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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Über den Säulenhallen, Nymphäen und Gärten des kaiserlichen Hofes hing lastende nächtliche Schwüle. Während des ganzen Tages, an dem sich die Hochzeit zwischen Sonne und Mond vollzog, hatte in der schwülen Atmosphäre ein gewitterschwangeres Drohen gelegen, als ob Riesenfäuste sich erhöben, mit Riesenkräften alles niederzudrücken, was sich aufrichten wollte: den Weihrauch, der geschwenkt ward, die Hymnen, die erklangen, die Ekstase der Priester, der Priesterinnen, die fast bange Erregung der Menge. Von Karthago hatte man die Cälestis Urania, den silbernen Mond, nach Rom gebracht: das heilige Bild auf der ungeheuren Trireme, überdeckt mit einem Zeltdach aus sternenbesätem Azur; Volksfeste und Spiele waren dem Hochzeitsfest vorangegangen, der Hochzeit zwischen Sonne und Mond, der Hochzeit des Heliogabal mit der Cälestis, die mit maßlosem Gepränge im Tempel des Heliogabal gefeiert ward. Am Abend hatte sich fromme Stille dumpf über Rom gesenkt, in Kasteiung und Fasten und unablässiger Anbetung der göttlichen Braut und des göttlichen Bräutigams, des strahlenden Schwarzen Steines, den Antoninus anfänglich dem Jahrhunderte alten Bildnis der Pallas hatte vermählen wollen, bis er gemeint, daß die sanftere Urania der goldschimmernden Seele des Heliogabal liebwerter sein werde als die behelmte, speertragende Tochter des Zeus, die jungfräuliche Virago, durch ihren eigenwilligen Dünkel dem Oberpriester des Lichtes mißfällig. In jener gewitterschwülen, dumpfen Nacht war Antoninus nicht in das Palatium zurückgekehrt; nach der Zeremonie der Hochzeit, nach dem Tanz, den er selbst zu Ehren des Heliogabal und der Cälestis vor dem schwarzen Monolithen und dem silbernen Bildnis getanzt, hatte er die Stirn zu Boden gesenkt und sich regungslos in Anbetung und Frömmigkeit vor den Altären niedergelassen. Die Menge hatte die Tempel verlassen; Antoninus blieb hegen, während die Magier rings um ihn die Litanei murmelten, die Sonnenpriester ihn umringten und die Sonnenkinder, von denen einzelne, durch Ermattung ohnmächtig geworden, bewußtlos hingestürzt lagen über die verstreuten Blätter. Regungslos blieb Antoninus, seine Seele in Frömmigkeit fern entrückt. Die Magier, die wohl wußten, daß die fromme Ekstase noch viele Stunden währen könne, murmelten mit halblauter, tief dröhnender Stimme Stunden und stundenlang die Litanei ... während der Donner über dem Tempel rollte wie die Räder des Feuerwagens, auf dem des Antoninus Seele für eine kurze Spanne Zeit in Frömmigkeit aus dem zur Erde herab gestürzten Körper entflohen zu sein schien ...

Erst spät am kommenden Morgen wollte der Kaiser den Tempel verlassen ... Es war nicht das erstemal, daß Antoninus nach dem Dienst und Tanz dort blieb, erfüllt von der tieferen Schwärmerei, der innigeren Frömmigkeit, die zugleich mit seiner Sinnlichkeit in dem Mystizismus seiner Seele erwacht war, gleichsam, als eilten alle in ihm schlummernden Keime überschnell der höchsten Blüte entgegen. Es war nicht das erstemal, und die Nächte, in denen Antoninus nicht zum Palatium zurückkehrte, fürchtete Mammäa am meisten. Sie fürchtete für Alexianus, der jetzt allgemein Alexander genannt wurde. Zwar waren die Gemächer der Clarissima zwischen den ihrigen und denen der Semiamira gelegen; zwar würde die Clarissima – wiewohl sie leider den Antoninus noch immer und wohl für alle Zeiten lieber hatte als Alexianus – auch ihr Kind beschützen. Doch was vermochte dieser Schutz gegen Gift und Meuchelmord? Antoninus haßte Alexander, der so ganz anders war als er, haßte den Cäsar mehr und mehr. Wo immer dieser sich zeigte, ward er umjubelt, und diesen Jubel beantwortete er nicht wie Antoninus, der lächelnd Kußhände warf, sondern mit der stolzen Würde eines jungen Römers, der vielleicht zu höheren Dingen berufen sein mochte. Des Antoninus Höflinge haßten den Sohn der Mammäa, der sie und die Ihren mied, der Protogenes, Murissimus und Gordus fernblieb und fern dem Praefectus Prätorio Antiochianus, dem Aristomachos, dem Gemahl Hierokles und dem Geliebten Magirus Zotikus, fern all jenen aus der Hefe des Volkes jäh emporgestiegenen und ebenso jählings wieder verschwindenden Günstlingen. Nur die allgemeine Ehrfurcht vor Mäsa hielt sie davon zurück, daß sie sich an Alexianus vergriffen, um Antoninus wohlgefällig zu sein. Wohl hatte Mammäa die Gruppe ihrer Getreuen, ihre Leibwache, aus den Anhängern des Alexianus erwählt. Doch was nützte auch dieser Schutz, da doch Antoninus allmächtig war! Grollte die Clarissima noch ob der Kränkung, die er ihr angetan hatte, als er sie mit der Sandale geschlagen hatte? Verzieh sie Antoninus nicht alles, sobald er sich ihr mit seinem gewinnenden Lächeln näherte und mit seiner um Vergebung flehenden Umarmung? Hatte sie nicht von neuem ein Sakrilegium gutgeheißen, die Transportation der Cälestis Urania – die Vermählung der Götter, für die das ganze Reich den Brautschatz hatte beisteuern müssen –, während doch das römische Volk sich im Innern auflehnte gegen eine solche Entweihung heiligster Bildnisse?

 

In dieser Nacht der Hochzeit irrte Mammäa rastlos umher, immer wieder aufgeschreckt durch die rollenden Donner, die wie Drohungen klangen. Sie öffnete den Vorhang zu des Alexianus Gemach: dort lag ihr Sohn in ruhigem Schlummer. Ob Antoninus nicht für diesen Abend etwas plante? Narr war am Nachmittag mit lauerndem Blick durch den Kaiserinnenhof geschlichen. Warum war der Mohr dem Dienst im Tempel ferngeblieben? Und dem Tanz, der zu Ehren der göttlichen Hochzeit stattgefunden hatte?

Was war das? ... Was raschelte da? Wer ging dort durch den Portikus ? War es ein Gespenst ...? War es ihre verhaßte Schwester Semiamira, die Aristomachos das Zeichen gab? Ihr Götter, so die Stunde geschlagen hätte! Schon wollte sie einen Schrei ausstoßen, Mäsa rufen. Dort drüben war ihre Leibwache, im Halbschlaf. Die Soldaten sahen sie nicht, auch nicht das Gespenst, das allmählich verschwand. War es denn wirklich ein Gespenst? Eine unheilkündende Larve?

»Encolpius ...«

»Augusta?«

Der Zenturio der Wache tritt näher.

»Wache, wache bei dem Cäsar!«

»Ich wache, Augusta.«

»Wache bei ihm, ich fürchte mich.«

»Wir wachen alle, Augusta, wir schlafen nicht.«

»Der Kaiser ist im Tempel verblieben.«

»Wir wachen in jeder Nacht mit der gleichen Wachsamkeit.«

»Ich habe den Mohren umherschleichen sehen.«

»Er kann sich dem Cäsar nicht nähern.«

»Ich habe ... ich habe dort ... ich weiß nicht, wen ... gesehen ...«

»Sicherlich die Augusta Semiamira. Oftmals verläßt sie den Palast während der Nacht.«

»Heute nacht wird sie es nicht wagen, es ist die Nacht der Keuschheit. Nein, Semiamira war es nicht. Denn so fanatisch ist Antoninus geworden, daß er es seiner Mutter niemals verzeihen würde, wenn er erführe ... Encolpius, ich will wissen, ich folge diesem Spuk ...«

»Hütet Euch, Augusta, hütet Euch!«

»Still, Encolpius, ich werde auf der Hut sein. Fürchte nichts für mich, doch wache bei dem Cäsar. Er schläft.«

Mammäa eilte, in die dunkle Palla gehüllt, der weißen Erscheinung nach. Wohin war sie entschwunden? Da, da ... Eine Sklavin? Ein Sonnenpriester? Nein, wer würde wohl den Mut haben, die Nacht der Keuschheit zu entweihen, die der Orgie der Götter folgte? Todesstrafe drohte einem jeden, der die Nacht der Urania entheiligte. Wer war es? Lebte die Gestalt oder war sie tot? Nein, sie hatte eine kleine Lampe entzündet. War es Eine, die sich gegen Alexianus verschworen hatte? Doch die Erscheinung entfernte sich vom Frauenhof. Plötzlich glaubte Mammäa, während sie ihr nachschlich, sie von ferne zu erkennen. Es war Aquilia Severa, die Virgo Maxima, die Gemahlin des Antoninus, die Kaiserin, die Augusta, die der Kaiser, wie man sich zuflüsterte, noch nicht berührt hatte, ebenso wie er Cornelia Paula unberührt gelassen hatte; diese war verstoßen worden, weil ein Fleck ihre linke Brust verunzierte Vielleicht würde auch Severa verstoßen werden. Wohin lenkte die jungfräuliche Kaiserin ihre Schritte? Nein, eine Verschwörerin war sie nicht. Oftmals suchte sie, fern vom Hof, fern von dem Schwarm der Günstlinge, fern von Semiamira, der Mammäa Gesellschaft auf. Wohin lenkte die Kaiserin ihre Schritte? Mammäa folgte ihr neugierig. Encolpius wachte bei dem Cäsar. Lang erstreckte sich der geheime Gang. Hier, o Schauder! an dieser Stelle war Domitian ermordet worden; noch leuchteten dort die großen Quadern aus kappadokischem Marmor, die die Gestalten seiner nahenden Mörder spiegelnd zurückgeworfen hatten. Es war, als klebe sein Blut noch da, als irre sein Schatten noch umher. Jetzt eilte Severa die Stufen empor, jetzt stellte sie ihr Lämpchen aus der Hand, suchte in den Falten ihrer Stola. Was trug sie unter dem Mantel verborgen? Mit einem Schlüssel öffnete sie die eherne, leicht knarrende Pforte zur Kapelle. Sie trat ein, schaute sich um, erblickte Mammäa wie einen dunklen Schatten in der Ferne. Sie erschrak, stieß einen Schrei aus, Heß die Lampe fallen. Mammäa nahm sie hastig auf, bevor der Docht verglommen war.

»Severa, Severa, ich bin es.«

»Mammäa, warum folgst du mir?«

»Ich weiß nicht, Severa. Ich fürchtete mich. Ich sah dich hierher schleichen, mir bangte um Alexianus.«

»Du ließest Alexianus allein ...?«

»Encolpius wacht ... Was tust du hier, Severa, allein und unbeschützt?«

»Still, Mammäa, still, tritt ein.«

»In die Larenkapelle ?«

»Tritt ein!«

Sie traten ein, schlossen die Tür. Der tempelähnliche Rundbau, dessen Kuppel von Säulen getragen ward, leuchtete matt auf im Schimmer der kleinen Lampe, deren Docht Severa mit Hilfe einer langen Nadel heller aufflammen ließ. Vor den Bildnissen der Hausgötter waren die Altäre bedient: Blumen lagen darauf und Früchte und aus kleinen Duftfässern wanden sich dünne Weihrauchspiralen empor; an der Seite des Palladiums – weh, daß es das echte war! – das unsichtbare Bildnis der Pallas, der heute verstoßenen Gattin des Gottes Heliogabal, die verdrängt ward von der Cälestis Urania aus Karthago; an der anderen Seite das formlose Bildnis der Rhea Kybele, uralt und urheilig, das Antoninus aus dem Tempel geraubt hatte; auf einem Tisch aus Lapislazuli lagen die aus dem Tempel der Diana von Laodicea geraubten heiligen Steine des Orest; doch in der Mitte, auf bronzenem Dreifuß, matt glimmend das heilige Feuer, die unlöschbare Flamme der Vesta, die Antoninus in schaudererregendem Sakrileg aus dem Tempel in die Larenkapelle hatte überführen lassen. Mammäa, die schon mehr fromme Römerin als Tochter der Sonne war, fühlte, wie es sie durchschauerte, wie ihre Knie zitterten. Der Atem der Götter war um sie, schwerer und lastender als die unheilkündende Gewitterschwüle. Seit kurzem hatten ihr die Lehrsätze der Christen edle Schönheit offenbart; reine Weisheit schöpfte sie aus den Briefen des Origenes, des Christenphilosophen aus Alexandra; aber eine fromme Römerin blieb sie dennoch und um sie war der Hauch der Götter. Sie kniete nieder.

»Severa,« murmelte sie, »Severa, wie kommst du hierher?«

»Den Schlüssel zur Kapelle wußte mir ein Schmied nachzubilden.

Wir entwendeten ihn für wenige Stunden aus dem Gemach des Antoninus.«

»Severa! Severa!« rief Mammäa flehentlich aus, »sage mir, was tust du hier?«

Zu Füßen der Virgo Maxima war die Serenissima in die Knie gesunken.

Severa hatte die Lampe abgestellt, einen Zipfel ihres Mantels hielt sie sorgsam empor.

»Still, Mammäa,« sagte sie streng, »ich bin die Hüterin des heiligen Feuers. Antoninus will nicht, daß ich es bediene, auf daß es verglimme. Niemals, Mammäa, niemals kann es erlöschen, doch verglimmen könnte es ... Und darum komme ich hierher. Verhülle dein Haupt, Mammäa, und senke den Blick.«

Die Augusta zog sich die dunkle Palla über den Kopf und kauerte, von gottesfürchtigem Schauder durchzuckt, zu Severas Füßen nieder. Die Vestalin suchte in dem Zipfel ihres Mantels, ihre vorsichtig tastenden Finger fanden darin kleine, viereckige, goldfarbene Kohlen, die im Licht der kleinen Lampe glitzerten gleich Chrysolith ... Zwei, drei ließ sie in das Feuer fallen, das in breiter, bronzener Schale auf einem Dreifuß glomm. Das Feuer knisterte; eine Flamme züngelte empor: duftender Rauch umwölkte bläulich den Schein der Lampe.

Severa legte die Hand auf Mammäas Schulter. »Komm, Mammäa,« sagte sie, »komm mit und folge mir nie mehr, wenn du siehst, am Abend oder am Morgen oder wann immer es sei, daß ich mich entferne, um das Feuer zu bedienen.«

»Nein, Severa, nein.«

Severa erhob sich, öffnete die bronzene Tür, schaute sich vorsichtig um und schloß die Larenkapelle. Die Frauen eilten die Treppe hinunter, durch den Kryptoportikus. Der Donner rollte, der Regen strömte.

In der Ferne durch den grauen Morgen hörte man den Klang von Tuben, die verkündeten, daß der Kaiser nach der Keuschheitsnacht zum Palatium zurückkehre.

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