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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Achtundzwanzigstes Kapitel

An einem sonnenstrahlenden Morgen stürmen Volkshorden herbei. Würde man die Pforte der Castra Stativa geöffnet finden? Würde die Versöhnung zu sehen sein? Das Gewirr schreiender Stimmen verliert sich im Wind, abgerissene Fetzen fieberhafter Gespräche zugunsten des Antoninus oder des Alexianus werden laut, und obwohl der Kaiser sich heute mit dem Cäsar versöhnen wird, strömen die Horden, die nicht enden wollenden Horden, wie zwei parallellaufende Ströme längs der Gärten des Sallust und aus der Subura zwischen Quirinal und Viminal zu der Porta Viminalis, der Porta Collina, der Porta Nomentana: eine Sturmflut von Volk, eine wogende See, eine Raserei stürmisch heranbrausender Bewegung, und immer wieder die Rufe: Alexianus! Antoninus! In rasender Bewegung ist auch der Wind. Er pfeift dem Menschenstrom in den Rücken, ins Gesicht und die fiebertrunkenen Horden hören ihre eigene Stimme nicht mehr; all das Jauchzen und Schreien wird verweht von den plötzlich sich überstürzenden Orkanzyklonen, die den grell herabflutenden Sonnenschein durchrasen und Staub- und Sandhosen emporwirbeln. Gelobt seien die Götter! Die Pforten zum Lager sind geöffnet! Sogleich legt sich die Erregung beim Anblick der aufgestellten Truppenmassen: Gallier, Germanen, Daker, Sarmaten, Helvetier, Lusitanier, Numidier und Parther, zu Fuß und zu Pferde, das Fußvolk Mann an Mann, fest zusammengeschlossen, daneben die parthische und numidische Reiterei, deren stampfende Rosse zitternd einander bedrängen. Ein Leuchten von Vogel- und Tierbildern, Adlern, Wölfinnen und Sperbern; und hinter den Truppen das Volk. Am Ende der Hauptstraße strahlt marmorweiß, tempelgleich das Prätorium, mit Flaggen geschmückt und von den goldenen und silbernen Schildkäferrüstungen der Reiterei wie von leuchtenden Ornamenten eingefaßt. Centurionen, Ordner traben hin und her; das Warten währt Stunden. Wann wird das Volk die Versöhnungsfeier zu sehen bekommen?«

»Jetzt? Jetzt?«

In der Aula des Prätoriums staut sich eine dichte, in schwerfaltige Festgewänder gekleidete Menge. Die beiden Konsuln schreiten herab. Sie wurden auf die Dauer eines Jahres zu der höchsten Magistratur ernannt: Kaiser Antoninus Augustus und der Cäsar Aurelius Alexander. Das ganze römische Volk soll Zeuge sein der Versöhnung, ebensowohl die Mitglieder des Senats, der Pontifex Maximus, die Flamines und der Archimagus des Heliogabal, die höchsten Priester aller Priesterkollegien, die Sodales der angebeteten Kaiser, der Quästor Gordianus junior, der Präfekt der Stadt, Fulvius, Antiochianus, der Praefectus Praetorio, mit Aristomachos und dem ganzen Stab von Lagerpräfekten und Tribunen: den Präfekten der Flotte und der Lebensmittel. Aus dem mittleren Peristyl des Prätoriums traten – das Feuer wird vor ihnen her getragen – die drei Mütter: voran die alte Mäsa, umgeben von einem dichten Schwarm von Eunuchen, Cubicularii und Freigelassenen. Die drei Frauen nehmen Platz auf drei Marmorsesseln, und beim Klang von Tuben und Bucinae treten, von Senatoren geleitet, von links und von rechts, der Kaiser und der junge Cäsar aufeinander zu, beide angetan mit der weiß- und purpurnen, weitfaltigen Prätexta der Konsuln, den Elfenbeinstab in der Hand. Sie reichen die Stäbe zwei Cubicularii, und Antoninus, dessen Lippen ein flüchtiges Lächeln umspielt, während seine Augen halb verschleiert blicken, nähert sich, mit weit geöffneten Armen, seinem Vetter Alexianus. Antoninus hält Alexianus in seinen Armen und küßt ihn leicht auf beide Wangen. Alexianus erwidert den Kuß des Antoninus ... Die Konsuln nehmen ihre Stäbe wieder in die Hand und warten. Denn Mäsa hat sich erhoben und hält als Clarissima, als Senatrix, eine Ansprache. Ihre alte Stimme zittert leicht; Antoninus ist gelangweilt, ihn dünkt diese allzu römische Zeremonie, während der Alexianus ihm wie ein Ebenbürtiger gegenübersteht, seiner, des Heliogabal, unwürdig. Um seine lächelnden Lippen zuckt etwas wie Hohn, doch die Würde der Großmutter hält ihn im Zaum. Auch weiß er, daß sie ihr Äußerstes getan hat, um ihm nach dieser aufrührerischen Nacht das Imperium zu retten. Ihn umfängt eine seltsame Stimmung. Er fühlt sich leicht gedemütigt und traurig schweifen seine Gedanken ab. Wohin? Er weiß es nicht. Schal dünkt ihn diese ganze Schaustellung und unsinnig. Er sieht nicht ein, warum es nötig war, ihn mit Alexianus zum Konsul zu ernennen, obwohl er weiß, daß oftmals einem römischen Kaiser für ein Jahr, für drei Monate, für einen Monat, die Konsulwürde zufiel, und daß dies als hohe Auszeichnung galt. Was sind ihm diese römischen Traditionen! Am liebsten würde er seine Prätexta abwerfen, doch Mäsa hat ihn beschworen, würdevoll, gemessen und römisch zu sein. Er spielt seine Rolle, wie er schon unzählige Rollen gespielt hat, doch diese spielt er schlecht.

Die Türen der Aula springen auf, Tuben, Bucinae erklingen. Eine breite Woge von Togen, Laticlavien und Priestergewändern streicht über die Stufen hinab. Der Wind bläht diese faltenschweren Mäntel und brausend rast ein Jauchzen, ein Rufen, ein Brüllen durch die Menge. Umringt von Senatoren, Hohenpriestern und Würdenträgern, denen »die Macht des Schwertes« verliehen ist, begleitet von den Müttern und dem dichten Gefolge, sind erschienen: der Cäsar, der Kaiser. Und plötzlich, dem Befehl des Antiochianus gehorchend, brüllen die Truppen das Ave.

»Di te servent, Antonine! Alexander! Di te servent! Mögen die Götter Euch beide behüten!«

 

Fanfare auf Fanfare. Die beiden neuen Konsuln besteigen den konsularischen Staatswagen, der von einem an Zügeln geführten Viergespann gezogen wird. Sie nehmen Seite an Seite Platz, Antoninus und Alexianus, jeder auf seiner Sella curulis, dem elfenbeinernen Schemel, dem Konsulsitz. Vierundzwanzig Liktoren, die die umkränzten Bündel und Beile tragen, umdrängen den Staatswagen; zu dessen beiden Seiten reiten Aristomachos und Antiochianus mit ihrem Stab von Lagerpräfekten und Tribunen, Argyraspiden, Chrysaspiden, Clibanarii, Catafractarii. Hinter der Quadriga der Konsuln wird schwankend die Sänfte der drei Mütter getragen. Man vermißt die Kaiserin Annina Faustina. Wurde auch sie verstoßen gleich Cornelia Paula, gleich Aquilia Severa? Wird der Kaiser bald zum vierten Male sich vermählen? Welchen Gemahl wird er nach Hierokles erwählen? Sind die Günstlinge alle verbannt? Das Volk kann keinen aus der Sippschaft erspähen.

Wie schauderhaft ist dieser Sturm, ein kalter Wind aus den Bergen, ein Orkan, der Sand und Staub aufwirbelt und Menschen und Pferde blendet!

Die Truppen jubeln nicht mehr: dem Befehl des Praefectus Praetorio gehorchend, haben sie gejubelt, jetzt warten sie ab, soldatisch. Langsam bewegt sich der Zug durch die Hauptstraße des Lagers und mit dem Elfenbeinstab grüßen die Konsuln. Anfangs schüchtern erhebt sich, unweit des Prätoriums, alsbald ein heftiger Jubel aus dem Winde, unsicher zuerst, doch dann klarer und deutlicher: Heil, Heil den erhabenen Konsuln!

Das ist noch das Volk, das jubelt. Doch Antiochianus befiehlt jetzt den längs des Weges aufgestellten Truppen, dem Fußvolk und der Reiterei, daß sie brüllen sollen:

»Di te servent, Antonine!«

»Alexander, di te servent!«

»Und Heil, Heil Alexander!« brüllt das jubelnde Volk ihnen nach, »Heil Aurelius Alexander Cäsar Aug...«

»Pst!« rufen drohend Hastati, Velites und Centurionen, und Ordner schreien kurz bevor der konsularische Prunkwagen sieghaft daherkommt:

»Bei allen Göttern, nicht Cäsar Augustus rufen!«

»Vor einer Woche durften wir es wohl.«

»Nur der Kaiser ist Augustus!«

»Also dann nur: Heil Aurelius Alexander Cäsar!« brüllt das Volk.

»Heil Augustus!« schreit eine vereinzelte Stimme.

Man weiß nicht, wem Heil gerufen wird, ob dem Kaiser oder dem Cäsar. Antiochianus befiehlt, und die Truppen brüllen:

»Di te servent, Antonine!«

Das Volk schweigt, starrt den Kaiser an. Der grüßt mit seinem Elfenbeinstab.

»Alexander, di te servent!« brüllen die Truppen.

»Heil, Heil Alexander!« schreit das Volk. »Heil Aurelius Alexander Cäsar! Heil unserm geliebten Cäsar! Heil unserm herrlichen Alexander! Heil, Heil!«

Nicht eine einzige Stimme aus dem Volk ruft dem Antoninus Heil. Totenbleich ist er geworden. Ist es der Wind? Ihn fröstelt. Ist es der Staub? Tränen stehen in seinen Augen. Er zittert, seine Zähne schlagen aufeinander. Hochaufgerichtet sitzt er an des Alexianus Seite. Unerträglich langsam bewegt sich der Zug vorwärts und immer wieder, dem Befehl des Antiochianus gehorchend, brüllen die Truppen:

»Di te servent, Antonine!«

Nur der Wind rauscht, die Fahnen wehen, die Wimpeln flattern.

»Alexander, di te servent!«

Dann schreit, wilder als der Sturm, auch das Volk:

»Heil, Heil Alexander! Heil unserm herrlichen Cäsar!«

Antoninus wechselt blitzschnell einen Blick mit Antiochianus, der an seiner Seite reitet. Es ist, als ob der Kaiser und sein Oberbefehlshaber – der ihm in Liebesanbetung getreu ist bis in den Tod – den verzweiflungsvollen Gedanken miteinander teilen: Das Äußerste, das Äußerste tun ...? Stehen nicht alle Truppen zu Antoninus? Die herrlichen Chrysaspiden sicherlich. Alexianus plötzlich ermorden lassen? Etwa durch Aristomachos, der bleich vor verhaltenem Zorn über den trotzigen Eigenwillen des römischen Volkes an der Seite des verhaßten Alexianus reitet. – Ihn ermorden lassen ... hier? – jetzt? – mitten im Lager ...? umbrandet vom Jubel? Der verzweifelte Gedanke verweht mit dem Winde.

Antiochianus blickt den Kaiser an, den er anbetet. Er erschrickt. Auch ihn durchschauert es. Neben Alexander, der stolz dasitzt, breitschultrig, kräftig, ein junger Römer – gespenstisch, wie eine Larve, der Kaiser! Die Prätexta des Konsuls, windverweht, hüllt ihn formlos ein, und darüber, starr wie von einem auferstandenen Toten, sein Antlitz, hohl, und für dieses erbarmungslose Sonnenlicht zu herausfordernd bemalt. Die Wangen fahl, sein Mund bitter, verächtlich und traurig zugleich, und seine Augen, umschattet von Schmerz und den Spuren vieler Orgien, seine sonst lächelnden, verführerischen, veilchendunklen Augen, mit Tränen gefüllt, denen er nicht wehren kann. Ihn scheint zu frieren: er erschauert. Antiochianus denkt an den herrlichen Dienst, an den Tanz, an den Triumphzug durch Roms Tore, an so mancherlei Schauspiel und Zeremonie, als sein Antoninus noch jung war und sieghaft strahlend wie ein Gott. Jetzt, wehe! ist er wie eine Larve, ein Schemen. Dennoch, er ist Antoninus! Antiochianus liebt Antoninus als sein Kind, als sein Weib, als seinen Kaiser, seinen Gott, sein Alles; mit einer Hingebung, die unerschütterlich ist und unwandelbar. Er möchte ihn wärmen, trösten, ein einziges Wort nur möchte er ihm sagen. Er kann es nicht: er kann nur befehlen.

Die Truppen rufen, seinem Befehl gehorsam, immer wieder: Di te servent! Doch das Volk jubelt nur dem Alexianus zu.

Eine Folter ist dem Antoninus dieser Triumph, und plötzlich wendet er sich zu Alexianus und zischt dem Knaben ins Ohr:

»Du Elender! Ein Aas bist du, wie deine Mutter! Du hast das Volk bestochen mit dem Geld der Clarissima! Ich bin der Kaiser, mir kommt alles zu! Hörst du wohl, alles! Der Jubel des Volkes, die Schätze der Großmutter und dein Leben, wenn ich es wünsche. Hüte dich! Ich hasse dich! Ich hasse dich so sehr, daß es mich rasend macht! Mich ekelt der Kuß, den ich dir soeben geben mußte! Versöhnung? Dieser Tag ist dein letzter! Sterben sollst du, noch heute! Noch heute!«

Im Wind, mit dem wilden Jauchzen von Volk und Heer, verwehen sogleich des Antoninus zischende Worte, die nur dem Cäsar vernehmlich waren. Der Knabe erbleicht ob dieser Kränkung. Unschlüssig, denkt er während eines kurzen Augenblickes:

»Ich habe einen Dolch. Wenn ich Antoninus ersteche, dann ist das Volk zufrieden, dann bin ich Kaiser!«

Doch sogleich denkt er blitzartig an seine Mutter. Wird dieser Augenblick ihr günstig scheinen? Seine Hand läßt unter der Prätexta den Dolch wieder los.

Jetzt ist der Zug an der Porta Prätoria vorüber, auf dem Weg zum Kapitol, wo im Tempel des Jupiter die Konsuln den heiligen Eid leisten sollen.

»Heil, Alexander, Heil! Heil unserm herrlichen Cäsar!«

»Heil unserm leuchtenden Cäsar!«

»Heil unserm großen Cäsar!«

Mit dem Sturm rast der Jubel des Volkes Rom entgegen. Keine einzige Stimme – nur die Soldatenstimmen, dem Befehl gehorsam – jubeln Antoninus zu. Eine Qual ist ihm dieser Triumphzug. Noch nie hat er so gelitten. Soll er sich derart kränken lassen, den ganzen Weg entlang, bis zum Kapitol und während er die Stufen zum Jupiterheiligtum emporsteigt? Dann wieder hinab zum Palatin? Er weint nicht mehr, er ist wahnsinnig vor Schmerz. Plötzlich erhebt er sich, gespenstisch bleich, von seinem elfenbeinernen Sessel, wirft wie ein Irrer die Arme empor, winkt, ruft gebieterisch:

»Antiochianus!«

Winkt nach der anderen Seite:

»Aristomachos!«

Er schwenkt die Arme, befiehlt wie ein Rasender. Die Quadriga hält und das hinter den Soldaten zusammengestaute Volk hört ihn schreien:

»Antiochianus! Antiochianus! Bin ich Kaiser oder nicht? Muß der Kaiser von Rom solchen Schimpf dulden? Konsul, ich? Wenn mich das stinkende römische Volk beleidigt? Da! Da habt ihr meinen Konsulstab!«

An seinen Knien zerbricht er den Elfenbeinstab, schleudert die Stücke über den Menschenschwarm. Schrill klingt sein höhnisches Lachen, während er ihnen Schimpf antut.

Die Mütter sind der Sänfte entstiegen, das Volk umdrängt den Wagen der Konsuln, bestürmt wie ein Orkan den golden-silbernen Deich der Berittenen. Der weicht, weicht. Die Pferde wiehern, scheuen, die Catafractarii zücken die Schwerter. Getroffene sinken zu Boden. Dort drüben befiehlt Mäsa: Semiamira und Mammäa stehen einander feindselig gegenüber, die Augusta eilt atemlos zu ihrem Sohn. Antoninus ist aus dem Wagen gesprungen; Antiochianus gibt ihm sein eigenes Pferd, auf das sich der Kaiser schwingt ... Sogleich umringt ihn der Präfekt, der Tribun, der ganze Stab, alle Schwerter sind gezückt. Zu Pferde, beschützt, speit Antoninus seinen Haß gegen Alexander aus. Auch der Cäsar ist aus dem Wagen gesprungen, die Argyraspiden ergreifen für ihn Partei, schützen ihn mit ihren silbernen Schilden. Dem Drang des Volkes haben die aufgestellten Truppen weichen müssen. Ein wildes Rufen ertönt:

»Hinweg mit Sardanapal! Heil Alexander!«

Inmitten seiner goldfunkelnden Chrysaspiden, geschützt von Aristomachos und Antiochianos, jagt Antoninus davon in der Richtung zum Sommerpalast.

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