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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Drittes Kapitel

An den hohen Kaktushecken entlang, die die Tempelgärten mit ihren stachligen Blättern umrahmten, strömte die Menge von links und von rechts herzu, und mit dem lichten Zittern der widerhallenden Gongschläge mengte sich der feine Staub, der von den tausend Sandalen aufgewirbelt wurde und glitzernd wieder herabfiel. Anstürmend mit einem Getöse wie Meeresbrausen, überdröhnt von den donnernden Gongs, flutete die Menge sturmgleich von links und von rechts durch die Tempelpforte in die Gärten hinein. Der breite Weg nach dem Tempel war besetzt von der städtischen Kohorte, unter Befehl des städtischen Tribunen.

Die Seitenpforten waren alle weit geöffnet und dem Aufgebot der Berittenen und der Aufsicht der städtischen Kohorte zum Trotz strömte die Menge in stets anschwellender Flut in die Apadana hinein.

Von überall her waren sie gekommen, von Damaskus, von Tyrus, von Sidon, von Heliopolis, von Palmyra, sogar von Jerusalem. Sie hatten nicht nur alle Herbergen in Emesa überfüllt, sondern sich in dieser sternklaren Nacht der Erwartung auch überall gelagert, wo nur eine Treppe, eine Stufe, ein Stein zu finden war, wenn sie nicht gar im mondbetauten Gras geschlafen hatten. Als die ersten Gongschläge dröhnten und die Menge in den Tempel Heliogabals riefen, war sie zusammengeströmt über den weißbestaubten Weg, in fieberhafter Spannung, in heißer Erregung, so wie die Menge zu jedem Schauspiel zu eilen pflegt, zu jeder Darstellung, zu jedem Aufzuge, allein noch toller, noch erregter, noch fieberhafter, aus frommer Verehrung für den Sonnengott, dessen Hohenpriester, den jungen Bassianus, sie um den Schwarzen Stein tanzen sehen wollte. Die Kunde von der göttlichen Anmut des Bassianus war nach jedem dreimonatlichen Opferfest weithin gedrungen und der Tag des großen Dienstes und des Tanzes war zu einem Sonnenfest voll jubelnder Begeisterung geworden, neben dem selbst die großen Festtage in den Tempeln zu Heliopolis verblaßten und ihr Ansehen verloren. Die den Hohenpriester gesehen hatten, gingen wieder, die ihn nicht gesehen hatten, mußten dem unwiderstehlichen Verlangen, ihn einmal zu sehen, nachgeben, ja es gab Arme, die tagelang hungerten, um einige Drachmen als Reisegeld zurückzulegen. Am Tage des Tanzes ging ein jeder nach Emesa, der nicht lahm, blind oder krank war. Vornehme Männer kamen mit Kamelen und Scharen von Sklaven, Betagte auf Krücken, Mütter schleppten ihre Kinder mit; Hunderte von Bettlern begleiteten die Menge und Taschendiebe machten reiche Beute.

Die Menge strömte in die Apadana hinein. Leicht bewaffnete Velites bildeten eine breite Kette quer durch die Mitte der Apadana, indem sie zwischen den Säulen ihre langen Speere in Brusthöhe horizontal ausgestreckt hielten, von dem freigelassenen Haupteingang bis zu den Treppen des Allerheiligsten. Schwere Vorhänge, die wie in bronzenen Falten herabhingen, entzogen dieses den Augen der Menge, die unaufhaltsam dichter herandrängte. Eine Bande von fünf, sechs Gladiatoren bahnten sich mit ihren breiten Schultern, ihrer gewölbten Brust und ihren muskelstarken Armen brutal einen Weg, mitten durch die bunte scheltende Menge, die mit Füßen gestoßen und erbarmungslos aneinander gepreßt ward. Zusammengeschlossen stürmte die Bande vorwärts und der Vorderste, ein Mirmillo und Germane, rief seinen Gefährten laut zu:

»Vorwärts, vorwärts, noch dichter anschließen!«

Die anderen folgten dem Germanen, brutal lachend. Aber noch mehr wurde die Menge gedrängt und gepreßt, als ein Trupp römischer Legionäre hereinströmte. Frauen schrien und kreischten. Dolche wurden gezückt. Der Gladiatorenbande folgte ein Inder dicht auf den Fersen. Er war nackt, leicht gebräunt, hatte ein Tuch um die Lenden gegürtet und einen weißen Turban um den Kopf gewunden. Hager und schlank, doch anmutig, hielt er mit den Gladiatoren gleichen Schritt, ließ sie den Weg bahnen und ging mit ihnen, drängte nach vorn, hinter ihnen her und gewann so einen immer besseren Platz. Jetzt hatte er sich mit schlauem Lächeln bis in die Mitte ihrer muskelstarken Gruppe zu drängen gewußt und stand da, von ihrer Stärke beschützt und behütet; seine Lippen lächelten, seine Augen lächelten, während er auf den bronzeschweren Vorhang starrte.

»He, Freundchen, was bedeutet das?« fragte der Germane. »Ihr seid stark und ich bin schwach,« antwortete der Inder mit einem schmeichelnden fremdenTonfall in seinem singenden Syrisch. »Der Schwache sucht Schutz bei dem Starken. Aus dem Park bin ich hinter euch hergekommen. Hier haben wir einen recht guten Platz, um den Tanz Seiner Heiligkeit zu sehen.«

Er sprach förmlich und höflich, mit leiser Stimme, unaufhörlich lächelnd, denn er fühlte sich in der Gruppe der Gladiatoren, an die er sich immer dichter anschloß, sicher und geborgen. Der Rücken des Germanen drückte gegen seine Brust; links und rechts preßten ihn zwei schwere Gallier, hinten drängten zwei Netzfechter und ein Tierkämpfer, und er ließ sich pressen und drängen, eingeklemmt von diesen Prachtkörpern, diesen Muskelmassen, die ihm entgegenschwollen, von den rauhen bestialischen Köpfen, die über ihn hinweg sahen, weil er kleiner war.

»Siehst du Bassianus zum erstenmal tanzen?« fragte der Inder den Mirmillo.

»Ja«, antwortete der Germane kurz.

»Ich habe dich jüngst bei den Spielen gesehen«, fuhr der Inder mit schmeichlerischem Lächeln fort, »du bist Gualterus; nun, man kennt dich ja genugsam. Ich habe dich bewundert, du hast dein Netz so kunstvoll hingelegt wie kein anderer. Wahrhaftig, das nenne ich Kunst, wie du es hinlegtest!«

Der Mirmillo brüllte laut vor Freude.

»Ja, ja, es war gut!« sagte er, selbstgefällig prahlend.

»Seht ihr den göttlichen Bassianus auch zum erstenmal?« fragte der Inder höflich, indem er rundum auf die andern blickte.

»Ja, ja«, erwiderten sie.

»Wir haben ihn schon einmal opfern sehen ...«

»Aber tanzen noch nie ...?«

»Nein, tanzen sehen wir ihn heut zum erstenmal.«

»Nun,« sagte der Inder, »da werdet ihr Augen machen.«

»Sahest du ihn denn schon tanzen?«

»Mindestens fünfmal. Es ist etwas, was man vor ihm nie gesehen hat und nach ihm nie wieder sehen wird. Es ist eine Weide für Herz und Augen. Ich bin Ganadasa, der Gymnosophist, ich komme vom Ganges und glaubte viel gesehen zu haben, aber ich hatte nichts gesehen, bevor ich den heiligen Bassianus tanzen sah. Götter, wie schön ist das! Ja, ich bin Gymnosophist, ich habe auf meinen Nabel gestarrt, um mich von der Welt abzukehren und in den unsichtbaren Dingen aufzugehen, doch seit ich Bassianus sah, bin ich nicht mehr Gymnosophist, seit ich Bassianus tanzen sah, bin ich Anbeter der Sonne und Anbeter des Bassianus. Götter, wie herrlich ist dieser Tanz, ein wahres Wunder!« »Ja, ja,« meinte der Mirmillo, »das sagen alle.«

»Dränge dich noch weiter vor!« riet der Inder mit leisem Schmeicheln, während er aus seinem Lendentuch einen halben Aureus in die Pfote des Gualterus gleiten ließ.

Die Gladiatoren stießen vor; sie spalteten die wütende Menge in zwei Teile. Jetzt näherten sie sich immer mehr dem Heiligtum, wo die Velites Wache standen.

»Hier seht ihr alles!« sagte der Inder Ganadasa, »die Estrade des Prokonsuls, der Präfekten und der drei Mütter! Das ist ein guter Platz, von hier lassen wir uns nicht vertreiben, nicht wahr?«

»Dafür wollen wir schon sorgen«, schrien die Gladiatoren prahlerisch.

»Sag' mal, Freundchen,« meinte der eine Gallier, während er den Inder um den Leib packte und die Falten seines Lendentuches betastete, »hast du nicht auch für mich einen Aureus?«

»Gewiß,« lächelte der Inder, »schau her...«

»Und für mich? Und für mich?« riefen die anderen. Sie umdrängten Ganadasa, bis er ganz eingeklemmt war zwischen den Schenkel- und Bicepsmassen.

»Gewiß«, sprach er mit unverwandtem Lächeln. »Seht hier! Und hier!«

Allen drückte er in die plumpen Fäuste Goldstücke, die er listig hervorzauberte, aus welchem Versteck, wußte niemand, denn sein Lendentuch war schmal und nur ganz locker geschlungen. »Für einen Philosophen vom Ganges bist du sehr reich«, meinte der Mirmillo Gualterus.

»Nein, ich bin nicht reich,« erwiderte Ganadasa mit sanfter Stimme, »aber von dem, was ich empfing, gebe ich meinen braven Gefährten, die stark sind, herzlich gerne, schon deshalb, weil ich irdische Schätze nicht achte und nur nach dem Unsichtbaren strebe, denn ich lebe von nichts und brauche nichts. Aber die ehrwürdige Mäsa, die Großmutter des Bassianus, ist reich. Sie hat mir Armem auch ein Almosen in Gold geschenkt, als sie an mir vorüberging, während ich grübelnd auf einem Stein saß. Wenn sie Kaiserin wäre, oder, besser noch, wenn unser herrlicher Bassianus Kaiser wäre, dann würde das Gold fließen, ohne Unterlaß, in die Taschen aller braven Gefährten und Gladiatoren ...«

»Wenn Bassianus Kaiser würde?« wiederholten die Gladiatoren fragend, während sie Ganadasa umdrängten.

»Gleich werdet ihr ihn tanzen sehen!« rief der Inder in einer Verzückung, die in Wahrheit in seiner Seele lebte und die er jetzt seinen Zwecken dienstbar machte. »Der Liebling! Gleich werdet ihr ihn tanzen sehen! Er ist Gott und Oberpriester, aber auch noch Kind, ein so liebliches Kind! Niemals habt ihr etwas gesehen wie diesen Tanz! Während er tanzt, gibt er sich allen, die ihn sehen, so wie die Sonne selbst sich gibt und alle mit ihrer Glut bestrahlt. Es gibt nichts Herrlicheres! Ich brauche nichts anderes mehr in den drei Monaten, nachdem ich Bassianus habe tanzen sehen. Er ist mir Speise, Trank, ich lebe von ihm, er wärmt mich, ich denke durch ihn, ich träume von ihm, ich bete ihn an und habe ihn lieb! Ihr starken Männer werdet toll und trunken werden. O, wenn Bassianus Kaiser würde!«

»Aber warum soll er denn Kaiser werden?« fragte der Tierkämpfer dumm mit weit offenem Maul, »Macrinus ist doch Kaiser, Macrinus – – –«

»Ja«, flüsterte der Inder Ganadasa, »Macrinus ist Kaiser, Macrinus, der Mörder von Antonius Caracalla, der jedem einen Mantel gab ... der Mörder von Bassianus' Vater!«

»War Caracalla der Vater des Bassianus ?« fragte der Netzfechter.

»War nicht Avitus der Vater des Bassianus?« warf Gualterus ein.

»War Caracalla etwa nicht des Bassianus Vater?« fragte Ganadasa entrüstet. »Hat nicht die erhabene Semiamira ...?« »Soaemis?«

»Ja, so wird sie genannt.«

»Die Mutter des Bassianus ...«

Die Gladiatoren grinsten breit.

»... mit ihrer Mutter Mäsa ...,« fuhr der Inder heftig fort, »einer Schwester der Kaiserin Julia Domna im Palatium gewohnt, während Caracallas Regierung? Weiß nicht jeder, daß sie seine Buhle war und Bassianus sein natürlicher Sohn ?«

»Soaemis kommt vermummt in das Bordell des Matthias,« sagte der Mirmillo Gualterus, »vorgestern nacht hat man mir gesagt ...«

»Was, Gualterus?«

Der Gladiator stieß ein wieherndes Gelächter aus.

»Ich hätte sie gehabt, während ich glaubte, eine Hure zu haben!«

Ganadasa wollte ihm erschreckt Schweigen gebieten, als mit stürmischem Getöse, als ob sie eine besiegte Stadt einnähmen, eine Bande von Legionären durch die schreiende Menge stürmte, die Kopf an Kopf, Schulter an Schulter stand. Unbesiegbar in ihrem geschlossenen Vorwärtsstürmen spalteten sie die Menge in zwei Teile, mußten wohl oft um die Säulen herum gehen, fanden sich aber immer wieder, faßten sich an den Armen, trunken vor Erregung, in Schweiß gebadet und erhitzt von den schneegekühlten Getränken, die sie in den Tabernen am Wege im Übermaß genossen hatten. Als der Inder Ganadasa sie mit so tierischer Wildheit daherstürmen sah, wie sie die Männer beiseite stießen, die Frauen mit soldatischer Roheit unter die Füße traten, versetzte er mit seinem schrillen Schreien die Gladiatoren in Aufruhr und befahl ihnen gebieterisch ihre guten Plätze zu bewahren. Er selbst aber verlor durch erregte Unbesonnenheit seinen Platz, als die Soldaten sich näherten und ließ sich mit der Menge wegtreiben, immer weiter nach hinten, dann wieder nach vorn, dann zur Seite, dann wieder nach hinten. Er fluchte, schalt, spie, bis er sich plötzlich mitten in der Bande der Hilfstruppen sah und, ruhig geworden, sein sanftes Lächeln und seine weibisch schmeichlerische Art wiederfand. Sogleich war er auch wieder in lebhaftem Gespräch mit einem Decanus – einem Unteroffizier der Paphlagonier – nicht, ohne einen Blick gewechselt zu haben mit einem dicken Mann, den er verstohlen heranwinkte, und von dem man wußte, daß er Christ war und daß er in seiner Schenke, die zugleich ein Bordell war, die Orgien und Ausschweifungen der Christen gestattete, nicht öffentlich, wie vor dem Moloch zu Heliopolis, sondern insgeheim und von wollüstigen Riten begleitet. Der Christ Matthias wußte sich Ganadasa auf dessen Wink und Blick zu nähern und beide machten einem Juden mit fettig glänzendem Haar, der berüchtigt war wegen seiner Geldgeschäfte und seiner Wechselbank, ein geheimes Zeichen.

»Die römischen Kohorten sind beinahe vollzählig da«, flüsterte der dicke Matthias.

»Du mußt vor allem den Parther Xibaran und den kleinen Ägypter Horus im Auge behalten und Hand in Hand mit ihnen arbeiten«, murmelte Ganadasa.

»Ja, ich kenne sie,« antwortete der fettlockige Jude, »kenne ich sie etwa nicht? Ich werde sie doch kennen. Schon gestern habe ich ihre Bekanntschaft gemacht bei unserem Freunde Matthias. Es waren viele von den Hilfstruppen da und Matthias schenkte seinen Falerner aus. Das pflegt nicht jeden Tag zu geschehen!«

»Die Hilfstruppen sind gewonnen,« sagte Matthias, »doch was die Römer anbetrifft, da habe ich noch meine Befürchtungen.«

»Ich nicht,« flüsterte Ganadasa, »ich habe gestern fünfhunderttausend Sesterzen verteilt.«

»Ja, Geld, gib ihnen Geld!« schrie der Jude.

»Pst!« zischte Ganadasa. »Ein unvorsichtiges Wort und die Sache ist verloren und die Alte läßt uns alle kreuzigen. Die Soldaten dürfen nicht ahnen, daß wir sie bestechen wollen. Sie müssen glauben, es sei ihr freier Wille, wenn es geschieht, wenn es heute, wenn es morgen geschieht.«

»Gestern das Geld und heute der Tanz,« sagte Matthias, »das macht sie toll.«

»Tanzt er wohl so schön wie David vor der Bundeslade tanzte?« fragte der Jude zweifelnd.

»Wie David?« rief der Inder entrüstet aus. »War David ein Gott? War David Heliogabal?«

»Beruhige dich nur«, beschwichtigte ihn der Jude.

Die Soldaten hörten zu.

»Er meint,« rief Ganadasa, »Bassianus könne nicht schöner tanzen als David vor der Bundeslade. Sacrilegium! Bassianus ist das Sonnenwunder!«

Schaum trat ihm auf die Lippen vor Wollust. Seine Augen traten aus den Höhlen, er keuchte. Aber zugleich zauberte er, wie von ungefähr, indem er sich über die nackten Glieder strich, Goldstücke hervor und teilte sie aus. Gierig griffen die Soldatenfäuste zu und ihre Finger fuhren ihm tastend über die Glieder, doch die Goldstücke wußten sie nicht zu entdecken.

»Ja,« sagte Ganadasa, »wenn Mäsas Enkel einst Kaiser wird, dann gibt es immerfort Spiele und Feste und vielleicht jeden Tag den Tanz um den Stein!«

 

Draußen dröhnten die rasenden Gongs, ein Sprühregen von Klängen ging über dem Tempel nieder und wie ein Meer schwoll das Brausen der Menge an. Plötzlich wogte sie auf und ab, wie sturmgepeitscht, und es war, als erschüttere ein Erdbeben den Tempelboden. Schreie gellten, von Geheul übertönt, Hände hoben sich, Finger griffen hysterisch über die dicht gedrängten Köpfe, hungernd vor Verlangen. Wer stürzte, wurde zertreten. Niemand kümmerte sich mehr um den Nächsten, nicht einmal die Mutter um ihr Kind. Die ungeheuren Tore des Haupteinganges sprangen metallklirrend auf, kreischten schrill in ihren Angeln und gleichzeitig schoben sich die bronzeschweren Vorhänge des Allerheiligsten feierlich auseinander und die in Schatten getauchten Augen der Menge wurden erschreckt und geblendet von dem grellen Sonnenglanz des offenen Heiligtums, darin der Schwarze Stein sich reckte, und durch die grimme Glut, die durch die Tore hereinströmte. Aus dem Innern des Heiligtums schwang sich ein Hymnus empor. Falsettgesang von Priestern und das Gezirp von Flöten, unterbrochen durch das Zimbelgetöse, das den Schall der sterbenden Gongschläge draußen beinahe übertönte, und ein zweiter Hymnus antwortete, wie mit der Antistrophe, von den Toren her, wo die scheuenden Pferde der Berittenen so laut wieherten, daß es bis in den Tempel hörbar war. Wie eine wilde Woge wälzte sich die Menge der Pforte zu.

Eine wilde Woge – wie es kam, war unerklärlich, – aber die Gruppe der Gladiatoren, verstärkt durch die Genossen aus der Arena, verbrüderte sich mit den römischen Legionären, unter denen man den Parther Xibaran und den kleinen Ägypter Horus gewahrte. Lustig umjubelten die Klein-Asiaten den christlichen Schankwirt, der ihnen allen für den Abend ein Mädchen versprach, ganz umsonst, oder, wenn sie es vorzogen, einen Knaben von dreizehn Jahren, während der Jude mit den fettigen Locken ihnen so viele Sesterzen vorschoß, als sie nur wollten, und Ganadasa ihnen Amuletts und Gemmen schenkte, die er zu ihrer Verwunderung durch ein leises Streicheln über Schenkel oder Brust aus seiner Hagerkeit hervorzauberte. Seinen Turban hatte er abgenommen, um zu zeigen, daß die Juwelen darin nicht versteckt waren. Eine wild-rasende Woge bildeten all diese starken, rohen Männer, die, ohne es zu merken, von dem Inder, dem Parther, dem Ägypter, dem Juden und dem Christen beherrscht wurden. Frauen ballten die Fäuste gegen die Tore, unter denen, von Hall und Widerhall der Hymnen begleitet, plötzlich der Aufzug erschien.

Voran die prätorianische Kohorte, jeweils zu vieren auf dem mittleren Wege, den die in Brusthöhe vorgestreckten Lanzen der Velites freihielten; dann Centurionen mit dem Efeustab, geschart um den Präfektus Prätorio. Diesem folgten auf dem Fuße der Prokonsul und der Präfekt der Stadt, umringt von Liktoren, die Rutenbündel mit Beilen trugen, und nach dieser kriegerischen und bürgerlichen Macht glühten, scharlachrot wie Flammen, die Mäntel der Opferpriester auf. Ihnen folgten die vornehmen jugendlichen Sonnenpriester, die sich hochmütig in den Hüften wiegten und selbstbewußt-androgyn den Pöbel verachteten, der nur Mann oder Weib war.

»Sieh nur,« sagte der Inder, der den Mirmillo wiedergefunden hatte und seinen Riesenarm umklammerte, »sieh, da sind die heiligen Priester!«

Das Brausen der Menge verrauschte, überhallt und überschmettert von den zwei schrillen Hymnen, die in hysterischer Tonraserei fragten und antworteten, schmachteten und lockten, vom Allerheiligsten zu den Toren hin- und widerklingend. Ein mystischer Schauder durchrieselte die Menge. Im Heiligtum reckte sich der Schwarze Stein, ein ungeheurer Phallos aus Gagat, himmelan, und die Menge blickte vom Stein zum Aufzug, vom Aufzug zum Stein. Der Zug der Priester strömte vorbei, und wiewohl man wußte, daß sie ebenso feil waren wie die Tempelmädchen, für alle, die ihren Preis bezahlen konnten, war ihre Überlegenheit dennoch so vernichtend, daß die aufeinander gestaute Menge von Entsetzen gepackt ward im Vorgefühl der Offenbarung eines göttlichen Mysteriums, das vorüberzog und unheimlich nahe war.

»Sieh,« sagte Ganadasa und ließ den Mirmillo nicht mehr los, sondern klammerte sich an ihn, als suche er Schutz vor einer Verzückung, die ihm wohl gar fürchterlich werden und ihn der Erde entrücken könnte, »sieh, das ist Hydaspes, der Obermagier!«

Bebende Stimmen flüsterten ehrfurchtsvoll, als der Obermagier eintrat, umringt von den anderen Magiern, den Hütern der okkulten Wissenschaft, die mit unirdischen Augen vor sich hinstarrten. Man wußte, daß die Magier im Turm den Mysterien huldigten, um sich den Füßen der Götter zu nähern, und ein banger Schauder durchfuhr viele, die da glaubten, daß sie sterben müßten, wenn die Augen des Hydaspes länger als eine Sekunde auf ihnen ruhten. Allein er starrte unablässig vor sich hin, während er einher schritt, und die anderen Magier taten wie er.

»Das sind die drei Mütter!« rief Ganadasa erregt. »Die erste ist Julia Mammäa, die Mutter des kleinen Alexianus, und die ihr folgt, ist die erhabene Julia Semiamira.«

»Wahrhaftig!« brüllte Gualterus, starr vor Staunen, »Soaemis!«

»Semiamira!« sagte Ganadasa verbessernd. »Die in der goldenen Chlamys mit dem Saphirdiadem.«

»Meinst du, ich erkenne sie nicht?«

»Und sieh, sieh, da kommt die ehrwürdige Julia Mäsa, ihre weiße Chlamys steht steif ab durch die Schwere der Perlen. Man erzählt sich, daß sie Perlen ißt! Ein königliches Weib!« Während er den Mirmillo in den Arm kniff, wies er immerfort auf die drei Fürstinnen, die sich langsam näherten, umgeben von ihrem Gefolge von Frauen, Würdenträgern und Eunuchen.

»Sieh, sieh doch!« rief Ganadasa, »da tanzen die Dirnen herein!«

Die Menge wogte, um besser zu sehen, wogte dichter und dichter. Die Tänzerinnen wirbelten daher, wie getrieben von der Raserei der Hymne und Gegenhymne. Während sie tanzten, spielten sie die Flöte oder schlugen Zimbel und Trommel oder zupften das Sistrum. Sie waren völlig nackt, doch beschuht und geschminkt und mit kunstvollem Haarbau geschmückt.

»Sieh, sieh!« schrie Ganadasa, »da kommen die Sonnenkinder!«

Eine Weihrauchwolke dampfte auf, ein Schwarm Turiferi schwenkte Rauchfässer und Lampen. Es war, als wälze sich ein gelber Brand herein. Die Sonnenkinder, ganz jugendliche Priester von kaum zehn, zwölf Jahren, angetan mit Mitra und Samara, waren fast nicht zu erkennen in dem Dunst, der sich nur langsam verflüchtigte. Allein Ganadasa entdeckte doch den kleinen Alexianus; mit den anderen lief er hinterdrein und streute Blumen ... Aber dort beim Haupteingang, in dem gelben Brande, schrie das Volk, stieß sich, drängte, staute sich keuchend aufeinander und brüllte hysterisch.

»Sieh, so sieh doch nur!« kreischte Ganadasa und stieß Schrei auf Schrei aus. »Sieh doch nur, Gualterus, da kommt ... da kommt Bassianus!«

 

Der Mirmillo war rasend vor Spannung. Er versuchte sich loszureißen, doch der Inder war wie an ihn geschmiedet. Überall in der ungeheuren Apadana gerieten Frauen und Kinder unter die Füße; man zertrat und tötete, um dem Eingang näher zu kommen. Die Schlachtopfer schrien, Blut strömte, Haare klebten an Fingern und zerfetzten Gewändern; Knochen krachten unter den Füßen ... Bassianus war hereingekommen, das Volk jauchzte und schrie. Ganz langsam schritt er näher. Auch er blickte starr vor sich hin, erschien nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Gott.

Sein idolgleiches Antlitz, herrlich wie das eines Sonnensohnes, wie das der Sonne selber, schien erstarrt in dem leuchtenden Email, und die auf assyrische Art gerollten Locken hingen nicht mehr blond, sondern wie Gold schimmernd von der hohen Mitra herab, von großen Karfunkeln überglitzert. In seinem weitärmeligen Hohenpriestergewande schritt er langsam einher, zwischen den Velites hindurch, die dem Druck der Menge fast erlagen. Mehr als die Soldaten es vermochten, hielt der Zauber von Bassianus' Göttlichkeit die Menschen in Bann. Fünf Priester trugen die Schleppe des Mantels, so daß man sein Schreiten sah; andere Priester stützten ihm die Arme. So bewegte er sich vorwärts, starr, scheinbar leblos, und sein Mantel, der steif war von Gemmen, glitt wie eine Glocke von seinen Schultern in die Hände der beinahe kriechenden Priester vom Dienst herab. Der Weihrauchnebel umgab ihn rings mit dem Abglanz eines blauen Paradieses. Schirme aus Straußenfedern nickten über seinem Haupte; Priester folgten, Velites beschlossen den Zug, aber niemand achtete ihrer. Aller Augen waren auf die Heiligkeit des Bassianus gerichtet, während er aus der hymnenumrauschten Pforte durch die andere, die des Allerheiligsten, trat...

Ein Aufatmen. Der Zug hatte das Allerheiligste erreicht, einen oben offenen viereckigen Raum, weißglühend im Sonnenglanz, aus dem Schatten der menschenerfüllten Apadana drüben sichtbar. Auf einem Sockel aus Marmor und Jaspis erhob sich der Schwarze Stein, um den sich ein Umgang hinzog, von dem Stufen zu weiteren Umgängen herab führten, auf denen drei Altäre standen. Seitwärts erhoben sich Estraden, durch Vela gegen die Sonne geschützt. Dort ließen sich der Prokonsul und die beiden Präfekten mit ihrem Gefolge nieder, die Mütter mit ihren Frauen und alle Angesehenen, die an dem Aufzug teilgenommen hatten. Bleich schimmerten die Lampen in der Sonnenglut, aber aus den geschwenkten Rauchfässern qualmte Weihrauch hoch und höher empor, alles in blaugraue Nebel hüllend, und mit ihnen, wie in einer paradiesischen Umwölkung, stieg Bassianus empor, geführt von den Priestern, die ihm Ärmel und Mantelsaum trugen. Die schmetternde Hymne und Gegenhymne verklang und nur die Weise der Flötenspielerinnen auf dem untersten Umgang schien demütig zu flehen, klagend und in toll verliebtem Verlangen. Den Rücken der Menge zukehrend, doch deutlich sichtbar, neigte Bassianus das Haupt über den Fuß des Steines, die Priester nahmen ihm die Mitra ab und sein goldgelockter Scheitel strahlte Verklärung. Er legte stehend seine Stirn auf den Fuß des Steines, der kegelförmig aufstieg, glänzend schwarz und sonnenüberflutet, als tropfe schwarzes Wasser von ihm herab. Bassianus küßte den Kegelfuß und schlug mit der Stirn dreimal leicht gegen den Monolithen. Atemlos folgte die Menge seinen Bewegungen, auf den Tanz wartend. Aber noch regte er sich nicht: anbetend starrte er und sein Mantel glitt herab in die Hände der Priester, faltenlos. Die Musik schwoll an, die Trommeln wirbelten, die Zimbeln schmetterten, die Sistren zirpten. Bassianus hatte sich umgewandt und das Volk sah sein Götterantlitz. Er blickte starr vor sich hin. Die Mitra wurde ihm wieder aufgesetzt und man sah ihn eine Bewegung machen mit den Händen, die klein, weiß und juwelengeschmückt aus den Ärmeln hervorkamen. Unbeweglich stand er da, minutenlang, während die Opfertiere vorgeführt wurden, mit Blumen und Bändern geschmückt, Böcke und unzählige Schafe, die, eine weiße Herde, über den Umgang trippelten. Schon wurden die Tiere von Opferdienern gepackt und auf den beiden Seitenaltären niedergelegt und festgehalten. Wie rote Flammen näherten sich Opferpriester, das Opfermesser in der Hand; alle stießen gleichzeitig zu: auf sprangen die Bäuche, kreischendes Blöken wurde von zirpender und schmetternder Musik übertönt; das Blut floß in breiten Strömen, in blumengeschmückten Körben wurden die austretenden Eingeweide sorgfältig aufgefangen. Die noch zuckenden Kadaver wurden herabgeworfen; verschwanden unten im Heiligtum. Andere Schlachtopfer wurden vorgeführt, brüllten und verendeten, das Blut floß, die Eingeweide zuckten in den Körben. Unbeweglich stand Bassianus. Jetzt wurde ihm ein Mantelgewand aus roter Seide, gleich dem der Opferpriester, steif von roten Gemmen und Edelsteinen, über den goldenen Glockenmantel gelegt; seine goldenen Ärmel streckte er durch die roten Ärmel; die goldene Mitra wurde abgenommen und eine scharlachrote ihm aufgesetzt; das alles begleitet von dem Rhythmus ritueller Gebärden, die sich nach Trommel- und Zimbelschlag regelten. Von den Opferpriestern, die ihm jetzt dienten, wurde er zum Mittelaltar hinabgeführt. Opferdiener führten einen Bock vor, den makellosesten: das Opfermesser wurde ihm dargeboten und er tat den Schnitt ohne Zaudern. Das Blut floß in eine tiefe Rinne. Nach dem Bock opferte er drei Schafe, die untadeligsten der Herde. In blumengeschmückten Körben wurden die Eingeweide aufgefangen. Tamburins und Sistren klapperten und klimperten, den Gefäßen entstieg der Weihrauch. Andere Opfer fielen auf den Seitenaltären, die Menge, die sie anfänglich gezählt hatte, zählte nicht mehr, schaute nur zu, keuchend vor Erwartung. Zurückgekehrt zu den ersten Priestern vom Dienst, die ihn aus den Händen der Opferpriester in Empfang nahmen, betrat Bassianus zum zweitenmal den höchsten Umgang, legte zum zweitenmal die Stirn auf den Fuß des Steines und blieb regungslos, während ihm die Priester Opfermantel und Mitra abnahmen. Die Flötenweise schwang sich mit klagendem Ruf von der Erde empor, die Liebe des Sonnengottes erflehend.

 

Jetzt wandte Bassianus sich um. Eine kleinere Mitra, die dritte, rubinübersät, wurde ihm aufgesetzt und ganz langsam, wie bei der Offenbarung eines Tabernakels, öffneten die Magier ihm den Mantel, die Ärmel glitten über seine Arme hin und das steife Gewand sank nach rückwärts in die Hände der ehrfurchtsvollen Priester.

Das Seufzen der Menge schwoll an zu einem keuchenden Ruf der Befriedigung. Nackt stand der Hohepriester da. Die Menge sah den Gott: zuerst als geschlechtslosen Geist des Lichtes; dann würde er als Mann-Jungfrau auf die Erde herabsteigen und Mittler sein zwischen dem Höchsten und dem Niedersten. Wer die Mysterien kannte, schwelgte in Verzückung: wer nur sinnlich war, fühlte seine Sinnlichkeit aufgepeitscht zu rasendem Verlangen. Männer begehrten, Frauen begehrten; Kinder streckten die Hände aus nach dem Idol. Niemand erreichte es. Es stand fern, regungslos, unnahbar, deutlicher und deutlicher ward es sichtbar, während sich der Weihrauchnebel teilte. Sein Name wurde gerufen, sein Ruhm geschrien; man warf ihm Kußhände zu. Regungslos stand er da und unbeweglich, die Arme vom Körper wegstreckend und die Hände erhebend mit empfangender Gebärde. Er empfing die Anbetung der Menge; er lächelte, weil man ihm Kußhände zuwarf. Sein Lächeln fing die Küsse auf. Er erhielt sie von allen Seiten; durch die ganze schimmernde Apadana flogen sie ihm zu. Nicht einen einzigen wehrte er ab.

Schweratmend, mit irrem Grinsen, in schwelgender Gier schaute die Menge. Auf dem unteren Umgang hatten sich die flötenspielenden Dirnen versammelt, ihre um Liebe flehende Klage stieg empor, höher und höher, wie das Schmachten der Erde. Langsam bewegte Bassianus die Hände auf und ab, hob sie höher empor, als reiche er das Verlangen dem Himmel entgegen. Sein silberner Körper begann leise zu wogen, hin und her, als schwebe er leicht auf dem Atem des Gesanges, als sei er eine große Lilie, die im Säuseln eines sanften Windes bebt. Hin und her, hin und her wogte er, die Hände erhoben, und seine silberweißen Glieder waren in Licht gebadet, seine Juwelen schossen Funken, erloschen und blitzten wieder auf. Plötzlich ertönten alle Zimbeln zugleich und dieser vielfältige Schlag gebar Entsetzen. Die Menge keuchte. Bei dem Zymbelschlag hatte Bassianus sich auf einem Fuße vornüber gebeugt, den anderen hatte er vom Boden erhoben, und so wiegte er sich im Gleichgewicht, kunstvoll, als entschwebe er der Erde in strahlendem Traum. Auf der Spitze seiner Zehen zitterte er, gleichsam losgelöst von der Erde. Seine Augen schmachteten gen Himmel; sein Lächeln lockte die liebeschmachtende Erde, ihm zu folgen. Sistren zirpten und plötzlich, unerwartet, beschrieb er auf den Zehenspitzen einen Kreis, drehte sich wie ein leuchtender Kreisel, stand still und begann, langsamer, in rhythmischer Bewegung den Stein zu umschreiten. Sein ganzer Körper wand sich jetzt und vor den Augen der schwelgenden Menge wandelte sich die vollendete Linie seines Körpers unablässig.

Die Mitra wurde ihm abgenommen, er schlang die Arme um den Kopf, stützte den Hinterkopf in die Arme und sein Leib bog sich nach rückwärts, dem Schwarzen Stein zu, mehr und mehr, bis es schien, als müsse er zerbrechen. Lüstern genoß die Menge jede Linie seines Körpers. Trunken war sie, starrte wie gebannt auf die Blume seines Nabels. Wieder erklangen die Zimbeln und plötzlich schnellte er empor, wirbelte in einer glitzernden Spirale umher und schien nur noch ein silberleuchtendes, von Goldgesprenkel überfunkeltes Zittern. Dann beugte er sich wiederum herab, den Rücken jetzt der Menge zugekehrt, so daß sie ihn im Winkel zum Kreuz gebogen sah, die Beine im Bogen gespannt und den Kopf hintenüber neigend, während seine lachenden Augen verführerisch lockten. Er bog sich im Halbkreis, immer tiefer, immer runder mit schier unfaßlicher Geschmeidigkeit, die nur durch strenge rhythmische Übung und Salbung aller Art erlangt sein konnte. Seine Arme bewegten sich leicht; er war wie eine Pflanze, deren Stengel sich nach rückwärts biegt, sein Kopf eine große weißgoldene Blume mit Augen, die die Menge gleißend anstrahlten... Tosende Bewunderung brach los in der Gruppe der Gladiatoren, da sie, die jegliche Art von Leibesübung kannten und zu schätzen wußten, es für schier unbegreiflich hielten, daß ein zarter Knabe sich so lange und so tief in dieser Stellung nach rückwärts gebeugt halten könn, ohne sich die Wirbelsäule zu brechen oder auch nur einen Augenblick das Gleichgewicht zu verlieren. Bassianus lächelte strahlend; langsam, nach dem Rhythmus kurzer Zimbelschläge, wuchs er empor, wirbelte umher, stand aufrecht die Arme sieghaft erhebend. Nur eine leichte Röte färbte seine Stirn. Nicht eine einzige Ader war sichtbar angeschwollen. Jetzt sollte der Mittler, bisher geschlechtsloses Licht, sich erbarmungsvoll wandeln und zur Mann-Jungfrau sich verkörpern. Plötzlich warf er sich flach auf den Stein, schwang sich, begleitet von rasendem Sistrenschnarren, auf und nieder und deutete die heilige Wandlung an: Er gab sich der hungernden und dürstenden Erde als Mann und als Weib zugleich in bedeutsamer Symbolik, in leidenschaftlich mitleidsvoller Ekstase. Weihrauch wurde ihm geschwenkt und inmitten der Magier, die mit ihren schweren Bässen einen Bittsang anstimmten, symbolisierte er die Wandlung. Die Menge wand sich in ohnmächtiger Wollust; sie wogte auf und ab, um besser zu sehen, wogte zurück an den alten Platz. Arme wurden geschwenkt, derbe Hände krampften sich über Köpfen, Finger machten unzüchtige Gebärden, Kehlen kreischten, Umarmungen wurden ohne Scham genossen.

»Heliogabal! Heliogabal!« Gellend ertönte sein göttlicher Name.

Da war keiner, der gleichgültig zusah; keiner, der nur mehr neugierig war, wie bei einem Aufzug, einem Spiel, einem Tanz; alle waren von der Verzückung gepackt. Sogar auf den Tribünen boten die Frauen den Männern ihre Wollust dar; sie rissen sich die Gewänder vom Leibe. Hydaspes blickte in starrer Ekstase vor sich hin. Semiamira stieß einen Schrei aus und warf sich hintenüber, im Glanz ihrer goldenen Chlamys. Nur Mammäa blieb kühl und aufrecht und die alte Mäsa schritt, während sie die Augen unbeweglich auf die Menge heftete, von der Estrade herab, schlich durch die Reihen der Velites und winkte unmerklich Ganadasa, dem Inder.

»Heliogabal! Heliogabal!« Brausend ertönte der göttliche Name. Die Menge zitterte wie im Fieber; sie heulte vor kraftloser Ohnmacht.

Plötzlich wagte der Inder Ganadasa zu schreien:

»Heil und Leben dem Bassianus!«

»Heil!« stimmte jenseits der Parther Xibaran ein.

»Heil dem göttlichen Bassianus!«

»Heil dem herrlichen Enkel der ehrwürdigen Mäsa!« schrie mit schriller Stimme Horus, der kleine Ägypter.

»Heil!« brüllte der Schankwirt Matthias. Er stand neben dem Juden, zwischen einer Gruppe von Zenturionen der römischen Kohorten. Der Jude schrie plötzlich kreischend: »Heil Bassianus, dem herrlichen Enkel des geliebten Antoninus Caracalla, der jedem einen Mantel schenkte!«

»Was sagt er? Was ruft er?« fragten Stimmen von ferne.

Aber die Sistren gellten lauter.

Schmachtend und zugleich wilder sangen die Flöten, vor Liebessehnen fast zerspringend. Wohl gewahrte die Menge nahe der Gruppe der Centurionen, daß jeder die Hand nach dem Wechsler und dem Schankwirt ausstreckte, die beide etwas austeilten, – doch was es war, konnte man nicht erkennen, da die Empfänger es sogleich in den Falten ihrer Toga verbargen. Und die keuchende Menge wandte sich von neuem Bassianus zu.

Wie in Wandlung begriffen stand er da, die Mitra wieder auf dem Haupte, umringt von den Priestern der Sonne, die, ihrer Samara entkleidet, weiß, nackt und jung erschienen, mannweiblich hoch beschuht, mit Halsschnüren und Mitra angetan. Sie sangen und schienen ihn mit ihren hohen Falsettstimmen anzuflehen, sich der Erde völlig hinzugeben, der Erde, die da schmachtete; und, mit geöffneten Handflächen, als empfinge er ihr Flehen, zögerte er nicht länger, als es der Ritus gebot. Wie herabstürzendes Wasser fiel eine jubelnde Gamme von hoch erhobenen Harfen ein. Das neue Motiv ließ die selige Menge erschauern. Sie stöhnte, flehend wie die Priester der Sonne. Die Sonnenkinder knieten vor Bassianus nieder und er selbst nahm sich jetzt die Mitra ab und reichte sie dem knieenden kleinen Alexianus. Alexianus reichte sie einem links stehenden Priester, Bassianus löste seine Halsschnur und ließ sie in die Hände des Alexianus gleiten, der sie einem rechtsstehenden Priester darbot. Dann lächelte Bassianus, und indem seine Nacktheit nackter nun wurde, drückte er auf eine Schnalle seines Gürtels, den Alexianus alsbald zu seinen Füßen aufhob. Doch noch immer sah die Menge den Hohenpriester geschlechtslos in seiner idealen Gottform, erhabener als in der Inkarnation zur menschlichen Mann-Jungfrau. Die Edelsteinmuschel, die sein Geschlecht barg, funkelte noch immer, an unsichtbaren dünnen Schnüren befestigt, die fleischfarben an seinen Leisten entlang liefen. Wieder wurde ihm Weihrauch geschwenkt, die Priester wichen zurück.

Der heiligste Augenblick war gekommen. Schwer atmend war die Menge allen seinen Bewegungen gefolgt. Beim Erklingen der Harfen drehte sich Bassianus wie ein Wirbelwind um sich selber, und alle Mädchen umringten ihn gleichfalls im Wirbeltanz, warfen sich hintenüber und flehten ihn an, Mann zu werden. Die Magier streckten ihm die Hände hin, donnerten ihm ihre Baßhymne entgegen und beschworen ihn, Weib zu werden, hinab zu steigen zur Erde, Mittler, Mittlerin zu sein. Sein Lächeln schien ihnen Gewährung zu verheißen, seine mitleiderfüllte Seele schien zum Erbarmen bereit. Ein Stöhnen durchschauerte die Menge. Auf den Estraden hatten sich alle erhoben. Semiamira krampfte die Hände ins Leere; Hydaspes, der inmitten der Magier die Hymne anstimmte, war totenbleich. Nur Mammäa blieb kühl, ihre Blicke heftete sie auf ihren Sohn Alexianus. Beim Einsetzen der Harfen trat Bassianus wiegenden Schrittes vor den Stein; sein Körper leuchtete wie ein Sonnenstrahl, wiegte sich wie eine Blume im Winde. Eines der Mädchen, Xylitta, begleitete seine wiegenden Bewegungen, indem sie beinah am Boden kroch und zu seinen Füßen kauerte, während ihre tastenden Finger seinem Rhythmus folgten. Jetzt näherte sie sich ihm und behende löste sie die drei Kameeschnallen von seinem linken Bein. Bassianus tanzte weiter. Das Mädchen war totenbleich, doch immer noch irrten ihre Finger umher. Nun tastete sie nach den Schleifen seiner Schuhbänder unter dem Knie und löste sie während des Tanzes nach dem hüpfenden Takt; die Bänder ließ sie lose über ihre Arme gleiten. Noch spiegelte sich die grause Furcht in ihren Zügen; doch Bassianus lächelte noch immer, entschlossen, sich als Mittler zum Doppelgeschlecht zu bekennen. Mit schier unfaßlicher Kunst tanzte er halb entschuht weiter, während sie der leisesten Schwankung seines Rhythmus folgte und, die Bänder über dem Arm, seinem heiligen Schritt nachschmachtete. Als Bassianus dann seinen Fuß höher hob, löste sie den Schuh, küßte ihn und sank zu Boden. Die Menge sah Bassianus den Stein an der rückwärtigen Seite umtanzen. Als er wieder zum Vorschein kam, näherte sich ihm Livilla. Ihre Lippen zitterten, ihre bebenden Finger folgten seinem Tanzschritt, rhythmisch tastend löste sie die Kameen nach dem Takt. Eine entglitt ihren Fingern; fast wären ihr die Sinne geschwunden. Doch schnell wußte sie die Kamee aufzuraffen, und indem sie sich völlig zusammenkauerte, folgte sie verzweiflungsvoll den Schritten des Bassianus, tastete nach der Schleife unter dem rechten Knie. Zum Glück war ihr Griff sicher, nach dem Takt löste sie die Bänder, nahm den Schuh von seinem Fuß, vielleicht um einen Gedanken zu früh, küßte den Schuh und sank fast ohnmächtig nieder. Die Menge schaute die nackter und nackter werdende Nacktheit, die sich alsbald zum Doppelgeschlecht bekennen sollte. Bassianus war beinahe völlig nackt, aber Mann-Jungfrau war er noch nicht. Die Rubinmuschel, die wie ein rotfunkelnder Tropfen zwischen seinen Schenkeln glühte, ließ seinen silbern-weiß leuchtenden Körper noch immer geschlechtslos erscheinen.

»Bassianus! Heliogabal!« brüllte die Menge. »Es lebe Bassianus Heliogabal! Es lebe der göttliche Enkel der Mäsa, der göttliche Sohn der Semiamira, der göttliche Sohn des Antoninus! Heil dem Sohn des Antoninus Caracalla! Heil dem Hohenpriester der Sonne! Heil dem heiligen Kinde! Heil seiner heiligen Sonnenherrlichkeit! Bassianus! Heliogabal! Steige herab! Steige herab zur Erde! Komm, komm! Werde Mann! Werde Weib!«

Das Volk raste in orgiastischem Taumel. Plötzlich, während die Magier, die Priester, die Dirnen, die Sonnenkinder ihn dicht umringten, stehend, knieend, vor ihm am Boden liegend, streckten sich des Bassianus Finger langsam nach der Muschel aus und ließen das Juwel wie einen rotglühenden Tropfen in die Hände des kleinen Alexianus fallen. Unter den ihm entgegengestreckten Händen der Dirnen wurde der zur Erde herabgestiegene Mittler Mann, doch silbern-blank schimmerten die jungfräulichen Brüste und unter den sehnsüchtigen Händen der Magier wurde der Mittler, allvermögend, zum Weibe. Es war, als streckten sich der Erde Hände seinem Erbarmen entgegen, denn Tausende von Händen der jauchzenden, kreischenden, stöhnenden Menge griffen gierig nach ihm, um sich seiner zu bemächtigen. Kußhände wurden ihm zugeschleudert und der Mirmillo Gualterus brüllte laut:

»Liebling, Liebling!«

Der Knabe erschrak; dann aber konnte er vor lauter Freude nicht ernst bleiben und lachte, und weil er lachte, lachten alle, und wer fernab stand, fragte, worüber man lache.

 

Noch stand er, silbern-nackt, zwischen den verlangenden Händen der Magier und der Dirnen. Das geöffnete Allerheiligste wurde plötzlich von scharlachfarbenen Sonnensegeln verschleiert und nach der blendenden Strahlenhelle war es wie rötliche Nacht. Am Fuß des Steines stieg aus der Tiefe des Heiligtums eine goldene Lagerstatt empor und in die goldenen Kissen sank der Mittler zurück und sein Körper symbolisierte dort den Altar des Erbarmens. Der jubelnde Tanz der Dirnen und die jauchzende Hymne der Magier feierten die Freude der Erde, ihre Erlösung und ihre dankbare Verzückung. Der Schwarze Stein begann zu strahlen. Er begann zu strahlen an seiner kegelförmigen Spitze, und so hell blendend, daß er himmlische Strahlenbündel entsandte. Die Menge erschauerte in sinnlichem Grauen, in mystischem Schauder. Der Stein strahlte greller und in seinem gleißenden Strahlen gewahrte die ohnmächtig schmachtende Menge den doppelten Kuß, den der erbarmungsvolle Mittler von der Erde empfing. Magier neigten sich über seinen weiblichen Mund, Tänzerinnen über seine Schenkel. Jauchzender Jubel brach los. Die rasende Musik übertönte das rasende Rufen der Menge, die brünstig in ihrem wahnwitzigen Verlangen, weiter und weiter vordrang, die mordete, zertrat, erwürgte, um dem Kuß näher zu kommen, um teil zu haben an dem Kuß, um selbst den Kuß zu geben. Doch plötzlich dröhnen die Donner goldener Gongs: der Stein wird stumpf, die scharlachfarbenen Sonnensegel teilen sich, die Sonne flutet herein. Alle Magier, Priester und Dirnen weichen zurück; Bassianus erhebt sich, streckt die Hände empor. Er wirbelt umher wie ein silberner Kreisel; er tanzt; Xylitta folgt seinem Rhythmus, fängt seinen linken Fuß in dem Schuh auf, den sie ihm entgegenstreckt und schlingt mit einer, zwei, drei Bewegungen die Schuhbänder sicher um das Bein, befestigt die Kameen. Nach ihr fängt Livilla den rechten Fuß auf, schlingt die Bänder – einmal, zweimal, dreimal; doch ihre Finger beben. Sie befestigt zwei Kameen, die dritte hängt locker. Bassianus selbst muß die Hand senken, mit natürlicher Anmut macht er Livillas Fehler gut.

»Bassianus! Heliogabal! Antoninus!« ruft, brüllt, jauchzt das Volk. Der Knabe starrt, verwundert, daß man ihn mit dem über alles geliebten Kaisernamen ruft. Ist die Stunde gekommen? Ruft man ihn zum Kaiser aus? Er weiß es nicht, er zweifelt, allein er lächelt, sehnt sich jetzt doch wohl einen Augenblick danach, daß man ihn zum Kaiser ausrufe.

»Antoninus! Antoninus!«

Hier und da hört man die verworrenen Schreie zwischen schmatzenden Handküssen. Draußen dröhnen die Gongs. Schnur, Gürtel und Mitra werden Bassianus umgehängt, umgelegt, aufgesetzt; der glockenschwere Oberpriestermantel mit den weiten Ärmeln wird ihm über die Schultern gebreitet.

»Bassianus! Heliogabal! Antoninus! Augustus! Liebling!«

Bei diesen Rufen ist es ihm unmöglich, seine Idolwürde zu bewahren. Er lacht, froh und glückselig, fühlt sich mehr geschmeichelt durch die brutalen Liebesworte als durch die kaiserlichen Namen, die man ihm entgegenschreit. Der Zug formt sich, bewegt sich schon vorwärts: der Prokonsul, die Präfekten, die Magier, die Mütter, die Priester und Sonnenkinder; der Weihrauch qualmt, die Blumen entblättern sich und die Schreie gellen kreischend, immerfort und unaufhaltsam, des Bassianus Weg entlang.

»Heliogabal! Antoninus! Liebling!«

Er lacht laut auf, glückselig leuchtet sein Götterantlitz; und mögen ihm die Priester auch ehrfurchtsvoll Ärmel und Mantelsaum tragen, seine Würde ist geschwunden; denn so meisterhaft er auch sonst seine Rolle spielt, gar zu ausgelassen froh und glücklich stimmt es ihn, daß eine so gewaltige Menge so toll verliebt geworden ist, daß sie ihm aus nächster Nähe Kußhände zuwirft, ihn schamlos anlacht, daß sie ächzt und stöhnt vor Verlangen, bis er endlich aus den empor gehobenen, gemmenübersäten Ärmeln seine Finger an die Lippen führt und nach links und rechts Kußhände austeilt.

Draußen dröhnen die Gongs.

Drinnen zerstampft und mordet man hinter der ermatteten Wache der Velites, um hinaus zu gelangen und im Peristyl noch einmal den Aufzug zu sehen. Sterbende liegen in der Apadana, die sich langsam leert, Blut klebt an den Säulen; überall Fetzen von Gewändern, zertretene Sandalen...

In dem Heiligtum löschen Tempeldiener gleichgültig die Lampen; die bronzeschweren Vorhänge schließen sich.

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