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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Fünfzehntes Kapitel

Der Augusta wurde die Zeit lang. Sie war froh, als Gordianus ihr an jenem Tag mit feierlicher Intimität seine häufig wiederholte Reverenz machte, die in der Aula viel besprochen ward. Die Augusta Semiamira war eine bestrickende Frau. Als kaum erwachsene Jungfrau hatte sie am Hof des Septimius Severus Bassianus Caracalla bezaubert – seinen Bruder Geta sicherlich auch –, aber dennoch zweifelten viele daran, daß der Kaiser in Wahrheit Caracallas Sohn sei; denn Semiamira war unersättlich in der Liebe und zahllos waren ihre Geliebten und ihre Launen gewesen. Sie hatte an Gordianus Gefallen gefunden. Weil Gordianus den Ruf besaß, ein Lebenskünstler von Geschmack zu sein, der niemals unmäßig oder ausschweifend war, hatte die Augusta sich zu ihm hingezogen gefühlt und er hatte geglaubt, ihr nicht widerstreben zu dürfen, und war ein einziges Mal ihr Geliebter gewesen. Indessen stieß ihn Semiamira, obwohl ihre Hysterie des Übermäßigen und Unmäßigen bedurfte, nicht von sich, fühlte sich geschmeichelt von seiner galanten Huldigung und empfand es, der Umarmungen eines Gladiators oder Mauleseltreibers müde, als Reiz, den verfeinerten Römer in ihren Ankleidegemächern vertraulich zu empfangen. So empfing sie auch jetzt nach der Siesta Gordianus, der kam, um ihr den Fuß zu küssen, während sie, in ihre weiche, perlenbestickte Stola gehüllt auf einer Ruhebank lag, während durch das Atrium Harfen und Sistrenklänge ertönten und ägyptische Frauen mit verhaltener Stimme dazu sangen. Die Augusta sprach:

»Fürwahr, Gordianus, wir Frauen von Rom haben jetzt große Aufgaben zu erfüllen, jetzt, da wir unseren kleinen Senat auf der Alta semita haben. Nun haben wir gleich den Senatoren der Kurie unser Senatus consultum und Ihr werdet mir wohl zugeben, daß die Weiblichkeit Rom beherrscht, allein schon, weil meine Mutter die Senatrix Clarissima ist und mein göttlicher Sohn die Mann-Jungfrau. Wir alle, wir Frauen von Rom, haben jetzt eine entscheidende Stimme; wir werden künftighin bestimmen, welche Gewänder bei allen besonderen Gelegenheiten getragen werden sollen, wem der Vorrang gebührt, wer zu dem Fußkuß, wer zu dem Handkuß der Kaiserin zugelassen wird und ob eine römische Matrone in einem Pilentum fahren oder auf einem gesattelten Pferde oder einem Esel reiten oder ob sie ein Maultiergespann benutzen darf oder ein Gespann von Büffeln, ob ihr eine Sänfte gestattet wird und ob es eine goldverzierte sein darf oder eine aus Elfenbein und welche Gemmen auf den Schuhen befestigt sein dürfen: über all das werden wir in Zukunft zu bestimmen haben. Jeden Tag haben wir über die gewichtigsten Dinge Beschluß zu fassen. Dennoch ...«

Sie verschränkte die wundervollen Arme:

»Dennoch,« fuhr sie fort, »wie leer ... wie leer ist das Dasein, wie leer alles ... alles, Gordianus, das nicht äußerste Kraft der Liebe verkörpert. Es gibt nur Das, nur das Eine! Das ist die Göttlichkeit des Menschen auf Erden. Allein es währt so kurz, daß es allzeit Vergangenheit ist! Gordianus, jeder Augenblick, den wir nicht, gleich den Tauben, der Venus opfern, ist verloren. Wie viele Augenblicke verlieren wir! Die Hälfte unseres Lebens ... und mehr noch!«

»Selbst die Götter, Augusta, kannten nicht das Glück, das Ihr begehrt.«

»Sie genießen anders als wir! Was ist unser bleicher Rausch neben dem rotglühenden Taumel der Götter? Wann hat mich ein Mann umarmt, so wie Zeus Alkmene umarmte, drei Tage und drei Nächte lang?«

»Warum, Augusta, wolltest du Herkules gebären, da du doch Heliogabal geboren hast ...«

»Nicht ob der Wonne des Gebärens beneide ich Alkmene. Ich danke dem Unaussprechlichen dafür« – sie küßte das Symbol ihres Ringes – »daß mein unwürdiger Schoß den heiligen Mittler gebären durfte. Mein Kind ist göttlich, heilig! Nie war ein Mensch vielfältig wie er. Er ist mein Wunder und mein Gott! Gordianus, Antoninus wird, obwohl Mann-Jungfrau, niemals gebären ... auch wenn er Hierokles ehelicht ...«

»Die Ehe ist festgesetzt ...«

»Auf die Iden des März, in zehn Tagen. Der Kaiser hat unsere kleine Cornelia Paula heimgeschickt, weil sie einen Flecken auf der linken Brust hat. Durch einen Zufall hat er das bemerkt. Arme kleine Kaiserin! Sie hatte es nicht gut. Ich glaube nicht, daß Antoninus jemals ... Was willst du, Gordianus: mein göttlicher Sohn ist zwar Mann-Jungfrau, doch eigentlich weder Mann noch Weib ... Heliogabal möge mir die Profanation verzeihen. Dennoch wird Antoninus, dem ehelichen Ritus folgend, neben seinem Gemahl sich auch eine Gemahlin wieder erwählen. Aber er weiß noch nicht ...«

In diesem Augenblick wurde das Nahen des Kaisers verkündet, der Vorhang gelüftet. Antoninus trat ein, schleppenden Schrittes; seine Augen waren von einer seltsamen Melancholie erfüllt. Er trug zur Siesta ein weites, weißseidenes Gewand, das in unzähligen weichen Falten von seinen Schultern herabwallte, und zwei große weiße Rosen an den Schläfen ließen ihn völlig einer Frau gleichen. Ihn umgab ein kleines Gefolge. Er näherte sich der Semiamira, küßte sie voll Zärtlichkeit, sagte jedoch zugleich ein wenig vorwurfsvoll:

»Ich habe dich heute morgen zur heiligen Stunde des Dienstes vermißt. Das ist nicht gut, Mutter.«

Beinahe errötete die Augusta. Sie war zur Nacht in der Subura gewesen und hatte am Morgen sehr lange geschlafen, bis die heilige Stunde verstrichen war.

»Das ist nicht gut, Mutter,« wiederholte, beinah streng, Antoninus. »Meine Mutter darf dem Licht nicht minder fromm dienen als ich.«

Die Augusta gelobte, halb ernst, halb scherzend, sich künftighin fromm zu erweisen und nie mehr dem Dienst fernzubleiben.

»Du tanztest nicht,« meinte sie schmeichelnd und wie um sich zu entschuldigen.

»Es war der Opferdienst und die Anbetung,« antwortete ihr Sohn ernst. Von frommer Schwärmerei erfüllt, blieb er unempfindlich für ihre Schmeichelei.

Sie zog ihren Sohn zu sich auf die Lagerstatt, glücklich, ihn bei sich zu haben. Sie küßte ihn und drückte ihn beinah verliebt an sich.

Gordianus hatte sich erhoben; der Kaiser lud ihn durch eine lässige Handbewegung ein, auf einem elfenbeinernen Schemel Platz zu nehmen.

»Dies ist ein sehr vertraulicher Augenblick, Gordianus,« sagte der Kaiser.

Gordianus blickte den Kaiser an und ganz ungezwungen, wie er zu einer Frau gesprochen haben würde, sagte er:

»Eure Ewigkeit ist unsagbar reizvoll ... Sie gleicht einer Braut, die vom Glück ermattet ist.«

»Er spricht gut,« sagte Antoninus zu seiner Mutter, »und gewiß würde ich ihn sehr lieb haben, sähe ich nicht in ihm ...«

»Was?« fragte Semiamira.

»Purpur,« sagte Antoninus.

»Purpur?« wiederholte Semiamira. »Das ist eine Vision, die du allzeit hast ...«

»... Die ich oftmals habe,« sagte Antoninus verbessernd, »bei Gordianus, bei unserem bösen Riesen Maximus und bei meinem Vetter, dem Cäsar ... Möglich, daß ich mich irre, daß es kein kaiserlicher Purpur ist, dennoch, immer, wenn ich Gordianus sehe, denke ich an spätere ... Möglichkeiten.«

»An kaiserlichen Purpur für mich, Eure Ewigkeit?!« rief Gordianus abwehrend aus.

»Bin ich ewig?« fragte Antoninus und seine Stimme klang traurig, fast gebrochen.

Doch plötzlich lachte er schrill auf, gekünstelt und dennoch fröhlich, als wolle er seine Melancholie gewaltsam von sich stoßen.

»Eigentlich denke ich auch gar nicht an Purpur, sondern ... an Weiß. Livilla, Statira, zeigt der erhabenen Augusta die Stoffe, die wir uns für unser bräutliches Gewand gedacht haben! Breitet sie aus! Mutter, dein Geschmack sei mir Richtschnur. Sieh meine Stola, mein Paludamentum ... Wie das einer Kaiserin soll es sein. Am Tage meiner Hochzeit will ich ohne Zaudern und rückhaltlos Weib sein, Braut, Kaiserin und Göttin.«

In der Haltung eines Priesters saß der Knabe an der Seite seiner Mutter und wie in Verzückung hatte er gesprochen. Seine Augen blickten in Ekstase, seine Ohren hörten unsichtbare Dinge, die rings um ihn her geflüstert wurden. In diesen Tagen, die der Hochzeit vorangingen, dachte er so viel an Emesa, an den Sternenturm, an Hydaspes und dessen weise Lehren ... Zurückstreben zum Licht ... Das Doppelgeschlecht bewahren, Mann sein und Jungfrau im Gleichmaß. Wie schwer würde das sein! In diesen Tagen fühlte er sich durch seine Liebe zu Hierokles mehr Jungfrau als Mann; er war sich dessen bewußt, daß er nicht das Gleichmaß innehielt. Seine Augen starrten träumerisch auf das unerreichbare Ideal und füllten sich mit Melancholie. Gordianus blickte ihn an, begriff nicht seine große Wehmut. Doch schien er ihm anbetungswürdig wie eine Jungfrau. Die Falten seines weißseidenen Gewandes umhüllten ihn, bildeten zu seinen Füßen einen duftigen Saum. Sein Fuß, von weißen Schuhriemen gehalten, war sichtbar, eine blutrote Gemme funkelte darauf. Gordianus bewunderte unverhohlen; der Kaiser bemerkte es und lächelte. Doch blieb seine Haltung, während Statira und Livilla die Stoffe ausbreiteten, wie die einer Göttin, der irdische Wesen den Brautschmuck bereiten. Abermals ward der Vorhang gelüftet und ein Name gerufen. Aufgerissen ward der Vorhang – nicht einmal beim Nahen des Kaisers war das geschehen – und Semiamira gewahrte, aufschreckend, wie inmitten eines Gefolges von unbekannten Günstlingen, neuen Klienten und Sklaven, Hierokles im Säulengang sichtbar ward. Er kam, um der Augusta den Fußkuß darzubringen.

»Antoninus!« rief Semiamira erschreckt aus, »da kommt Hierokles!«

 

Der zweifelte nicht daran, daß die Augusta ihm sofort Zugang gewähren werde; auch war der Vorhang bereits geöffnet. Er trat näher: Hierokles, der Lenker – jetzt nicht Lenker mehr – mit verächtlich lächelndem Hochmut. Man sah ihm seine niedere Herkunft an, trotz der ganz mit Palmen bestickten, gelbseidenen Tunika, die seinen Leib eng umschloß, während ein persischer Mantel von seinen Schultern herabwallte. Er trug das syrische Schuhwerk, hochverschnürt bis unter das Knie. Bei jedem Schritt sah man die Gemmen der Schnallen aufblitzen. Am Eingang zu den Gemächern der Augusta starrten die Höflinge und Sklaven ihn beinahe ängstlich an, als errieten sie in ihm den künftigen Herrn, der hart, grausam und unerbittlich sein werde. Er näherte sich der Augusta – sie war sichtlich verlegen – ohne Zeremonie, fast unehrerbietig, neigte er sich über ihren halbnackten Fuß, der aus der Stola zum Vorschein kam, und küßte ihn. Mit gerunzelten Brauen blickte er Gordianus an; doch kühl gab der junge Patrizier ihm diesen Blick zurück. Dann wandte er sich zu Antoninus und küßte dem Kaiser beinahe gleichgültig die Hand. Er nahm auf einem elfenbeinernen Schemel Platz, während Livilla und Statira die Stoffe ausbreiteten.

Nein, dachte Gordianus, noch niemals hat Rom gesehen, was es jetzt sieht, was es an den Iden des März sehen wird. Rom hatte die Hochzeit von Nero mit Sporus, von Doryphoros mit Nero gesehen, doch das waren sinnestrunkene Ausschweifungen gewesen, die man orgiastisch geheimnisvoll gefeiert hatte, phantastische Verirrungen, die nur kurze Zeit währten und denen andere Ausschweifungen folgten, andere Verirrungen, ebenso phantastisch und ungeheuerlich. Doch nie hatte Rom einen Kaiser gesehen, der, gleich einer Frau, umgeben von der ganzen rituellen Feierlichkeit der Eheschließung, sich einen Bräutigam zum Gemahl erwählte: eine Eheschließung, die alsbald in dem Allerheiligsten des Heliogabaltempels sich vollziehen sollte, inmitten eines Schwarmes von Magiern und Priestern, die der Doppelgeschlechtlichkeit des Heliogabal zujubeln würden, der fleischgewordenen Gott-Göttin, der durch Antoninus verkörperten Doppel-Ursprungsform des Demiurgos.

Was werden wir noch erleben? dachte Gordianus und meinte im stillen, Nero habe viel ersonnen, doch blühender noch sei die Erfindungskraft des Antoninus. Dennoch, wie er, der maßvolle Lebenskünstler Gordianus, sich auch wundern mochte, mißbilligen konnte er nichts. Antoninus war ungewöhnlich reizvoll in seiner Eigenart, von einem Reiz, dem Asien und Rom unterlegen waren. Er war weder Knabe noch Kaiser. Er war ein Künstler des Lebens, der Metamorphose an Metamorphose reihte, und jetzt würde er Braut sein und Weib, Kaiserin und Göttin! Er war so gottbegnadet, daß er die Rolle nicht nur spielte, sondern sie in seiner Doppelseele in Wahrheit durchlebte; seine Seele war die Verwandlung und sicherlich war er ein bezauberndes Wunder, wie man es nie zuvor geschaut hatte... Sehr ernst war Antoninus und zugleich unschlüssig. Er sagte, er könne heute den Stoff zu dem Gewand nicht wählen. Er erhob sich, zog Hierokles lächelnd mit und entfernte sich mit ihm, langsam und schleppenden Schrittes. Hierokles schlang den Arm um des Antoninus Schulter. So, aus geringer Entfernung von rückwärts gesehen, erschien der Kaiser in dem weichen, schleppenden Mantel wie eine zarte Frau, die an der Seite des geliebten Mannes dahinschreitet.

Die Augusta hatte ihre Hand auf des Gordianus Arm gelegt.

»Sieh!« sagte sie erschauernd, als schlage die Göttlichkeit ihres Kindes, das sie anbetete, sie mit mystischer Furcht. »Sieh, er ist, was er sein will, mein Antoninus! Er ist alles, er ist die Sonnenseele in ihrer ganzen Vielfältigkeit! Doch warum hat er Hierokles erwählen müssen? Warum gerade ihn?«

»Warum eher einen anderen als ihn?« fragte Gordianus mit skeptischem Lächeln.

»Weil ich in diesem Mann sein Schicksal sehe!« flüsterte Semiamira. »Am ersten Abend, als Antoninus ihn nach dem Wettrennen im Stadion an seine Tafel geladen hatte, fand man an der Schwelle seines Gemaches einen jungen toten Adler. Gordianus, wenn Antoninus dich zum Bräutigam erwählt hätte oder den herrlichen Sohn des Riesen Maximus, der so schön ist, daß alle Frauen von ihm ein Kind haben wollen – dann wäre ich ruhig. Aber so! Ich weiß es beinah gewiß . . .«

»Nicht aussprechen, Augusta!« sagte Gordianus warnend.

»Nein,« wiederholte Semiamira schaudernd, »nicht aussprechen... Doch dieser Mann ist – das Schicksal!«

Sie war weiter geschritten durch den Portikus, gefolgt von Gordianus, und spähte angstvoll nach ihrem Kind, das weiter und weiter sich entfernte, an der Seite des Erwählten ...

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