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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Dreizehntes Kapitel

Allwöchentlich durchzog die Prozession ganz Rom und setzte die Menge in Erstaunen. Dann wurde auf dem, von sechzehn weißen Hengsten gezogenen Siegeswagen der Schwarze Stein feierlich umhergeführt in dem sonnenstrahlenden Morgen und der Kaiser selbst, der Hohepriester des Heliogabal, lenkte, rückwärts gehend, die vordersten Pferde an den goldenen Zügeln. Nie hatte man Ähnliches geschaut. Die Straßen waren mit glitzerndem Goldsand bestreut, von Blumengewinden wie umsäumt. Sonnenpriester versahen den Dienst um den Kaiser, während Antoninus, die Augen auf den Stein heftend, die Zügel hielt, halb im Tanzschritt die Pferde lenkend, und die Priester dafür sorgten, daß er nicht stürze. Auch die Magier schritten, in ihre schwere seidene, mit Symbolen durchwirkte Samara gehüllt, mit erhobenen Armen rückwärts, rückwärts über den aufstiebenden goldenen Sand, während sie mit dröhnendem Baß die heilige Hymne sangen. Die Tänzerinnen und Dirnen wirbelten vorüber.

Während dieser Feier war Antoninus sehr ernst und sehr fromm; er liebäugelte nicht mit der Menge, kaum daß seinen Lippen ein ekstatisches Lächeln entblühte, kaum daß seine seltsamen Augen in Verzückung erglänzten, während er sie starr auf den Schwarzen Stein heftete. So tanzte er, tanzte rückwärts, bedient von seinen Priestern, die acht gaben, daß er nicht stürze. Er stürzte nicht. Der dreimonatliche Tanz im Tempel des Heliogabal schlug ganz Rom mit Wahnsinn und aus allen Provinzen strömte man herbei. Barbaren kamen, und alle, die nur konnten, wollten das Wunder schauen; sie warfen sich quer über den Pfad, den Antoninus beschritten, und leckten den Staub, den sein Fuß betreten hatte. Doch hin und wieder harrte Roms eine noch größere Überraschung, ein noch seltsameres Schauspiel. Eines Tages sahen die Römer durch die breiteste Straße der Stadt einen Wagen fahren, der von vier Löwen gezogen wurde; riesengroße Archigalli, nach Art der Korybanten gekleidet, lenkten die Tiere im Trab und auf dem Wagen stand eine furchterweckende Göttin. Ihr wogender Mantel umflatterte sie wie ein Sturmwind, um ihre Mauerkrone wogte das graue Haar wie eine silberne Fahne und die Römer schauten die Mutter der Götter, die ehrwürdige Rhea Kybele. Doch es war der Kaiser, Antoninus! Das Volk, das ihn nicht sogleich erkannte, sank erschreckt in die Knie, um dann, nachdem es ihn erkannt, vor Furcht zu erbeben. An jenem Tag geschah das Entsetzliche. Schon hatte sich, schaudererweckend, das Gerücht verbreitet, der Kaiser wolle aus Ehrfurcht vor seinem eigenen Gott Heliogabal, den er verkörperte, alle anderen Götter erniedrigen zu Dienern der Sonne, seiner selbst, der auf dem Berg des Lichtes thronte, seiner selbst, der er der Berg des Lichtes war – und Rom wollte nicht glauben, daß das geschehen werde. Zitternd wartete es, fühlte, daß eine sieghafte Macht aus dem Orient, aus Asien, aus dem allverschlingenden Glanz des Heliogabal hinstreichen würde über die okzidentale Welt und die ihr teuren Götter.

An dem Tag, an dem die Römer Antoninus erkannt hatten in dem Gewand der Rhea Kybele, strömte das Volk dem Tempel der Götter zu ... Der war bewacht von prätorianischen Kohorten, und Aristomachos und Antiochianus, die keinen anderen Willen anerkannten als die Laune des Antoninus, die kein anderes Glück ersehnten als die Liebe des Antoninus, runzelten finster die Brauen. Rom schaute das Entsetzliche! Bisher hatte es nur das Wunderbare gesehen, bezaubert von all dem Seltsamen. Jetzt schauderte es, denn es war Zeuge eines Sakrilegs! Welch eine Schändung! Die Schändung des Allerheiligsten, des hoch-heiligen Bildes der Mutter der Götter, Rhea Kybele – des Bildnisses, das zu Urzeiten in Phrygien vom Himmel gefallen war in den Landstrich von Pessinus, an die Ufer des Gallusstromes, nach welchem Rheas Priester sich benannten. Orakel hatten einst verheißen, Rom werde mächtig werden und dauern, wenn die Göttin von Pessinus nach Rom komme. Als Nachkommen des Äneas, gebürtig aus Phrygien, erlangten die Römer mühelos diese Gunst. Das Bild der Göttin wurde eingeschifft; doch an der Mündung des Tiber blieb das Fahrzeug stecken, bis eine Vestalin, der Unkeuschheit beschuldigt, ihre Unschuld dadurch kundtat, daß sie den Vordersteven des Schiffes an ihrem Gürtel befestigte und das Fahrzeug stromaufwärts schleppte. Dieses Bild, dieses allerheiligste Bild, dieses Bild der allgefürchteten Rhea Kybele, Mutter der Götter und der Berge Mutter, dieses gerade durch seine Formlosigkeit so schaudererweckende Bildnis der Göttin wollte der Kaiser aus ihrem eigenen Tempel in den Tempel der Sonne überführen lassen, auf daß sie, die Ehrwürdige, Dienerin des ewigen Lichts sei! Sakrileg! Sakrileg! Ein Götterbildnis entfernen von der Stelle, wo es einst geweiht ward! Sakrileg! Dennoch sahen ihre Augen es geschehen!

In jener Nacht zitterte eine Angst, ein Schauder durch Rom. Es war, als beginne schon die Rache der Göttin. Kaum wagte die Menge, in der Hoffnung, der Kaiser werde sich zur späten Abendmahlzeit noch zeigen, vor den festlich beleuchteten Arkaden des Palastes sich zu versammeln. Matt zuckte das Fieber des Genusses durch die Straßen. In der Subura war es totenstill, und als ein leichtes Unwetter hoch in den Lüften zu grollen begann, hastete das Volk die Häuser entlang und viele krochen ängstlich zusammen und blieben so, bange flüsternd ...

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