstäbe in die Schulter einer Frau. Blut floß, Leben entfloh – kaum beachtet. Inzwischen brauste ein wildes Gedränge, ein Sturm gewaltiger Menschenmassen, die wissen wollten, was vorgehe, vom Prätorium bis zum Quartier der Tribunen, wohin Julianus, von Aristomachos und Antiochianus begleitet, geritten war. Was da vorging, begriff man nicht, doch die zu vorderst Andrängenden erblickten von weitem auf dem kleinen Forum, zwischen den Zelten der Oberbefehlshaber, Ganadasa den Inder und Matthias den Christen in lebhaftem Gespräch mit den Tribunen und Präfekten. Beide schienen, unsicher... nicht zu wissen, was sie tun sollten ... Tubensignale schmetterten, vom Winde schrill zurückgetragen, zwischen den wallenden Bannern und Wimpeln; schärfer erhob sich der Wind und das Segeltuch der Zelte flatterte. Plötzlich erklang die Stimme des Julianus; doch die Menge konnte nicht verstehen, was er sagte. Seine rote Chlamys flatterte im Winde und er streckte die Arme empor, er breitete sie aus wie ein Redner. Totenbleich, während ihm die Augen aus den Höhlen traten vor Spannung und Erwartung und Ehrgeiz, redete er und redete; Centurionen scharten sich um ihn, Rosse wieherten. Durch das ganze Lager, von allen Seiten, erklangen Signale... In der zusammengestauten Menge schaute der eine links, der andere rechts, fragte man hier, wies man dorthin, wurden Achseln gezuckt, wurde versichert und behauptet, widersprochen und gejubelt und gejohlt, bis deutlich vernehmbare halbe Sätze vom Winde herübergetragen wurden.

»Julianus ist Römer! Er ist kein Asiat!«

»Bassianus ist der Sohn des Caracalla, der Enkelsohn des Septimius Severus!«

»Bassianus? Bassianus sollte man Varius nennen; er ist der Sohn vieler Väter, er ist ein Hurenkind! Seine Mutter ist eine Hure! Er ist kein Antoninus! Caracalla war kein Antoninus! Er stahl sich den Namen, der Dieb!«

»Wir wollen nicht den Orient und den Schwarzen Stein!«

»Wir wollen nicht vom Orient überwältigt werden!«

»Wir wollen unsere Götter über die asiatische Sonne stellen!«

»Wohl ist Bassianus Antoninus! Er ist der Sohn des Caracalla Antoninus! Ist Julianus Antoninus? Wer ist Julianus? Wir wollen Antoninus, wir wollen Heliogabal! Er ist unser Kaiser! Er, der Verbannte! Er ist unser Liebling! Ihn wollen wir, wir wollen ihn schauen, wir wollen ihn tanzen sehen! Er ist schön, er ist schön! Haben wir nicht an diesem Morgen sein Bildnis gesehen? Er ist Antoninus und er ist tapfer; tapfer wie Mars, denn Macrinus hat er besiegt! Seine goldene Chlamys flatterte wie die eines Gottes! Gott wollen wir zum Kaiser! Antoninus Heliogabalus! Heil! Heil! Heil Alexianus Cäsar! Heil den erhabenen Müttern! Heil Julia Mäsa, sie besitzt Schätze! Uns allen werden ihre Schätze zuteil; es wird Spiele geben und Umzüge! Wir wollen den Schwarzen Stein! Wir wollen den Phallos! Wir wollen das Leben; wir wollen die Sonne! Vom Osten her erobert die Sonne sich Rom! Fort! fort mit Julianus!«

»Hört ihr es? Hört ihr es?« kreischte Ganadasa, der Inder, und schlangengleich reckte sich seine hagere Gestalt an den kräftigen Körpern des Aristomachos und Antiochianus empor. »Zaudert ihr noch? Jeder von euch bekommt noch zweihunderttausend Sesterzen. Hier, hier der Beweis! Julia Mäsa läßt nicht mit sich schachern. Zaudert nicht länger! Was vermag Julianus? Das Heer ist nicht auf seiner Seite und die phönizischen und syrischen Legionen, die im Anzuge sind und die Macrinus besiegt haben, werden stärker sein als das ganze Heer barbarischer Hilfstruppen, die nicht wissen, was sie wollen... Zaudert nicht länger! Ihr saht Heliogabal zu Nikomedia.«

»Ja, ja, ich sah ihn!« rief der Tribun Aristomachos aus. »Ich liebe den Kaiser, ich bete ihn an!«

»Du betest ihn an und kannst noch zaudern? Willst du denn nicht jeden Tag in ihm schwelgen, schwelgen in dem Glanz seiner Göttlichkeit? Wird er dir je etwas abschlagen, wenn ich ihm sage, daß du ihm Rom in diesem Augenblick gerettet hast? Jeden Tag wirst du an seiner Seite sein! Jeden Augenblick wirst du, wenn du es nur wagst – ich selbst wage es nicht immer –, ihm die Hand küssen dürfen und den Fuß, ihn küssen nach deinem Gefallen! Zauderst du noch?«

 

Die Vision des Sonnenkaisers strahlte vor den Augen des Präfekten und des Tribunen auf: sie beide hatten ihn in Nikomedia, wohin sie zur Huldigung entsandt worden waren, im Palast tanzen sehen und diese Erinnerung hitzte ihnen die rauhen Soldatenköpfe; die Augen traten ihnen aus den Höhlen, ihre Lippen geiferten und in ihrem Herzen wurden beide sich einer großen Liebe bewußt und einer großen Treue. Der Präfekt Antiochianus erteilte dem Centurio an seiner Seite einen Befehl. Aus Tuben und Bucinae schmetterten die Signale, unbekümmert um die, welche Julianus erschallen ließ. Keiner hörte mehr auf ihn. Zwischen den Principes und den Hastati wurde das Volk zusammengedrängt, zertreten, floh es hierhin und dorthin, ergriff Partei. Das Volk nahm Partei für den Orient, für die Sonne, für Heliogabal. Denn des Volkes Augen waren noch trunken von des Kaisers weihrauchumdampftem Bildnis – seine ganze Sehnsucht schmachtete nach der Pracht, die da kommen sollte in Zeremonien und Festen, und vor allem nach dem zügellosen Sinnentaumel, der um den Schwarzen Stein sein würde. Schwelgen, Prassen, Tänze, Farbenpracht, Musik, Opfer von Hunderten von Schafen und Lämmern, Gladiatoren und Mimen, Seegefechte im Zirkus, Giraffen, Elefanten, Tiger und Löwen, nackte Weiber und nackte Kinder, Zwerge, die zum Lachen reizen, und Magier, die Schauer erwecken würden, Sonnenpriester und Sonnendirnen, feil für einen jeden: das alles würde kommen, das alles würde nach jahrelanger Öde in Rom zu genießen sein. Die Sesterzen würden verschenkt werden und Mäntel und Amulette aus Edelsteinen; Spenden hatte man dem Volk verheißen und Festgeschenke dem Heere. Das alles sollte man ausschlagen, weil ein einziger Römer, Julianus, von Rom schwatzte und von einstiger Heldenzeit, von schlichten Sitten und Gebräuchen? Matte Worte, die in diesem Augenblick keinem etwas sagten... Weg mit dem Schwätzer, weg mit Julianus! ... Wer stand ihm zur Seite? War er allein? Was ging da vor? Man wollte wissen, sehen, man drängte. Man schrie und johlte. Wo war Julianus geblieben? Sie sahen ihn nicht mehr; er war verschwunden in dem glitzernden Gewoge der riesengroßen Schildkäfer, der Catafractarii; doch Aristomachos und Antiochianus trabten auf ihren wilden Rossen triumphierend vorüber und riefen laut: »Heil, heil Antoninus Heliogabalus! Heil unserem geliebten Kaiser!«

»Heil, heil!« rief jubelnd das Volk und starrte ihnen nach. Zwischen ihnen eilte Ganadasa in Ekstase, des Matthias schwankende Sänfte wurde vorübergetragen und alles drängte dem Prätorium zu, wo noch immer gearbeitet wurde und wo die eifrigen Architekten nichts von alledem gemerkt hatten.

Die Menge wußte, daß Julianus ermordet war, und zuckte die Achseln. Was kümmerte sie eine so unbedeutende Begebenheit, nun, da es bekannt geworden war, daß der Kaiser übermorgen kommen und die Nacht im Prätorium verbringen werde, um am nächstfolgenden Morgen innerhalb der Mauern Roms seinen Triumph zu feiern!

Jetzt waren sie alle wie von rasendem Fieber gepackt. Was hatte es zu sagen, daß man zwei Tage auf der Via Appia in einer Taberne oder zwischen den Grabstätten auf dem Felde verweilen mußte, wenn man nur einer der ersten war, die den Kaiser sehen würden! Das Wetter war schön, und wenn die Nächte auch kühl waren, so gab es doch überall wärmenden Wein und man konnte zudem auch ein Feuerchen anbrennen. Die Müßiggänger und die Tagediebe, die Ärmsten, die sich keinen Platz kaufen konnten, waren die Neugierigsten und Ausdauerndsten; sie wollten auf der Via Appia bei den Aquädukten der Aqua Marcia frohmütig kampieren.

Das Grab der Scipionen und die Kolumbarien entlang schlenderte die lebhaft gestikulierende Menge über die Via Appia. Vor den Grabsteinen machte sie Halt, entzifferte die Inschriften der Seneca und Scipio, den Namen von des Kaisers Oheim Geta, den sein Bruder, der rohe Caracalla, ermordet hatte, bekrittelte die Bildnisse vieler angesehener Römer und ihrer Gemahlinnen und wandelte durch die toten Straßen weiter in die Nacht hinein. Turmhoch und rund wie eine Burg erhob sich das Grab der Cäcilia Metella. Auf dem Feld flackerten Feuer auf, Händler boten ihre Waren feil; kleine Zelte wurden aufgeschlagen, Mäntel ausgebreitet und die Luft war erfüllt von dem Duft des Weines und von Bratqualm. Lachen erklang und Scherzen. Verliebte Paare suchten den Schatten der Bogen auf. Die Nacht sank herab und mit ihr der Schlummer.

Das Volk wartete noch den ganzen folgenden Tag. Mehr kamen und immer mehr und über den Weg hin drängten sich dichte Scharen. Von Neapel her kamen zahllose Reisende, Neugierige und Beamtete, Senatoren, die am Tage zuvor mit großem Gefolge abgereist waren, um dem Kaiser zuerst ihre Huldigung darzubringen, die jedoch unverrichteter Sache zurückkehrten, weil Julia Mäsa ihn verborgen hielt wie ein kostbares Geheimnis, das sich erst im allerletzten Augenblick offenbaren sollte. Zornig kehrten die enttäuschten Senatoren nach Rom zurück, logen und verkündeten laut, sie hätten den Kaiser gesehen und ihm das Knie geküßt. Dichter und dichter schwoll die Menge an und die Bevölkerung, die auf dem Felde übernachtete, war froh, denn es gab viel zu schauen.

Erwartungsvoll ging dieser Tag vorüber und am Abend bereitete die Menge sich von neuem ihre Lagerstatt. Sogar aus Tierfellen wurden Zelte gebaut, weil nächtlicher Tau überreich gefallen war.

Bis plötzlich, zur wärmsten Stunde des neuen Tages, ein Ruf erklang, der stets vielfältiger sich wiederholte:

»Die Legionen aus Syrien und Phönizien!«

Schwer zog die Vorhut heran, mit dem regelmäßigen Dröhnen von bronzebeschlagenem Schuhwerk, den schweren Caligae, die rhythmisch näher kamen. Doch eine Staubwolke umhüllte sie und leuchtete wie Goldpuder im Sonnenbrand. Bärtige, behelmte Köpfe, gebräunt und soldatisch, tauchten aus diesem Goldstaubnebel auf; die langen Tuben schmetterten in der Richtung auf Rom... In den zuerst sichtbaren Manipeln der Triarier lenkten die prächtigen Primipilarii die Aufmerksamkeit auf sich und man jubelte ihnen zu: die Ältesten schleppten die Adler der Legionen und hinter ihnen sah man Fahnen und Wimpel, die der Menge bekannt waren und denen sie zujauchzte. Wie die Verkörperung unbesiegbarer Kraft zogen diese Kohorten vorüber. Dann kamen dicht verhangene Sänften näher, getragen von einem Schwarm von Sklaven, und groß war die Enttäuschung der Menge, als man nichts sehen konnte... Hatte man dazu hier so lange gewartet? Hielt der Kaiser seinen Einzug in das Lager nicht zu Pferde? Sollten sie ihn nicht einmal sehen? Nein, sie sahen nichts. Die Sänften blieben dicht verhangen, sie hörten nur, daß hier die der Sonnenpriester seien und dort die der Sonnendirnen und der Sonnenkinder. Jene drei großen Sänften – das mußte der Hof sein: der Kaiser, der Cäsar, sein Vetter, die drei Mütter und dann die Magier. Doch nichts, nichts war zu sehen und den Weg entlang, zwischen den Grabstätten und den Grabdenkmälern, ward das stets wiederholte Echo der Enttäuschung so laut hinausgeschrieen, daß hin und wieder die Vorhänge der Sänften mit behutsamen Fingern zur Seite geschoben wurden und Augen neugierig hinausspähten.

 

Das römische Volk hatte umsonst zwei Tage unter freiem Himmel genächtigt. Nein, doch nicht ganz umsonst... Denn plötzlich sah die Menge, wie aus einer der größten Sänften eine kleine Hand herausgestreckt ward – man wußte nicht: war es eine Frauen- oder eine Knabenhand? – eine kleine juwelengeschmückte Hand mit rosigen Nägeln, und diese Hand schlug einen Vorhang zur Seite und ein rundes, bartloses Antlitz – war es das eines Knaben oder das einer Frau? – ein rundes, bartloses Antlitz blickte heraus. Das Haar war von Schleiern gehalten, die Haut mit Salben und Puder bedeckt. Wie eine grinsende Maske, eine groteske Maske, eine Mimengrimasse der Freude nickte dies Gesicht. Wer war es? Alles Volk – auch Tribunen, Präfekten zu Pferde – alles drängte herbei, um mehr zu sehen und sich an dem gepuderten Narren zu ergötzen, bis das drängende und mitrennende Volk sah, wie zwischen den Lippen des Narrenantlitzes eine spitze Zunge zum Vorschein kam, bis es sah, wie die Maske ihnen die Zunge herausstreckte, und daß sie das tat mit einer obszönen Bewegung. Laut lachte die Menge auf. Man schrie, johlte, jauchzte, kindlich froh, daß man doch etwas gesehen hatte. Allein die Maske verschwand und der Vorhang wurde geschlossen. Wer war es, der so gegrinst und so zweideutig die Zunge herausgestreckt hatte?

»Es war eine Frau!«

»Nein, es war ein Knabe!«

»Es war eine der Frauen, eine der Mütter... Gewiß war es die Mutter des Kaisers...«

»Nein, die ist viel älter; es war Alexianus, der Cäsar.«

»Der seine Zunge herausstreckte? Aber das war ja der Kaiser selbst!«

»Der Kaiser selbst? Antoninus? Heliogabal? Wir sollten Heliogabal gesehen haben? Nein, es war ein Narr!«

»Oder ein Mime.«

»Schnell, schnell, zurück nach Rom!«

»Wir dürfen das Lager nicht betreten!«

»Ich stelle mich hier auf und warte bis morgen.«

»Komm doch mit nach dem Kolosseum; dort werden wir alles sehen, dort nächtigen wir.«

»Ist der Schwarze Stein schon da?«

»Nein, er lag in der größten Sänfte.«

»Auf, auf, zurück nach Rom!«

Hinter den Soldaten, die den Zug schlossen, entstand ein Gedränge, ein Hasten und Sichstauen. Weil sie an dem Aufzug nicht vorübereilen konnten, rannten sie nach allen Richtungen querfeldein, schnell und schneller, um so rasch wie möglich die Porta Capena zu erreichen, für den morgigen Tag ihren Platz sich zu suchen und ihn mit ihrem Blut zu verteidigen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.