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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Vierundzwanzigstes Kapitel

An jenem Mittag begab sich der Senat zur Audienz in den Tempel der Spes Vetus. Cubicularii führten die Senatoren, sechshundert an der Zahl, um den Palast herum in den hoch gelegenen Park; über die begrasten Hügel hinweg erspähten die entzückten Augen die von zitterndem Licht übergossene Campagna. Eine seltsame Stille hing in den Gärten, wenngleich sich hunderte und tausende darin aufhielten: das gewaltige Heer, das ganze zahlreiche Gefolge. Eine seltsam tote Stille; denn auch die Senatoren flüsterten kaum.

Ein lange währendes Warten schleppt sich hin, minuten-, viertelstundenlang, eine Stunde, anderthalb Stunden. Noch immer erscheint der Kaiser nicht. Endlich ein Schwarm von Magiern und Priestern, von Kindern und Dirnen; die Günstlinge, der Gemahl des Kaisers, lorbeerumkränzt, gleich einem Triumphator, herausfordernd, dicht umringt, ein ganzer Schwärm, der sich ergießt über die vielen Stufen des Peristyls hinab, in die Gärten, wo der Senat wartet, in doppeltem Kordon aufgestellt. Das Peristyl gleicht einem Thron, mit dem goldenen Sigma in der Mitte ... Wiederum eine kurze, wilde Tubafanfare, und der Kaiser erscheint, von sechs Priestern umringt, wie ein Gott, der aus dem dunklen Dämmer des inneren Tempels erstrahlt ... geheimnisvoll, starr sein Antlitz unter der Mitra. Doch Zorn umlagert seine Stirn; seine veilchendunklen Augen starren unablässig vor sich hin, als sähen sie nichts; seine Lippen sind zusammengepreßt. Seine sechs Priester bedienen Ärmel- und Mantelrand, während er sich steif auf des Sigmas goldene Kissen niederläßt. Er lehnt sich nicht an; er streckt sich nicht hin, er lächelt nicht, er buhlt nicht ... Wie ein steifes Götzenbildnis sitzt er da, seine juwelenstrahlenden Finger ruhen auf den Knien, seine juwelenüberglitzerte Nacktheit leuchtet in dem goldenen Schatten des Mantels. Keine Musik, kein Weihrauch ist um ihn, als sei der Gott so zornig, daß er die Anbetung der Welt verschmäht. Er spricht nicht, er gibt kein Zeichen. Es herrscht eine bange Ungewißheit ... Die Senatoren blicken sich an, die ältesten nähern sich zum Fußkuß. Doch der Kaiser scheint sie nicht zu bemerken; unsichtbar bleibt sein Fuß unter dem Mantelsaum und seine Augen blicken starr in die opalfarbenen Fernen ...

Andere Senatoren versuchen, sich zu nähern: der Kaiser scheint den Fußkuß nicht zu wünschen. Er schweigt und dieses Schweigen, dieses Warten – worauf, weiß niemand – ist beklemmend. Betroffen wischen sich die Senatoren mit einem Zipfel ihrer Laticlavia den Schweiß von der Stirn. Sengend heiß ist es zu dieser Stunde. Der Kaiser spricht nicht, befiehlt nicht, und um ihn sind wort- und regungslos die Seinen, alle, die ihm treu sind, die ihn lieben. Der Senat begreift: dieses Schweigen ist die Antwort auf sein Schweigen, dieses Schweigen ist Haltung. Er zürnt. Mächtig ist er, die Truppen sind auf seiner Seite. Ist die Clarissima nicht hier? Nein, sie ist nicht hier. Warum ist sie nicht gekommen? Sicherlich gönnt sie Antoninus diesen Augenblick der Übermacht über Roms Senat, wenngleich es nur eine Macht des Schweigens ist. Es ereignet sich nichts. Über den Gärten, darin die Zeremoniengewänder buntfarben aufleuchten, liegt, atemraubend, eine allgemeine Bewegungslosigkeit. Da plötzlich, Fanfaren ... Der Kaiser, von seinen sechs Priestern bedient, erhebt sich, wendet sich um und sein edelsteinglitzernder Rücken verschwindet im Dämmer des Tempelinnern. Die Audienz ist beendet. Doch auf den höchsten Stufen der Treppe des Peristyls, vor dem verlassenen Thron des Kaisers, erscheint Antiochianus, der Praefectus Praetorio, und ruft laut:

»Heil wünscht euch, Patres Conscripti, euch allen, allen, der ewige Antoninus Augustus Heliogabalus, Heil zu eurer bevorstehenden Abreise! Noch heutigen Tages, noch zu dieser Stunde, die Stadt zu verlassen, nicht vor seinem göttlichen Angesicht zu erscheinen, bevor seine Gnade euch zurückruft, gebietet er euch, Patres Conscripti! Heil wünscht euch der ewige Antoninus Augustus Heliogabalus zu eurer bevorstehenden Abreise!«

 

Ein Rauschen von Zeremoniengewändern; doch in den Gärten, allsobald unterdrückt, ein höhnisches Auflachen, ein Kichern, ein Flüstern. Noch während Antiochianus spricht, ist der Hof hinter dem Kaiser verschwunden. Die Senatoren blicken einander an: einer, der berühmte juris consultus Ulpianus, nähert sich dem Antiochianus.

»Warum, Antiochianus?«

»Es ist der Wille Seiner Ewigkeit.«

»Wohin soll sich der Senat begeben?«

»Es bleibt den Senatoren freigestellt.«

»Wir werden über Alexander wachen.«

»So wacht unterhalb der Tore, geht augenblicklich. Ich bin ein Kriegsmann und schwatze nicht, Clarissime. Ich habe den Befehl, den zu töten, der nicht sogleich die Stadt verläßt.«

»Sogleich die Stadt verlassen? Von hier aus? Von der Alten Hoffnung aus?«

»Von hier aus.«

»Soll es nicht vergönnt sein, erst heimwärts zu ziehen?«

»Nein.«

»Ich habe keine Sänfte.«

»So suche dir eine.«

»Viele Senatoren sind zu Fuß gekommen.«

»So mögen sie sich gegenseitig als Esel benutzen.«

Eine Bewegung unter den sich blähenden, purpurumrandeten, goldverzierten Laticlavien. Wohin? Zu welcher Pforte hinaus? Wo ein Pferd, einen Maulesel finden? Ein Gefährt, wie immer es beschaffen sei ... Antiochianus wartet. Um die bärtigen Lippen der Prätorianer, die noch in Reih und Glied stehen, lagert ein beinahe grinsender Spott. Wohin entkommen? Und wie? So sich der Senat widersetzte? Dann würden die Senatoren erbarmungslos hingemordet werden unter den starren Augen des Kaisers. Nie hatten sie Antoninus so gesehen, so erzürnt, so kalt, so hochmütig. Und Alexianus im Palatium!

»Mäsa wird wachen!«

»Wir gehen nicht weit!«

»Wir bleiben vor den Toren.«

»Still, ich vermumme mich, ich bleibe in Rom!«

Doch Höflinge nähern sich spottend:

»Clarissime, ich habe eine Giraffe für Euch, wollt Ihr auf ihrem Rücken die Reise antreten?«

»Vielleicht kann Euch der Oberpriester einen Ochsen abtreten oder vielleicht ein Schafgespann für den Reisewagen!«

Die Prätorianer stehen, spöttisch grinsend, regungslos da. Doch eine Angst durchschauert die Würde der Senatoren. Sie fliehen die Eukalyptusalleen entlang, verwickeln sich strauchelnd in ihren wallenden Togen; und außerhalb der Wälle des Sommerpalastes schreien sie laut:

»He! He! Heda! Wer hat ein Kamel? Wer hat einen Maulesel?«

Landleute, Träger strömen herbei.

»Fünfzig Sesterzen für einen Maulesel, hundert, zweihundert für einen Weinkarren! Für mich zwei tüchtige Träger! Wenn ich nur irgendwie wegkomme! Hierher, Männer, tragt mich! Eine Tonne, eine leere Tonne? Kannst du nicht Räder daran befestigen, Hunde davor spannen? Ich biete hundert Sesterzen, wenn ich nur wegkomme!«

In der brennenden Hitze dort draußen, im aufwirbelnden Staub ein Rufen, ein Schreien, ein Schachern um Vehikel aller Art. An den Toren stehen die Prätorianer, wiehernd vor Lachen, und die Zenturionen mit ihren Kommandostimmen, die wie kupferne Clarinen klingen, brüllen ihren Wunsch:

»Heil, heil, Patres Conscripti, zu der bevorstehenden Abreise!«

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