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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Siebzehntes Kapitel

In feuchte Nebel gehüllt, schimmert der Abend über der Stadt, wo vom Forum, aus der Subura, den Carinae, aus dem Lager der Prätorianer, aus allen Gassen die Menge herbeiflutet nach dem Heliogabaltempel. Am feuchten Himmel treibt der Vollmond, der bleich leuchtende Spiegel der Erde; doch er scheint getrübt von nächtlichem Tau. Die Menge naht. Durchzudringen ist nicht mehr möglich – Velites und Hastati bilden die Wache, um die Mitte des Weges, die Treppe zum Tempel frei zu halten; der Tempel selbst ist schon überfüllt. Nein, für alle, die in Rom schauen wollen, ist im Tempel nicht Platz, doch die Straßen sind sehr breit. Auf dem Sockel einer Säule, auf einem Portikus, auf einem Dach, überall ist wohl ein Plätzchen zu finden, von wo aus man den Aufzug sehen kann. Und sehen will ein jeder den Aufzug, wenn auch die Hochzeit nur für einige Tausende sichtbar sein wird. In der Ferne, gleich einem Traum, schimmert in feuchtem Nebel, hellerleuchtet durch gelbe, grüne, rote Flammen, der hohe Palast des Septimius Severus, der Palast des Antoninus, seines Enkelsohnes. Olympische Arkaden stapeln sich auf- und übereinander, und so, bis in den Himmel hinaufsteigend, erscheinen sie beinahe fundamentlos in dem perlengleichen Dunst der Nacht, die den feuchten Atem der Erde aufruft, so wie sie feuchten Zauber herabfluten läßt aus dem Monde. Das ist kein Regen, es ist die feuchtkalte Nacht, die gespenstisch grau den Himmel beherrscht. Durch die Luft zittert eine Angst und das Volk ist traurig darüber, daß die Hochzeit nicht bei Tage stattfindet, im Sonnenschein und bestrahlt vom blauen Äther. Durch die Nacht zieht ein kühles beängstigendes Mysterium, etwas wie von fremden Göttern und fremden Sitten, von fernen und verborgenen Horizonten. Vom Palast her zerreißt schriller Schall der Bucinae den Dunst der Nacht, und schrill senden die Tuben ihr Geschmetter der Menge entgegen. Über den Weg strömt sie herbei, um den Aufzug zu sehen, den Aufzug der Hochzeit. Es ist wohl seltsam und noch niemals geschaut worden, dieses exotische, magische, fast unwahrscheinliche Mysterium. Aber gerade darum strömt die Menge herbei über den Weg, den der Hochzeitszug durchziehen wird. Noch ist sie des Schauens nicht müde. In dem feucht-kühlen Abend hat sie stundenlang harrend gestanden auf dem Weg rings um den Tempel, um zu schauen, zu schauen... Wie wird der Kaiser erscheinen? Sie wissen es nicht, sie schmachten danach, ihn in neuer Metamorphose zu sehen. Seht, da naht der Aufzug! Wie glitzern die goldenen und silbernen Panzerrüstungen der Catafractarii! Gleich großen Funken blitzen die vergoldeten und silbernen Schilder der Chrysaspiden und Argyraspiden. Die Hengste sind weiß wie Schnee und schwarz wie Ebenholz und der rote Qualm der Fackeln umhüllt das ganze Heer mit einer Wolke von Licht und Weihrauch. Gefäße und Vasen, die die Turiferi in den Armen tragen oder mit breit ausladender Bewegung schwenken, strömen berauschende Düfte aus. Wer sind sie, die da folgen? Unbekannte: Abgesandte aus allen Städten des Reiches und Sendlinge barbarischer Völker. Dort kommen die Priesterkollegien; die der Isis, den Anubis tragend, die der Rhea Kybele tanzend, in Ekstase sich verstümmelnd, unablässig, doch nur scheinbar – das Volk sieht ihr rotes Blut fließen – der Pontifex Maximus, die Vestalinnen, alle römischen Flamines und Sodales; die sechshundert Mitglieder des Senats, von Liktoren umringt, die gleichsam auf dem Lichtdunst schwebenden Sänften der Mütter und endlich, endlich, inmitten der wirbelnden Tänzerinnen, der »Invicte Sol« brüllenden Magier, der hochmütigen Sonnenpriester, der Sonnenkinder, der Kaiser Antoninus, der Gott Heliogabal... nein, die Kaiserin, Antonina... regungslos auf gelbseidene Polster hingestreckt: die Kaiserin Antonina, die Göttin Heliogabala, die weibliche Verkörperung des allseienden Gottes, ernst in ihrer Weiblichkeit, schüchtern wie eine Jungfrau, doch würdig wie eine Kaiserin, strahlend wie eine Göttin, in fürstlichem Hochzeitsgewand: langer Stola aus perlenbestickter, weißer Seide. Atemlos starrt das Volk den Kaiser an und seine Perlen. Man weiß, daß sein Gewand zwei Millionen Sesterzen wert ist. Gut, gut wollen sie ihn sehen, alle, bevor die Erscheinung vorüber ist; denn mitzudrängen ist unmöglich. Man schaue ihn sich doch an unter dem Dach aus weißen Straußenfederschirmen, gut schaue man ihn sich an. Denn hin und wieder wird er unsichtbar in dem aufsteigenden Qualm von Essenzen, die um ihn her geschwenkt werden, während die Magier laut rufen:

»Ave, ave Antonine! Ave, ave Antonina! Heil, heil dir, dem Zweieinigen, heil dir, der du dich auf Erden der allmächtigen Sonne erbarmest! Heil dir, der greifbaren Inkarnation! Heil dir, der sichtbaren Gnade! Heil dir, der Wärme und dem Licht! Heil dir, dem Glanz und der Glorie! Heil dir, dem Quell und dem Berg der Klarheit, die die Welt mit ihren Wohltaten sättigt! Heil, heil dir und deinem Bräutigam!«

Seht dort den Bräutigam! Gleich einem Triumphator, mit goldenem Lorbeer geziert, mit roten Rosen umkränzt, verächtlich auf die Menge herabblickend, von Präfekten und Tribunen umringt und gefolgt von einem ganzen Heer, naht er auf einem weißen Pferd.

Wie lange mag die Feier währen? Wie lange mag es währen, bis sie ihn wiedersehen, bis er zurückgetragen wird in das Palatium? Erst bei Aufgang der Sonne, nicht früher, werden sie Antonina, nicht Braut mehr, sondern Gemahlin des Hierokles, wiedersehen... Darauf warten sie die ganze Nacht. Glücklich jene, die im Tempel sind!

 

Im Heiligtum des Heliogabal verharren fast lautlos die Tausende, die dort zusammengedrängt stehen, stundenlang. Ein mystischer Schauder durchzuckt die Menge, da sich der Zug langsam in den Tempel bewegt, über den mittleren Pfad, zwischen der Wache der Velites, vorüber an den hohen korinthischen Säulen zu den Estraden, die links und rechts an dem dachlosen Heiligtum aufgeschichtet sind und auf denen Priester Weihrauch verbrennen. In dem Innern des Tempels hat sich der Kaiser von seinem Lager erhoben und die Magier führen ihn hinein; die Hände erhebend, schreiten sie rückwärts und wirbelnd umringen ihn die Tänzerinnen. Antoninus ist Kaiserin und Braut, er spielt keine Rolle, nein, er fühlt sich so, wie er sich in dieser Nacht dem Volk zeigt: wie eine Braut, wie eine Kaiserin. An ihm ist nichts, das an Männlichkeit erinnerte. Rund und weiß ist sein leicht geschminktes, zart gemaltes Antlitz unter dem kunstvollen assyrischen Haarbau; über der schleppenden Stola schleift das weißseidene Paludamentum, schwer mit Silberperlen bestickt, und seine kleinen Füße, in perlenbesetztem Schuhwerk, schreiten leicht über die weißen Rosen dahin, die die Sonnenpriester seinen Schritten streuen. Doch das Volk wagt nicht zu jubeln, das Volk wagt nicht zu rufen, das Volk wagt nicht, ihm Kußhände zuzuwerfen. Das Volk schweigt und starrt, neugierig, furchtsam, demütig, beinahe angstvoll. Stumm ist die Menge der Tausenden, und weil sie stumm ist, scheint es so, als liebe sie Antoninus weniger, Antoninus, jetzt Antonina... Eine Kälte hat sich in ihre Liebe eingeschlichen. Warum? Ist es, weil der Abend kühl ist und weil sie so lange warten mußten? Doch so viele Stunden haben sie bereits gewartet an früheren Tagen, um den Kaiser zu sehen, um ihn zu lieben und ihm zuzujubeln. Ist es, weil der Kaiser von Rom als Frau erscheint? Aber wie sie ihn jetzt als Frau sehen, so sahen sie ihn doch auch schon als Venus und Rhea Kybele, und obwohl sie erschauerten ob der Schändung des allerheiligsten Bildes, so beteten doch Alle, die den Kaiser im Palast als Venus tanzen sahen, ihn an. Ist es, weil er in der Weiblichkeit seiner Sonneninkarnation einen Bräutigam sich erwählte? Doch so oft schon nahm er sich einen Geliebten. Waren nicht viele, die nicht gewählt wurden, neidisch auf die, die man aus ihrer Mitte erkoren hatte? Warum scheint ihre Liebe erkaltet ...? Wird nicht die Hochzeit nie Geschautes bringen? Warum sind sie nicht mehr dankbar? Warum? Warum? ... Ja, es ist sicher, daß sie Antoninus weniger liebhaben als sonst ... Seht, da steigt Mäsa und dort Semiamira die hohe Estrade empor, umringt von dem Schwarm der Senatoren und Ritter; zwischen den beiden Konsuln nehmen sie Platz, zwischen den Präfekten von Flotte, Heer und Stadt ... Doch wo ist Mammäa? Wo Alexianus? Bleiben sie fern?

Die Neugier besiegt all diese Fragen, besiegt das Staunen darüber, daß sie Antoninus nicht mehr so lieben wie einst. Große Bronzelampen qualmen auf den Stufen des Altars, Bronzelampen hängen an schweren Ketten herab; die Säulen sind mit Gewinden geschmückt. Doch den Tausenden, die sich zwischen den geschmückten Säulen drängen, wird nicht deutlich sichtbar sein, was sich dort vor dem Schwarzen Stein vollziehen wird, und dichter drängen sie zusammen, drücken, pressen, stauen sich, bis sie, der Ohnmacht nahe, nur noch einem entnervten Menschenknäuel gleichen.

Was vollzieht sich dort? Das Schlachten von Lämmern und Schafen, deren Blöken übertönt wird von der Hymne; wirbelnder Tanz von Tempelmädchen, begleitet von der rasend wollüstigen Musik des Orients; unter einem Gazezelt ein Rundgang der Braut und des Bräutigams, die, Fackeln tragend, den Schwarzen Stein umschreiten, den Schwarzen Stein wieder und wieder küssen; ein Emporstrecken von Händen und ein Hymnenbrüllen von großen, bärtigen Magiern. Plötzlich sehen sie Antoninus stehen, Antonina... sein – ihr Kopf reicht bis an die Mitte des Steines, und – wiewohl sie ihn weniger lieben – herrlich schön ist er, – ist sie doch schöner, als sie ihn je geschaut! Nicht Weib, nicht Kind, nicht Knabe, nicht Mann, nicht Held, nicht Gott! Herrlich schön ist er, der alles in Einem ist, wie es nur der Alleroberste der Götter vermag, und sich selber zum Trotz beginnen sie zu jubeln:

»Antoninus! Antonina! Zweieiniger du, der du zwei in Einem verkörperst! Heilig, heilig, Heliogabala, Antoninus, Antonina!«

»Ihr Mächte der Finsternis, entschwindet vor der Glorie des heiligen Berges!« rufen die Magier in Ekstase.

Der Kaiser ist Braut, Göttin. Doch der Bräutigam, von den Magiern geführt, nähert sich und die Menge weiß nicht, was sich nun vollzieht: ein Knien, ein Umgehen, ein Küssen, ein Händeschlingen, ein Ausstreuen von Reiskörnern über den Häupten von Braut und Bräutigam, und unablässig hört man die eintönige Hymne:

»Ihr Mächte der Finsternis, entschwindet vor der Glorie des heiligen Berges!«

 

Wird die Hymne die ganze Nacht hindurch ertönen? Und wird das Knien und das Umschreiten andauern, die ganze Nacht hindurch? Ach, sehen können, sehen, was sich dort vollzieht... Ist es die Brautnacht? Sie erklimmen die Säulen; sehnige Füße versuchen an den Lorbeergewinden emporzuklettern; doch die zerreißen. Andere winden sich hinauf bis zu den Kapitellen und schauen, schauen, bis sie hinabgleiten und den Hals brechen. Eine Raserei hat sich des Volkes bemächtigt. Aber nichts ist zu sehen; oder doch kaum etwas, weil die Duftfässer so dichte Dämpfe emporsenden, daß unsichtbar bleibt, was sich vollzieht in dem fernen Dunst des Tempels... Unablässig die Hymne, doch lauter, unablässig der wirbelnde Tanz der Dirnen, doch wilder, unablässig die Musik, doch rasender, bis man durch den flüchtig sich lichtenden Qualm der Düfte etwas gewahrt: die Priester entkleiden die Braut, mit steifen Bewegungen, nach dem Rhythmus der dröhnenden Musik; das Loslösen des Paludamentums, der perlenbestickten Stola, die schimmernd herabsinkt, bis die Braut, die Göttin, die Kaiserin, Antonina, Antoninus, dasteht wie eine assyrische Fürstin, wie ein syrischer Sonnenpriester. Sein Leib ist ganz mit Bändern umbunden, so daß er wie der einer Frau erscheint.

So priesterlich steif und in so rhythmischem Gleichmaß vollzieht sich jede Bewegung nach dem Takt der rauschenden Musik, daß es ist wie ein Gottesdienst, doch exotisch und noch niemals geschaut, noch niemals ersonnen, wie herübergetragen aus dem Orient, der Rom überwältigt hat. Was sich dort vollzieht, ist religiöse Zeremonie, doch die Menge gerät in Raserei. Frauen stoßen schrille Schreie aus, Finger irren krampfhaft umher, Hände greifen hysterisch in die Luft, ohne daß die Augen etwas sehen... Doch von diesem Paroxysmus irrt nichts hinüber zu dem Mysterium, das vor dem Hochaltar sich vollzieht, so, wie es der Ritus vorschreibt, so, wie es der Gott will, so, wie es die Priester lehren. So heilig vollzieht sich das Mysterium, daß keiner der zelebrierenden Priester auch nur ahnt, wie die Menge vom Wahnsinn geschlagen ward, die Menge, die erst jetzt das breite, gelbseidene Lager bemerkt, das vor dem Schwarzen Stein der göttlichen Braut harret, die die Magier nun dorthin geleiten... So heilig vollzieht sich das Mysterium, daß nun, da der irdische Bräutigam von den Priestern entkleidet wird, die Menge kaum wagt, ein unzüchtiges Wort zu äußern, indes sie mit irren Augen starrt, um zu sehen, was sie nicht glauben kann... Der Hymnus erschallt, schwer steigen die Essenzen empor, so schwer, daß die Braut kaum zu sehen ist; doch die kräftige Baßstimme des Archimagus durchhallt diesen Qualm wie ein Jauchzen:

»Concide, Hierokles!« Auf daß der Bräutigam nun seinerseits sich hinstrecke.

Sehen, sehen, o sehen können! Doch hinter den Magiern in ihren großen Mänteln verschwimmt alles im Dunst, so daß die allerheiligste Vollziehung der Ehe nur denen sichtbar ist, die sich hoch auf den Kapitellen der Säulen zu halten wußten und die nun die Finger ausstrecken und wie rasend schreien:

»Seht! Seht! Seht!«

Die Menge, die das Heiligtum des Heliogabal überfüllt hat, stürzt sich in die Volksmassen, die draußen warten, und man kämpft wie rasend, um sich einen Weg zu bahnen. Weiter, weiter durch die Stadt, wo ihrer Orgien zu Ehren der Vermählten harrten, Orgien auf allen Plätzen, an allen Straßenecken, wo Estraden errichtet sind, wo die Dirnen warten und die Knaben... Weiter, weiter durch die Nacht, hin zur Subura, wo sich die Wollust durch alle Gassen wälzt zu Ehren des Heliogabal! Weiter, weiter, hin zur Subura, um Heliogabals Vorbild zu befolgen.

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