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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Zweites Kapitel

Das Leben erwachte. Aus den niedrigen Türen des Lupanars traten die Frauen, eine nach der andern, begrüßten sich, erzählten einander die Erlebnisse der Nacht. Durch die offenen Gitterfenster wurden im Innern einige sichtbar, die sich bereit machten für den Dienst, für das Opferfest, für den Tanz. Sie wurden geschminkt, während Sklavinnen ihnen die Schuhe mit kreuzweis geschlungenen Bändern, die bis unter das Knie reichten, um die Waden befestigten. Wohlgerüche von gebrannten Narden übertäubten den schwülen Duft des Rosenöls. Draußen, im Peristyl, bereiteten Sklavinnen Salben und Wohlgerüche. Sie tauchten Mohn in Wasser, um das Rot für die Lippen zu gewinnen; Gerste und Eier vermengten sie mit Hirschhorn, das im Frühling abgefallen war; sie zerstampften Narzissenzwiebeln in Honig und Gummi; sie rieben Iris aus Illyrien mit Bleiweiß und Salpeter rot; sie siebten den Schleim, mit dem der Eisvogel sein Nest bereitet, und der, leicht aufgelegt, der Haut ein leuchtendes Weiß verleiht. Aus den offenen Krügen qualmten die starken Düfte, über denen schon die Fliegen schwärmten; die Zitronenblüten, einsternige Kelche, dufteten schwer. Gegenüber dem Lupanar waren die Portikusgebäude der Sonnenpriester gelegen. Auch diese erschienen, die meisten schon in weitärmliger, schleppender Samara, die Mitra auf dem lockigen Haar. Es waren meist Jünglinge, fast noch Knaben, und beinahe ausschließlich von edler Herkunft. Dem Lupanar schenkten sie keinen Blick. Doch die Dirnen, von ihnen getrennt durch die blühenden Gebüsche der Haine, wiesen durch das Laub hindurch mit Fingern auf sie, nannten kichernd und flüsternd ihre Namen, zugleich mit Frauennamen. Lämmer blökten. Sie kamen daher, ein rahmfarbenes Gewimmel wolliger Tierrücken, dicht aneinander gedrängt, vom Stab der Hirten vorwärts getrieben. Böcke folgten: die Schlachtopfer für das Fest. Sie wurden zu Käfigen getrieben, die hinter dem dachlosen Allerheiligsten lagen, dort, wo der Schwarze Stein angebetet ward. Sklavinnen gingen geschäftig umher; sie trugen gelbe und hyazinthfarbene Stoffe auf den Armen, kleine Truhen gegen die Brust gedrückt, auf den Schultern langhalsige Krüge. Ein Stimmenrauschen erhob sich und dazwischen hörte man das Blöken der Lämmer und Böcke und den Schrei der Pfauen, vieler, vieler Pfauen. Indessen wandelten die jungen Priester langsam und nachdenklich einher, voller Verachtung für all jene Frauen: Tänzerinnen, Zimbelschlägerinnen, Flöten- und Sistrenspielerinnen, die zwar wenig geachtet, doch viel gesucht waren – nicht von ihnen – doch von den Männern aus der Stadt und von den Soldaten der phönizischen und syrischen Legionen.

 

Eine alte Negerin kam angetrippelt. Sie trug ein rot und gelb gestreiftes Hemd, das über der welken Brust geöffnet war. Ungeduldig klatschte sie in die Hände und rief mit einem maurischen Akzent, den die Weiber belächelten: »He, he, hierher, Statira, Livilla, Myrrha, Xylitta!«

Sie rief noch viele. Sie kamen hastig, denn die Negerin Vasthi, die Oberste der Ankleiderinnen Seiner Heiligkeit, klatschte immer weiter in die Hände. Sie kamen: ein Schwarm von nackten Frauen; Tänzerinnen und Ankleiderinnen. Alle waren geschminkt, trugen kunstvollen Haarbau und syrische Schuhe mit drei Kameen übereinander, die die kreuzweise geschlungenen Beinbänder hielten. Sie waren ausgewählt um ihrer Schönheit willen und Vasthi musterte sie vom Kopf bis zu den Füßen, so daß sie verlegen kicherten und sich hintereinander verbargen.

»Livilla, scher dich in deine Kammer zurück!« befahl die Negerin.

»Warum?«

»Dein Haar sitzt schief, deine Brauen sind schlecht gemalt und du bist bleich, deine Augen sind dunkel umschattet vom nächtlichen Dienst.«

Livilla begann zu weinen, schmollte mit feuerroten Lippen. Doch sie blieb.

»Xylitta, höher die Schnalle unter deinem rechten Knie!«

Xylitta beugte sich nieder und zupfte an der Kamee. Statira mußte ihr helfen.

»In deine Kammer, Livilla!« rief die alte Negerin befehlend.

»Ich bediene den rechten Schuh Seiner Hoheit!« warf Livilla ein.

»Sorge erst, daß du besser aussiehst.«

Das Mädchen zuckte mit Arm und Schulter; es ging in seine Kammer zurück.

»Vorwärts!« rief die Negerin den andern zu.

Sie folgten ihr in Reih' und Glied, beinahe soldatenmäßig, und wiegten sich in den Hüften, doch sie kicherten nicht mehr, sie waren ernst geworden.

Die Mädchen folgten Vasthi in das Peristyl des hohenpriesterlichen Hofes. Dort warteten sie, während die Negerin voranging und Narr heranwinkte, der draußen saß und träumerisch auf drei Krokodile starrte. Der Mohr stand auf, blickte nach dem Vorhang, der des Bassianus Gemach verhüllte, und schlug ihn zurück.

Der Knabe Bassianus war soeben erwacht.

Er hatte sich nicht geregt; lag noch da gleich Hermaphroditos.

Vasthi erschien in der Tür. Sie streckte die Hände empor und verneigte sich possierlich.

»Eure Herrlichkeit, die Ankleiderinnen!«

Bassianus lächelte, Spott blitzte in den Winkeln seiner zweideutigen, halb zugekniffenen Augen, seine Lippen zogen sich noch fester zusammen, wie zu einem Kuß.

»Gut, Vasthi, rufe die Mütter!«

Die Negerin verneigte sich zum zweitenmal, trat hinaus und gebot Statira, der gnädigen Semiamira und der ehrwürdigen Mäsa Meldung zu erstatten. Dann winkte sie den anderen Frauen. Hinter ihr, in Reih' und Glied, traten diese ein und standen schweigend da.

»Ist es denn wirklich schon so spät?« fragte Bassianus.

Er gähnte.

Der Mohr kam und meldete, das Bad sei bereitet.

Das Bad, ein rotes Marmorbecken in der Mitte des angrenzenden Gemaches, war ein Springquell. Vier Delphine spieen Wasser, eiskalt, kalt, lauwarm und heiß. Narr öffnete die Hähne und Bassianus, weiß und anmutig gleich Bacchus, beugte seinen Rücken abwechselnd unter die Strahlen. Das Becken füllte sich. An der Hand der Negerin tauchte er unter, tummelte sich, lachte und bespritzte sie mit Wasser. Sie streifte die Ärmel empor, hüllte ihn ganz in rauhe Tücher, mit denen sie ihn abrieb. Er hatte sich auf einen Schemel gesetzt und Narr strich ihm mit einem runden Bimsstein über die Schenkel.

»Deborah!« rief Vasthi. »Glätte die Nägel Seiner Sonnengöttlichkeit!«

In ihrer Verehrung häufte sie die bizarrsten Titel und ersann für Bassianus immer prunkvollere Namen. Deborah kniete nieder und nahm ihres kleinen Herrn Fuß in den Schoß, einen Fuß mit sehr hohem Spann, geschweifter Sohle und fehlerlos geformten Zehen.

Er kitzelte sie an den Knien; sie tat, als merke sie nichts, und glättete sorgfältig die Fußnägel, bis sie glänzten.

Im Schlafgemach entstand Bewegung; eine Unruhe erhob sich, weil die alte Mäsa und Semiamira, noch ungeschmückt, mit ihren Frauen eingetreten waren, um der Zeremonie des Ankleidens beizuwohnen. Erregte Stimmen riefen durcheinander, weil es schon spät war. Mäsa sagte, sie habe verboten, daß man Bassianus früher wecke, Semiamira erklärte, er könne zur heiligen, rituellen Stunde unmöglich bereit sein. Die Sklavinnen summten durcheinander, obwohl ihnen Schweigen geboten war, und die Erregung wuchs, weil Bassianus noch immer nicht aus dem Bade kam. Er ließ sich von Narr über und über mit Bimsstein reiben, Deborah mußte ihm wieder und wieder die Fußnägel glätten, Vasthi zog ihm mit kleinen Zangen sorgfältig die einzelnen Härchen aus und rieb die schmerzende Oberhaut sogleich mit ihren geschmeidigen Fingern, die sie in einen rosigen Schaum getaucht hatte.

»Bassianus!« rief Semiamira.

»Bassianus!« rief Mäsa.

»Ich komme ...«

Er kam, den weißen Leib vom Bade rosig überhaucht, stieß die dienenden Frauen nach links und nach rechts, so daß sie strauchelten – eine stürzte – und ließ sich wie ein übermütiges Kind auf den Stuhl vor dem Spiegeltisch fallen. Schon hatte Statira die Eisen gewärmt. Keine verstand es wie sie, das Haar zu locken, luftig, weich und ohne zu sengen. Sie legte vier Locken an jede Schläfe; die Locken im Nacken krauste sie voller und runder; sie fielen bis über die Schultern. Das war eine sehr wichtige Prozedur, und alle schauten zu. Als Statira darauf die Locken mit leichtem Goldstaub bestreut hatte, so daß sie ganz vergoldet schienen, sagte Semiamira:

»Jetzt muß ich mich ankleiden.«

Sie ging mit ihren Sklavinnen; die alte Mäsa blieb.

Doch an der Tür des Peristyls lärmten keifende Stimmen, denn Livilla kam zurück und Vasthi, noch unzufrieden, rief heiser und gedämpft:

»Dein Haar sitzt noch immer schief! Zurück in deine Kammer!«

»Ich?« entgegnete Livilla entrüstet. »Ich bediene den rechten Schuh unseres Herrn. Ich in meine Kammer zurück? Wie kann er tanzen, ohne daß ich ihm den Schuh binde und löse?«

»Deborah wird den rechten Schuh bedienen.«

»Deborah?« rief die Dirne eifersüchtig. »Kann die es besser als ich? Nein, mir, mir hat man es anvertraut!«

Mäsa fragte, was es gäbe, und Vasthi klagte, Livilla sei schamlos und sehe aus wie eine aus der Subura. Der Knabe Bassianus rief:

»Livilla!«

»Herrchen?«

Sie stürzte herbei, kniete nieder.

»Livilla, hab acht, daß du die Bänder sorgfältig verschnürst. Wenn du dich versiehst, lasse ich dir die Haut abziehen«, sagte Bassianus, während ihn Statira unter den Augen schminkte, stets mit ihrem selbstbewußten Lächeln, ohne das leiseste Zittern ihrer Finger, die den Antimoniumstift führten.

Vasthi wagte nichts mehr zu sagen, Livilla triumphierte. Inzwischen bemühten sich die Frauen um Bassianus, größtenteils um heimlich zu erspähen, wie Statira so geschickt und sicher Bassianus das Gesicht schminkte, das sie gänzlich belegt hatte mit einem weißen Schmelz aus Eisvogelschleim, bevor sie die Wangen anrötete. Allein die alte Mäsa war nicht zufrieden.

»Es ist zu viel!« rief sie aus, »viel zu viel! Statira! Sieh doch, Vasthi, es ist zu viel! Soll ein frischer, schöner Knabe wie Bassianus sich schminken lassen wie eine alte Hure?« Doch Bassianus hatte sich wieder und wieder in all den Spiegeln betrachtet, die ihm die Frauen knieend mit hoch erhobenen Händen reichten.

»Nein, Großmutter, es ist nicht zu viel«, rief er ungeduldig aus und stampfte mit dem Fuß, der noch lose in einer Sandale steckte. »Bedenke doch, du siehst mich hier ganz in der Nähe. Es ist nicht zu viel! Die Apadana ist beinahe ganz dunkel und die Sonne strömt zur heiligen Stunde grell in das dachlose Allerheiligste. Wenn ich tanze, tanze ich ganz in der Sonne. Man sieht mich also aus dem Dunkel im vollen Licht. Statira versteht ihre Sache; denn wenn sie mir nicht so viel Email auflegt, wie sie es tut, habe ich kein Gesicht und erscheine als ein verschwommener Fleck. Bedenke doch, wie ungeheuer die Entfernung ist!«

»Aber Kind, deine Haut verdirbt unter der dicken Schicht.«

Bassianus zuckte die Achseln.

»Mit dieser Salbe«, sagte Vasthi, indem sie auf einen kleinen Krug zeigte, »entferne ich die ganze Schicht sogleich nach dem Tanze.«

Ein wirres Gemurmel der Frauen gab Mäsa, wenngleich sehr ehrfurchtsvoll, zu verstehen, daß sie im Irrtum sei, und so mußte sie es denn geschehen lassen, daß Statira den Körper des Bassianus, der aufgestanden war, von oben bis unten mit einer flüssigen Salbe bestrich, die sofort trocknete und dann silbern leuchtete. Die Frauen schauten ängstlich zu, denn einmal war eine Ankleiderin zu Tode gepeitscht worden, weil sie die Salbe nicht kunstgerecht aufgelegt hatte. Doch mit fest geschlossenen Lippen, die selbstgenügsam lächelten, trug Statira stolz und sicher die Salbe mit langen Strichen ihrer Bürste vom Nacken bis zu den Füßen auf, und so leicht war ihre Hand, daß nicht ein einziger Streifen zu entdecken war. Nur als Bassianus, den die Bürste zwischen den Schenkeln kitzelte, eine plötzliche Bewegung machte und sich kichernd schüttelte, hielt sie inne und hob erschreckt die Hand mit der Bürste empor. Sie erbleichte. Allein es war nichts verdorben und sie wiederholte den Strich. Der Knabe stand perlenweiß da, traumhaft silbern leuchtend. Selbst Aphrodite, die Schaumgeborene, konnte nicht strahlender gewesen sein und auch Mäsa war zufrieden.

Doch nun begann unter den Frauen eine lebhaftere Erregung zu zittern, denn Bassianus mußte jetzt beschuht werden und das war das Allerwichtigste für den Dienst und den Tanz. Da während des Hohenpriestertanzes um den Stein vor dem allerheiligsten Augenblick, in dem das Mysterium sich vollzog, der Ritus es vorschrieb, daß zwei Frauen dem Hohenpriester, indes er sich wand und drehte, die langen Bänder des Schuhwerks lösten, um sie dann wieder im gleichen Rhythmus zu schlingen und die drei Spangen zu befestigen, mußten die Tempelmädchen, denen diese Ehre zuteil ward, ihrer Sache sehr sicher sein, mußte im Ankleideraum des Hohenpriesters eine jede den Schuh, den sie zu bedienen hatte, selbst befestigen und durfte sich auch nicht im Allergeringsten irren in der Art, wie sie die Bänder bis unter das Knie schlang. Livilla bediente den rechten Schuh, Xylitta den linken. Während Mäsa und all die Frauen ringsumher zuschauten, beschuhten die Mädchen Bassianus, der, von einem leisen Summen der Mädchen begleitet, flüchtig den Tanzschritt andeutete. Eine begleitete mit der Flöte, eine andere mit der Trommel, damit die Bewegungen der beiden vor Spannung bleichen Ankleiderinnen im Zeitmaß zusammenstimmten. Livilla irrte sich, schlang ein Band nach oben, das sie hätte unten herum führen müssen, und Bassianus wurde rasend, stampfte mit dem Fuß und stieß sie mit der Faust vor die Brust. Doch sie machte es noch einmal und besser. Nochmals und abermals wurden die Schuhbänder geschlungen und die Kameeschnallen befestigt. Das mußte mit einer einzigen Bewegung geschehen, sollte der Tanz nicht entheiligt werden.

»Es wird schon gehen, Eure Sonnenherrlichkeit«, sagte Vasthi, deren wulstige Lippen in nervöser Angst zitterten.

 

Draußen dröhnten Gongschläge, erst hoch, dann tief, erst schrill, dann dumpf; sie riefen die Gläubigen in den Tempel. Die Menge strömte schon bei den Pforten zusammen, um gute Plätze ganz vorn zu erobern, und bis in die hohenpriesterlichen Gebäude und den Frauenhof, der von einer Wache römischer Velites umringt war, die ihn gegen etwaige Neugierige abschloß, drang das Gelächter und der freudige Jubel, denn diese alle drei Monate sich wiederholende Zeremonie bedeutete ein hohes Fest. Der Lärm der Gongs spornte die Mädchen in den Peristylen zur Eile an. Sie begannen sich zu versammeln. Auch die Sonnenpriester kamen schon und die grauenerweckenden Magier; alle warteten auf Bassianus und warfen verstohlene Blicke in sein Gemach, während er selbst ganz ruhig blieb und lächelte. Im übrigen war er jetzt, da er beschuht war, so gut wie fertig; nur noch die schwere Goldplättchenschnur wurde ihm über die Brust und der Goldplättchengürtel um die Lenden gelegt. In jedes Plättchen war ein hellroter Karfunkelphallos als Symbol eingelassen. Da der Hohepriester während des Dienstes vor dem Tanz das geschlechtslose Licht symbolisierte, zog sich der Gürtel von der Mitte des Körpers an den Leisten entlang und eine runde Muschel aus Karfunkelstein verhüllte das Geschlecht. Geschlechtslos und nackt stand Bassianus da, beschuht, gegürtet und mit der Halsschnur angetan. Jetzt setzte er sich selbst die Mitra auf und vier Frauen brachten den wallenden, weitärmeligen Mantel und legten ihn vorsichtig um seine Schultern. Er stieß einen leichten Schrei aus: der Mantel war so schwer, daß er glaubte, unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Doch wie in Ekstase sagte er aufstöhnend:

»Je schwerer mein Mantel auf mir lastet, um so glückseliger fühle ich mich!«

Aus diesen Worten sprach eine so seltsame Wollust, daß die Dirnen ringsum ihn beinahe ängstlich anstarrten und mystisch erschauernd bedachten, daß Seine Heiligkeit göttliche Lust empfinde, die ihnen nie geoffenbart würde. Jetzt stand Bassianus da in seinem Glockenmantel aus Gold und Edelgestein: starr stand die reichbestickte, schwere syrische Doppelseide ab und der gemmenbesetzte Saum richtete sich aufrecht vom Boden empor.

Draußen dröhnten die Gongs. Die ungeheuren kupfernen Becken, regelmäßig und rhythmisch mit schweren Klöppeln geschlagen, durchhauten hell und gedämpft, hoch und tief die Gärten; hin und her schwang das Echo zwischen den Gebäudereihen, deren schwere Massen die Klänge auffingen und wieder zurückwarfen, bis sie zwischen den Rosenbüschen und Zitronenhainen erstarben. So gewaltig war der Schall, daß die Rosen schwingend erzitterten und die wohlriechenden Flammen, die von Sklaven unter Aufsicht der Turiferi im Peristyl in Lampen und Rauchfässern entzündet wurden, aufflackerten; daß ein einziger Jubel die Sinne und Seelen aller, die an diesem glorreichen Morgen lebten, erbeben ließ. Die Gongs jubelten und jubelnd drängte die Menge auf dem staubigen Wege dem Tempel zu. Die ganze Atmosphäre hallte wider vom Jubel und zitterte fast qualvoll in sinnlicher Erwartung. Nur die Sonnenpriester, die jetzt alle im Peristyl um die Magier versammelt waren, blieben gelassen und lächelten geringschätzig.

Die meisten waren dem Knabenalter noch nicht entwachsen; sie trugen alle die Mitra, ließen ihre lange Samara nachlässig über den Mosaikboden schleifen und warteten auf Bassianus. Als Mäsa inmitten ihrer Sklavinnen die hohenpriesterlichen Gemächer verließ – noch ungeschmückt, in weißer Palla, nach dem Frauenhof hastend, um schleunigst das Festgewand anzulegen – wichen alle unterwürfig zur Seite: die Magier, die Sonnenpriester sammelten sich und begrüßten sie mit kriechender Demut. Sie hastete so, daß sie den Gruß nicht einmal erwiderte.

Auf der Schwelle zum Frauenhof erschien Semiamira in goldener Chlamys, das Haar halb nach römischer, halb nach assyrischer Art getürmt und azurblau gepudert. An ihrer Tochter vorüber eilte die alte Mäsa und rief dieser zu, sie möchte sich bereit machen. Stimmen durchbrausten das Peristyl und schneller dröhnten die Gongschläge durch- und gegeneinander. Es war, als berste all dieser Lärm, als wirble er in Atomen in Luft und Sonnenschein umher.

Ein Schwarm von Flötenbläserinnen, Harfenspielerinnen, Tamburin- und Zimbelschlägerinnen kam herbei, nackt, doch mit gelocktem Haar, beschuht und geschminkt. Sie wurden von Eunuchen geleitet. Andere Eunuchen, die Zeremonienmeister, ersuchten die Sonnenpriester, sich aufzustellen; Nomenklatoren riefen Namen und Nummern aus. Ein Trupp Sklaven eilte herbei, beinahe zu spät, von Aufsehern vorwärts getrieben.

Auf der Schwelle des hohenpriesterlichen Hofes erschien, von seinem Gefolge umringt, Bassianus, ernst wie ein Gott, starr umstrahlt von seinem Priestermantel, der ihn ganz verbarg. Nur sein göttergleiches Antlitz, unter der hohen Mitra golden umlockt, war über dieser leuchtenden Mantel- Glocke sichtbar. Die Priester vom Dienst, aufgerufen von den Nomenklatoren und von Eunuchen geleitet, eilten auf ihn zu.

Die Gongschläge umdröhnten den Tempel und über ganz Emesa schleuderten sie die millionen Klänge ihres unwiderstehlichen Rufes.

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