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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Neunzehntes Kapitel

Antoninus lag in dem achteckigen Turm auf dem breiten Sigma aus gelber Seide und las ein Schreiben des Hydaspes, wieder und wieder. Er war allein. Draußen vor der Tür der Wendeltreppe hockte Narr.

»Das große Gute tuend, nach dem Allichten strebend...« Wie süß war des Hydaspes Belehrung im Sternenturm gewesen und seine heilige Einweihung in die unsichtbaren Dinge, die mündlich überlieferten Mysterien, die die Magier eifersüchtig bewahrten, fern von der Besudelung durch das Volk, in dem geheimnisvollen Innern ihres Turmes...

Hatte er das große Gute getan? Strebte er nach dem Allichten?

Nun fühlte Antoninus, wie er schwankte; erst jetzt, so fern von Hydaspes, so fern von Emesa und dem Turm, begriff er, daß es sehr schwer sei, das große Gute zu tun und nach dem Allichten zu streben. Möglich, daß es an des Hydaspes Seite leichter gewesen wäre... Aber hier in Rom? ... Was war das große Gute? Wo war das Allichte verborgen? Nein – plötzlich ward er dessen deutlich gewahr – das große Gute hatte er nicht getan und nach dem Allichten strebte er nicht, wie fromm er auch sein mochte und obwohl er öfter als zu Emesa den Monolith-Phallus des Heliogabal tanzend umschritt. Niemals würde er ohne Hydaspes dem Licht entgegenstreben und das große Gute vollbringen können. Doch an Seele und Körper Mann-Jungfrau werden, das war doch hier auf Erden das Höchste. Das Gleichmaß, das gar so schwer innezuhaltende Gleichmaß, nicht mehr Mann als Jungfrau, nicht mehr Jungfrau als Mann, »zurückstreben zu jener menschlicheren, zu der zweigeschlechtlichen Form der Seele, dem Zwei-Einigen, der Mann-Jungfrau, die war und wieder sein wird in dir, mein Antoninus...«

Er las, las wieder. Er gelobte sich, Adam zu sein, Adam-Eva, und das für die Menschheit fast unerreichbar heilige Gleichmaß zu wahren. Er würde nicht alt werden, das fühlte er... Noch nie hatte ein Gottgewordener ein hohes Alter erreicht... Und die Magier hatten ihm in geheimstem Orakel frühen und gewaltsamen Tod geweissagt... Auch Hydaspes, der es ihm nicht hatte sagen wollen, hatte das gelesen in der blutroten Sphäre um seinen Stern. Doch mußte er denn umkommen in der Blüte seiner Jugend, mußte er eines gewaltsamen Todes sterben, dann wollte er in Pracht umkommen, in diesem Turm, der in Chrysolith und Alabaster und Schildpatt erstrahlte – – dann wollte er seine Todesart selbst wählen. Darum sammelte er hier eine große Anzahl von Giften, die Narr ihm zu verschaffen wußte, und starke seidene Stränge an goldenen Ringen und mit Gemmen inkrustierte Dolche, die er sich ins Herz stoßen würde, wenn das Gift nicht blitzartig wirkte; oder er würde sich aus dem Emailfenster stürzen auf den Mosaikboden, der vor der elfenbeinernen Pforte sich breitete.

Ja, so sollte es sein! Er sah es vor sich: den Aufruhr, den Verrat des Heeres, das Mammäa mit den gestohlenen Schätzen der Clarissima zu bestechen gewußt hatte, die Prätorianer, die ihn jetzt anbeteten, Aristomachos, Antiochianus – sollte das jemals möglich sein?! – sie schlugen die Tür zum Turm ein, die Soldaten stürmten herein... gerade in dem Augenblick, da er, Heliogabal, lächelnd das blitzartig tötende Gift aus gehöhltem Blitzstein oder Karfunkel trank oder sich den juwelengeschmückten Dolch in die fast mädchenhafte Brust stieß... So würde es sein; unermeßlich üppig, wie sein Leben gewesen war, sollte auch sein Sterben sein, überwältigend, erschütternd, prunkvoll und anmutig in Haltung und Gebärde ... Aber sein Puls schmerzte ihn und er stöhnte und rief laut:

»Narr!«

Der Mohr trat ein.

»Herrchen . ..«

»Sieh, ich habe mir den Puls verstaucht, du weißt Mittel, die heilen und töten. Such mir einen Balsam und reibe mir den Puls!«

Der Mohr sah den Puls aufmerksam an, dann blickte er, vor Antoninus niederkniend, diesem tief in die Augen. »Herrchen,« sagte er, indem er die dunklen Arme um des Antoninus Knie schlang, »liebes Herrchen, ich bete dich an, sag mir, ob ich Hierokles vergiften soll?«

»Nein, nein, Narr!« rief Antoninus entsetzt aus, wahrend er ihn rauh von sich stieß, »nein! Ich liebe Hierokles! Sprich nicht mehr solche Dinge aus und denke sie nicht. Narr, denke sie nicht!«

»Ich weiß einen Balsam, ich will ihn holen,« sprach der Mohr dumpf, stand auf und ging.

Von Angst gequält, wollte Antoninus sich aufrichten, ihn zurückrufen, doch der Puls schmerzte ihn allzusehr, so daß der Knabe in die Kissen zurückfiel. Regungslos lag er da und dachte an Hydaspes und wiederholte, vor sich hinmurmelnd:

»Adam-Eva, der war und wieder sein wird in dir, o mein Antoninus.«

Ja, Adam wollte er sein, ebenso wie Eva. Eine zweite Gemahlin würde er sich erküren, neben dem Gemahl eine Gemahlin. Wie schwer war es doch, das Gleichmaß zu wahren! Voller Gefallsucht dachte er daran, daß Hierokles ihn vielleicht mehr um seiner selbst willen lieben würde, wenn er, Antoninus, eine Gemahlin an seiner Seite hätte. Plötzlich, als hätte sich die Wahl schon längst, seit Monaten, seit einem Jahr, in seiner Seele vollzogen, wußte er, wen er wählen würde. Ein Hoherpriester konnte keine andere ehelichen als eine Hohepriesterin...

Aquilia Severa, sie, die Virgo Maxima der Vestalinnen... Das Unerhörte dieses Gedankens leuchtete plötzlich in frohem Staunen in ihm auf... Die Kraft seiner Phantasie erfüllte ihn mit beinahe künstlerischem Genuß und Heß ihn den schmerzenden Puls vergessen. Die unantastbare Keuschheit der Virgo Maxima zu ehelichen nach dem Dekret von Volk und Senat; die unwandelbaren Dinge der Menschen und der niederen Götter zu wandeln, durch ein einziges Wort; Roms Traditionen zu entheiligen, weil sie weniger galten als die Traditionen Syriens, als die Sonnenmysterien Emesas... Sie zu entheiligen nicht mit harter Faust, sondern mit einem anbetungswürdigen Lächeln. Aquilia Severa, die Jungfrau, deren kühler, beinah verächtlicher Blick auf ihm geruht hatte, immer und immer, während der Spiele und Feste, während der Tänze und während der Zeremonien, während seines Hochzeitsfestes und während seiner Brautnacht, als er, in des Hierokles Armen ruhend, sie unverwandt angeschaut hatte, erfüllt von dem ihm selbst noch unbewußten Wunsch, sie, wenn nicht zu entehren, so doch zu entheiligen, das Feuer der Vestalinnen zu entheiligen, es vielleicht zu löschen, so zu löschen, daß der Senat es gut hieß, daß die Clarissima es gut hieß...

Er lachte laut auf über seinen Gedanken, als Narr eintrat, freudig erstaunt, weil sein Herrchen so heiter wai. Während der Mohr ihm mit dem Balsam den Puls knetete, wußte Antoninus endlich, daß er des Hydaspes Wunsch würde erfüllen, daß er würde zurückstreben können zu dem doppelgeschlechtlichen Wesen, indem er neben seinem Gemahl Hierokles die keuscheste und würdigste unter allen römischen Jungfrauen zur Gemahlin sich erkor, die Virgo Maxima Aquilia Severa, sie, die ihn mit verächtlichem Blick angesehen...

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