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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Plötzlich, inmitten jener stürmischen Verwirrung, wird es dem Volke klar, was es seit Jahren vermißte: Blut! Blut will es sehen, Blut riechen, Blut vergießen. Zeremonien hat man im Übermaß genossen und Umzüge und Feierlichkeiten, doch zu wenig Blut hat man gesehen. Denn nicht zählen sie das Blut von Tausenden von Opfertieren oder das Blut vieler Säuglinge, da das rituell vergossene Blut den sinnlichen Durst nicht befriedigt. Plötzlich begreift das Volk, daß es sich entscheiden muß. Hunderte haben das noch nicht getan. Sie müssen stimmen für Alexander oder für Antoninus. Plötzlich, in diesem Augenblick, wählen sie. Viele wählen blindlings und ihres eigenen Gefühls unkundig; es ist zu spät, noch nachzudenken. Jubelnd umringen die Argyraspiden den reitenden Alexianus und geleiten ihn nach dem Palatin, mit Mammäa und Mäsa, die vergeblich versucht, ihre Autorität geltend zu machen. Semiamira ist plötzlich verschwunden. Eine Gruppe Hastati keilt sich mit gestreckten Lanzen in dieses zusammengestaute Volk, das heftig gestikuliert; die Lanzen durchstechen Körper, die sich wie Würmer winden; von Todesangst verzerrte Fratzen werden sichtbar, und während schaumbedeckte Lippen sterbend Alexanders Namen röcheln, bemerkt der Primipilus, der Anführer, zu spät, daß er unter den Anhängern des Cäsar gewütet hat, zu denen er selbst gehört. Doch was tuts? Soldaten sehen Blut! Auf ihre Lanzen spießen sie die abgehauenen Köpfe; andere ziehen die Leichen an Haken weiter. Blut fließt, Blut strömt, Blut rinnt, rot, schwarz. Zu verfeinert, zu symbolisch-verderbt, zu religiös, zu weichlich-grausam waren die Sitten des perversen Orients, und erst jetzt fühlen Volk und Heer, was ihnen gefehlt hat, während der dreijährigen Herrschaft des Heliogabal: Blut, das aus gemordeten, über die Wege gezerrten Leibern strömt: Blut und abgehauene Köpfe. So, mit dem Blut vieler, die nicht für den Orient waren, rächen die Gewalttäter sich am Orient, der Rom überwältigte. So nahe dem Lager, wissen die Legionäre dort schon um die Raserei des Antoninus, um die Flucht nach der Alten Hoffnung, wissen, daß Alexianus, von Kohorten und Reiter-Turmae geleitet, im Triumph zum Palatin geführt ward. Doch ihren Tribunen gehorchen sie nicht mehr, und so stürmen sowohl die Römer wie die Hilfstruppen nach der Stadt, nach dem Forum, nach dem Palatin. Des Antiochianus Befehl gehorchend, haben sie alle dem Antoninus zugejubelt; jetzt wissen sie, plötzlich vor eine Entscheidung gestellt, daß sie Alexander wollen, daß sie Alexander lieben. Doch viele Veteranen, viele von den syrischen und phönizischen Legionen wissen auch, daß sie von Alexander nichts zu erwarten haben, fühlen, daß für sie Antoninus stets das göttliche Kind bleiben wird, in das sie verliebt waren, dort zu Emesa, vor nunmehr drei Jahren. Nach dem ersten Scharmützel, bei dem das Blut hoch aufspritzte und einen brennenden Durst in ihnen löschte, eilen sie in Schafen nach dem sommerlichen Palast, um sich mit den Chrysaspiden zu vereinen, um Antoninus zu schützen, um ihm noch einmal zum Sieg zu verhelfen. War Mäsa nicht stets für den Kaiser? Besitzt sie nicht Schätze? Was vermag Mammäa, wenn Mäsa nicht will? So viele, die das Lager verlassen, stürzen nach dem sommerlichen Palast, so daß es eigentlich ungewiß ist, ob der größere Teil des Heeres in der Tat zu Alexander hält. In Rom müssen die Römer sich entscheiden: Für Alexander? Für Antoninus? Sie stimmen, ohne es zu wissen; viele verbergen sich gleichgültig in ihren Häusern, schließen ihre Kaufbuden.

 

Im sommerlichen Palast, wo sich die Günstlinge mit dem Gemahl des Kaisers eine Woche lang verborgen gehalten hatten, war nur noch die Palastwache verblieben, da alle Truppen zu der konsularen Zeremonie ins Lager befohlen waren. Doch plötzlich sah die Schildwache auf dem langen Weg eine Staubwolke, in der viel goldene Funken zu glitzern schienen. Signale ertönten. Rasch eilten die Neugierigen durch das Peristyl und die Gärten der sommerlichen Residenz, die Sklaven, die Priester der Sonne, die Dirnen, die Tänzerinnen, die Cubicularii, die Narren, die Kinder, alles stürmte, zu den Wällen, in dem Augenblick, da die funkensprühende Staubwolke am Ende des Eukalyptusganges sichtbar ward. Rufe erklangen:

»Antoninus! Antiochianus! Die Chrysaspiden!«

Was? Hat sich der Kaiser nicht zum Kapitol begeben, um den Konsuleid zu leisten? Hat die Versöhnung nicht stattgefunden? Hunderte von Stimmen rufen, fragen, schreien durcheinander. Bis in die Gärten hinein jagen die Chrysaspiden, Antoninus in ihrer Mitte. Dort erst schwingen sie sich von ihren Rossen.

»Zu den Wällen! Zu den Toren!« befiehlt Antiochianus.

Antoninus hat sich die Konsulprätexta abgerissen und in wilder Raserei mit den Händen, den Zähnen das Gewand zerfetzt. Alle, die sich ihm nähern, stößt er von sich; schluchzend und fluchend eilt er die Treppe empor zum Peristyl, verbirgt sich in seinen Gemächern. Dort ist es dunkel, der Sonne verwehrte man den Eintritt; nur ein leichter Goldschimmer blitzt auf an Polstern, an Gefäßen, an Decken, an all dem Zierat, der unbeachtet auf den dreifüßigen Tischen umher liegt. Duft von syrischem Räucherwerk entsteigt einem geöffneten Onyxkrug. In einem Winkel, auf dem Zipfel eines Mantels, schläft der kleine Basilisk, das Glückstierchen. In der Dämmerung erscheint er wie ein lebendes Juwel. Durch offene Säulenhallen werden Gemächer sichtbar, verschwommen in der Ferne schimmert der Alabaster des Bades, tropft der Strahl der Fontänen und rings an den Wänden leuchten, deutlich erkennbar, die Fresko-Friese mit den Hermaphroditen und Androgynen, die Satyre zur Liebe locken.

Der Knabe hat sich nackt auf das Lager geworfen, das in der Mitte des Schlafgemaches steht, goldüberdeckt, mit aufgestapelten goldenen Kissen, deren goldene Quasten herabhängen. Wild schluchzt er vor Schmerz und Wut, vor Seelenschmerz und Haß, die in ihm wühlen, weil nicht eine einzige Stimme aus dem Volk ihm zugejubelt hat, ihm, den sie einst anbeteten! O, die Wärme der Begeisterung zu Emesa, wo sie im Tempel einander zu Tode traten, um ihn tanzen zu sehen! ... Dort hätte er bleiben müssen und tanzen, ewig jung, oder früh sterben und emporfahren zum Licht! Er kann doch so nicht weiterleben, gequält, gefoltert durch das vergebene Schmachten nach der wärmenden Liebe, der bewundernden Anbetung des Volkes, das ihn nicht mehr liebt, bewundert, anbetet. Er wälzt sich auf seinem Lager, stöhnend, schluchzend, preßt das Gesicht in die goldenen Kissen, umschlingt die schwellenden Polster mit den Armen und ruft:

»Narr, Narr! Wo bist du, da doch sonst niemand, niemand hier ist?«

Der Mohr hat aus dämmernder Ferne gesehen und gehört; er kommt näher, wirft sich vor den Stufen des Lagers zu Boden.

»Herrchen! Herrchen!«

»Narr, hast du mich lieb?«

Der Mohr umschlingt des Antoninus Füße, preßt sie an seine schwarze Brust und küßt sie wieder und wieder.

»Narr, hast du mich lieb? So schließe die Tür, verriegle sie und bete mich an, auf daß mir warm werde. Mich friert. Verbrenne Weihrauch, entblättere die Rosen dort über mir. So, und nun komm, Narr, komm auf mein Lager, in meine Arme! Komm, streichle mich! Fühlst du, wie kalt ich bin? Ich zittere wie im Fieber, mich friert. Jetzt denke an Emesa, Narr, und an die Rosenbüsche, die uns verborgen hielten. Um uns stießen die Pfauen ihre Liebesschreie aus, wir spielten wie übermütige Kinder. Du bissest mich, ich schlug dich; ich entfloh dir, du eiltest mir nach. Wir waren toll und ausgelassen. Doch auf dem Turm erwartete mich Hydaspes und dort wurde ich sehr ernst. In dem Tempel war ich kein Kind mehr, dort wurde ich ein Gott. O Glück, o Liebe, o Kindheit! Narr, mein Narr, so war es damals, so ist es auch jetzt. Vielleicht zum letztenmal! Bleibe so, Narr, schmiege dich an mich ... so ... Sage mir, sind hier die goldenen Dolche? Vielleicht wähle ich einen goldenen Dolch. Die seidenen Stränge? Aufgehängt zu baumeln ist nicht schön, und Blut, das gerinnt, ist ekelerregend. In der Phiole das blitzähnlich tötende Gift? Das wird das beste sein. Den Turm der Gemmen hatte ich errichten lassen, um dort in Pracht zu sterben und in Anmut. Doch der Turm ist fern, ich fühle es, Narr, daß ich nicht mehr dorthin zurückkehren werde, ich weiß es. Also das blitzähnlich tötende Gift! Wo ist es ? Gib es mir, Narr, auf daß mir für immer warm werde im Licht, im lohenden Licht, und trinke es mit mir und stirb mit mir. Dann führe ich deine Seele mit hinauf zum Licht, du mein Spielkamerad von Emesa!«

Zitternd vor Seligkeit hat der Mohr sich vom Lager erhoben. Da schlägt eine derbe Faust gegen die verriegelte Tür:

»Antoninus!«

Es ist Hierokles.

»Antoninus, öffne! Verflucht, hörst du denn nicht?« Ein Tritt gegen die Tür, die weicht, sich spaltet.

»Was hast du dich einzuschließen? Mach auf! Mach auf! Ich befehle es dir!«

Ein zweiter Tritt, und durch die klaffende Öffnung zwängt sich Hierokles herein.

»Was hast du dich hier einzuschließen mit deinem Mohren?« zischt er Antoninus entgegen. Sein griechisches Heldenantlitz ist zu einer grausamen Fratze verzerrt. »Weihrauch? Blumen? Dies ist wohl der rechte Augenblick, dich umarmen zu lassen! öffne die Läden!« befiehlt er Narr.

Doch der Mohr eilt davon, einen Fluch auf den Lippen, und mit einem einzigen Faustschlag stößt Hierokles selbst die Läden auf, so daß plötzlich, sie zerschmetternd, die ganze sommerliche Mittagsglut auf die goldüberzitterte Todeswollust der Dämmerung herabfällt. Auf dem Lager hat Antoninus, geblendet, das Gesicht in die Hände vergraben.

»Hierokles!« flüstert er bang und flehentlich.

»Was hast du dich einzuschließen mit deinem Mohren? Rom ist in Aufruhr. Glaubst du, so die Macht in Händen zu behalten? Elender! Schwächling! Weißt du, daß das halbe Heer den Schurken auf dem Palatin umringt? Wenn die Clarissima nicht zu dir hielte, wer könnte dir dann helfen? Wenn du nicht herrschen kannst, so werde ich für dich herrschen, ich, dein Gemahl, dein verstoßener Gemahl, der sich eine Woche lang verborgen halten mußte. Meinst du vielleicht, ich wolle mich noch länger verbergen? Ich werde für dich herrschen. Meinst du, ich werde noch länger den Befehlen des Antiochianus gehorchen? Hier, unterschreibe, sofort!«

»Was soll ich unterschreiben, was?«

»Dein Dekret an den Senat, der heute morgen zusammentreten wird: daß du Alexianus als Feind des Staates ausrufst, daß du ihn seines Cäsarentitels verlustig erklärst und mich, deinen Gemahl, an deine Seite erhebst als Cäsar und als Augustus!«

»Hierokles ...«

»Unterschreibe!«

»Hierokles, was nützt es, wenn ich unterschreibe? Ich kann es tun, aber was nützt es, wenn Großmutter nicht will? Mein Hierokles, höre mich an, schlage mich nicht, es nützt nichts, denn Großmutter verbirgt ihre Schätze, niemand weiß, wo.«

»Willst du nicht unterschreiben?« brüllt der einstige Wagenlenker mit Donnerstimme. Mit rauhem Griff zerrt er Antoninus vom Lager und schleift ihn über die Stufen. Der Knabe stößt einen Schrei aus. Doch erbarmungslos reißt Hierokles ihn empor.

»Meinst du, ich wolle noch länger verstoßen sein? Ich bin Cäsar, ich bin Augustus! Zeichne, zeichne – oder ich ermorde dich!«

Einen zweiten Schrei stößt Antoninus aus. Sein Schmerz hat ihm die Kraft gegeben, sich loszureißen, sein Schmerz läßt wilden Stolz in ihm auflohen. Er fühlt sich als Patrizier, als Hoherpriester, Imperator, Gott, und die Entrüstung über den Schimpf, ihm von dem Undankbaren angetan, gibt ihm die übermenschliche Kraft, auszurufen:

»Augustus, du? Du? Ein Wagenlenker, den nur meine Laune, meine feige Liebe erhoben hat? Ein Sklave, ein Athlet, den ich liebte, mehr als mich selbst? Warum? Ich weiß es nicht; denn habe ich nicht Freunde um mich, die mich anbeten und die besser sind als du und meiner Liebe würdiger? Du, Augustus? Du, Kaiser? Haha! An meiner Seite? Du meine göttliche Ehre teilen? Du, du ...?«

 

Vollenden kann er nicht. Wutschnaubend hat sich Hierokles auf den Knaben gestürzt. Er läßt seine Fäuste auf ihn niedersausen, reißt ihn zu Boden, wirft sich über ihn und krampft die derben Finger wie Schrauben um die zarte Kehle seines Opfers.

»Das hast du für deinen Wagenlenker! Und das für den Sklaven! Und das für den Athleten! Und das für deine Laune! Und das für deine göttliche Ehre! Und das und das für deine Freunde, die so viel besser sind als ich!«

Gellende Schreie stößt der Knabe aus. Herein stürzen Antiochianus, Semiamira, noch im Festgewand, Tribunen, Centurionen. Sie werfen sich auf Hierokles. Semiamira zieht ihren Dolch, doch mut- und machtlos läßt sie ihn wieder sinken. Hierokles macht sich los. Breitbeinig steht er, mit geballten Fäusten, inmitten der Verteidiger des Antoninus und brüllt mit lauter Stimme:

»Weg von mir! Ich töte jeden, der mir nahe kommt! Antoninus soll zeichnen! Ich bin sein Gemahl, und weil er nicht herrschen kann, werde ich für ihn herrschen!«

»Antiochianus!« ruft der Kaiser flehentlich, »komm Hierokles nicht zu nahe, er ermordet dich! Laß ihn, er ist doch immer, immer stärker als wir alle, und ich habe ihn lieb, das ist mein Schicksal. Da, Hierokles, ich gebe dir das Dekret, ich zeichne, ich zeichne. Du sollst Cäsar sein, Augustus, Kaiser an meiner Seite! Bist du nun zufrieden? Doch nun laß mich allein, ihr alle laßt mich! Geht! Er hat mich geschlagen und ich leide Schmerzen. Ich will allein sein, allein!«

»Elender Karier!« brüllt Antiochianus mit Donnerstimme. Die beiden Männer, der Praefectus Praetorio und der Gemahl, stürzen aufeinander los. Doch die Frauen und Antoninus schreien auf und die Centurionen trennen sie gewaltsam. Der Knabe ist ohnmächtig geworden in den Armen seiner Mutter; sein Gesicht ist blau angeschwollen. Sie hat ihn auf das goldene Lager gebettet. Warum, warum konnte sie diesen Elenden nicht erstechen? Sie, die nichts fürchtet, diesen Mann fürchtet sie. Wenn er sie ansieht, so ist ihr, als erstarre ihr das Blut in den Adern. Sie kann des Antoninus Liebe verstehen.

Vasthi, die Sklavinnen, sind weinend näher getreten.

»Die Salbe!« ruft Semiamira, »rasch die Salbe!«

Leise klagend, wie um einen toten Adonis, reiben die Frauen den bewußtlosen Körper des Kaisers mit Salbe. Verwirrung herrscht in den Räumen, Verzweiflung: die Tür zersplittert, ein Weihrauchbehälter umgestürzt, die Kohlen langsam glimmend auf den Mosaikquadern; in einem Winkel kauert Livilla, schluchzend. Durch die weit aufgerissenen Läden flammt die Hochsommerglut erbarmungslos herein und dort, von Rom her, kommt neues Lärmen, wie fern verklingendes Waffengeklirr.

»Reibt ihn! Reibt ihn mit sanften Händen,« sagt Semiamira klagend und über den regungslosen Körper des Knaben gleiten die geschmeidigen Finger der Frauen. Was da naht, sie hören es nicht. Doch Semiamira horcht in die Ferne. Sie steht am Fenster und ringt verzweiflungsvöll die Hände. Denn sie glaubt nicht mehr an ein gutes Ende. Wo bleibt Aristomachos? Als sie floh nach dem Sommerpalast, auf einem Pferd, das ein Ordner ihr überlassen hatte, umschwirrt von den Pfeilen der nach ihr zielenden Bogenschützen, sah sie Aristomachos zum letztenmal. Wie ein Held scharte er des Antoninus Getreue um sich und zermalmte alle, die Alexander Augustus riefen.

Während sie – indes die Frauen noch immer um ihr Kind bemüht sind – in die Ferne horcht und feuchten Auges auf den mißhandelten Körper ihres göttlichen Sohnes starrt, erwacht in ihr, flüchtig, ein Gedanke. Entfliehen von hier? Doch wie? Allein? Mit Antoninus? Durch die Campagna? Und dann vielleicht verfolgt werden? Schmählich getötet auf schmählicher Flucht? Nein, nein! Noch hat sie, noch hat Heliogabal viele Getreue. Wo Aristomachos auch bleiben möge, Antiochianus wacht. Wer weiß, wer weiß, ob die Götter ihm nicht noch einmal gnädig sein werden. Über die tieferliegenden Gärten hinspähend, suchen ihre Blicke die Wälle und die leuchtenden Chrysaspiden.

 

»Serenissima!«

Draußen hört sie eine Stimme. Sie blickt hinaus, sie erkennt den Eunuchen ihrer Mutter, ihren vertrautesten. Er schleppt sich mühsam fort, seine Samara ist blutbefleckt.

»Psammeticus,« ruft Semiamira, »was ist? Was?«

»Die Clarissima entsendet mich.«

»Tritt ein!«

Sie selbst öffnet die Tür, die zum Seitenperistyl Zugang verleiht. Der Eunuche schleppt sich die Stufen empor, stürzt zu ihren Füßen nieder.

»Psammeticus, bist du verwundet?«

»Ja, Augusta, ich muß sterben. Der aufständische Pöbel hat mich aus meiner Sänfte gerissen ... höre Serenissima, höre, die Clarissima sendet dir und dem göttlichen Augustus ihre Liebe durch meinen unwürdigen Mund ... Sie fleht Euch an, Euch und Seine Göttlichkeit, ihr möget entfliehen ... vermummt.«

»Entfliehen?«

»Nach Ostia, sogleich, und dort ein Schiff besteigen ... Die Clarissima gab mir ... für Euch ... die Aufständischen wissen darum ...«

»Was?«

Er reicht ihr einen Beutel.

»Fünfhunderttausend Sesterzen.«

Er ist zusammengebrochen auf den Quadern. Sie fühlt, wie sein Atem röchelt über ihrem Fuß, den er geküßt hat, sie sieht ihn liegen in einer Blutlache. Er stirbt! Er stirbt! Regungslos liegt er da. In ihrer Stola birgt sie den Beutel. Fliehen nach Ostia? Vermummt ein Schiff besteigen? Ist denn alles verloren? Glaubt die Mutter alles verloren? Warum kam sie nicht selbst? Fühlt sie, daß auch sie Antoninus nicht mehr zu retten vermag, nachdem er Rom geschmäht und den Römern ins Antlitz gespien hat?

»Antoninus!«

Sie sieht, daß er die Augen geöffnet hat.

»Antoninus.«

Er richtet sich halb auf, sieht die Leiche zu ihren Füßen.

»Wer ist das?« fragt er atemlos.

»Psammeticus, die Mutter sandte ihn ... wir sollen fliehen ...«

»Fliehen ...?«

Sie hat sich ihm genähert, sie umarmt ihn.

»Nein, Mutter, nein; ich fliehe nicht. Ich fürchte mich zu sehr! Geh du allein. Ich habe hier Gifte, die wie ein Blitzschlag töten. Wenn der Augenblick gekommen ist, dann ... er war schon gekommen, doch Hierokles hat mich überrascht. Flieh ohne mich, Mutter!«

»Niemals, mein Kind. Ich bleibe bei dir, es gibt Gifte auch für mich!«

»So bleibe, Mutter, bleibe, halte mich in deinen Armen, drücke mich an dich. Mir ist so bang. Höre nur, dort in der Ferne!«

»Das ist Aufruhr!«

 

Auf den Wällen schmettern Bucinae, Befehle ertönen, von Staubwolken umhüllt, stürzen Turmae näher; sie rufen: Heil Antoninus! Es sind die Truppen der Getreuen, die kommen, um sich mit denen der Sommerresidenz zu vereinen.

»Mutter,« flüstert das Kind, »wenn wir jetzt nicht siegen, kommt dann das Ende?«

»Fürchte dich nicht. Ich hoffe noch immer. Haben wir nicht Antiochianus ? Erwarten wir nicht Aristomachos jeden Augenblick zurück? Sieh, da kommen stets mehr, die dir treu bleiben, die dich lieben, die dich noch immer anbeten. Werden wir nicht vielleicht dennoch triumphieren? Fürchte dich nicht, mein Liebling, ich bin bei dir, niemals werde ich fliehen ohne dich. Sei ein Held, mein Antoninus, wie vor Antiochia.«

»Ich könnte wieder ein Held sein, wenn sie alle mich lieb hätten, Mutter, und wenn Hydaspes ... Aber so ...

»Aber sie haben dich ja lieb, sie haben dich lieb!«

»So wenige! Nur, die mich lieben müssen, weil sie von Alexianus nichts zu hoffen haben.«

»Sei nicht undankbar, mein Liebling.«

»Ich bin nicht undankbar. Doch mich friert und mir ist so bang. Mir würde warm werden, wenn sie noch einmal, einmal mir zujubelten!«

»Aber sie jubeln dir ja zu, mein Kind, sie jubeln. Höre doch, sie rufen deinen Namen!«

»Das sind nur meine Chrysaspiden, die mir alles verdanken, die nichts zu erhoffen haben von Alexianus. Das ist nicht das römische Volk. Ach, die Sonne war allzeit wärmer in Emesa als in Rom. Ja, ich höre sie rufen, ich höre sie jubeln, meine armen, schönen, goldenen Soldaten! Ja, Antiochianus hat mich lieb und Aristomachos und Narr und du, Mutter, du! Doch wärmen kann mich nur die Liebe von Tausenden, von Millionen, die mir die Hände, entgegenstrecken und nach mir schmachten. Das habe ich besessen, einst. Doch nun, Mutter, wie fürchte ich mich vor ihrem Haß!«

Sein Körper zittert in ihren Armen; er schließt die Augen. So mißhandelt, so elend, so gequält, so bang ruht er an ihrer mütterlichen Brust, wie noch nie. Ihr ist, als sei all seine Göttlichkeit, die sie selbst oft fromm erschauern ließ, abgefallen von ihm, zerrissen, wie ein ätherisch-goldenes Gewebe. Dieses Sturzes aus strahlendem Himmel auf die feindlich-kalte Erde wird sie sich so verzweiflungsvoll bewußt, daß sie aufschluchzt, ihn mit schmerzlicher Leidenschaft an sich drückt und den Namen ausspricht, den sie seit Jahren nicht mehr ausgesprochen hat:

»Mein Bassianus, mein armer Bassianus!«

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