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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Welche Nacht, welche schicksalsschwere Nacht für die Augusta Mammäa! Das Volk hat nach ihrem Alexianus gerufen; gezeigt hat er sich auf dem Altan zwischen ihr und Mäsa... ihn hat das Volk zum Augustus ausgerufen und nun tritt aus dem Volkshaufen, der bis zum Palatin vorgedrungen ist, der sich hineingedrängt hat in das Palatium, Fulvius, der Präfekt von Rom, der Anhänger des Antoninus, in das Atrium, wohin die Mütter zurückgekehrt sind mit dem Cäsar: Fulvius, den das Volk entsandt hat und der, für sein Leben fürchtend, so er nicht ihren wild hinausgeschrienen Wünschen willfahrt, laut verkündet:

»Clarissima, das Volk von Rom wünscht, es fordert, daß sich der Cäsar um seiner Sicherheit willen mit Euch und der Augusta in das Lager begebe.«

Doch die Clarissima, richtet sich hoch auf in ihrer ganzen gebieterischen Majestät und spricht: »Das Volk von Rom wünscht? Und fordert? Es mag vielleicht sehr vernünftige Dinge wünschen und fordern, denn gewiß ist der Cäsar trotz aller Bewachung auf dem Palatin nicht mehr sicher geborgen. Doch vor wem ist er nicht mehr sicher? Vor einer Bande Unwürdiger, die der Kaiser bis zu dieser Nacht mit Gnaden überschüttet hat. Versteht das Volk von Rom dies? Der Cäsar ist Cäsar, Fulvius, doch der Cäsar ist nicht Augustus.«

»Clarissima.«

»Der Cäsar ist nicht Augustus!« ruft heftig die alte Mäsa aus. »Der Cäsar ist nicht Augustus! Der Cäsar wünscht es nicht zu sein! Er ist Seiner Göttlichkeit, dem Antoninus treu, ihn gelüstet nicht danach, die Heiligkeit seines kaiserlichen Vetters zu schänden, so wie das Volk von Rom sie in dieser Nacht geschändet hat. Fulvius, weiß das Volk von Rom nicht, daß Liebe und Einigkeit herrschen zwischen Seiner Göttlichkeit und dem Cäsar? So sage es ihm sogleich, auf daß ich nicht mehr rufen höre: Augustus! Denn Antoninus ist Augustus. Ist der Kaiser verantwortlich für das, was eine Sippe, durch die Fülle seiner Gnaden übermütig geworden, insgeheim anzettelt? Vergißt das Volk von Rom, weil es Alexianus liebt, daß es dem Antoninus Treue geschworen hat?«

»Clarissima!«

»Geh, Fulvius, geh sogleich, sage es ihnen, laß es ausrufen, laß unverzüglich meinen Willen verkünden. Augenblicklich soll das Volk das Palatium und den Palatin verlassen. Ist dies der nächtliche Ansturm auf eine belagerte Stadt? Geh, Fulvius, geh!«

Sie gebietet ihm zu gehen, und er geht, um sein Leben fürchtend, umringt von seinen Liktoren. Sie hören ihn rufen:

»Volk von Rom! Quiriten! Vernehmt den Willen der Clarissima Mäsa, der ehrwürdigen Mutter, der Großmutter Seiner Heiligkeit des Kaisers Antoninus Augustus!«

»Alexianus, Alexianus Augustus!«

»Der Cäsar ist nicht Augustus und wünscht nicht Augustus zu sein. Alexianus ist Seiner Göttlichkeit getreu, und wünscht nicht, Seine Heiligkeit zu schänden, so wie das Volk von Rom sie in dieser Nacht geschändet hat!«

Mäsa, die gelauscht hat, winkt einem vertrauten Eunuchen. Doch Mammäa ruft glückselig aus:

»Mutter, Mutter, gehen wir jetzt in das Lager?«

Mäsa blickt ihr fest in die Augen.

»Wir gehen in das Lager, Mammäa, auf daß Alexianus vor den Schlichen des Hierokles sicher sei. Doch ich gehe nicht, bevor ich Gewißheit habe, daß Antiochianus als Praefectus Praetorio im Namen des Kaisers Antoninus uns im Lager empfangen wird. Darum sende ich Botschaft nach dem Sommerpalast.«

»Mutter, Mutter, du weißt doch, daß Antoninus selbst, und nicht nur seine Günstlinge, Alexianus nach dem Leben trachten.«

»Ich weiß, daß ich zwei Töchter habe und zwei Enkelsöhne: einen Kaiser und einen Cäsar. Ich weiß, Mammäa, daß ich Antoninus nicht untreu sein werde, wer sonst es auch sein mag. Wie Alexianus ist er Blut von meinem Blut. Ins Lager werden wir gehen, doch nicht, bevor ich die Gewißheit habe, daß Antiochianus mich dort empfangen wird im Namen meines Enkels Antoninus. Wir wollen nicht vor Antoninus fliehen wie eine wilde Horde, wir begeben uns in das kaiserliche Lager, auf daß Alexianus sicher sei vor Hierokles.«

»... nicht nur vor Hierokles ...«

»... auch vor der Sippschaft ...«

Hastig flüsternd spricht sie zu dem Eunuchen:

»Höre, Psammeticus, nimm eine Sänfte und zwölf Träger – eine prätorianische Wache soll dich geleiten, und eile zum Palast. Sage Antoninus, er möge sich sogleich ins Lager begeben mit drei Turmae Catafractarii. Aristomachos soll an des Kaisers Seite bleiben, und die Günstlinge sollen sich verborgen halten, insbesondere Hierokles. Versichere Antoninus meiner Liebe, sage ihm, daß wir, dem Wunsche des Volkes gehorchend, in das Lager gehen, um des Cäsars willen, daß es so sein muß. Sage ihm, daß ich über ihn wache, auch von ferne, daß ich, wenn ich Alexianus nach dem Lager geleitet habe, zu ihm kommen werde. Sage Seiner Ewigkeit, er möge den Senat zurückrufen. Sage Aristomachos das alles und Antiochianus und vergiß nichts. Geh, geh, Psammeticus, und kehre so rasch wie möglich zurück. Antiochianus soll eilen, weit soll er, unserer Ankunft gewärtig, die Porta Praetoria öffnen. Sage ihm, er solle kraftvoll das Heer bezwingen, den Cäsar ,im Namen des Kaisers' in der sicheren Geborgenheit des Lagers empfangen und jeglichen Aufruhr unterdrücken. Geh, geh, Psammeticus, und vergiß nichts: Vergiß nichts!«

 

Mammäa hat alles gehört, sie weiß, sie fühlt, daß die Mutter allmächtig ist, weil sie Gold besitzt und Schätze. Sie sieht in dieser Nacht des Alexianus Zukunft purpurn leuchten. Ihr Kind ward geboren am Alexandertag, während des Festes im Tempel zu Arcena, der dem mazedonischen Heros geweiht ist. Seine Geburt war von Vorzeichen begleitet: eine Taube legte an jenem Tag ein purpurrotes Ei, ein Bildnis des Kaisers Trajan fiel herab auf das Lager ihres Gemahls; die Amme hieß Olympia, wie die Mutter Alexanders des Großen; ihr selbst, Mammäa, hatte geträumt, sie habe einen purpurnen Drachen geboren, und ihrem Gemahl träumte, er schwebe gen Himmel auf den Flügeln des Bildnisses der Viktoria, das im Senatsgebäude stand. Allzeit hat sie geheime Hoffnung genährt, jetzt vermag sie nicht länger zu zweifeln: das Volk hat ihr Kind zum Augustus ausgerufen! Alexianus wird Kaiser sein!

»Mutter, wann gehen wir in das Lager?«

»Nicht, bevor Psammeticus zurückgekehrt ist; so er sehr eilt und ihm kein Unfall zustößt, noch innerhalb der nächsten Stunde. Sieh, schon kehrt das Volk aus den Gärten zurück, der Ansprache des Fulvius ist eine große Ruhe gefolgt.«

»Wird Alexianus zu Pferd sein, Mutter?«

»Nein, Mammäa, ich will keine Kundgebungen herausfordern. Ich wünsche mit dem Volk, daß Alexianus unter dem Schutze des Lagers geborgen sei, mehr wünsche ich nicht!«

»Ja, geborgen, nicht Schurken preisgegeben!«

Mit rauhem Griff umklammert die alte Frau den Arm ihrer Tochter.

»Quäle mich nicht so!« zischt sie ihr ins Ohr. »Weiß ich es denn nicht, daß Antoninus Alexander haßt? Wer ist schuld daran? Vielleicht du mit deiner Unversöhnlichkeit, Mammäa. Ich halte zum Kaiser und ich wünsche nichts anderes, als deinen Sohn in Sicherheit zu wissen, um dann die Versöhnung zwischen den beiden Knaben anzustreben. Ja, diese Versöhnung will ich! Seite an Seite sollen sie sich im Lager zeigen, und weil ich es will, und weil es so geschehen wird, wie ich es will, darf auf Antoninus auch nicht der Schatten einer Verdächtigung ruhen.«

Das Volk hat die Gärten verlassen. Heller dämmert der Morgen. Länger als eine Stunde ist Psammeticus ausgeblieben und Mammäas Ungeduld wird unerträglich. Ihr Verlangen steigert sich zum Fieber. Wenngleich die Mutter nicht duldet, daß Alexianus sich zu Pferde in das Lager begibt, so hofft sie dennoch unbestimmte und unbestimmbare Dinge. Da kommt der Eunuch zurück. Endlich! Er wirft sich – denn viele sind Zeugen – zu Mäsas Füßen nieder und spricht:

»Ehrwürdige Clarissima, mein unwürdiger Mund übermittelt dir die Liebe und den Gruß Seiner Ewigkeit, die gestern den Gemahl, Roms Gefahr, verstieß. Heute wird der Senat in Gnaden wieder aufgenommen. Seine ewige Göttlichkeit läßt durch meinen unwürdigen Mund dem herrlichen Cäsar und dessen Mutter, der Augusta, seine Liebe künden. Antoninus Augustus ersucht den Cäsar und die beiden ehrwürdigen Mütter, noch an diesem Morgen in das Lager einzuziehen, bis jegliche Unruhe, durch Hierokles geweckt, beschwichtigt sei. Der Praefectus Praetorio Antiochianus wird Euch Mütter und den Cäsar am Eingange zum Lager empfangen!«

Hunderte haben die Antwort vernommen. Da sich die Menge zerstreut und die Befehle zum Aufbruch erteilt werden, verbreiten sich die Gerüchte durch das Palatium, über den Palatin und die Arena, über die Straßen und Wege, wo sich das Volk aufstellt, um Alexander zuzujubeln.

»Hast du es gehört? Er hat Hierokles verstoßen!«

»Auch die andern, die zu der Sippschaft gehören?«

»Das weiß ich nicht, doch wenn er Hierokles verstößt ...«

»Der Senat kehrt zurück.«

»Haha! Auf Giraffen und in Tonnen?«

»Hast dus gehört? Antoninus läßt dem herrlichen Cäsar seine Liebe künden.«

»Und der Augusta.«

»Er selbst läßt sie ersuchen, sich ins Lager zu begeben.«

»Traut ihm doch nicht! Das sind leere Worte ...«

»Worte des Psammeticus.«

»Eines schlauen Eunuchen.«

»Antoninus wird den Cäsar empfangen.«

»Antoninus haßt Alexianus.«

»Soll das die Versöhnung sein?«

»Naht sich da schon der Aufzug der Mütter?«

»Siehst du Alexianus noch nicht? Also endlich werden wir ihn zu sehen bekommen. Seit Wochen hat er sich nicht gezeigt. Doch, heute nacht auf dem Altan, einen kurzen Augenblick, aber niemals auf der Straße, niemals im Lager. Siehst du ihn noch nicht? Reitet er einen Schimmel? Was, du siehst ihn nicht? Wo ist er denn? Ist er in der Sänfte bei den Müttern? Heil, Heil Alexander Cäsar Augustus!«

»Still, Bürger, das darfst du nicht rufen. Antoninus ist Augustus!«

»So? Darf ich nicht Alexander Augustus rufen? Heute nacht durfte ich es doch wohl.«

»Der Kaiser versöhnt sich mit Alexianus.«

»So?«

»Ist das alles?«

»Gibt es weiter nichts zu sehen heute morgen?«

»Kommt der Kaiser auch ins Lager?«

»Wird es etwas zu sehen geben?«

»Einen Aufzug, eine Feier?«

»Vielleicht einen Tanz?«

»Ich habe genug vom Tanz!«

»Und ich von den Aufzügen!«

»Ich kenne das: Ave Antonine! Ave Antonina!«

»Ich hatte geglaubt, es würde ein Aufruhr ausbrechen .. ein Bürgerkrieg. Du bist wohl recht enttäuscht, wie ?«

»Gestern stand die Alte Hoffnung schon in Flammen!«

»Unsinn, es brannten nur drei Bäume!«

»Wird sich heute nichts ereignen?«

Nun, wenn sich heute wirklich nichts ereignet und wenn ich nicht einmal Alexianus zu sehen bekomme ... dann gehe ich ...«

»Wohin, Bürger?«

»Ins Bett, Bürger.«

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