Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Couperus >

Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel

Durch das Peristyl eilte Semiamira in Erregung; sie durchkreuzte den Schwarm von Dirnen, Priestern, Sklavinnen und Kindern, die sich nach dem Tanz hierhin und dorthin verstreuten, und stürzte in die Gemächer ihres Sohnes, wo Vasthi und die Ankleiderinnen bemüht waren, durch Auftragen einer Salbe die Silberschminke vom Körper des Bassianus zu entfernen. Semiamira, noch im Glanz der goldenen Chlamys, stürzte auf ihr Kind zu und zog den Sohn in die Arme, berauscht von Mutterstolz, krankhaft erregt nach dem Tanz, der sie hatte zittern und erschauern lassen zwischen den beiden anderen Müttern, den Prokonsuln, den Präfekten, den Angesehenen und Bürgern. Sie rief:

»Mein Kind, mein Kind Bassianus! Noch nie hast du so getanzt, noch nie warst du so sieghaft, noch nie so herrlich und so heilig, noch nie habe ich dich so geliebt! Mein Kind, du hast deine Mutter ins Paradies geführt! War es ein Traum? War es Wahrheit? Alle Menschen, das ganze Volk, das gekommen war von allüberall her, all die Soldaten der syrischen Legionen haben in deiner Herrlichkeit geschwelgt wie ich. Liebling, wie lieb haben sie dich alle! Laß dich von deiner Mutter küssen, küssen... Mein Kind, mein Bassianus, mein Kaiser!«

Ungeachtet des Balsams, der ihn vom Kopf bis zu den Füßen bedeckte, schloß sie ihn in die Arme und pflückte Küsse von seinen Lippen.

Aber die alte Mäsa kam hinter Semiamira hereingestürmt, riß ihre Tochter rauh zurück und zischte:

»Still doch, Soaemis! Draußen im Peristyl hören dich die Priester, Sklaven und Dirnen. So schweige doch! Nenne Bassianus noch nicht Kaiser! Verdirb nicht mit deinem Ungestüm, was ich seit Monaten sorgsam vorbereitete! Noch heute wird man ihn zum Kaiser ausrufen. Doch schweige, Soaemis. Die Präfekten rieten mir, bis zum Abend zu warten. Habe ich ihnen nicht Schätze geschenkt? Ist der Prokonsul nicht auf meiner Seite? Ohne reiche Gaben rufen sie keinen zum Kaiser aus. Jetzt laß sie, Bassianus, nachdem sie trunken waren von deinem Anblick, den ganzen Tag nach dir hungern und dürsten und zeige dich ihnen nicht, bleibe unsichtbar! Beeile dich, Vasthi, beeilt euch, ihr Frauen, badet ihn, trocknet ihn, so schnell ihr könnt! ... Dann, Bassianus, führe ich dich, in einen dunklen Mantel gehüllt, in dicht verhängter Sänfte zum Sternenturm, zu Hydaspes; dort sollst du, bis der Augenblick gekommen ist, verborgen bleiben in den Geheimgemächern der Magier, die niemand zu entweihen wagt!«

In wilder Spannung sprach die Alte, denn draußen auf den Tempelplätzen herrschte eine rasende Erregung unter den Soldaten, die aus dem Tempel gekommen waren, die Sinne noch trunken vom Anblick des Bassianus-Heliogabal. Sie kämpften und stürmten, wie in einer eroberten Stadt. Durch die Gärten, die weder von den leicht bewaffneten Velites noch von den schweren Panzerreitern länger gesichert werden konnten, strömte die Menge, verstärkt durch die Legionäre der syrischen Legionen und die Banden der Gladiatoren, und rief: »Bassianus! Heliogabalus! Nein, nein! Antoninus! Antoninus! Wir wollen Antoninus!«

Mäsa drängte; sie warf Bassianus, der sich sträubte, einen dunklen Mantel um. Aber es war zu spät die Sänfte zu besteigen, und so führte die alte Frau selbst, die Hintergebäude des hohenpriesterlichen und des Frauenhofes, die Bäder, die Latrinen und die Küchen entlang, von hohen, dichten Gebüschen verborgen, Bassianus zum Sternenturm, der abseits lag von den Gärten. Dort raste die Menge. Aber Bassianus sträubte sich und schrie:

»Großmutter! Laß mich! Warum soll ich jetzt zu Hydaspes? Höre doch, die Soldaten wollen mich, sie rufen nach mir, sie rufen, daß sie mich sehen wollen! Ich will mich ihnen zeigen!«

»Weiter, weiter!« drängte die Alte, und während ihre sehnigen, starken Hände den widerstrebenden Knaben mit sich zogen, raunte sie ihm zu:

»Vorwärts, Bassianus! Hungern und dürsten sollen sie nach dir, erst müssen sie alle Geld und Amulette empfangen haben. Mein Kind, mein Enkel Bassianus, zerstöre nicht unbedacht, was deine Großmutter, die dich anbetet, seit langem für dich erkämpft. Alles, was du nur wünschen kannst, will ich dir schenken: eine Schnur aus Riesenperlen und einen Becher, der dich, so du aus ihm trinkst, ewig jung erhalten wird, so daß du nie altern wirst und lebenslang alle die bezaubern kannst, die dich tanzen sehen und jeden, der deine Herrlichkeit schaut. Aber komm jetzt, komm, sträube dich nicht länger!«

»Eine Schnur aus Riesenperlen?«

»Ja...«

»Und einen Becher, ehrwürdige Großmutter, einen Becher?«

»Ja, Kind, den Becher, der den Quell ewiger Jugend birgt. Komm!«

Der Knabe Bassianus folgte ihr, weil er der Schwächere war, ein willenloses Kind an der Hand dieser Frau.

»Vorwärts, vorwärts!« drängte Mäsa, »ich sehe schon die Magier auf dem Turm, gleich schließen sie die heiligen Gemächer. Da... da sehe ich auch Hydaspes!«

Sie winkte dem Obermagier und auch Bassianus winkte. Hydaspes eilte die Stufen der Terrasse hinunter, ihnen entgegen, und empfing sie an dem noch geöffneten Tor.

»Verbirg Bassianus hier, Hydaspes, verbirg ihn,« flüsterte die alte Frau, »der große Augenblick kommt erst heute abend, hier suchen sie Bassianus nicht. Hat er nicht göttlich getanzt? War er nicht Heliogabal selber? Nicht wahr, Hydaspes, du wirst ihn hier verbergen?«

»Sei ruhig, Ehrwürdige, ich werde Bassianus sicher verborgen halten.«

Hydaspes schlang den Arm um die Schulter des Knaben, drängte ihn durch die Pforte, die er verschloß, und führte ihn die Terrasse hinauf. Sie sahen Mäsa eilig zwischen den Zitronenhainen und den Gebüschen persischer Rosen verschwinden. Einen Augenblick schauten sie ihr nach.

 

Das Tosen der Menge durchbrauste die Gärten und Höfe, schwoll an zu einem einzigen tausendstimmigen Ruf, den sie jetzt deutlich vernahmen:

»Wir wollen Antoninus! Wir wollen Antoninus, den Sohn des Caracalla! Wir wollen Heliogabal!«

»Komm, Bassianus,« rief Hydaspes erschreckt, »komm herein und verbirg dich. Sie rufen dich schon mit ihrem geliebtesten Kaisernamen: Antoninus. Aber die Stunde ist noch nicht gekommen, darum zeige dich ihnen nicht. Noch sind nicht alle gewonnen. Nur die Legionen aus Emesa, aber noch nicht die syrischen und phönizischen Heere. Es zaudern noch viele... Komm, Bassianus, komm!«

Er schob den Knaben hinein in den Turm, treppauf, treppab, bis in ein rundes Gemach, überwölbt von blauer Kuppel, die bedeckt war mit Sternen: das Ebenbild des nächtlichen Himmels. Kein Licht drang von außen herein, doch Hydaspes ließ einzelne Sterne auffunkeln und ein sanfter, bläulich-weißer Glanz erstrahlte. In der Mitte stand ein runder Sessel, auf einem dreifüßigen Tisch lagen auf Papyrusblättern, die mit Hieroglyphenschrift bedeckt waren, Zirkel und Astrolabien zur Bestimmung der Gestirnhöhe. Auf dem Boden standen, sorgfältig umhüllt, die Papyrusrollen.

»Hier bist du geborgen, mein Kind, niemand weiß mein Gemach zu finden.«

»Hierher hast du mich noch nie geführt«, sagte Bassianus. Hydaspes lächelte.

»Du kamst des Nachts und dann ist der Himmel selbst voller Sterne...«

»Ich war kein guter Schüler.«

»Du warst der liebste, den ich mir wünschen könnte. Sieh dort, Bassianus: erkennst du deinen Stern?«

»Ja, aber er steht still.«

»Sieh, wie er sich dreht auf mein Geheiß. Er ist das bleiche Ebenbild deines leuchtenden Sternes und hier dreht er sich wie dieser, damit ich seinen Lauf auch am Tage verfolgen kann. Sieh...«

Hydaspes drückte auf einen Knopf und das Kuppelfirmament bewegte sich schnell, immer schneller, drehte sich um und um. Aber Bassianus rief, die Hand vor die Augen haltend: »Laß, Hydaspes! Laß! Es macht mich bange. Laß die Sterne still stehen, Hydaspes!« Der Magier lächelte. Das ganze Firmament hatte sich gedreht, als wären in wenigen Minuten Tag und Nacht vorübergeflogen, und stand nun wieder so, wie es zuvor gestanden hatte. Die Umdrehung, jetzt wieder geregelt, wurde immer langsamer, bis sie beinahe unmerklich ward.

»Ich bin sehr ärgerlich auf Großmutter,« klagte der Knabe, »sie hat mich den Händen meiner Frauen entrissen, ohne ihnen die Zeit zu gönnen, mich anzukleiden. Sieh nur mein Gewand. Meine Füße stecken in Sandalen, meine Haare sind noch gelockt, wie für Dienst und Tanz, und dazu trage ich diesen dunklen Mantel.«

»Was tut es, Bassianus? Bist du nicht herrlich, wie du auch seist? Bleibe so; unter deinen vergoldeten Locken leuchtet dein Antlitz wie das eines Gottes. Wenn dich der dunkle Mantel verdrießt, so nimm diesen weißen mit goldenen Sternen und sei der Gott der Magier, nachdem du der Gott der Menge warst. Sei mein Gott, Bassianus, laß mich selbst dich mit diesen Magierschuhen bekleiden, laß mich deine Hand mit diesem Smaragd schmücken...«

»Sind da Buchstaben eingegraben?«

»Der Name des obersten Gottes, den auszusprechen uns allein vergönnt ist. Abraxas heißt er und ist das hehrste Wesen unserer Erkenntnislehre, uns offenbart durch mündliche Überlieferung in den allerheiligsten Mysterien, und seine sieben Buchstaben bilden die heilige Zahl, aus der sich die Tage des Jahres zusammensetzen. Kind, bewahre diesen Stein, diesen Talisman: es ist vielleicht das Letzte, was ich dir schenke!«

»Warum das Letzte, Hydaspes?«

»Wer weiß, wo du morgen sein wirst.«

»Wenn ich fortgehe... gehst du nicht mit mir, Hydaspes?«

Der Magier schüttelte den Kopf.

»Nein, mein Kind, ich bleibe hier.«

»Warum?«

»Hier lebe ich, hier will ich sterben.«

»Aber Hydaspes, wenn ich wirklich Kaiser werde, begleitest du mich dann nicht?«

»Nein, mein Kind, hier habe ich mein Glück genossen, hier will ich auch meinen Schmerz erleiden.«

»So entflieh dem Schmerz mit mir. Wer weiß, wo wir morgen schon sein werden!«

»Ja, wer weiß, Bassianus, wo du morgen schon sein wirst... doch ohne mich.«

»Ohne dich will ich nicht gehen... ich will überhaupt nicht gehen... hier ist mir alles so lieb, Hydaspes! Ich mag nicht Kaiser werden... nur Großmutter will mich zum Kaiser machen. Sie sehnt sich nach Rom zurück... Aber ich fühle mich nicht als Römer, ich bin Syrer... Ich erinnere mich wohl Roms und des Kaiserpalastes, aber ich sehne mich nicht dahin. Emesa habe ich lieb und der Tempel der Sonne ist meine Heimat. Nie hat ein Hoherpriester den Tanz so getanzt wie ich. Warum also sollte ich nicht immer in Emesa bleiben? ... Großmutter weiß einen Becher, der die Jugend ewig erhält... Bis zu meinem Tode, bis zur Fahrt ins Sonnenparadies würde ich jung bleiben, wer weiß, wie viel Wunderjahre lang, und würde ewig jung den Tanz tanzen und das Volk würde mich anbeten... Was soll ich tun, wenn sie mich zum Kaiser ausrufen? Laß mich hier bleiben, bei dir, während sie dort drüben in den Gärten mich lärmend suchen. Ich will nicht Kaiser werden! Ich will in Emesa bleiben, und wenn ich den Becher habe und die ewige Jugend, dann weiß ich es gewiß, daß ich dem Licht dienen und selber das Licht sein werde, so rein, wie nur je ein sterblicher Priester es war... Aber... wenn... ich... Kaiser... werde...« Er warf sich Hydaspes in die Arme und barg, fast furchtsam, seinen Kopf an dessen Brust. Der Magier streichelte ihn zärtlich.

»Kind,« sagte Hydaspes, »niemand weicht auch nur um einen Schritt ab von seinem Lebenskreise.«

»Aber wenn ich Kaiser werde,« wiederholte Bassianus in banger Ahnung, »dann könnte ich dem Lichte nicht dienen und auch nicht mehr das Licht selber sein. Nein, Hydaspes, ich will nicht Kaiser werden. Ich bin das Licht und, mit dir vereint, will ich es bleiben. Behalte mich hier, verbirg mich... Hier lebe ich, hier atme ich, hier tanze ich, hier habe ich dich lieb, dich, Hydaspes, und das heilige Licht.« Wie ein scheues Kind warf er sich dem Magier an die Brust und schlang die Arme um ihn, seine veilchendunklen Augen blickten groß und ernsthaft drein, es war, als sehe, fühle, wisse er die Wahrheit.

 

Hydaspes sah pötzlich, daß der Knabe an seiner Brust eingeschlafen war... wie ein Kind war er in Schlaf gesunken, ermüdet nach der beinah schlaflosen Nacht auf der Terrasse des Turmes, nach Dienst und Tanz und der hastigen Flucht aus dem hohenpriesterlichen Hof. Er schlief fest und Hydaspes bettete ihn behutsam auf eine Ruhebank.

Der Magier starrte auf ihn herab. Plötzlich schrak er empor. Draußen strömte dichter und dichter, zu Hunderten, die zu Tausenden anschwollen, die Menge heran und, den Turm gleich einem Meer von allen Seiten umwogend, brauste ihr vielfältiges Stimmengetöse. Hydaspes schob ein Fach der Täfelung beiseite und trat auf die Terrasse hinaus: sogleich schloß sich hinter ihm die Wand.

Das Stimmengewirr schwoll immer mehr an. Der Magier dachte flüchtig daran, sich zurückzuziehen, um nicht gesehen zu werden. Dann aber erschien es seinem Fatalismus nutzlos, Bassianus und sich selber zu verbergen, obwohl Mäsa ihn darum ersucht hatte. So stand er da, unbeweglich, hochaufgerichtet, in sein weißes Priestergewand gehüllt, und lauschte den wilden Rufen.

»Wir wollen Antoninus! Wo ist der göttliche Antoninus!? Wo ist das heilige Sonnenkind!? Wir wollen Antoninus, den Sohn des Caracalla! Heil, Heil Antoninus! Heil Avitus Bassianus Antoninus! Heil Heliogabalus! Heil Antoninus Augustus! Heil, Heil Kaiser Antoninus Augustus! Heil auch dem Cäsar Alexianus!!«

Der Magier erbleichte. Die Stunde war gekommen! Dort sah er Mäsa in einer Gruppe von Tribunen und Präfekten der syrischen und phönizischen Legionen; weit warf sie die Arme empor: sie schien die Raserei der Soldaten zugleich anfeuern und dämpfen zu wollen.

Der Magier sah die stolze Mammäa freudig auf Mäsa zueilen und sah Alexianus, das zwölfjährige Sonnenkind, den Sohn der Mammäa, zwischen den Loricati der präfektorischen Wache an der Seite des Präfekten der Legionen zu Emesa, auf einen silbernen Schild gehoben und begeistert zum Cäsar ausgerufen, während sie Bassianus zum Augustus ausriefen.

Aber quer durch die Menge brach sich eine Frau Bahn, noch angetan mit dem Staatsmantel, im Glanze der goldenen Chlamys, und jubelnd machten die Soldaten ihr Platz und riefen:

»Heil der erhabenen Semiamira! Heil der gnädigen Soaemis Semiamira! Heil der ehrwürdigen Mäsa und Heil Mammäa und Heil Semiamira! Heil der Mutter des Cäsar Alexianus und Heil der Mutter des Antoninus Heliogabalus Augustus!« Die große Stunde war gekommen. Der Magier sah, wie Mäsa ihm winkte, mit einer einzigen Gebärde nur, die heftigste Gemütsbewegung verriet.

Er begriff.

Er schob die Tür zu der geheimen Kammer auf und rief: »Bassianus!«

Der Knabe erwachte und richtete sich mit einem Ruck von seinem Lager auf.

»Hydaspes... Hydaspes... was ist?«

»Die Stunde ist gekommen,« sagte der Magier.

»Welche Stunde?«

»Die Stunde, in der die Welt dir zufällt als dein gesetzliches Eigentum, mein Kind!«

»Diese Stimmen? Dies wilde Tosen?«

»Es ist das Heer, das nach dir verlangt, das Heer, das dich ausruft. Komm, komm, mein Kind!«

»Hydaspes... mir wird so bang, soll ich gehen?«

»Ja...«

»Zu ihnen?«

»Ja...«

»Nach Rom?«

»Ja, ja.«

»Ich will hier bleiben!«

»Nein, komm!«

»Hydaspes, geh mit nach Rom!«

»Nein, ich bleibe hier. Ich muß bleiben.«

»Laß mich bei dir bleiben, verbirg mich. Sage ihnen, daß ich verschwunden sei, emporgestiegen in den Himmel.«

»Komm!« sagte der Magier gebieterisch.

Er streckte die Hand aus.

An des Hydaspes Hand trat der Knabe hinaus auf die Terrasse. Auf den untersten Terrassen strömten die Magier zusammen, durch die Gärten nach dem Turm zu flutete die ungeheure Menge. Von den zerstampften Gärten aus sahen die Soldaten, die Gladiatoren und das Volk in der rosigen Apotheose des sterbenden Tages das göttliche Kind erscheinen. Sie schrieen, brüllten seinen Namen und seinen Ruhm, noch trunken von Tanz und Opferdienst, hungernd und dürstend nach seinem Anblick...

Jetzt, jetzt sahen sie ihn!

Während die Tausende brennender Augenpaare auf ihn gerichtet waren, fühlte Bassianus, wie seine Bangigkeit sich in ein berauschendes Glück wandelte. Lächelnd hob er beide Hände empor, als wolle er, ein Gott, die Huldigung der Welt in seinen kleinen geöffneten Händen auffangen...

Dann aber zuckte er zusammen...

Er sah, daß der kleine Alexianus, auf einen silbernen Schild gehoben, von Centurionen gestützt, in der Richtung nach dem Turm getragen ward, hörte, daß er zum Cäsar ausgerufen wurde, während man ihn, Bassianus, zum Kaiser und Augustus ausrief. Gleich einer aufschnellenden Natter stach ihn plötzlich erwachende Eifersucht auf seinen Vetter.

Aber sehr bald legte sich dies Gefühl wieder, denn all der Jubel, all die Liebe, der ganze Paroxysmus von Verehrung, Anbetung, Vergötterung galt ja ihm allein. Wie herrlich war es zu leben, wie schön war die Welt und wie lieb hatte er die Menschen! Er lachte vor Glück und Seligkeit, während ihm die Tränen in die Augen traten...

 

Die Mütter hatten sich dem Turm genähert und mit ihnen auch die Centurionen, die auf silbernem Schild den Alexianus trugen.

»Hydaspes! Hydaspes!« schrie Bassianus und der Atem stockte ihm vor Glück. Der rasende Jubel kam näher, brauste zu ihm empor. Das erwartungsvolle Kind stand keuchend da, an allen Gliedern zitternd, als brächte ihm diese die Turmstufen emporklimmende Liebe eine Wollust, zu groß, zu überwältigend. Zitternd schloß er die Augen, gab sich seinem Schicksal hin und dem Liebestaumel der andern... Er fühlte seine Hand in der des Hydaspes, er bemerkte, wie sich die Magier und Sonnenpriester um ihn scharten, er fühlte, wie er in der Umarmung seiner Mutter fast erstickte. An der Pforte des Turmes sah er die Loricati der präfektorialen Wache zu Pferde – die Präfekten und Tribunen traten auf ihn zu... Mäsa, Mammäa näherten sich ihm, man hielt ihm Alexianus, auf den Schild gehoben, entgegen. Er küßte seinen Vetter, er ließ sich von den Müttern umarmen, verwirrt, aber dennoch umhüllt von all der Grazie, mit der er den Dienst zu feiern gewohnt war. Plötzlich entglitt seine Hand der Hand des Hydaspes, die er noch nicht losgelassen hatte, er wurde von den Centurionen auf einen Schild gehoben, einen von den länglichen goldenen Schilden der Chrysaspiden, und man trug ihn zwischen den Loricati hindurch. Die Berittenen formten eine Wache um ihn her, doch sie wurden weggetrieben, denn die Pferde bäumten sich und wichen wiehernd zurück vor dem Andrang all der Legionäre der syrischen und phönizischen Legionen. Diese ganze streitbare, starke Menge staute sich rings um den goldenen Schild, den die Zenturionen hoch emporhielten, umdrängte und umstaute diesen Schild, auf dem das herrliche Kind zu sehen war, als triebe es in einem Fahrzeug auf einem Menschenmeer. Rings um ihn her und auf ihn zu drängten sie, um ihn nun endlich zu besitzen, zu eigen zu haben. Während er fortgetragen wurde, streckten Tausende und Abertausende ihm die Hände entgegen. Wie durch ein Meer von Liebkosungen trugen die Centurionen ihn bis zu dem Vorplatz des Tempels und erreichten mit Mühe die dicht verhängte und mit wehenden Federbüschen geschmückte Sänfte, die von zwölf nubischen Trägern emporgehoben wurde. Andere Sänften reihten sich an, Befehle erklangen. Die berittenen Loricati zogen die Schwerter, aufschreiend wich das Volk zurück.

»Auf, ins Lager! Ins Lager!«

Wieder wogte die Menge an. Es war wie eine ungeheure Brandung von Menschenleibern, auf der die Sänften wie Fahrzeuge auf stürmischer Flut einherschwankten. Der Knabe hatte die Vorhänge aufgerissen und noch flüchtig erhaschten alle den Abglanz seines Lächelns, sahen flüchtig noch seine Hand, die ihnen Küsse zuwarf.

Auf den Dächern der Tempelgebäude, dem dunkelnden Abend entgegen, stießen die erschreckten Pfauen, hier- und dorthin entflatternd, bange Schreie aus, wie in Verzweiflung ob der nahenden Verlassenheit.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.