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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Dreißigstes Kapitel

Noch ist die Nacht nicht völlig gewichen.

Doch eine seltsame Röte schimmert im Westen, früher als im Osten, über Rom. Eine Morgendämmerung wie von schwelendem Brand, der an den noch dunkelsten Teilen des Himmels aufleuchtet. Nicht mehr als einige Hunderte, vielleicht Tausende zählen die Getreuen des Antoninus, und obwohl die Wälle ringsum und die Gärten im Lanzengeflimmer glitzern, obwohl ein länglicher Schild neben dem anderen den Widerschein der leuchtenden Morgenröte auffängt, brüllt Antiochianus seine Befehle, verzagenden Herzens, nun, da das Waffengeklirr am Eukalyptusgang hörbar wird, nun, da er plötzlich einen erblickt, den er während der ganzen Nacht schon erwartete: Aristomachos, auf einem Schild getragen von seinen Soldaten, die ihn nicht am Palatin haben zurücklassen wollen. Dem Tribunen ist der Schädel durch einen Schwerthieb gespalten. Die Soldaten legen ihn nieder auf das Sigma des Peristyls, wo Antoninus zu ruhen und über die weite Campagna zu blicken pflegte.

»Antoninus!« ruft der Tribun, »Antoninus!«

Der Kaiser, bekleidet mit einer eilig umgeworfenen Dalmatika aus Hermelin, ist an der Seite seiner Mutter erschienen, auf der Schwelle des inneren Hofes. Er wankt, er wagt nicht, weiterzugehen.

»Antoninus!« ruft der Tribun.

»Aristomachos!« schreit das Kind schluchzend auf, »bist du verwundet?«

»Ich wollte für dich, Antoninus, den Palatin erobern. Es war keine Torheit, wir waren unserer viele und alle dir getreu. Allein jene hatten die Übermacht. Doch wenn du morgen mit Antiochianus siegst, dann wirst du, Antoninus, die entseelten Körper all jener sehen, die dir treu blieben, die dich anbeteten bis zu ihrem Tod. Antoninus, sie haben mich auf einem Schild hierher getragen, damit ich dich noch einmal sehe! Als ich dich sah zum erstenmal, weißt du es noch?, da tanztest du – und lächeltest uns zu. Niemals habe ich das vergessen. Mir hast du zugelächelt, Antoninus, mir! In jenem Augenblick hätte ich für dich sterben wollen, so, wie ich jetzt für dich sterben werde.«

Schwer tropft das Blut durch den Verband, rinnt über die zitternden Hände des Kaisers, die der Tribun mit einer allerletzten Liebesgebärde an seine bärtigen Lippen zu bringen versucht. Doch ein Lärmen von Priestern, Magiern, Zwergen, Dirnen, Sklaven und Kindern erhebt sich rings um Tempel und den Palast... Es entsteht ein wilder Aufruhr, denn Gordus ruft in Todesangst:

»Die Chrysaspiden weichen den Truppen des Alexianus!« Es ist ein Überfall, ganz unerwartet. Durch die Eukalyptusgänge klirrt es wie das Dröhnen von Schwert und Schild; rasselnd schlagen die Lanzen aufeinander und Stimmen donnern durch die Gärten:

»Wo ist er? Wo ist Avitus, das Hurenkind? Wo ist Sardanapal? Der Götterdieb! Der Frevler! Her mit ihm! Her mit dem Schwarzen Stein!«

 

Von rechts, von links, von allen Seiten, um den Palast und um den Tempel sind nicht nur Argyraspiden, sondern auch Clibanarii und Hastati in dichten Reihen vorgedrungen, während sie: Heil Alexander! und: Hinweg mit Sardanapal! rufen. Immer weiter vordrängend, stauen die Argyraspiden sich vorwärts, die Clibanarii, die Hastati, zwischen ihnen viele barbarische Hilfstruppen, die in diesem Augenblick nur daran denken, zu plündern. Sie alle haben innerhalb weniger Minuten die Gärten, den Tempel, ja sogar die innersten Räume des Palastes überschwemmt. Sie dringen durch alle Türen, in alle Gemächer. Überall richten sie ein Blutbad an. Zwei riesengroße Magier haben syrische Schwerter ergriffen und hauen blindlings in die Clibanarii, die sie umringen. Die Rüstungen zersplittern, Funken sprühen, die Zwerge treiben die Löwen an, doch die Tiere entfliehen, bis ihnen in irgendeinem Winkel der Todesstoß versetzt wird. Mit abgeschnittenem Rüssel rast ein Elefant umher. Er stößt ein beinahe menschliches Wehgebrüll aus, zerstampft Tote und Sterbende. Mädchen versuchen, den begehrlichen Händen der Wüstlinge zu entrinnen, sie eilen in die Winkel der Säulenhallen, schreien dort ihre Vergewaltigung hinaus und sterben, gefoltert, geköpft, zu Haufen übereinandergeworfen. Velites haben Gordus umringt. Sie verstümmeln ihn. Eine Lanze haben sie ihm zwischen die Beine getrieben, und so tragen sie ihn umher, eine zuckende, bluttriefende Trophäe. Die Argyraspiden haben Murissimus und Protogenes in ihrem Schlupfwinkel, hinter den bronzeschweren Vorhängen des Tempels, entdeckt. Sie schleppen sie hinaus und kerben die entmannten Körper, während sie die abgeschnittenen Glieder in den Mund stecken. Doch den Schwarzen Stein, der sich emporreckt, umtost ein rasender Jubel. An Seilen schleppen sie den Monolithen hinaus, einen Phallus, so schwer und so groß, wie man noch nie einen gesehen hat, wie er aus Emesa kommen mußte, um Rom im Namen der Sonne zu vergewaltigen. Sie hauen auf den Basalt, bis er zersplitternd in Stücke springt. Doch sie vermögen den Stein nicht völlig zu zertrümmern.

Sie suchen und suchen. Wo ist das Hurenkind? Wohl sehen sie Antiochiänus, Hierokles; die kämpfen um ihr Leben zwischen den Lanzen der letzten Chrysaspiden, zwischen den letzten Magiern, die fatalistisch, mit verklärten Seheraugen, in Ekstase enden, den Namen Heliogabal auf den Lippen. Doch wo ist das Hurenkind? Immer stärker schwellen die siegenden Truppen an. Über die Wälle, durch die Pforten dringen sie in den Palast, in alle Säle. Sie durchstechen das Lager in des Antoninus Gemach, sie reißen die Vorhänge zur Seite, sie durchstechen Polster, Kissen und Gewänder, brechen Kisten und Truhen auf. Wo ist er? Sie finden ihn nicht. Doch hoch über den Köpfen der jauchzenden Argyraspiden sehen sie Hierokles, den verhaßten Karier, emporgehoben auf einem Pfahl, den sie ihm der Länge nach durch den Leib getrieben haben. Heil dem herrlichen Cäsar Augustus, dem prächtigen Hierokles, der Kaiser sein wollte neben Heliogabal! Heil, ewig Heil dem Praefectus Praetorio! Her mit ihm! Schleppt ihn her! Haut ihn nieder! Schleift den geköpften Kadaver herbei, bindet ihn an den des Aristomachos, der so ruhig schläft auf des Kaisers eigenem Sigma. Bindet sie zusammen, ruft ihnen Heil, den beiden rauhen Kriegern, die so verliebt waren in den Lustknaben! Aber wo ist er selbst? Und seine Mutter? Viele der Soldaten haben sie in der Subura besessen und sie haben auch Antoninus besessen, für einen Aureus, für einen halben Aureus, für einen As, umsonst. Doch wo halten sich die beiden verborgen? Wo? Getreue hat Heliogabal nicht mehr, sie sind alle getötet, geschunden, durchstochen, geköpft, zu Haufen verbrannt, aufgespießt, in die Teiche geworfen mit den Trümmern des großen, schwarzen, unzerstörbaren Phallus des Heliogabal. Wo ist er selbst? Sie haben doch den ganzen Palast durchwühlt, den ganzen jetzt aufflammenden Tempel mit ihren Lanzen durchstochen. Durch alle Gärten, hügelauf, hügelab, sind sie gerannt. Doch was tut der Mohr, der da steht, mit seinem Beil? Er haut und haut, drei, vier Argyraspiden hat er schon niedergehauen. Das ist Narr, der Mohr! Nieder mit ihm! Warum steht er gerade dort? Vor jener Tür? Brecht sie auf, spaltet sie! Sie scheint zugenagelt. Ein pestartiger Gestank dringt aus den Sklavenlatrinen. Endlich gibt die Tür nach. Haha! Da steht er in den Armen der Hure, die seine Mutter ist! Da steht er mit seinem Dirnengesicht! Her mit ihm! Her mit dem Götterdieb, dem Frevler, dem Syrer, dem verderbten Tier, das Rom vergewaltigt und vergiftet hat.

 

In den wenigen Sekunden, die der Knabe noch atmet, todesbang in der beklemmenden Umarmung seiner Mutter, die aufschreit, in diesen wenigen Sekunden durchzuckt ihn ein jähes Verlangen nach den Phiolen mit dem tötenden Gift, nach dem Turm der Gemmen, wo er in Schönheit hatte sterben wollen. Doch dann, während er fühlt, wie ihm die rachedurstige Raserei des Volkes entgegenstinkt, stinkender als der Gestank der Latrinen, blitzt vor ihm eine leuchtende Gestalt auf und er sieht Hydaspes. Der ihn anblickt mit Seheraugen. Und beide Hände ihm entgegenstreckt.

Dann schwinden ihm die Sinne. Die Schreie seiner Mutter hört er nicht mehr. Die Spieße pressen seinen Körper an den ihren, zehnmal, zwölfmal, zwanzigmal. Welche Wollust, ihn jetzt zu schänden! Die Leiche der Hure, die Leiche ihres Kindes im Kot umherzuwälzen, ihnen den Mund damit vollzustopfen, sie damit zu besudeln, bis sie keine menschliche Farbe mehr haben. Ihm einen scharfen Haken in den Magen schlagen? Doch nein, der würde aufreißen. Eine Schlinge ihm um die Füße legen und ihn schleifen, mitten durch den Kot, durch die Gärten, durch die langen Gänge unter den brennenden Eukalyptusbäumen, nach Rom, nach Rom! Erst auf den Palatin – wird Alexander Augustus nicht kommen, um zuzuschauen? –, dann über das Forum und weiter und in irgendeine Kloake ihn versenken, so, den Kopf nach unten. Nein, das Loch ist zu klein. Weiter, weiterziehen! Strömt alle herbei! Seht, Quiriten, da ist Avitus Sardanapal, da habt ihr ihn! Seht! Wißt ihr noch, wie diese Füße tanzen konnten? Wißt ihr noch, wie anmutig dies Tier aussehen konnte? Wißt ihr noch, wie sie Weihrauch brannten und Wein spendeten vor seinem Bildnis in der Curia Julia? Wißt ihr es noch? Weiter, weiter durch die Stadt! Auf daß ganz Rom ihn sehe...

Eine wilde Horde trabt hinter dem hin und her gerissenen, bis zur Unkenntlichkeit besudelten, bluttriefenden Überrest des Kaisers her, auf dem die zuerst Anlangenden wollüstig herumtrampeln. Mitten in dieser Horde ein Mohr, den sie nicht erkennen, nicht beachten, weil er trabt wie die anderen. Zwar ist er verwundet, doch sind das viele, und niemand kümmert sich darum. Einen großen Hieb hat er quer übers Gesicht; er schlürft das rinnende Blut; über seine Brust fließt es rot. Er scheint unerträgliche Schmerzen zu haben, denn sein Lendentuch zieht er sich fest um Bauch und Magen, und während er mittrabt in der schreienden Horde, hält er seine hervorquellenden Augen starr auf die formlose besudelte Masse gerichtet, die sie weiterschleifen, weiter in der Richtung des Tiber, des Pons Aemilius, und seine Hände pressen sich fester gegen das Lendentuch, als schöbe er immer und immer wieder ein schweres Bündel hinein, das er zu verlieren scheint. So trabt er hinkend mit, der Mohr, das Blut schlürfend, das über seine Nase niedertropft, während er starrt, starrt aut das, was die anderen schleifen. Weil die Kloake zu eng war, werfen sie den unförmigen Klumpen von der Brücke hinab in den Tiber, weil sie ihn nun lange genug geschleppt haben und zurück wollen zum Palatin, um Alexander Augustus Heil zu rufen. Weg, weg mit ihm, in den Fluß, der noch zu gut ist für diesen Abhub.

Wenige nur schauen zu, wie die Leiche, vom Wasser erbarmungsvoll überspült, forttreibt mit dem Strom, mit anderen Leichen, unter dem Sonnenhimmel, den die Lichtbrände in rote Gluten tauchen.

Nur wenige schauen zu. Unter den wenigen der Mohr, der einen Schmerzensschrei ausgestoßen hat, einen Schrei, zu schmerzvoll, um nur dem Schmerz zu gelten, den seine Wunden ihm bereiten. Von der Brücke, von der sie den Kaiser hinabschleuderten ins Wasser, stürzt sich der Mohr in den Fluß. Dabei verliert er sein Lendentuch und die Umstehenden sehen, wie ihm das Eingeweide aus tiefer, zuckender Bauchwunde quillt.

Der Mohr! Der Mohr! Jetzt erkennen sie ihn: den Mohren des Lustknaben. Seht, er treibt mit dem Strom. Schwimmt er wahrlich noch? Ja, er schwimmt. Ein Stoß, noch einer und noch einer. Seht, jetzt hat er die Leiche erreicht, die Leiche des Antoninus. Seht seine Arme! Er umarmt des Antoninus vom Tiber erbarmungsvoll umspülte Füße, diese Füße, die einst tanzten, das Einzige, was von Dem dort noch erkennbar ist! Seine Lippen preßt er darauf zu einem Kuß... und beide treiben sie fort, fort...

Warum hier noch länger zaudern? Warum hier die Zeit verlieren? Auf nach dem Palatin! Nach dem Palatin!

Heil Aurelius Alexander Cäsar Augustus!

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